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Full text of "Zur Grundlegung der allgemeinen Werttheorie [microform]"

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MASTER NEGATIVE 

NO. 93-81224- 




MICROFILMED 1993 
COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES/NEW YORK 



as part of the 
"Foundations of Western Civilization Preservation Project" 



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NATIONAL ENDOWMENT FOR THE HUMANITIES 



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A UTHOR: 



MEINONG, ALEXIUS 



TITLE: 



ZUR GRUNDLEGUNG 
DER ALLGEMEINEN.., 

PLACE: 

GRAZ 

DATE: 

1923 



COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
PRESERVATION DEPARTMENT 



Master Negative # 



DIBLIOGRAPHIC MICROFORM TARCFT 



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Original Material as Filmed - Existing Bibliographie Record 



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Meinong, Alexius, ritter von Handschuchsheim, 
18'?3-1920. 

Zur grundlegiing der allgemeinen Werttheorie, 
von Alexius Meinong, statt einer 2, aufl. der 
"Psychologisch-ethischen Untersuchungen zur 
Werttheorie", hrsg. von Ernst llally. Graz, 
Leuschner, 1923, 

X, 1?6 p. 23* cm. 



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Silver Spring, Maryland 20910 

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Zur Grundlegung 
der allgemeinen Wert- 




voll 

fllexius Meinon g \ 

Statt einer zweiten Auflage der „Psychologisch-ethischen 
Untersuchungen zur Werttheorie" 

Herausgegeben von 

Ernst Mally 




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Graz 1923. 

Lcuschner & Lubcnsky, Univcrsitäts-Buchhandlung.~ 



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Zur Grundlegung 
der allgemeinen Wert- 
theorie 



Von 

HIexius Meinong ■(• 

Statt einer zweiten Auflage der „Psychologisch-ethischen 
Untersuchungen zur Werttheorie" 

Herausgegeben von 

Ernst Mally 




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Graz 1923. 

l.cuschncr & Lubensky, Universitäts-Buchhandlung. 






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Deutsche Vereins-Druckerei Graz. 



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Vorwort. 

Schon zu Lebzeiten meines Mannes war geplant, einen dritten Band 
seiner gesammelten Abhandlungen herauszugeben, der seine früheren 
Arbeiten werttheoretischen und ethischen Inhaltes und außerdem eine 
neue Arbeit „Zur Grundlegung der allgemeinen Werttheorie" enthalten 
sollte. An der Fertigstellung dieser Grundlegung arbeitete er bis wenige 
Wochen vor seinem Tode ; das hinterlassene Manuskript war vollkommen 
durchgearbeitet und fast druckfeftig. 

Freunde taten sich zusammen, um im Kreise derer, die Meinongs 
philosophische Lebensarbeit hochschätzen, Geldmittel zur Herausgabe 
des dritten Bandes der Abhandlungen zu sammeln. In unerwartet reichem 
Maße flössen diese ein und schon schien mein sehnlichster Wunsch, 
das Erscheinen dieses Werkes, der Erfüllung sicher zu sein, als plötzlich 
eine ganz unerwartete Steigerung der Druckkosten einsetzte und die 
Verwirklichung dieses Planes in weite Ferne rückte. 

So blieb mir nichts anderes übrig, als die vorhandenen Geldmittel 
ausschließlich zur Drucklegung der „Allgemeinen Werttheorie« zu ver- 
wenden ; der Verlagsbuchhandlung Leuschner und Lubensky bin ich für 
ihr Entgegenkommen zu besonderem Danke verpflichtet. 

Schmerzlich bleibt es mir, daß es nicht möglich war, Meinongs Ab- 
handlung über emotionale Präsentation, die er selbst für seine bedeutsamste 
Arbeit hielt und auf die er sich häuflg in der „Grundlegung« beruft, zum 
Wiederabdruck zu bringen und der Benutzung zugänglicher zu machen. 
Als besonderes Glück betrachte ich es, daß Prof. E. Mally, ein getreuer 
Schüler meines Mannes, in selbstloser Weise sich der großen Mühe der 
Drucklegung des Werkes unterzogen hat und beim Lesen der Korrekturen 
von unseren Freunden Hofrat E. Martinak und Fräulein Auguste Fischer 
unterstützt wurde. Ihnen allen danke ich von ganzem Herzen. 

Zum Schluß ist es mir ein besonderes Bedürfnis, den Freunden, 
die durch Beiträge die Drucklegung dieses Buches ermöglicht haben, 
meinen tiefgefühlten Dank auszusprechen. 
Graz, im Februar 1923. 



Doris Meinung. 



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TorbemerkuDg des Herausgebers. 

Die vorliegende Arbeit A. Meinongs war als Ersatz einer 2. Auf- 
lage der schon seit lange vergriffenen „Psychologisch- ethischen Unter- 
suchungen zur Werttheorie" gedacht. Das Manuskript, das mir Frau 
Doris Meinong übergab, war nahezu druckfertig. Im Texte habe ich 
nur an ganz wenigen Stellen etwas geändert, wo offenkundige Ver- 
sehen vorlagen; meine Einfügungen sind durch eckige Klammern 
gekennzeichnet. Dem Manuskripte lagen Zettel bei mit Bemerkungen 
des Verfassers, die er noch hatte verarbeiten wollen. Ich habe diese 
Bemerkungen in einem Anhang zusammengestellt und in den Text kleine 
Ziffern in eckigen Klammern eingesetzt, die auf sie hinweisen. Einige 
Ldteraturnachweise mußte ich unvollständig lassen, da die wahrscheinlich 
gemeinte Stelle mit genügender Sicherheit nicht zu ermitteln war. Die 
ausführliche Inhaltsangabe soll ein Register ersetzen. 

Graz, im Februar 1923. 

Ernst Mally. 



.4 



Inhalt. 



Seite 
1 



Methodisches zur Einleitung 

[Über definltorische Ausgangsbestimmungen einer Untersuchung 1. An- 
wendungsgebiet und Bedeutung eines Wortes 2. Leistungen der Aus- 
gangsdefinition 3.] 

I. Voruntersuchungen. 

§ 1. Vom Anwendungsgebiet des Wortes „Wert" 4 

[Größenwert 4. Würdigkeit 5. Leistungswert (Tauschwert und Gebrauchs- 
wert) 5. Wirtschaftlicher Wert 6 und andere persönliche Werte 7. Un- 
persönlicher Wert 8. Schönheitswert und Wahrheitswert 8. Wert als 
Leistungsfähigkeit 9. Wert als persönücher Wert 10.] 

§ 2. Wert und Bedürfnis 12 

[Bedürfnis und Erhaltung 13. Erlebtes Bedürfnis 15. Bedürfnis und 
Begehren 16. Wesentliche Beziehung zum Psychischen 16. Wert ohne 
Bedürfnis 17. Bedürfnis ohne Wert 18.] 

§ 3. Wert und Nützlichkeit 19 

[Nützlichkeit ohne Wert 20. Begriff der Nützlichkeit 20. Abhängige 
Nützlichkeit 21. Wert ohne Nützlichkeit 21. Nützliches als Mittel zu 
Angenehmem, Schönem 22, zn Wertvollem überhaupt 23.] 

§ 4. Wert und Opfer, Kosten, respektive Arbeit 

[Wert als Voraussetzung für Opfer 25. Vergangene Opfer 26. Arbeit 
und Opfer ohne Wert 26. Veränderlichkeit von Werten bei Unver- 
änderlichkeit der gebrachten Opfer 27. Künftige Opfer 27. Schwer- 
ersetzlichkeit 27 und Unersetzlichkeit ohne Wert 28. Opfer als (negativer) 
Wert 28. Schwerersetzbarkeit (und Unersetzbarkeit) nicht wertbegrün- 
dend 29. Wert und Preis 30. Außerökonomische Werte 31.] 

§ 5. Rückblick. Die Beziehungen zum Subjekte 

[Der natürliche Wertgedanke dem Opfergedanken fremd, durch den Hin- 
weis auf Bedürfnis xmd Opfer nicht klarer gemacht 32. Objektives und 
Subjektives in Bedürfnis, Nützlichkeit und Wert 33. „Werterlebnis" 33.] 

II. Die Werterlebnisse. 

§ 1. Paradigmen konkreter Wertstellungnahme 

[Emotionale Natur der Werterlebnisse 35. Gefühl 35 und Begehren 36 
im Werterleben.] 

§ 2. Wert und Begehren 

[Wert als Begehrbarkeit 37. Begehrungsschranken, die nicht Wert- 
schranken sind 38. Wert des Vergangenen 38. Unbegehrbarkeit des Tat- 



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sächlichen und des Untatsächlichen 39. Begehmngsgegenstand ein Mög- 
liches 40. Wert nicht auf das Gehiet des Möglichen (Nurmöglichen) 
beschränkt 40. Aktualwert 40. Potential wert 41. Qualitative Begehr- 
barkeit 41. Wert dem Begehren gegenüber das logisch Frühere 41. Dis- 
positionen, die für das Begehren, aber nicht für das Wertverhältnis zum 
Objekte maßgebend sind 42. Potential wert ohne qualitative Begehr- 
barkeit 42.] 
§ 3. Die Wertgefühle, Hauptwerterlebnisse und Neben- 

werterlebnisse 

[Gefühle (und Phantasiegefühle) als Werterlebnisse 43 f. Begehren als 
Werterlebnis 44. Motivationskraft 45. „Stellungnahme" (R. Müller- 
Freienfels) 45.] 

§ 4. Die „Subsumierbarkeit'- unter „Wertsphären" und das 

„Innewerden" derWerte 

[Th. Haerings Versuch, den Begriff der Wertung von dem des Wertes 
her zu bestimmen 46. Wert als Relation zu „Dispositionen", „Tendenzen", 
nicht erfaßbar ohne Rekurs auf Erlebnisse 47, und zwar emotionale 48. 
Möglichkeit rein intellektuellen Jnnewerdens" des Wertes 48. Bedeutung 
der Aussagen der Versuchspersonen 48. Phantasie-Emotionen 48 f.] 

§ 5. Wertgefühle als Seinsgefühle 

[Aufgabe, das Gefühl, das als Werterlebnis auftritt, näher zu bestimmen 50. 
Ausschließung sinnlicher 50, ästhetischer Gefühle 51. Wertgefühl 51. 
Ästhetische, logische ,,Dignitative" als Werte im weiteren Sinne 51. 
Wert im engeren Sinne 51. Th. Haerings „ Wertprädikate " zu weit 
bestimmt 52. ,, Subsumtion" nicht wertkonstituierend 52. Wertgrund- 
lagen 53. Begehren auf Existenz (oder Nichtexistenz) gerichtet 53, Wert- 
gefühl ebenso, im Gegensatz zu anderen Gefühlen 54. ,, Existenzgefühl* 55. 
Wert von Bestandobjektiven 55. Wert von Soseinsobjektiven. Hypothetische 
und disjunktive Voraussetzungsurteile. „Seinsgefühl" 56.] 

§ 6. Denk- und insbesondere Urteilsgefühle 

[Frage nach der Verbindung zwischen Sein des Wertobjektes und Wert- 
gefühl 56. Kausale Verbindung auszuschließen wegen Mittelbarkeit und 
mangelhafter Bestimmtheit 57. Fälle, wo auch mittelbare Kausalverbin- 
dung fehlt 57. Verlängerung der Kausalreihe bei räumlich und zeitlich 
Fernem 58. Fehlen kausaler Verbindung bei Künftigem, das wertgehalten 
wird 58, bei Nichtexistierendem 59, bei Potentialwerten 60. Verbindung 
durch Urteil 60. Wertgefühl als Urteilsgefühl 61. Annahme statt Urteil, 
Phantasiewertgefühl statt Ernstwertgefühl bei Potentialwerten 61. Denk- 
gefühle 62.] 

§ 7. Inhaltsgefühle und Aktgefühle 

[Wertgefühl und Wissensgefühl 62. Denkinhalt für Wertgefühl, Denk- 
(insbesondere UrteUs-)Akt für Wissensgefühl maßgebend 62 f. Hoffnung 
und Furcht 63. Ästhetische Gefühle als Vorstellungsinhalts-, sinnliche 
als Vorstellungs-(insbesondere Empfindungs-)aktgefühle 63. Phantasie- 
gefühle 64. Gegenstand eines Aktgefühles 64. Wissenswertgefühl 65. 



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VII 

. Gefühlsgegenstand * 65. Gegenstand des Wissensbegehrens, Frage 65. 
Wissensgefühl und Wertgefühl nicht durch eigenartige Gegenstände 
unterschieden 65.] 

§ 8. Objektiv, Objekt und 'Quasiobjekt der Wertgefühle . . 
[Objektiv und Objekt des Wertgefühles im Seinsfalle 66, im Soseins- 
falle 66 f. Soseinsobjektiv in Objektstellung zu seinem Sein: Quasiobjekt 
des Wertgefühles. Sein als Quasiobjekt. Bestandgefühl 67.] 

§ 9. Die Werthaltungen 

[Werthalten nicht „für wert halten" 68, Werthaltung auf ein Objekt 

gerichtetes Wertgefühl 68. Implizite Werthaltungen 68. Werthaltung, 

im Gegensatz zu Hoffnung und Furcht, auf ein gewisses Voraus- 

'-setzungsurteil gegründet 69. Werthaltung der Möglichkeit, Möglichkeits- 

lll werte 69.] 

§ 10. Anhang: Wertgefühl als sekundäre Stellungnahme. . 
[R. Müller-Freienfels'sche Theorie der doppelten Stellungnahme 
zum Objekte der Werthaltung 70. Keine „Wertgrundlagen" außer emo- 
tionalen 71. Gegen die obligatorische Doppelheit der (emotionalen) Stellung- 
nahme beim Werten 72. Keine „Spaltung" im werthaltenden Subjekte 72 f. 
Frage nach dem Wertgegenstand 73. Fälle von „ Wertsetzung " ohne 
„ Wertgrundlage " 74, „Übernommene" Wertungen 75,] 

III. Weiteres zur Wertpsydiologie. 

§ 1. Zur Beschreibung der Werthaltungen 75 

[Akt, Inhalt und Gegenstand beim Gefühl 76. Gefühle an intellektuelle 
Erlebnisse als ihre Voraussetzung gebunden 76. Gegenstandsvoraus- 
setzung 77. Psychologische Voraussetzung des Urteils, seine doppelte 
Gegenständlichkeit 77. Gegenstände der intellektuellen Voraussetzungen 
als angeeignete Gegenstände des Gefühls 77 f. Emotionale Partialpräsen- 
tation; Eigengegenstande von Gefühlen 78, „Angenehm*, „schön** 78. 
Gefühlsinhalt 78. Objekte und Objektive als angeeignete Gegenstände 
des Gefühls 78. Zusammengesetztheit solcher Objekte; Kembestimniungen 
und Hüllenbestimmungen 79. Die Gefühle selbst qualitativ unterschieden 
(ästhetische Gefühle, Wert- und Wissensgefühle) 79 f. Blässe des Wert- 
gefühles 80. „Gefallen" (H. Schwarz) 81. WertbegehrungSl. Einförmig- 
keit der Wertgefühle 81. Stärkegrad 81 f. Motivationskraft 82.] 

§ 2. Die Gegengefühle • • • 

[Gesetzmäßige Beziehungen zwischen positiver und negativer Werthaltung 
von Sein und Nichtsein eines Objektes 83. Identität des Objektes bei 
Mehrheit von Eigenschaften, die verschieden gewertet werden 83. Ange- 
zeigte und ausgeführte Werthaltungsübertragung 84. Seinsfreude und 
Nichtseinsleid, Seinsleid und Nichtseinsfreude verknüpft 84. Gegen- 
gefühle 85. Scheinbare Gegenfälle 85 f. Stärkebeziehung der Gegen- 
gefühle 85. Apriorischer Zusammenhang der Gegengefühle, nicht wie sie 
sind, sondern wie sie sein sollten 87. Vernünftigkeit 87 f, Erklärung der. 
Gegenfälle 88 f. Abstumpfung des Gefühls 88 f. Anteil von Dispositionen 
des Subjektes 90. Interesse 90 und Begehren 91.] 



82 



VIII 



IX 



§ 3. Gut und Übel, Glück nnd Unglück 91 

[Gnt Tind Übel durch Werthaltangen gekennzeichnete Objekte 92. Glück 
und Unglück durch Objektive ausgemacht 93. Begriffsbestimmung von 
Glück und Unglück; Beziehung zu Gut und Übel. Vorzeichengleichheit. 
Verwöhntheit 93. Glück und Unglück bestimmt durch die Vorzeichen 
des Werthaltungsobjektives, der Werthaltung und des Seins des Wert- 
objektes, acht Fälle 94; bestimmt durch Beziehung zu Gut und Übel, 
vier Fälle 94. Vorzeichengleichheit 95. Intellektuell-emotionale Fun- 
dierungsgegen stände 96. Allgemeinere Bestimmung von Glück und Un- 
glück; Seinsgefühle, Glücksgefühle 96. Diskrepanz zwischen Glück und 
Werthalten 97. Erweiterung von Dasein auf Sein 97. Glücklichkeit 98. 
Gut als Glücklichkeits-Chance 98.] 

§ 4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungen . . 99 
[Psychologische Gegenstandsvoraussetzungen der Werthaltungen 99. An- 
dere Voraussetzungen 99. Übertragene und unübertragene Werthaltun- 
gen 100. Reduktionsversuche gegenüber dieser Unterscheidung 100 ff. 
Wertableitung 101. Möglichkeitswert 101. Wertübertragung und Evidenz- 
vermittlung (Schluß) 102. Grund 103. Begründung ohne Übertragung 104. 
Umformung übertragener Werthaltung in unübertragene ; Kembestimmun- 
gen 105 f. Bei übertragener Werthaltung Voraussetzungen außer der Gegen- 
standsvoraussetzung; Haupt Voraussetzung, Nebenvoraussetzungen 106. 
Übertragungsurteil 106. Übertragungssupplement 107. Für die Über- 
tragung maßgebende Relationen; Wirkung und Ursache, Bedingtes und 
Bedingung, Teil und Ganzes, Eigenschaft und ihr Träger; Umkehrun- 
gen 10?v Disposition und ihr Korrelat (, Dispositionswert" und „Aktuali- 
tätswert*), Erkenntnisfolge und Erkenntnisgrund 108. Wirkungswert; 
Eigenwert und Übertragungswert ; Stammwert ; die zugehörigen Wert- 
erlebnisse 108. Ursache als Implikator, Wirkung als Implikament. Ein- 
ordnung aller angeführten Beziehungen unter Implikation 109, auch der 
Umkehrungen 109 ff. „Emotionale Implikation" 111. Anteil der Gegen- 
gefühle 111. „Reimplikation", Möglichkeitsimplikation 111. Erkenntnis- 
grund Ulf. Qualitäten („Vorzeichen") der Werthaltungen bei Über- 
tragung 112. Gleichnamigkeits- und Ungleichnamigkeits- Implikation, 
Gut und Übel 113. (Werthaltungs-) Vermittlung ohne Übertragung (113), 
114 ff. „Werturteil" 114. Übersicht der Werthaltungen 114. Wert für 
den Alter; Objektübertragnng und Subjektübertragung (Quasiüber- 
tragung) 115 ff. Emotionale Präsentation, Total- und Partialpräsentation, 
rezessives und irrezessives Erfassen 116. Berechtigung, unpersönlicher 
Wert; Quasiübertragung davon unabhängig; ethische Dispositionen 117. 
Auch .Subjektübertragung" auf Objektgebiet gelegen 117. Primär- und 
Sekundärwerthaltung 118. Altruismus 119.] 

§ 5. Pathogene Werthaltungen. Unvermittelte Werthaltungen 119 
[Vermittlung von Werthaltungen durch Gefühle, die nicht Wertgefühle 
sind 120. Vermittlung durch rein intellektuelle Nebenvoraussetzungen. 
Pathogene und apathogene Werthaltungen 121. Unvermittelte Wert- 
haltungen 121. Doppelte Stellungnahme; Ableitung 121. (Gesamt-) Üb er- 
sieht der Werthaltungen 122.] 



IV. Der Wertgedanke. 

§ 1. Aktual- und Potentialwertbegriff 123 

[Beziehung zwischen Werterlebnis und Wert 123. Wert als Wertgehalten- 
werden : Aktualwertbegriff 123. Seine Unzulänglichkeit 123 f. Wert- 
irrtümer 123. Wert ohne Werterlebnis 123 f. Vergänglichkeit von Werten; 
Tendenz zur Konstanz 124. Wertobjekt als Gegenstand möglicher Wert- 
erlebnisse : Potentialwertbegriff 124. Seine Unzulänglichkeit 124. Werte, 
die mit dem Subjekte vergehen 125, indes Möglichkeit des Wertgehalten- 
werdens nicht vergeht 126.] 

§ 2. Aktualisierung. Thetische und athetische Prädikationen 126 
[Prädikativ 127. Soseinsobjektive, die ein Sein einschließen, thetische 
Prädikationen 127. Persönlicher Wert relativ 127. Potentialwertbegrift' 
unzulänglich, weil athetisch 128. Natürlicher Wertbegriff zwischen reinem 
Potential- und Aktualwertbegriff; Aktualisierung 128. Gegensatz von 
Möglichkeit und Tatsächlichkeit 128. Potentialwertbegriff daseinsfrei 129. 
Aktualisierung. Erfüllung eines Teiles der Aktualitätsbedingungen 129.] 

§ 3. Die Aktualitätsbedingungen. Seins- und Nichtseinswerte 129 
[Aktualitätsbedingangen : Subjekt, Objekt, „Umgebung", Anlaß 129. 
Thetische Determinationen des wirklichen Wertgedankens 130. Subjekt, 
Dispositionen desselben : emotionale 130, intellektuelle (Veranlagung und 
Wissenszustand) 130 f. Dasein des Subjektes 131. „Unbeteiligter Zu- 
schauer"; „einsame Insel" 132. Sein des Objektes; Existenz zu eng; Ver- 
gangenheits- und Zukunftswerte; Persistenz 132. Was Wert „hätte" 132 f. 
Nichtseinsgefühle, Begehrungen als Werterlebnisse, die Existenz des 
Objektes gewiß nicht voraussetzen. Wertgröße. Grenznutzen. Begehrungen 
charakteristische Werterlebnisse auf ökonomischem Gebiet 133. Wert bloß 
gattungsmäßig bestimmter Objekte 134. Existenz-, Nichtexistenz-, Begehrt- 
heits- und Phantasiewerte 134. Umgebung 134. Zweck und Mittel 134. 
Anlaß 135.] 

§ 4. Beschaffenheit und Position beim Wertobjekt. Fakti- 

sclier und hypothetischer Wert . 135 

[Wertzeit und Subjektszeit 135. Beschaffenheit bestimmend für Potential- 
wert 136. Position, zum Subjekte und absolut 136. Was Wert „hat", was 
Wert „hätte"; faktischer, hypothetischer Wert 136. Thetische Determina- 
tionen durch Positionsmomente (Aktualisierung) und natürlicher Wert- 
gedanke 136 f. Potentialisation 137. Schwankungen im natürlichen Wert- 
begriff 137. Unentdecktes Gold; Eisen im Erdzentrum 137.] 

§ 5. Die Partialwerte und der Totalwert . . 138 

[Wertgröße und Stärke der Werthaltung 138. Beide Gegengefühle maß- 
gebend; „Vemünftigkeit" 138 f. Störender Einfluß der Gewöhnung 139. 
Differenzformel von Ehrenfels 139 f. „Relative Glücksförderung" 140. 
Seinswerthaltung und Nichtseinswerthaltung; Wertvorzeichen 141. Partial- 
werte, Total wert 142.] 

§ 6. Der persönliche Wert 142 

[Definition des persönlichen Wertes 143. Interesse 143. Definition durch 
Interesse 144. Emotionale Bedeutung 144. Seinsbedeutung 145.] 



X 



§7. DerunpersönlicheVVert I45 

[Beziehung auf ein Subjekt dem naiven Wertgedanken nicht wesent- 
lich 145. Wert des Wahren. Schönen, Guten 145. „Umgebende Gesamt- 
heit* als ethisches Wertsubjekt 146. Werte ohne Werterlebnis 145 f. 
Werte an einem Subjekt 147. Wertirrtum; falscher Wert, eingebildeter 
Wert 148 ff. R.Müller-Freienfels' „tertiäre Stellungnahme" 148. Wahr- 
heit und Falschheit beim Wert nicht Angelegenheit der Voraussetzungs- 
urteile 148 f. ,De gustibus" 149. Wahres, Schönes. Gutes 149 f. „Emo- 
tionaler Wertirrtum " 150. Psychologismus 150. Tatsächlicher Wert, 
wahrer Wert unpersönlich 150. Potential begriö des Wertes; Wert als 
Fähigkeit, Disposition, bzw. deren Grundlage, am Objekte 150 f. Beziehung 
zwischen Wert und Werterlebnissen, Frage nach ihrem Wesen 151. 
Erfassungsrelation. Unabhängigkeit des Gegenstandes vom Erfassen 151 f. 
Wertgefühl als Präsentant und Erkenntnismittel für Wert 152. Müller- 
Freienfels für die Relativität aller Werte 152 ff. Erfassen der Außen- 
welt 153 f. Emotionale Partialpräsentation schlechteres Erkenntnismittel 
als emotionale Selbstpräsentation 154. „Objektivierung" von Erscheinun- 
gen 154 f. Erscheinungsgesetze 155. Absoluter und relativer Wert. Aprio- 
risches Wissen um Wert 155. Frage nach Tatsächlichkeit und Beschaffen- 
heit unpersönlicher Werte lö6. Begehren, Desiderative. Dignitative: ästhe- 
tische, logische, hedonische, timologische ; Wert im engeren und im 
weiteren Sinne. Dignitäten 156. „Halbwahrnehmung"; Subjektivität der 
Gefühle 156. Bessere und schlechtere Phänomene 157. Sosein unpersön- 
licher Werte. Analogie zu sensiblen Qualitäten; Wert und Wirklich- 
keit 157. Begriff des unpersönlichen Wertes 157. Unpersönlicher Wert 
als Eigengegenstand der Urteilsinlialtsgefühle 158. Analogie zwischen 
Objektiv und Dignitativ. insbesondere Wert : Gelten ; Sollen. Wert nichts 
Wirkliches 158. Wahrheit und Wert, Sollen (Windelband, Ricke rt). 
Wert im weiteren Sinne 159. Partialwert und Total wert; Bedeutung der 
Gegengefühle für die Präsentation des Wertes 159 f. Wert als Gegenstand 
höherer Ordnung gegenüber dem Werthaltungsdignitativ. Undefinierbar- 
keit des unpersönlichen Wertes 161. Versuch, persönlichen und unpersön- 
lichen Wert unter einen Begriff zu bringen 161. Präsentation des 
persönlichen Wertes 161. Unpersönlicher Wert durch Werterlebnisse 
charakterisierbar 161 f. Wertbegehrung wertfremd 162. Ersetzbarkeit 
absoluter Bestimmungen durch relative 162. Emotionale Bedeutung und 
deren Berechtigung 162 f. Unpersönlicher Wert als rechtmäßige Bedeu- 
tung (relativer Wertbegriff) 163. Beziehung zwischen Berechtigung, Wert 
und Sollen; Urteil, Gefühl, Begehren und deren Eigengegenstände 164. 
Zusammenfassung: drei Wertbegriffe. Verhältnis zwischen persönlichem 
und unpersönlichem Wert 165. Begriff persönlichen Wertes neben dem 
des unpersönlichen festzuhalten 166. Der Gegensatz von wahr und falsch 
und die beiden Wertarten 166 f.] 



Methodisches zur Einleitung. 

Wissenschaftliche Darlegungen begegnen in ihren Anfängen 
bekanntlich nur zu häufig einer typischen Schwierigkeit, die man leicht 
als besonders lästiges Hemmnis verspürt, weil es sich dabei vorwiegend 
um eine Angelegenheit der Worte zu handeln scheint, indes man es 
doch gar nicht mit den Worten, sondern nur mit der Sache zu tun 
haben möchte. Die Schwierigkeit betrifft die Aufgabe, den Gegen- 
stand der Darlegung oder Untersuchung durch detinitorische Ausgangs- 
bestimmungen festzulegen. Da im nachstehenden versucht werden soll, 
etwas zur Lösung dieser Aufgabe speziell auf dem Gebiete der allge- 
meinen Werttheorie beizutragen, so mag es sich empfehlen, zunächst 
die Natur der Schwierigkeit und des zu ihrer Überwindung geeigneten 
Vorgehens ganz ausdrücklich ins Auge zu fassen. 

Darstellen wie Erforschen sind durch Absicht geleitete Tätigkeiten, 
bei denen ein Erfassen des Zieles, auf das sie gerichtet sind, genauer 
des dieses Ziel charakterisierenden Gegenstandes nicht zu entbehren 
ist. So wenig das vorwissenschaftliche Erkennen unbeschadet seiner 
großen Bedeutung auf derlei Vorbestimmtheiten angewiesen ist, so wenig 
könnte das wissenschaftliche Tun ihrer entraten. Unter günstigen Um- 
ständen wird das Erfordernis durch die zu bearbeitenden Gegenstände 
sozusagen von selbst erfüllt. Der Sternenhimmel, ein Gebirgszug, eine 
Tier- oder Pflanzen gattung bedarf in der Regel vermöge Konstanz und 
sinnlicher Walrrnehmbarkeit kaum mehr als eines hinweisenden Wortes, 
um für Bearbeitung und verständliche Mitteilung ausreichend fest- 
gehalten werden zu können. Handelt es sich dagegen statt um Pflanzen 
oder Tiere auch nur um psychische Erlebnisse, so ist, wer diese bear- 
beitet, zur Fixierung für sich selbst und zur Mitteilugig an andere auf 
die Sprache angewiesen und das in um so höherem Maße, je weiter 
der Gegenstand, mit dem er es zu tun haben will, respektive soll, 
sich von der sozusagen greifbaren äußeren Wirklichkeit entfernt. Damit 
tritt an den Darsteller wie an den Forscher die Frage heran, in welcher 
Weise er sich der Worte als wissenschaftlichen Werkzeuges zu bedienen 
in der Lage ist. 

Es kommt natürlich auf die Verbindung der Wörter mit ihrem 
Sinn an, hinsichtlich deren der Redende ja frei verfügen zu können 
scheint. Aber ebenso klar ist sofort, daß er von dieser Freiheit nur 
einen sehr beschränkten Gebrauch wird machen können, und zwar schon 
aus dem praktischen Grunde, weil er sonst darauf verzichten müßte, 

Meinung, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie^. 1 



•* 






'S 



9 Methodisches znr Einleitung. 

verstanden zu werden. Er findet sich so an den überkommenen Gebrauch 
gewiesen, der, wo es auf die Vorbestimmung von Wissenschaftsgegen- 
ständen ankommt, noch aus einem besonderen Grunde geachtet zu 
werden verdient. Indem die wissenschaftliche Arbeit sich einem in ^ 
bestimmter Weise benannten Gegenstande zuzuwenden erklärt, appelliert '' 
sie dadurch normaler Weise an das Interesse der Umgebung, das sich 
nur getäuscht finden könnte, falls unter der Flagge eines Namens 
anderes zur Behandlung käme, als was die allgemein übliche Anwen- 
dungsweise des Namens erwarten läßt. Nimmt man hinzu, wie in sol- 
cher Anwendungsweise sich nicht selten ein ansehnliches Stück theo- 
retischer Vorarbeit verrät, so begreilt sich, wie sehr man Grund hätte, 
im Wortgebrauch so konservativ als nur immer möglich zu sein, wenn 
sich der Anwendung dieses Prinzips nicht gelegentlich unüberwindliche 
Hindernisse in den Weg stellten. 

Solcher Hindernisse wird man sofort gewahr, wenn man bedenkt, 
daß der Sinn der Wörter sich in zweierlei Weisen manifestiert, einer 
mehr äußerlichen und einer mehr innerlichen.!^] Für einigermaßen 
äußerlich darf das Anwendungsgebiet eines Wortes gelten, also das 
Kollektiv der Gegenstände, die unter Verwendung des Wortes dem Her- 
kommen gemäß gemeint werden können, — für mehr innerlich das- 
jenige, was der Redende beim Gebrauch des Wortes als dessen Be- 
deutung tatsächlich denkt, und was so den Hilfsgegenstaud auszumachen 
hat, der geeignet sein soll, das eben als Anwendungsgebiet bezeichnete 
Kollektiv als Kollektiv der ihm zugehörigen Zielgegenstände^ zusammen- 
zuhalten. Demgemäß sollte sich das Anwendungsgebiet einfach nach 
der Bedeutung des Wortes bestimmen; die Erfahrung zeigt dagegen 
eine ziemlich weitgehende Unabhängigkeit des Anwendungsgebietes von 
der Bedeutung namentlich darin, daß die Zugehörigkeit eines Gegen- 
standes in das Anwendungsgebiet oft viel besser gesichert ist als die 
Bedeutung, indem es dem Redenden auch bei fester Anwendung duich- 
aus nicht leicht fallen muß, von der Beschaffenheit eines mit dem 
Worte auftretenden Bedeutungsgedankens Rechenschaft zu geben. Nun 
ist aber gerade die Bedeutung dasjenige, durch das ein Wort sich zu 
einigermaßen präziser Gegenstandsbestimmung geeignet erweisen kann. 
So erwächst für denjenigen, der sich eines Wortes zu wissenschaft- 
lichen Zwecken bedienen will und muß, so leicht die Aufgabe, vom 
Anwendungsgebiet aus diejenige Bedeutung herauszufinden, die als mehr 
oder minder fiktiver Hilfsgegenstand die empirisch gegebenen Anwen- 
dungsfälle zu vereinigen imstande ist. 

Ist es nun aber Tatsache, daß ein Wort zu seinem Anwendungs- 
gebiete nicht nur unter Vermittlung einer bestimmten Wortbedeutung 
gelangt, so ist es selbstverständlich, daß ein empirisch gegebener An- 
wendungskreis keineswegs jedesmal so beschaffen sein wird, daß eine 
Bedeutung als natürliches Zentrum dieses Kreises müßte nachkonstruiert 



Methodisches zur Einleitung. 



3 



1 Vgl. in Betreff der Begriffe des Ziel- und Hilfsgegenstandes „Über Mög- 
lichkeit und Wahrscheinlichkeit'' S. 196 ff. 



werden können. Ergibt eine derartige Konstruktion schon günstigen 
Falles einen Gegenstand als fiktive Bedeutung, an den der Redende 
beim Wortgebrauche zunächst nicht gedacht hat, so muß ungünstigen 
Falles, um die Konstruktion überhaupt zu ermöglichen, eventuell ein 
Teil des durch den Gebrauch gegebenen Anwendungsgebietes aufgegeben, 
eventuell auch ein bisher nicht eiubegriffenes G^ebiet neu einbezogen 
werden. Das sind die Fälle, in denen die Theorie einen Wortgebrauch 
ex definitione einschränkt oder erweitert, wobei die Anforderungen 
noch nicht berücksichtigt sind, die an das in einer solchen Definition 
vereinigte Material nach Eignung zum Charakterisieren, nach Schärfe, 
Reichtum an Konsequenzen und so fort gestellt werden müssen, wenn 
den Aufgaben theoretischer Bearbeitung damit gedient sein soll. Daß 
dabei von der vielberufenen Definitionsfreiheit wenig genug übrig bleibt, 
versteht sich; in der Tat besagt ja diese Freiheit im Grunde nicht viel 
mehr als dies, daß Definitionen von Natur keine Urteile^ und daher 
den durch die Rücksicht auf die Wahrheit diesen gebotenen Beschrän- 
kungen nicht unterworfen sind. [2] 

Zusammenfassend könnte man also die Leistungen einer Definition, 
durch die mit Hilfe eines Terminus ein Gegenstand in die theoretische 
Bearbeitung eingeführt werden soll, etwa so kennzeichnen: die Defini- 
tion hätte von Haus aus nur anzugeben, was man sich bei dem be- 
treffenden Worte denkt; sie muß sich eventuell, obwohl dieser Leistung 
jederzeit nach Möglichkeit nahe bleibend, begnügen, anzugeben, was 
man bei dem Terminus angesichts seines Anwendungsgebietes denken 
könnte oder wenigstens im Interesse theoretischer Brauchbarkeit des 
unter diesem Terminus eingeführten Begriffes denken sollte, wo dieses 
, Sollen* selbst immer noch ein Sammelname für sehr verschieden- 
artige Erfordernisse bleibt. Daß auch die drei Hauptleistungen, die 
Rücksicht auf Denken, Denkeukönnen und Denkensollen untereinander 
in einen Konflikt treten können, dem gegenüber die Entscheidung zu- 
gunsten der einen oder der anderen Rücksicht zu treffen, nicht immer 
frei von arbiträrem Dafürhalten sein wird, versteht sich. Immerhin 
wird es aber definitorischen Festsetzungen, wie sie zu Anfang einer 
theoretischen Darlegung besonders häufig unvermeidhch sind, zu statten 
kommen, wenn man sich über die Leistung klar ist, um deren willen 
man sich für diese und gegen jene Definition entscheidet. Als prak- 
tische Verfahrungsweise zur Gewinnung solcher Begriffs- oder Wesens- 
bestimmungen aber dürfte sich, wo nicht etwa eine Wortbedeutung, die 
auch sonstigen theoretischen Anforderungen entspricht, von selbst 
heraustritt, empfehlen, zunächst das durch den Gebrauch tatsächlich 
vorgegebene Anwendungsgebiet des betreffenden Terminus abzustecken, 
um, falls die Feststellung einer ebenfalls vorgegebenen und theoretisch 
brauchbaren Wortbedeutung nicht gelingt, an Stelle einer Rekonstruk- 
tion die Neukonstruktion und ausreichende theoretische Adaptation einer 
geeigneten Wortbedeutung vornehmen zu können. 

1 Vgl. „Über Annahmen", 2. Aufl., S. 271 f. 




l. Vorantersuchnngen. 



h—U 



I. Voituntcrsuchungcn. 

§ 1. Vom Anwendungsgebiet des Wortes „Wert". 

Der eben skizzierte Weg soll im folgenden eingeschlagen werden » 
um der Lösung der ersten Aufgabe näher zu kommen, die der aU- 
aemeinen Werttheorie^ durch die Natur der Sache gestellt ist, der Be- 
stimmung des Wesens des Wertes. Es ist also im Sinne der obigen 
Erwägungen nicht wohl zu vermeiden, beim Worte „Wert" anzufangen 
und nach den Gegenständen auszuschauen, auf die das Wort tatsachhch 
an-ewendet wird. Auch wenn man es dabei unterläßt, dem kürzhch mit 
vielem Scharfsinn exponierten' Unterschiede nachzugehen, der zwischen 
dem Werte besteht, den etwas ,hat« und dem Werte, der etwas ist 
oder den es ausmacht, wird man - dies noch etwas wie ein methodo- 
logischer Nachtrag zum vorigen Paragraphen - die in Frage kommenden 
Gegenstände nicht leicht einzeln aufweisen oder namhaft machen können, 
vielmehr sich darauf beschränken müssen, charakteristische Gruppen 
solcher Gegenstände unter Benutzung eben ihrer Charakteristik neben 
einander zu stellen. Daß eine solche Charakteristik dann unter gunstigen 
Umständen dem Bedürfnis nach Feststellung der Wortbedeutung bereits 
auf halbem Wege entgegenkommen, mindestens die Untersuchung von 
Anwendungsgebiet und Bedeutung fließend mit einander verbunden sein 
kann ist selbstverständlich. In der Tat fällt es nun mcht schwer, in 
diesem Sinne mit Beziehung auf das Wort „Wert" einige Gruppen von 
Gegenständen namhaft zu machen, auf die unbeschadet ziemlich weit- 
gehender Verschiedenheit zwischen diesen Gruppen das Wort m zwang- 
loser Weise angewendet wird. ,01,1 

Wenn man sich in der Arithmetik der Buchstaben als Symbole 
bedient, sagt man von ihnen oft, sie hätten bloß allgemeinen, respektive 
unbestimmten Wert, und setzt diesem die speziellen, bestimmten Wer^e 
der konkreten Zahlen gegenüber. In diesem Sinne kann man in Formeln 
soezielle Werte einsetzen, Gleichungen auswerten; die Quadratwurzel 
von X hat in diesem Sinne jederzeit zwei Werte und so fort Diese 
Anwendung des Wortes „Wert" scheint sich auf das Gebiet der Großen _ 
zu beschränken, falls man nicht etwa, dem Vorgange R. Avenanus 
folgend, auch von R- und E-Werten, das heißt Reiz- und Empflndungs- 
werten spricht, wo höchstens noch der Reiz, sicher aber nicht mehr die 
Empfindung ganz allgemein einem quantitativen Gesichtspunkte zu unter- 
stellen wäre. Es ist unter solchen Umständen immerhin vielleicht bloß 

1 AMSohließUche Bernfung auf das „Sprachgefühl", wie sie ewe übrigens 
nicht nnSosUiche ErstUngsfrbeit verlapgt (W. Strich Das Wertproblem 
in der PhUosopUe der Gegenwarf', Leipziger Dissertation, Berlin 1909, b. 2d. 
9^1 tniichte doch ein allzn summarisches Verfahren sein. . 

2o), "'«=7*°^°j^^ Werttheorie-' ist im Gegensatze ^\sP«"«ll,.'''f''n<'»if ^^ 
Werttheorie ver^täSden, wie sie von der Volkswirtschaftslehre rühmUch begründet 

nnd gf ^y B'°^*«;/f ;,G^„aieg„ng der Wertlehre", Leipzig 1916, S. 5 ff. 
* Vgl. auch W. Strich a. a. 0., S. 25. 



§ 1. Vom Anwendnngsgebiet des Wortes „Wert". 5 

eine Benennung a potiori, aber, wie ich hoffe für unsere nächsten Zwecke 
eine nicht wohl mißverständliche, wenn ich im folgenden Werte dieser 
Art, wenn von ihnen als einer Gruppe für sich vorübergehend zu reden 
sein wird, als Größenwerte bezeichne. 

Es ist ohne Zweifel ein ganz anderer Wortgebrauch, wenn man 
etwas als anerkennens-, lobens-, bewunderns- oder liebenswert bezeichnet, 
oder auch wohl als tadelns-, verabscheuens-, hassenswert und dergleichen. 
Man meint damit etwas, was gelobt, getadelt zu werden usw. verdient. 
Wert hat hier also die Bedeutung von Würdigkeit. Auffallender Weise 
zeigt sich dabei, wenigstens im Deutschen, das Substantiv „Wert" nicht 
anwendbar, indem der Gebrauch ausschließlich das Adjektiv „wert" zuzu- 
lassen scheint.!^] 

Offenbar wieder in einem anderen Sinne geschieht es, daß man 
unter Umständen gewissen Dingen Nährwert, Brenn- oder Heizwert, 
Dungwert und dergleichen zuschreibt. Augenscheinlich hat man dabei 
eine gewisse Leistung jm_ Auge, zu der fähig zu sein den Wert in 
dieser Wortbedeutung ausmacht. Nicht jede Leistung scheint gleich gut 
hiezu, sonst könnte man einem schlechten_Ofen auch Rauchwert, einer 
elektrischen Bogenlampe, die sich unzureichend reguliert, einen Zischwert 
nachsagen. Augenscheinlich erweist sich hier der Umstand entscheidend, 
daß das, was ich eben die Leistung nannte, das eine Mal selbst Wert 
hat, das andere Mal nicht, wobei aber beachtet zu werden verdient, 
daß jetzt von Wert wieder in einem andern, dem vierten Wortsinne 
die Rede ist, auf den wir sogleich unten zurückkommen. Offenbar ent- 
scheidet hier der nämliche Gesichtspunkt, wie wenn man etwa einem 
Erze Gold- oder Silberwert beimißt, nicht aber Schlackenwert. Immerhin 
ist es indes nicht ganz unmöglich, sich von dieser Beschränkung zu 
emanzipieren, wie etwa der Gedanke der „W^ertigkeit" in der Chemie 
und der auf diesen gebauten Äquivalenz^ letzterer wohl auch außerhalb 
der Chemie beweist. In der Geschichte der Nationalökonomie spielt der 
in Rede stehende Wertbegriff längst eine hervorragende Rolle^: das 
begreift sich schon daraus, daß der sogenannte Tauschwert der Güter 
ohne Frage ein Wert in diesem Sinne ist. Äußerlich rangiert auch der 
dem Tauschwert so gern entgegengesetzte ,, Gebrauchs wert" unter diesen 
Gesichtspunkt, während allerdings dem Wesen der Sache nach hier doch 
bereits wieder die erst an vierter Stelle zu berührende Bedeutung des 
Wortes „Wert" zur Geltung kommt. Werte der uns jetzt beschäftigenden 
Gruppe hat man in der Nationalökonomie auch wohl als objektive Werte 
bezeichnet, um ihn^n die der folgenden Gruppe als subjektive Werte 
entgegensetzen zu können.^ Ich meine, diese beiden Termini dem Aus- 
druck eines andern Gegensatzes vorbehalten zu sollen.^ 

So zweifellos die drei hier aufgeführten Gruppen innerhalb des 
Bereiches dessen liegen, dem man eventuell in völlig natürlicher Weise 

1 Vgl. E. Böhm-Bawerk im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften", 
Artikel Wert, S. 684. 

2 A. a. 0., S. 682. 

3 Vgl. unten S. 7. 






I 



^ 



iik.-ÜiL.4L'^>./V^- 



6 



I. Voruntersuchungen. 



§ 1. Vom Anwendungsgebiet des Wortes „Wert". 






Wert nachzusagen in der Lage ist, so wenig wird man sich doch dem 
Eindrucke verschließen können, daß wer von Wert spricht, wenigstens 
zunächst anderes als das bisher namhaft Gemachte im Auge zu haben 
pflegt. Um so leichter bieten sich dagegen in der Regel die Dinge dar, 
die schon das tägliche Leben mit Vorliebe als ,, Wertgegenstände" bezeich- 
net, jene Kostbarkeiten von Gold und Edelstein, denen das Denken und 
Trachten der einzelnen wie der Völker sich stets so eifrig zugewendet 
hat, und denen das Unverhältuismäßige ihrer Bedeutung zu nehmen, 
vielleicht einer der wichtigsten Erfolge wahren Bildungsfortschrittes sein 
möchte. Das sind im ganzen Dinge von sehr großem Wert, denen man 
leicht andere an die Seite stellen kann, die vielleicht aus allerlei Gründen 
nicht geeignet sein werden, Bestandstücke eines Schatzes auszumachen, 
die aber ihren — immerhin vielleicht geringeren — Wert daran erkennen 
lassen, daß auch sie Geld kosten und daß für sie in der Tat auch Geld 
aufgewendet wird. Dieses Geld selbst, für das so erstaunlich vieles zu 
haben ist — in gewissem Sinne bekanntlich sogar wieder Geld — , 
stellt sich dabei wohl gar wie der gewissermaßen konzentrierte, aller 
Nebensächlichkeiten, darunter freilich auch jeden Schimmers entkleidete 
Wert dar; aber auch wer nicht so weit gehen mag, findet leicht die 
Tatsachen, die eine Betrachtung unter dem Gesichtspunkte des Wertes 
gestatten, aufs engste und in ganz wesentlicher Weise mit jener 
menschHchen Tätigkeit verknüpft, die man mit dem Worte „wirtschaf- 
ten" zu bezeichnen pflegt. Man findet den Wert insofern dort, wo man 
wirtschaftet oder wirtschaften kann und man könnte daraufhin ver- 
suchen, die Gruppe der Werte, die uns jetzt beschäftigt, als die der 
wirtschaftlichen oder ökonomischen Werte zu charakterisieren. 

Inzwischen überzeugt man sich leicht davon, daß man Werttat- 
sachea der gegenwärtigen Gruppe auch dort antreffen kann, wo die 
wirtschaftende Tätigkeit keine Anariftspunkte mehr findet, mithin auch 
das Gebiet der Ökonomik überschritten ist. Wer einen kleinen oder 
großen Erfolg errungen hat, der wird darauf, daß ihm dies geglückt 
ist, einen entsprechend geringeren oder größeren Wert legen, aber 
normaler Weise jedenfalls irgend einen Wert, obwohl es sich hier um 
etwas Vergangenes handelt, das als solches wohl nicht mehr Objekt 
einer wirtschaftenden Tätigkeit sein kann. Ähnlich steht es mit an- 
deren Erlebnissen der Vergangenheit, zum Beispiel: Zusammentreffen 
mit bedeutenden Persönlichkeiten, überwundene Gefahren und anderes, 
— jene Vergangenheitswerte, die zu dem Wenigen gehören, um d&^ 
man mit zunehmenden Jahren wirklich reicher wird. Übrigens bietet 
aber die Vergangenheit zwar besonders handgreifliche, aber keineswegs 
die einzigen Fälle von Werten dar, die eine ökonomische Betrachtungs- 
weise nicht gestatten. Durchaus hiehergehörig und in keiner Weise an 
die Zeit gebunden ist vieles im Verhältnisse von Mensch zu Mensch: 
nicht nur vergangene Freundschaft ist mir wert, sondern noch mehr 
die gegenwärtige, und nicht nur die Freundschaft, sondern noch mehr 
der Freund. Und wie er mir wert ist um der Eigenschaften willen, 
aus denen sich in einer mir mehr oder weniger durchsichtigen Weise 



seine Persönlichkeit zusammensetzt, so sind mir eventuell auch einzelne 
dieser Eigenschaften und deren Träger wert, auch wenn diese nicht 
meine Freunde sind: in dieser Weise schätzt man Mut, Entschlossen- 
heit, Wohlwollen, künstlerische Begabung, Klugheit und vieles andere. 
Daß auch hier von Wirtschaft nicht wohl die Rede sein kann, ist im 
allgemeinen selbstverständlich; im einzelnen kann es zweifelhaft 
werden, insofern eine Verbindung mit wirtschaftlicher Tätigkeit sich 
sozusagen per accidens einstellen kann. Ein Andenken kann durch 
Kauf zu erwerben sein ; eine Fähigkeit, die der Anerziehung oder Aus- 
bildung bedarf, kann man zu erwerben oder jemandem zu eigen zu 
machen streben und dafür Geldopfer bringen. Nicht einmal die Ver- 
gangenheitswerte sind vor jeder Art Einbeziehung ins Gebiet des Öko- 
nomischen sicher: man scheut die großen Kosten einer weiten Reise 
nicht, weil man davon eine „Erinnerung fürs Leben" zurückzube- 
halten hofft und dergleichen. Aber fließende Übergänge können doch 
nur für oberflächliche Betrachtungsweise die Verschiedenheit dessen 
verdunkeln, zwischen dem sie bestehen, und so setzen denn Tatsachen, 
wie die oben festgestellten außer Zweifel, daß es neben ökonomischen 
Werten unserer Gruppe auch außerökonomische gibt. Zur Charakteristik 
der Gruppe wird also etwas anderes als der Hinweis auf die wirt- 
schaftliche Tätigkeit verwendet werden müssen. 

Man findet das Gesuchte in dem Umstände, daß die Werte unserer 
Gruppe eine eigenartige Beziehung zwar nicht obligatorisch zu einem 
wirtschaftenden Subjekt, aber doch jedenfalls zu einem Subjekt auf- 
weisen, der gemäß sich jeder solche Wert als ein Wert für irgend 
jemanden darstellt. Schon. für den Wert des Geldes, noch deutlicher 
aber für den eines Andenkens ist es doch ganz wesentlich, daß jemand 
da ist, für den das betreffende Objekt Wert hat. In diesem Sinne hat 
ja auch, wie berührt, schon die ältere Nationalökonomie dem objektiven 
Werte den subjektiven gegenüber gestellt. Für die allgemeine Wert- 
theorie, die als philosophische Disziplin auf die Fühlung mit den philo- 
sophischen Schwesterdisziplinen in besonderem Maße angewiesen ist, 
wird es sich indes empfehlen, die gegensätzlichen Termini „subjektiv"' 
und „objektiv" — respektive „unsubjektiv" ^ — in ihrer viel weiteren, 
allgemeineren, höchstens durch erkenntnistheoretische Intentionen deter- 
minierten Bedeutung zu belassen, dafür aber, einer ebenfalls von national- / 
ökonomischer Seite ergangenen Anregung Folge gebend,^ die Werte j 
unserer Gruppe als persönliche Werte zu benennen.^ 

Den so unter dem Namen des persönlichen Wertes einigermaßen 
festgelegten Tatbeständen tritt vermöge natürlicher Gegensätzlichkeit 

1 Vgl. „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit", S. 32, aber auch 
C. Stumpfs immerhin etwas enge Bestimmung in „Zur Einteilung der Wissen- 
schaften" (Abhandl. d. preuß. Akad. d. Wiss. vom Jahre 1906), Berlin 1907, S. 9. 

2 Vgl. meinen Hinweis auf F. v. Wiese r im Bologneser Kongreßvortrage 
„Für die Psychologie and gegen den Psychologismus in der allgemeinen Wert- 
theorie'', Logos, Bd. III, 1912, S. 2. 

3 Zu ähnlicher Ausdrucks weise scheint gelegentlich auch H. Rick ert zu 
tendieren, vgl. „Vom BegrifE der Phüosophie", Logos, Bd. I, 1910, S. 16. 



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8 



I. Vornntersnchnngen. 



§ 1. Vom Anwendungsgebiet des Wortes „Wert". 



9 



I 



nun ganz von selbst auch ein unpersönlicher Wert an die Seite. Den 
hohen Wert von Wahrhaftigkeit, Treue oder edler Gesinnung wird nie- 
mand in Abrede stellen, aber manchem mag es ganz unnatürlich 
erscheinen, nach jemandem zu fragen, für den als Subjekt diese Werte 
Geltung haben sollen. Es mag angesichts solcher Werte dann sogar der 
Gedanke entstehen, ob nicht vielleicht erst Werte dieser Art, also unper- 
sönliche Werte Anspruch darauf erheben dürften, Werte im eigentlichsten 
Wortsinne zu heißen. Mit wie viel Recht, das muß natürlich vorerst 
noch unerwogen bleiben. Ebenso muß das Verhältnis des unter diesen 
Gesichtspunkt zu Subsumierenden zu den vorher namhaft gemachten 
Gruppen erst späterer Klärung überlassen bleiben : man mag sich immer- 
hin vorerst die unpersönlichen Werte den persönlichen möglichst ähnlich 
und ihnen gegenüber eben nur durch den Umstand gekennzeichnet 
denken, daß das Bezugssubjekt prinzipiell fehlt. 

Im Anschluß an die Gruppen der persönlichen und der unpersön- 
lichen Werte sei auch noch kurz zweier weiterer Gruppen gedacht, bei 
deren Behandlung sich zunächst eine besonders große Unsicherheit 
bemerklich macht, die schon im Zweifel darüber zur Geltung kommt, 
ob man es da wirkhch mit zwei Gruppen zu tun hat oder nur mit einer, 
falls beide Gruppen nicht etwa gar ohne weiteres in den Bereich der 
persönlichen Werte einzubeziehen sind. Ich meine das Schöne und das 
\\rahre — nebst ihren Gegenteilen — , insbesondere also Kunst und 
Wissenschaft. Niemand zweifelt daran, daß man es da mit Werten, 
eventuell sehr hohen Werten zu tun habe. Unter Umständen gelingt 
hier die Subsumtion unter die Betrachtungsweise der persönlichen Werte 
so leicht, daß sich dann einem „Kunstgegenstande'* sogar ökonomischer 
Wert beimessen läßt. Aber solchem ökonomischen Werte liegt dann 
doch meist ein besonderer Kunstwert als Voraussetzung zugrunde, und 
dieser tritt in seiner Eigenart noch viel deutlicher hervor, wo er, wie 
namentlich bei Dichtung und Musik die Regel ist, sich gar nicht an 
Wirkliches gebunden zeigt. ^ Eine gewisse Verwandtschaft der Sachlage 
beim Wahren ist nicht zu verkennen; doch soll die Untersuchung an 
dieser Stelle nicht weitergeführt werden, da den hier obwaltenden Ver- 
hältnissen in späterem Zusammenhange mit leichterer Mühe Rechnung 
zu tragen sein wird.- Unter den Anwendungen des Wortes ,,Wert*' 
jedoch durfte weder das Schöne noch das Wahre unerwähnt bleiben: 
kurz könnte man hier etwa von Schönheits- und von Wahrheits- 
werten reden. [^] 

Zusammenfassend dürfen wir als Ergebnis der hier versuchten Um- 
schau nebeneinanderstellen : Größenwert, Wert als Würdigkeit, Leistungs- 
wert und persönlichen Wert; außerdem noch Schönheits- und W^ahrheits- 
wert und es steht zu hoffen, daß wir keinen wichtigen Wertfall dabei 
übersehen haben. Können wir uns Gedanken darüber machen, wie diese 
sechs so verschiedenen Gruppen dazu kommen, jede in irgend einer Weise 

1 Vgl. „Über Urteilsgefühle, was sie sind nnd was sie nicht sind" im 
Archiv f. d. ges. Psychologie 1905, Bd. VI, S. 45. [Ges. Abhandlungen, Bd. I, 1914.] 

2 Vgl. unten IV, § 7. 



dem Anwendungsbereiche des Wortes ,,Wert" zuzugehören? Denken wir 
uns also gemäß der zu Anfang dieser Darlegungen gemachten methodo- 
logischen Bemerkung die zur Charakteristik jeder unserer sechs Gruppen 
verwendeten Bestimmungen als die Bedeutungen, die dem Worte „Wert'' 
in jeder dieser sechs Anwendungsweisen eigen sind, denken wir uns 
ferner die Verschiebung von Wortbedeutungen in der Weise vor sich 
gegangen, daß determinierende Momente an eine Ausgangsbedeutung 
bald hinzutreten, bald davon in Abfall kommen, so könnten wir immerhin 
etwa von der dritten unserer Gruppen ausgehen. Erscheint hier zunächst 
jeder Wert determiniert durch die Leistung, die ihn begründet, so könnte 
Leisten ganz im allgemeinen wohl als Wert bezeichnet werden. Es 
leistet aber Verschiedenes und hat demgemäß verschiedenen Wert, was 
verschieden beschaffen ist : Größen verschiedenen Wertes wären demnach 
einfach so viel als verschiedene Größen, wie uns dies in der ersten 
unserer Gruppen wirklich begegnet ist.^ Umgekehrt könnte aber die 
den Wert konstituierende Leistung auch derart eingeschränkt werden, 
daß man von Wert vorzugsweise dort redete, wo die Leistung sich in 
bestimmter Weise an einem psychischen Wesen verwirklicht, vielleicht 
so, daß diesem eine Art Förderung zuteil wird, seinen Bedürfnissen 
Genüge geschieht oder dergleichen. Das wäre der Fall der vierten Gruppe, 
allenfalls auch der fünften und sechsten. Am wenigsten leicht gelingt 
in dieser Weise die Einbeziehung der zweiten Gruppe, die man aber 
immerhin etwa so versuchen könnte: Was etwas tatsächlich leistet, 
respektive zu leisten fähig ist, hat auch den Anspruch, in Bezug hierauf 
anerkannt zu werden. Eine Folgetatsache des Wertes im dritten Sinne 
scheint so in der zweiten Gruppe zur Geltung zu kommen. Immerhin 
kann das im Gedanken der Würdigkeit oder des Verdienens liegende 
Moment einer gewissen inneren Vernünftigkeit dann auch wieder auf 
das Verhältnis des Leistenden oder Fähigen zu seiner Leistung über- 
tragen und insbesondere auf die vierte, fünfte und sechste Gruppe so 
angewendet werden, daß Wert in besonders strengem Sinne etwa den- 
jenigen Objekten beizumessen wäre, die das für die betreffende Gruppe 
charakteristische psychische Verhalten nicht nur tatsächlich auf sich 
ziehen, sondern es auch wirklich verdienen. 

Wie man sieht, ist es also immerhin möglich, von der dritten der 
oben aufgezählten sechs Wortbedeutungen aus eine Art natürlicher Ver- 
wandtschaft zwischen allen sechs Bedeutungsgruppen herauszufinden. 
Darf man daraus schließen, daß Leistungsfähigkeit auch die ursprüngliche 
und sozusagen sprachlich authentische Bedeutung des Wortes ,,Wert" 
darstellt? Streng genommen ist das eine Frage der Sprachgeschichte, 
auf die nicht aus Konstruktionen wie die obigen, sondern aus den Tat- 
sachen der Sprachgeschichte die überzeugende Antwort zu holen sein 
wird. Ein anderes ist die Frage, ob auch die Werttheorie ihren Gegen- 
stand und damit ihre Aufgabe sich im Sinne dieser dritten Bedeutung 
zu bestimmen hat. Maßgebend dafür wird wohl zweierlei sein müssen : 



/ 



Vgl. auch E. Hey de „Grundlegung der Wertlehre", S. 100 f. 



\ 






10 



I. Vonmtersuchimgen. 



einmal, ob unser heutiges Sprachgefühl diese oder eine andere der sechs 
Bedeutungen als die sozusagen natürliche, das heißt nächstliegende an- 
erkennt, — ferner, ob derselben in Bezug auf Charakterisiertheit oder 
Wichtigkeit eine Vorzugsstellung zukommt. Es kommt eben im Sinne 
der Ausführungen des vorigen Paragraphen einerseits darauf an, was 
man beim Worte „Wert" tatsächlich denkt, andererseits darauf, was 
man dabei denken soll. Eine völlig exakte Behandlung gestatten diese 
Gesichtspunkte freilich kaum ; es wäre indes auch nicht billig, in dieser 
Hinsicht allzu hohe Anforderungen zu stellen. 

Das betrifft vor allem den ersten der beiden eben namhaft gemachten 
Punkte. Unter dem Vorbehalte also, daß ja hier manches Sache persön- 
lichen Dafürhaltens und eines gewissen Taktes bleiben wird, glaube ich 
immerhin auf recht allgemeine Zustimmung rechnen zu dürfen, wenn 
ich meine, daß man beim Worte ,,Wert** doch besonders leicht an das 
denken wird, was seinem Wesen nach in die vierte unserer obigen 
' Gruppen fällt, das heißt also, daß Wert im uns zunächst liegenden Sinne 
persönlicher Wert ist. Ein Zweifel könnte sich nur zugunsten der dritten 
Gruppe geltend machen, aber, was sehr bezeichnend ist, nicht der ganzen 
dritten Gruppe, sondern bloß jenes Teiles derselben, der die National- 
ökonomie längst unter dem Namen des Tauschwertes beschäftigt. Immer- 
hin mag es denn auch bei der grundlegenden Bedeutung, die der Tausch- 
wert im wirtschaftlichen Leben besitzt, ganz angemessen sein, wenn 
n^an in der Nationalökonomie darauf bedacht bleibt, diesem eine Art 
koordinierter Stellung neben dem persönlichen Wert (dem „Gebrauchs- 
wert") zu wahren.! Daran, in ihm den ^eigentlichen" Wert in dem 
Sinne zu sehen, daß dem persönlichen Wert der eigentliche Wert- 
charakter abgesprochen würde, denkt heute, soviel mir bekannt, kein 
Nationalökonom. Dagegen hat sicher gerade die allgemeine Werttheorie 
in besonderem Maße das Recht und die Pflicht, aus der sich der Praxis 
darbietenden Zweiheit der Werterscheiuungen, wenn man so sagen 
darf, womöglich das Einheitliche, den in diesem Sinne „eigentlichen" 
Wertbegriff herauszuarbeiten. Wir kommen damit auf den zweiten der 
oben namhaft gemachten Punkte. 

Gehen wir dabei, was den obigen Darlegungen ja ganz gemäß 
ist, wieder von der dritten Bedeutung aus, so darf man wohl vorerst 
behaupten, daß nach dem Worte „Wert" als einfachem Ersatz für 
„Leistungsfähigkeit", das ist eben Fähigkeit kurzweg, ein Bedürfnis 
sicher nicht vorliegen wird. Ebenso deutlich dürfte sein, daß es sich 
vielleicht unter besonderen Umständen, aber eben nur unter diesen, 
empfehlen mag, den Fähigkeitsgedanken in die erste unserer vier Be- 
deutungen verblassen zu lassen. Um so mehr spricht es für sich selbst, 
den relativ speziellen Fall von Fähigkeit, wo dieser, wie sich zeigen 
wird, als Leistung ein ausreichend charakteristisches und wichtiges 
Erlebnis gegenübersteht, das die an sich unpersönliche Fähigkeit „per- 
sönlich" macht, durch einen eigenen Ausdruck, das Wort „Wert" aus- 



1 Vgl. Wieser a. a. 0. S. 38 f., Böhm-Bawerk a. a. 0. S. 682 f. 



1. Vom Anwendungsgebiet des Wortes „Wert". 



11 



zuzeichuen. Und dem kommt wohl noch in besonderem Maße zustatten, 
daß der eben als einziger sozusagen gefährlicher Konkurrent in Frage 
kommende „objektive" Wert, doch wohl nur äußerlich, nicht aber inner- 
lich von diesem „persönlichen" Werte unabhängig konzipiert sein wird. 
Es wurde schon berührt, daß man dem Ofen nicht wohl einen , Rauch- 
wert" zuschreibt, weil eben das Rauchen selbst keinen Wert, jetzt das 
Wort im Sinne des persönlichen Wertes verstanden, hat. Ebenso würde 
mau schwerlich von Tauschwert reden, wenn das Tauschen nicht unter 
Umständen eine wertvolle Sache, für irgend jemanden natürlich, also 
im Sinne persönlichen Wertes, wäre. Der Tausch aber hat Wert, weil 
das zu Tauschende Wert hat. Und sollte, wie es beim Preise irrtüm- 
lich^ leicht geglaubt werden könnte, der Schein einer gewissen Unper- 
söülichkeit dadurch eintreten, daß dabei nicht auf eine einzelne „Per- 
son", sondern auf irgend eine kleinere oder größere Menge von Personen 
unterschiedlos Bezug zu nehmen wäre, so wäre es doch immer noch 
die Ausgestaltung des Fähigkeitsgedankens zum Wertgedanken im Sinne 
der vierten unserer Bedeutungen, mit der man es da zu tun hätte. 
Verstellt man in der Tat das Wort „Wert" so, so dürfte also im be- 
sonderen auch die Nationalökonomie als Lehre vom wirtschaftlichen 
Werte in Wahrheit schwerlich mit zwei koordinierten Wertbegriffen, 
sondern zunächst mit dem persönlichen Werte und außerdem mit einem 
eigentümlichen Derivat dieses Wertes zu tun haben. Natürlich gehört 
es aber auch dann ganz und gar vor das interne Forum dieser Wissen- 
schaft, ob und warum sie etwa für ihre Zwecke den sozusagen eigent- 
lichen Wert und dessen Derivat auf gleichem Fuße behandelt. 

Daß der so immer deutlicher zur Geltung kommenden Vorzugs- 
stellung unserer vierten Gruppe etwa die fünfte oder sechste erheb- 
lichen Abbruch sollte tun können, wird unbeschadet des Vielen, was 
bei Einführung dieser Gruppen noch hat ungeklärt gelassen werden 
müssen, kaum erwartet werden. Dagegen wird man der zweiten Gruppe, 
die wir oben vorläufig als die der Würdigkeiten bezeichnet haben, eine 
sehr enge und natürliche Beziehung zu dem, was man unter dem 
Namen des Wertes als Bedeutung dieses Namens ins Auge zu fassen , 
pflegt, nicht wohl absprechen können. Nicht als ob diese „Verdientheit", 
auf die wir oben bereits geführt wurden, etwa selbst der Wert wäre; 
eher könnte man in ihr eine Bestimmung vermuten, die sich nur dort 
anbringen läßt, wo Wert vorliegt. Andererseits hat man, was oben gele- 
gentlich schon berührt wurde, auch gar nicht den Eindruck, als ob, 
was das Wesentliche der zweiten Gruppe ausmachen mag, mit dem, 
was den persönlichen Wert charakterisiert, unvereinbar sein müßte, da 
es vielmehr einen ganz guten Sinn zu haben scheint, von einem Ob- 
jekte zu behaupten oder zu bestreiten, daß es verdiene, für ein Objekt 
persönlichen Wertes zu gelten.[^ So ist es in der Tat nichts weniger 
als ausgemacht, daß bei der vorzunehmenden Wesensbestimmung des 



1 Vgl. F. V. Wies er, Ȇber d. Urspr. u. d. Hauptges. d. wirtschaftl. Wer- 
tes* S. 18 f. 



12 



1. Vornntersuchungen. 



Wertes auf die zweite Gruppe in keiner Weise möchte Bedacht zu 
nehmen sein. Es wäre aber, soviel ich sehe, eine nicht unerhebliche 
Erschwerung solchen Beginnens, wollten wir dabei von Anfang an die 
zweite mit der vierten Gruppe in gleichem Maße berücksichtigen. Aus 
diesem an sich ganz äußerlichen, weil bloß behandlungstechnischen 
Grunde soll die auf die Wesensbestimmung gerichtete Untersuchung im 
folgenden zunächst ausschließlich dem persönlichen Werte gewidmet 
sein. Dem Bedürfnisse der Kürze entspricht es und hält sich zugleich 
in Konformität mit dem Herkommen, wenn dabei statt des genaueren 
Ausdruckes „persönlicher Wert« das Wort „Wert« kurzweg in Anwen- 
dung genommen wird. 

Indem sonach Wert in diesem einigermaßen engeren Sinne der 
Gegenstand nächster theoretischer Bearbeitung wird, kann nicht ver- 
kannt werden, daß in der oben hervorgehobenen Beziehung auf die 
Person eines Wertsubjektes höchstens eines der diesen Wert konsti- 
tuierenden Momente aufgewiesen ist, im übrigen aber die Gegenstands- 
beschreibung^ oder Wesensbestimmung noch aussteht, auf die unser 
Absehen zuvörderst gerichtet sein muß. Indem wir also versuchen, das 
Fehlende zu ergänzen, begegnen wir Bemühungen, wie sie schon dem 
vorwissenschaftlichen Nachdenken nicht fremd sind. Natürlich empfiehlt 
es sich für alle Theorie, die Fühlung mit der Betrachtungsweise des 
täglichen Lebens nicht ohne Not, also nicht vor sorgsamer Prüfung auf- 
zugeben. Es soll daher im folgenden vor allem versucht werden, mit 
einigen Auffassungen der Natur des Wertes in Fühlung zu treten, die, 
der Betrachtungsweise des täglichen Lebens mehr oder minder nahe- 
stehend, auch dort, wo die Wertfragen zuerst einer eingehenderen theore- 
tischen Untersuchung unterzogen worden sind, in der Nationalökonomie, 
herrschend waren und sich auch heute noch vielfachen Anklanges erfreuen. 

§ 2. Wert und Bedürfnis. 

Man wird kaum fehlgehen, wenn man behauptet, daß, seit die 
Beziehung des Wertes zur „Person^*, also die wesentlich „persönliche" 
Natur des Wertes sich der Beachtung aufgedrängt hat, kein Gedanke 
bereitwilliger zur Beschreibung und wohl auch Erklärung der Werttat- 
sachen herangezogen worden ist als der des Bedürfnisses. Daß nichts 
Wert hat, sofern es nicht der Befriedigung eines Bedürfnisses dient, 
und daß so der Wert nicht wohl besser charakterisiert werden kann, 
als durch seinen Zusammenhang mit unseren Bedürfnissen, das scheint 
nicht nur eine ganz selbstverständliche Sache, sondern man hat sich 
durch diesen Hinweis auf die Bedürfnisse wohl auch immer in besonders 
exakter oder doch in beruhigend „positiver", von weit- oder tatsachen- 
freraden Neben-, Unter- oder wohl gar Hintergedanken besonders sicherer 
Weise belehrt gefühlt. Ohne Zweifel geht dieses gute Zutrauen zum 
allergrößten Teile auf die Vormeinung zurück, in dieser Weise den Wert, 
der auf den ersten ^lick doch nicht eben wenig von der eigentümlichen 



Vgl. ,Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeif, S. 51. 



§ 2. Wert und Bedürfnis. 



13 



Ungreifbarkeit psychischer Erlebnisse an sich zu haben scheint, doch 
glücklich noch auf das Gebiet des so beruhigend greifbaren Körperlichen 
hinübergerettet und ihn so jener ,, naturwissenschaftlichen" Betrachtungs- 
weise zugeführt zu haben, von der auch heute noch wissenschaftlich 
ganz gebildete Menschen im stillen meinen, daß sie sich um keinen 
Preis auf etwas Außerphysisches, das heißt eben auf Psychisches ein- 
lassen dürfe. Unter solchen Umständen ist hier vor allem zu fragen 
unerläßlich, inwieweit es mit der physischen Natur des Bedürfnisses 
denn eigentlich seine Richtigkeit habe. 

Der Nachweis dafür scheint fürs erste leicht zu erbringen. Es ist 
ja nichts alltäglicher, als von leiblichen Bedürfnissen zu reden, die man 
dem Tiere ebenso gut zuschreibt wie dem Menschen. Dann sagt man 
aber auch noch ebenso natürlich von den Pflanzen, sie brauchen oder 
bedürfen Licht, Luft und so fort; und am Ende ist das Anwendungs- 
gebiet unseres Wortes nicht einmal durch die Grenzen organischen Lebens 
eingeschränkt. Ein Elektromotor ,, bedarf" eines Stromes von dieser 
Stärke und jener Spannung, ein Straßenbahnwagen eines Motors von 
so und soviel Pferdekräften; ein zu lange ununterbrochen benutztes 
Leclanchö-Element ,, bedarf" der Ruhe so gut wie ein zu stark ausge- 
nützter Ackergrund; ein schadhaftes Gerät „bedarf" der Ausbesserung 
und so fort. Überdies scheint es nun aber auch leicht, den Gesichts- 
punkt anzugeben, der für diese so außerordentlich weite Anwendung 
des Wortes ,, Bedürfnis" als entscheidend angesehen werden kann und 
der einen Rekurs auf Psychisches in keiner Weise verlangt. Ein ver- 
fallendes Haus ,, bedarf" der Reparaturen, weil es ohne diese zugrunde 
ginge: es ,, bedarf" eben dessen, was zu seiner Erhaltung nötig ist. Noch 
deutlicher wird dies auf dem Gebiete organischen Lebens; und hier 
tritt eventuell noch das Moment der Arterhaltung hinzu, der man dann das 
auch über die Organismen hinaus für das Bedürfnis Maßgebende als 
Selbsterhaltung gegenüberstellt. So ist es denn in der Tat der Zusammen- 
hang mit Selbst- und Arterhaltung, durch den man die Tatsache des 
Bedürfnisses ausreichend charakterisieren zu können meint: er bietet 
demgemäß auch gar keinen Anlaß, über das wohlvertraute Gebiet des 
Physischen hinauszugehen. 

Stellt man sich hier nicht etwa auf den stets in gewissem Sinne 
unangreifbaren Standpunkt eines „sie volo" auf Grund der Definitions- 
freiheit, so muß man einer solchen Auffassung schon die Tatsache ent- 
gegenhalten, daß man, natürliche Redeweise vorausgesetzt, das Wort 
,, Bedürfnis" kaum auf jeden Fall von Erhaltung wird anwenden wollen: 
vom Bedürfnisse eines Karzinoms nach Nahrungszufuhr oder eines Hoch- 
wassers nach dem Bruch eines Schutzdammes wird doch nicht gut zu 
reden sein, woraus zu schließen ist, daß die Selbsterhaltung nur unter 
gewissen Vorbehalten^ mit der Tatsache des Bedürfnisses in engem 
Konnex steht. An einem solchen Vorbehalte scheint es aber auch im 
Bereiche der menschlichen Bedürfnisse keineswegs zu fehlen. Oder wird 



1 Auf die Natur dieses Vorbehaltes kommen wir unten S. 16 zurück. 



u 



I. Voran ter^chungen. 



§ 2. Wert und Bedürfnis. 



15 



\ 



dem wirklich Lebensmüden ein Bedürfnis nach dem zuzusprechen sem, 
was sein Leben erhält? Oder kann mau die Bedürfnisse eines physisch 
oder psychisch Kranken, der die Mängel seiner Veranlagung gut genug 
kennt um sie durchaus nicht an künftige Generationen vererben zu 
wollen unter dem Gesichtspunkte der Arterhaltung verstehen wollen ? [ ] 
Es kann also keineswegs alles, was der Selbst- und Arterhaltung dient, 
zwanglos unter den Gesichtspunkt des Bedürfnisses gebracht werden. 
Steht aber umgekehrt wenigstens jedes Bedürfnis mit Selbst- oder 
Arterhaltung in ausreichend enger Verbindung ? Gesetzt, die Verbindung 
bestünde, so wäre das für eine darauf bezogene Bedürfnisdefinition noch 
keineswegs beweisend: auch Erkenntnis ist nicht „Anpassung der Gedanken 
an die Tatsachen' S obwohl diese Anpassung mit der Erkenntnis meist 
mitgegeben ist. Aber in unserem Falle ist das Bestehen der Verbindung 
nichts weniger als selbstverständlich. Wer friert oder hungrig ist, hat 
sicher ein Bedürfnis nach Wärme und Speise, der müde Wanderer em 
Bedürfnis nach einem Ruheplatz und so fort. Aber dies alles offenbar 
lange bevor sein Leben dabei auch nur im entferntesten bedroht ist. 
Und beim Anerkennungsbedürfnis des Eitlen oder Ehrgeizigen scheinen 
einigermaßen vitale Momente überhaupt nicht leicht in Frage kommen 
zu können. Man beruft sich hier freilich leicht und gern darauf, daß 
Freude von Natur lebensfördernd, Leid lebenshemmend sei, und wird 
hiemit innerhalb angemessener Grenzen auch etwas recht Wahrschein- 
liches herangezogen^ haben. Aber dieser Bedeutung von Lust und Unlust 
sind wir beim heutigen Stande unseres psychologischen Wissens um 
vieles weniger sicher als jener Bedürfnistatsachen, die man auf sie 
zurückzuführen versucht. Jene Bedürfnisse sind also als solche doch 
wohl schon erkennbar ohne Hilfe dieser Hypothese: und der Frierende 
wird sicher auch dann ein Bedürfnis nach dem warmen Zimmer haben, 
wenn ihm nachgewiesen werden könnte, daß das Frieren der Selbst- 
und Arterhaltung im allgemeinen oder in diesem besonderen Falle nicht 

das Geringste abträgt. . .^ i 

Es könnte leicht sein, daß, sobald der eben aufgewiesene Mangel 
an der vorausgesetzten Koinzidenz zugegeben werden muß, damit auch 
das Hauptinteresse an der Bedürfnisdefinition des Wertes geschwunden 
ist. Dieses Interesse wurzelt ja nicht zum geringsten Teile in der Hoff- 
nung mit Hilfe der in Rede stehenden Definition den Wert von jeder 
etwa' zu besorgenden Beziehung zur Psychologie loszulösen, zugleich 
aber doch dem Kompetenzgebiete biologischer Betrachtungsweise zu 
sichern, der das oben konstatierte anscheinende Hinausreichen des Wertes 
über das Organische schwerlich nennenswerte Schwierigkeiten zu bereiten 
imstande wäre. Inzwischen überhebt uns dieser Fehlschlag doch in keiner 
Weise der Aufgabe, das Verhältnis zwischen Wert und Bedürfms dadurch 
zu klären, daß wir in das Wesen des Bedürfnisses einen positiven Ein- 
blick zu gewinnen versuchen. 

T^n Überschätzung des biologischen Momentes in der Werttheorie 
vffl jetzt übrigens R. Müller-FreLenf eis .Grundzüge einer neuen Wertlehre 
in den .Annalen der PhUosophie", Bd. I, 1919, S. 358 ff. 



Es wird kaum jemanden geben, der sich die Frage nach diesem 
Wesen vorlegt, ohne sofort auf den Umstand aufmerksam zu werden, 
daß jedes solche Erlebnis ein Gerichtetsein auf etwas, auf ein Objekt 
aufweist, und zwar auf eines, das nicht existiert. Zwar spricht man 
ein Bedürfnis nach Kleidung oder Obdach auch dem zu, der Kleidung 
und Wohnung hat; das wäre natürlich ebenfalls ein Bedürfnis nach etwas, 
aber nach etwas, das existiert: man nennt das wohl ein „befriedigtes" 
Bedürfnis. Aber hier merkt man sofort, daß es sich bei dem Attribut „befrie- 
digt"^ um eine jener Scheindeterminationen handelt, von denen bereits 
B. Bolzano gezeigt hat\ daß sie das angeblich bloß näher Bestimmte 
in Wahrheit abändern: ein befriedigtes Bedürfnis ist streng genommen 
nicht mehr Bedürfnis, als etwa ein ausgebranntes Feuer ein Feuer ist. 
Man kann also ganz allgemein sagen: Ein Bedürfnis ist stets auf ein 
Nichtexistierendes als auf sein Objekt gerichtet. 

Die Gegenständlichkeit, die sonach allem Bedürfnis konstitutiv 
ist, legt die Vermutung nahe, beim Bedürfnis werde man es mit einem 
psychischen Erlebnis zu tun haben, da bei einem solchen die Gegen- 
ständlichkeit ja eine so wesentliche Rolle spielt. Ganz zwingend ist eine 
derartige Erwägung nicht: was auf etwas, also auf einen Gegenstand 
gerichtet ist, braucht nicht geradezu ein Erlebnis zu sein, wie schon 
jeder Fall von Bewegung in eigentlichem, uuübertragenem Sinne, z. B. 
die Bewegung des fallenden Steines beweist, die auf den Erdmittel- 
punkt gerichtet ist. Für das Bedürfnis aber bewährt sich, vorerst von 
einigen anscheinenden Gegeninstanzeu abgesehen, auf die wir unten^ 
zurückkommen, die Vermutung: jedem Bedürfnis ist ein Erlebnis wesent- ] 
lieh, das man deshalb ganz wohl das Bedürfniserlebnis nennen kann. 1 
Das Erlebnis ist allemal ein Unlustgefühl, das Wort im weiten Sinne 
verstanden, wie er in der Psychologie gebräuchlich ist. Denn vom 
Bedürfuisobjekt, das übrigens sehr verschieden beschaffen sein kann, 
gilt ohne Ausnahme, daß unter der Nichtexistenz desselben das bedürftige 
Subjekt in irgend einer Weise leidet. Dabei kann das Verhältnis dieses 
Leidens zu jener Abwesenheit zwei Gestalten annehmen. Wer seine 
Umgebung an seiner Lebensarbeit teilnahmslos, wohl gar übelwillig 
vorübergehen sieht, der hat ein Bedürfnis nach Verständnis und gutem 
Willen: er weiß, daß beides fehlt und an dieses Wissen knüpft sich 
sein Leid. Aber auch der Kranke, der in einer feuchten, finsteren 
Kammer vergebens auf Genesung wartet, hat Bedürfnis nach Licht und 
Luft, selbst wenn er den Mangel daran nicht direkt als Übel verspürt, 
und wenn er auch nicht weiß, daß die Beseitigung des Mangels eine 
Bedingung seiner Genesung ausmacht. Man sieht, daß von diesen beiden 
Fällen nur der erste ganz, der zweite hingegen bloß sozusagen seinem 
zweiten Teile, dem Leiden nach in den Bereich des Erlebbaren fällt. 
Mit Rücksicht hierauf kann man passend von vollständig erlebten gegen- ' 
über unvollständig erlebten Bedürfnissen reden. \ 



1 Wissenschaftslehre. 

2 Vgl. S. 17. 



«s 



16 



I. Vonmtersnchnngen. 



§ 2. Wert und Bedürfnis. 



17 



Im FaUe des Wissens um den Mangel liegt es nahe, das Man- 
gelnde herbeizuwünschen, zu begehren, zu erstreben: man hat deshalb 
auch das Begehren, wohl gar speziell das Wollen für allem Bedürfnis 
wesentlich gehalten, sogar das Bedürfnis selbst als Wünschen respeküve 
Wollen definiert.' Letzteres dürfte schon sprachlich nicht angehen, 
sollte selbst das Wollen dem Bedürfnisse wesentlich sein, so ist dieses 
doch nicht selbst ein Wollen, sondern die Tatsache, daß etwa ein Objekt 
mangelt, das daraufhin begehrt wird oder dergleichen.^ Aber ich =!weitte 
daß man auch nur das Vorhandensein eines Begehrens für )eden Fall 
selbst eines ganz oder vollständig erlebten Bedürfnisses anders als ex 
deflnitione in Anspruch nehmen könnte und daß die oben an zweiter 
Stelle erwähnten Fälle sozusagen teilweisen Erlebens wieder anders als 
ex deflnitione aus dem Bereiche des Bedürfnisses auszuschließen waren. 
Eine hiezu geeignete Definition aber zu dekretieren,» damit wäre unserer 
Einsicht in die Einschlägigen Tatsachen kaum in irgend einer Hinsicht 
wirklich gedient.* Dagegen möchte es, wenigstens für unsere gegen- 
wärtigen Zwecke ausreichen, den Tatbestand des Bedürfnisses soweit 
es erlebbar ist. durch den Hinweis darauf zu charakterisieren daß mi 
ein solches nach dem haben, was uns abgeht, wenn es nicht da ist 
In diese Kennzeichnung ist nicht nur neben dem .effektiven auch das 
„latente«,' sondern sogar neben dem unbefriedigten auch das befriedigte 

Bedürfnis einbezogen. . r, . • „„-„., Vr- 

Weil aber dieses „Abgehen" eben stets eine Sache inneren Er- 
lebens bleibt, die sich nie ohne Künstlichkeiten, oft aber auch wie wir 
oben gesehen haben, überhaupt nicht durch Hinweis auf Selbst- oder 
Arterhaltung ersetzen läßt, so ergibt sich auch bereits aus dieser bei- 
läufigen Charakteristik des Bedürfnisses, daß, sofern diese Charakteristik 
durch eine sozusagen erlebnisfreie nicht zu ersetzen ist, auch nicht von 
anderen als erlebbaren Bedürfnissen geredet werden kann. Was wir an 
sprachlichen Gegeninstanzen vorgefunden haben, wird dann auch dem 
Verständnis keine erheblichen Schwierigkeiten bereiten. Die Bedurfnisse 
der Tiere vor allem stehen der obigen Bestimmung überhaupt nicht 
als QegenfäUe gegenüber: unser so außerordentlich unvollkommenes 
tierpsychologisches Wissen bietet mindestens, soviel ich sehe, keinen 
Grund, die Tiere in dieser Sache prinzipiell anders zu behandeki als 
. die Menschen. Auch den Pflanzen in einer irgendwie ähnlichen Weise 
Bedürfnisse zuzutrauen, wird man heute um so weniger von der Hand 



1 n ifrans Das Bedürfnis'. Leipzig 1894, S. 7, 48. . „ , 

'2 BkSht: was Vielleicht im Hinblick auf die nnten zn treffenden 
^Bestimmungen nicht ohne Interesse ist nnd daher hier vorgreifend berührt sei, 

^^^'^'fy^r^ifvlrsncht zn zeigen, ,daß der Nationalökonom nicht minder 
als der Psychologe nnter Bedürfnis^ nichts anderes verstehen dart und kann 

^' ^ ^4- Ganz^' abgesehen von seltsamen kasuistischen Konsequenzen wie der, 
daß daraufhin den .Säuglingen« Bedürfnisse bedingungsweise (a. a. 0. S. 17), 
den Tieren ohne Vorbehalt (S. 19 ff) abgesprochen werden. 
5 Vgl. Kraus, a. a. 0. S. 16. 



weisen können, je größer die Zahl der Tatsachen wird, durch deren 
Aufdeckung die botanische Forschung der letzten Jahre trotz weitest- 
gehender Zurückhaltung den Ahnungen Fechners unerwartet exakte 
Stützen beigebracht hat. Außerdem stehen aber auch demjenigen, der 
dem Pflauzenleben eine psychische Seite zuzutrauen Bedenken tragen 
mag, immer noch zwei Wege offen, den oben bestimmten Bedürfnis- 
gedanken ins Pflanzenreich zu übertragen. Man kann, immerhin zunächst 
auf Grund physischer Analogien, den Pflanzen eine menschen- oder 
tierähnliche Innenseite andichten und, diese Fiktion weiterführend, dann 
auch von Bedürfnissen der Pflanze reden. Man kann aber auch ungenau 
das als Bedürfnis an der Pflanze bezeichnen, was genau genommen 
unser eigenes Bedürfnis an der Pflanze heißen müßte: insofern redet 
man ja wirklich auch leichter von dem, was die Zier- oder Nutzpflanze 
„braucht", als von Bedürfnissen beim Unkraut. Überdies lassen sich 
aber diese beiden Gesichtspunkte, insbesondere aber der letztere, nun 
auch auf das Leblose anwenden. Es war ja oben bereits darauf hinzu- 
weisen, wie die natürliche Wortanwendung hier nicht leicht die Sphäre 
dessen überschreitet, was mit menschlichen Bedürfnissen in ausreichend 
enger Beziehung steht. Man wird also schwerlich fehlgehen, wenn man 
im Bedürfnisse jedenfalls ein in der obigen Weise näher zu bestim- 
mendes, innerlich Erlebbares sieht, das bloß unter Umständen, wie das 
ja auch sonst oft genug begegnet, durch Übertragung eine Art schein- 
barer Gebietserweiterung in die Sphäre des Leblosen hinein erfahren hat. 
Es gilt nun nur noch festzustellen, ob der in dieser Weise geklärte 
Bedürfnisgedanke gestattet, den Wert auf ihn zurückzuführen. Auf die 
genauere Ausgestaltung einer solchen Zurückführung braucht nicht näher 
eingegangen zu werden. Insbesondere ist es entbehrlich, dabei zu ver- 
weilen, ob man die Zurückführung einfach durch die Bestimmung voll- 
zieht, Wert habe etwas, sofern es der Befriedigung eines Bedürfnisses 
dient, oder ob man zwischen Bedürfnis und Wert etwa noch den Begriff 
des Gutes einschiebt, das heißt das, was das Bedürfnis befriedigen kann, 
als Gut definiert, dem dann erst wieder unter gewissen Einschränkungen 
Wert zuerkannt wird.^ Man kann sich nämlich, soviel ich sehe, leicht 
davon überzeugen,, daß das Gebiet der Bedürfnisse schon ganz ohne 
alle Einschränkung dem Gebiete des Wertes gegenüber viel zu eng ist. 
Dies erkennt man, wenn man sich die Frage vorlegt, ob alles, worauf 
wir eventuell Wert legen, uns auch abgeht, wenn wir es nicht besitzen, 
respektive wenn es überhaupt nicht existiert. Wir werden auf diese 
Frage in werttheoretisch genauerer Formulierung noch zurückkommen ; 2 
für jetzt genüge der Hinweis auf die vielen Luxusgüter, von denen 
der letzte große Krieg so vielfach hat erfahren lassen, wie leicht man 
mit etwas gutem Willen ihrer entraten kann, ohne daß sie darum als 
wertlos zu bezeichnen wären. Daß Gewöhnung so leicht den meist in 
hohem Grade disteleologischen Effekt hat, aus Gütern dieser Art Bedürfnis- 



1 Vgl. C. Meng er, .Grundsätze der Volkswirtschaftslehre*, S. 2. 

2 Vgl. unten HI, § 2. 

Mein eng, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie. 2 



] 






VI 



18 



I. Voruntersuchungeii. 



§ 3. Wert und Nützlichkeit. 



19 



ui 



i 



gegenstände werden zu lassen, man redet da bekanntlich mcht selten 
von Verwöhnung«, kann nichts daran ändern, daß, ^e die Gewöhnung 
sich "in dieser Weise betätigt hat, Güter vorlagen, die als solche Wert- 
gegenstände, keineswegs aber zugleich Bedürfnisgegenstände waren. 
Besonders zugängliche Beispiele, für die nur das Wort „Luxus kaum 
mehr gut genug wäre, bieten Kunstgegenstände, die unbeschadet all- 
fälliger Beziehungen zu unserer obigen fünften Gruppe' ganz wohl, wie 
schon berührt, auch hinsichtlich persönlichen Wertes in Anspruch genom- 
men werden dürfen. Auf den Besitz eines Original-Böcklin würde ich sicher 
hohen Wert legen: ich erlebe aber nichts, was ich dahin deuten konnte 
daß ich ein Bedürfnis habe, das durch solchen Besitz befriedigt wurde. 
Gibt es sonach Wert ohne Bedürfnis, so mag dies die trage 
nahelegen ob nicht vielleicht auch Bedürfnis ohne Wert auftreten kann, 
und es fehlt nicht an Erfahrungen, die solches glaublich erscheinen 
lassen möchten. Man hat ja ohne Zweifel Bedürfnis nach Luft und 
Wasser- dennoch gehören unter ausreichend günstigen Umstanden so- 
wohl Luft als Wasser zu jenen , freien Gütern«, von denen rnan sagt 
daß sie keinen Wert haben. Immerhin ist hier indes die Sachlage doch 
um einiges komplizierter. Dasjenige, dem da mit Recht Wert abge- 
sprochen wird, ist ja das konkrete Quantum Luft oder Wasser, das 
eben zum Atmen oder Löschen des Durstes dient. Man kann aber auch 
nicht behaupten, daß gerade nach diesem konkreten Quantum ein Be- 
dürfnis vorliegt, so daß hier der Mangel an Wert doch wieder mit dem 
Mangel an Bedürfnis Hand in Hand geht, fis erwächst daraus nun 
freilich eine gewisse Schwierigkeit, sich genauer davon Rechenschaft zu 
geben, wonach man denn unter solchen Umständen das ja zweifellos 
vorliegende Bedürfnis habe. Man antwortet wohl einfachst: nach Luft 
überhaupt^ nach Wasser „überhaupt", womit nur dann nicht etwa 
der unvollständige Gegenstand' Luft, respektive Wasser als solcher, das 
heißt in seiner UnvoUständigkeit verstanden sein darf, da sich das 
Bedürfnis doch auf ganz konkrete Luft, respektive ganz konkretes 
Wasser bezieht und nur durch den Wechsel der konkreten Bestimmun- 
een also durch den Ersatz des einen Quantums durch ein anderes in 
^elen Hinsichten nicht betroffen ist. Nun gilt aber, näher besehen, 
das eben vom Bedürfnis Ausgeführte ganz ebenso vom Werte, was 
allerdings die namentlich von der ökonomischen Wertbetrachtung meist 
unberücksichtigt gelassene Konsequenz mit sich führt daß auch die 
freien Güter« nicht in jedem Sinne wertlos sind. In der Tat scheint 
lieh gegen die Eventualität eines Bedürfnisses nach etwas, das keinen 
Wert hat, eine ganz unmittelbare Evidenz geltend zu machen, indes 
der Möglichkeit eines Wertes ohne Bedürfnis keinerlei vorgangiges 
Bedenken im Wege steht. 



2 Andere'hiLrgehörige Beispiele bringen die .Psycho!, eth. Untere, z. 

^"'^^^aX'r fen^Begriff des nnvoUständigen Gegenstandes vgl. .Über MSglich- 
keit und Wahrscheinlichkeit' S. 181 f. 



Natürlich genügt das aber auch vollauf, eine Rückführung des 
Wertgedankens auf den Bedürfnisgedanken auszuschließen. Man könnte 
nur noch etwa versuchen, das Reduktionshindernis durch Modifikation 
des Bedürfnisgedankens zu beseitigen. Es führt ja in der Tat kein allzu 
großer Schritt vom Leid der Abwesenheit zur Freude an der Anwesen- 
heit. Faßt man den Sinn des Wortes „Bedürfnis" so weit, daß neben 
Fällen der ersteren auch Fälle der letzteren Art darunter zu subsu- 
mieren sind, dann dürfte in der Tat, wie der Fortgang dieser Unter- 
suchungen dartun wird,^ gegen das Zusammengehen von Bedürfnis uud 
Wert kaum mehr Erhebliches beizubringen sein. Nur hat dann der 
Bedürfnisgedanke sein eigentlich charakteristisches Moment, das für 
mein Sprachgefühl wenigstens von jenem „Abgehen* des Mangelnden • 
nicht zu trennen ist, ganz und gar verloren. „Bedürfnis" ist dann 
kaum mehr als ein Name für sozusagen eine andere Seite eben jenes 
Tatbestandes, den wir „Wert" nennen, — noch dazu ein Name, für 
den, wie noch zu berühren sein wird,^ etwa „Interesse" eine viel natür- 
lichere Bezeichnung abgeben dürfte. Selbstverständlich ist aber dieser 
letzte Umstand für eine Untersuchung, der es nicht um die Worte, 
sondern um die Sache zu tun ist, von geringem Belang; um so wich- 
tiger ist, daß wenn man „Bedürfnis" in dieser Weise bestimmt und 
daraufhin den Wert durch Berufung auf das „Bedürfnis" charakterisiert, 
man im wesentlichsten Punkte doch nur ein Wort durch ein anderes 
in der Hauptsache gleichbedeutendes ersetzt hätte, womit einer theore- 
tischen Erfassung der zu untersuchenden Tatsachen wenig gedient wäre. 

Belassen wir also dem Worte „Bedürfnis" seine natürliche Be- 
deutung, so mag um so nachdrücklicher der Umstand Berücksichtigung 
verlangen, daß es ja nun doch noch einen Gedanken gibt, dem jene 
Einschränkung auf die Fälle des Mangels gar nicht wesentlich ist, und 
den man denn auch wirklich mit dem Werte stets in engste Verbin- 
dung gebracht hat. Es ist der Gedanke der Nützlichkeit, dem darum 
in diesem Zusammenhange ebenfalls einige Erwägungen gewidmet sein 
müssen. 

§ 3. Wert und Nützlichkeit. 

Auf den ersten Blick läßt sich die Behauptung: „Wert hat ein 
Ding, sofern es nützlich ist" wie etwas ganz Selbstverständliches an, 
am Ende gar wie eine Tautologie. Abfälle an Papier, Holz, Eisen oder 
Stein gelten für wertlos, sobald sie zu nichts mehr nütze sind; dagegen 
ist der Kompaß dem Schiffer, das Mikroskop dem Physiologen 
oder Histologen wertvoll um des Nutzens willen, den ihm das Instru- 
ment gewährt. Die empirischen Belege sind hier also mit größter Leich- 
tigkeit beigebracht; aber man hat gar kein Bedürfnis nach ihnen, so 
selbstverständlich scheint die Sache. Um so deutlicher hatte es und 
hat es auch heute noch für jedermann den Charakter des Paradoxons, 



1 Vgl. unten III, § 2. 

2 Vgl. unten III, § 2. 



2* 






20 



I. VornntersnchTiiigen. 



§ 3. Wert und Nützlichkeit. 



21 



wenn er zum ersten iMale gewahr wird, daß Wert und Nützlichkeit 
doch sehr wohl auseinandergehen, daß insbesondere etwas sehr nütz- 
lich sein und doch allen Wertes entbehren kann. Hier hat, was bereits 
oben unter dem Gesichtspunkte des Bedürfnisses vorübergehend zu 
berühren war, seinen eigentlichen Ort: das individuelle Quantum Wasser, 
das eben meinen Durst löscht, das individuelle Quantum Luft, das, in- 
dem ich es einatme, meine Lebensfunktiouen im Flusse erhält, ist mir 
in dieser Weise sicher ganz ausnehmend nützlich, dennoch wird unter 
normalen Umständen dem einen so wenig als dem anderen auch nur 
der geringste Wert beigemessen. Auch darüber, daß Eisen nützlicher 
als Gold, Gold aber wertvoller als Eisen ist, besteht nicht leicht Un- 
sicherheit; und auch weiter ließen sich die Beispiele häufen, um deren 
willen die zuerst so plausible These vom Zusammengehen, wo nicht 
von der Identität von Wert und Nützlichkeit, mindestens solange diese 
einer näheren Bestimmung entbehrt, nun längst allgemein aufgegeben ist. 

in der Geschichte der älteren Nationalökonomie macht sich das 
Fehlschlagen einer anscheinend so natürlichen Betrachtungsweise ohne 
Zweifel als einer der Hauptfaktoren geltend, die einer viel weniger 
natürlichen Aufstellung, auf die ich im nächsten Paragraphen zurück- 
komme, zu ganz unverdientem Beifalle verhelfen haben. Inzwischen ist 
es der 'nationalökonomischen Forschung der letzten Jahrzehnte gelungen, 
dem Nützlichkeitsgedanken eine Wendung zu geben, durch die gerade 
das entfällt, um deswillen er vorher für die Charakteristik des Wertes 
unbrauchbar gemacht schien. Im Hinblick hierauf ist hier also auf das 
Verhältnis von Nützlichkeit und Wert ausdrücklich einzugehen und vor- 
erst etwas ganz Vorläufiges darüber festzulegen, was mit dem Worte 
„Nützlichkeit" eigentlich gesagt sein will. 

Aufschluß hierüber bieten tausend Erfahrungen des täglichen 
Lebens. Ein Messer nützt mir, indem ich damit schneide, ein Mikro- 
skop, indem ich damit beobachte und so fort. Faßt mau das Gemein- 
same in dem hier außerordentlich Verschiedenen zusammen, so läßt sich 
sagen: Was nützt, ist insofern Ursache, genauer Teilursache, Bedin- 
gung von etwas, das man eben den Nutzen nennt. Nützen heißt also 
soviel, als einen Nutzen realisieren helfen, — eine schon dem Wort- 
laute nach nicht viel mehr als tautologische Aufstellung. Daneben kann 
Nützen immerhin auch in einer anderen Kausation bestehen, in einem 
Verhindern nämlich, wenn das zu Verhindernde ein Schaden ist. Daß 
so in den Gedanken des Nutzens etwas wie eine Zwiespältigkeit 
hineinkommt, braucht uns im gegenwärtigen Zusammenhange nicht zu 
stören. — Daß in analoger Weise der Gedanke der Schädlichkeit auf 
das Schaden zurückzuführen, dieses aber durch Bezugnahme auf den 
Schaden zu bestimmen ist, bedarf weiter keiner Ausführung. 

Diese freilich noch sehr bescheidene Präzisierung des Nützlichkeits- 
gedankens eröffnet nun insofern einige Aussicht, ihn nun doch der 
Bestimmung des Wertes zugute kommen zu lassen, als es möglich 
ist, jene alten Paradoxien über das Auseinanderfallen oder gar die 
Gegensätzlichkeit von Nützlichkeit und Wert mit leichter Mühe zu be- 



seitigen. Fanden wir eben dasjenige nützüch, was als wie immer 
geartete Teilursache eines Nutzens auftritt oder auftreten kann, so 
braucht man nun einem solchen Nützlichen nur in dem Maße Wert 
zuzusprechen, als die Realisierung des Nutzens gerade an diesem Dmge 
und keinem anderen als an seiner Bedingung hängt. Tut man dies, so 
ist leicht zu erkennen, wie die in Rede stehenden Unzukömmlichkeiten 
entfallen. Das Wasser, das ich trinke, die Luft, die ich einatme, bringen 
mir in ihrer Weise großen, eventuell vitalen Nutzen; man könnte aber 
nicht sagen, daß dieser Nutzen gerade an ihnen hängt, derart, daß, 
wenn sie nicht da wären, auch der Nutzen nicht verwirklicht würde. 
Hätte ich das Wasser im Becher ausgeschüttet, statt getrunken, dann 
hätte ich mir eben unter gewöhnlichen Umständen ein anderes Wasser 
aus der Quelle oder dem Brunnen geschöpft, und nur wenn dies ver- 
möge Wassermangels ausgeschlossen gewesen wäre, hätte die Stillung 
meines Durstes an dem Wasser im Becher gehangen, dann aber wäre 
auch der W^ert des Wassers ein seinem Nutzen entsprechender gewesen. 
Ähnlich wird es mit Eisen und Gold stehen. Es sind ohne Zweifel sehr 
wichtige Leistungen, bei denen ich des Eisens nicht entraten kann, 
aber das kommt dem Werte dieses oder jenes Stückes Eisen wenig zu 
statten, weil, wenn mir das eine Stück abhanden kommt, leicht genug 
ein zweites an Stelle des ersten in Verwendung genommen werden 
kann. Die Leistungen des Goldes mögen dagegen an sich keinen gleich 
großen Nutzen repräsentieren wie die des Eisens, aber der Ersatz eines 
fehlenden Stückes durch ein anderes ist hier um so vieles weniger 
leicht, daß man sehr wohl begreifen kann, wie, wenn es sich um die 
Größe des von diesem Stücke abhängigen Nutzens handelt, sich das 
gegebene Gold dem gegebenen Eisen überlegen zeigt. Bestimmt sich 
also der Wert auch nicht nach dem Nutzen kurzweg, so könnte er sich 
doch ganz wohl nach einer Art Determination des Nutzens, man möchte 
vielleicht sagen dem abhängigen Nutzen,^ bestimmen. Stellt man, etwa 
nur zum Zwecke vorübergehender Verständigung, im Hinblicke hierauf 
der Nützlichkeit kurz die „abhängige« Nützlichkeit gegenüber, so kann 
man einfach sagen: Wert ist zwar nicht Nützlichkeit kurzweg, wohl aber 
diese „abhängige" Nützlichkeit. 

Darf man nun aber auch wirklich darauf rechnen, daß jeder Wert- 
fall sich dieser abgeänderten Charakteristik fügt? Man kann mit Recht 
auf eine Rose Wert legen um ihres Aussehens oder um ihres Duftes 
willen. Aber worin besteht hier eigentlich der Nutzen, den sie stiften 
und der eventuell auch von ihr abhängen kann? Das, wozu mir die 
Rose hier verhilft, ist ein Gefühl von Befriedigung, ein Lustgefühl im 
weiten psychologischen Sinne; das aber nennt niemand einen Nutzen. 
Darum sagt man auch ganz natürlich von der Rose, sie sei mir angenehm, 
nicht aber, sie sei nützlich ; und ganz im allgemeinen läßt das natürliche 

1 Es ist im Grunde natürlich kern anderer Gedanke als der, von dem 
die moderne Nationalökonomie unter dem Namen des Grenznutzens so umfassende 
Anwendung macht. Vgl. auch meine Ausführungen „über W erthaltung und Wert , 
Archiv f. systemat. Philos., 1895, Bd. I, S. 333 ff. 






22 



I. Vonintersuehungen. 



§ 3. Wert und Nützlichkeit. 



23 






Sprachgefühl über eine gewisse Gegensätzlichkeit zwischen „nützlich" 
und „angenehm" keinen Zweifel aufkommen. Dabei fällt noch nicht 
einmal alles zwanglos unter den Gesichtspunkt des Angenehmen, was 
diesem sonst darin verwandt ist, daß es sich in ähnlicher Weise wie 
dieses nicht in das Nützliche einbeziehen läßt und gleichwohl Wert haben 
kann, und noch dazu besonders hohen. Ein Kunstwerk, etwa ein Gemälde 
oder eine Skulptur, kann ja von hervorragendem Werte sein; aber zu, 
den nützlichen Dingen wird es höchstens derjenige zählen können, der 
durch Verkauf desselben zu Geld zu kommen hofft. Wem solche Gedanken 
fern liegen, der könnte das Kunstwerk immer noch eher angenehm als 
nützlich nennen, wenn das Wort „angenehm" nur sozusagen gut genug 

dazu wäre. 

Es war im obigen wiederholt vom Werte der Freundschaft die 
Rede ; wer aber könnte sagen, wozu Freundschaft oder der Freund als 
solcher nütze ist? Daß sich ein Freund sehr häufig als sehr förderlich, 
unter Umständen als unentbehrlich erweisen kann, soll darum natürlich 
nicht angezweifelt werden; sicher aber ist, daß derlei mehr oder weniger 
äußerliche Vorteile die Freundschaft nicht ausmachen und diese im 
Prinzip auf keinerlei Vorteile dieser Art rechnet. Noch leichter mögen 
solche Zufälligkeiten etwa bei einem Andenken auszuschließen sein, 
das in den meisten Fällen ganz nutzlos sein wird, aber trotzdem hohen 
Wert haben kann. Nebenbei ist vielleicht schon hier anzumerken, daß 
weder beim Freunde noch beim Andenken jenes Lustgefühl namhaft 
zu machen ist, um deswillen man auf das Augenehme wie auf das 
Schöne Wert zu legen scheint. 

Ist durch das Dargelegte der Mangel an Koinzidenz zwischen nütz- 
lich und wertvoll auch bereits erwiesen, so empfiehlt es sich doch auch, 
diesem Mangel noch etwas tiefer auf den Grund zu gehen. Er ist wohl 
am leichtesten zugänglich in der schon dem täglichen Leben geläufigen 
Gegensätzlichkeit von nützlich und angenehm. Die Rose oder vielleicht 
noch deutlicher den Rosenduft nennt man angenehm; die Werkzeuge, 
deren der Gärtner bedarf, um Rosen zu pflanzen und zu ziehen, nennt 
, man nützlich. Nützlich ist eben ganz allgemein, was sich als Ursache 
oder Bedingung eines Angenehmen erweist, etwas, das ein Mittel zum 
Angenehmen darstellt. Nun greift aber das Nützliche auch über das 
Gebiet des Angenehmen hinaus, indem es, um bei unseren obigen Bei- 
spielen zu bleiben, sich auch dem Schönen und nicht minder dem An- 
denken, ja selbst der Freundschaft gegenüber einstellen kann. Nützlich 
sind ja dem Künstler die Geräte, die sein Handwerkszeug ausmachen, 
dem Zuschauer etwa auch sein Opernglas. Nützlich ist, was dazu ver- 
hilft, ein Andenken vor schädlichen Einwirkungen oder etwa vor fremder 
Habsucht zu schützen. Nützlich ist mir am Ende auch, was einen bösen 
Schein von mir fernhält oder zu zerstören gestattet, der sonst meinen 
Freund mir entfremdet hätte. Ausschlaggebend ist hier augenscheinlich 
überall das Moment der Mittelbarkeit, das dem Nützlichen als solchem 
niemals fehlt, indes der Wert daran, wie sich gezeigt hat, keineswegs 
gebunden ist. 



Nun haben aber die Beispiele vom Andenken und vom Freunde 
im gegenwärtigen Zusammenhange noch ein besonderes Interesse, indem 
ihnen gegenüber die Frage entsteht, was da wohl beim Andenken oder 
bei der Freundschaft dieselbe Rolle spielt, wie bei jenen beiden ersten 
Beispielen das Angenehme und das Schöne. Wäre etwa der Zweck 
nicht angenehm, dann wäre, das ist ja selbstverständlich, das Mittel 
insofern auch nicht nützlich. Das Angenehme ist also unter den gegebenen 
Umständen für die Nützlichkeit konstitutiv und man darf fragen, was 
etwa beim Andenken oder bei der Freundschaft an die Stelle dieser 
konstitutiven Annehmlichkeit tritt. Soviel ich sehe, gibt es hier keinen 
anderen Bescheid als den, daß etwa die Aufbewahrungsgelegenheit im 
Falle des Andenkens nur deshalb für nützlich gelten darf, weil das 
Andenken eben von Wert ist, — und bei der Freundschaft wird es 
schwerlich anders bewandt sein. Damit ist aber gesagt, daß wir es 
hier mit Nützlichkeiten zu tun haben, die ganz direkt den Wert bereits 
zur Voraussetzung haben, so daß, hier den Wert in der Nützlichkeit 
bestehend zu finden, augenscheinlich einen vitiösen Zirkel in sich schließt. 
Subsumiert man, was kaum gewagt und später^ noch ausdrücklich zu 
rechtfertigen sein wird, auch Angenehmes, Schönes, Wahres unter 
dem Gesichtspunkt des Wertvollen, dann darf der Vorwurf des Zirkels 
auf jeden Versuch ausgedehnt werden, den Wert durch den Hinweis 
auf Nützlichkeit zu bestimmen. Daß man, wie mir entgegengehalten 
worden ist,^ die Nützlichkeit mit Hilfe des Zweckgedankens charak- 
terisieren kann, wird daran kaum etwas ändern. Das liegt an der 
noch zu berührenden^ Natur des Zweckgedankens, die ihn an den 
Wertgedanken bindet. Hier scheint nur der Umstand irreführen zu können, 
daß man etwas auch als Mittel zu einem sozusagen bloß hypothetischen 
Zwecke betrachten, insofern also die Frage, ob dieser Zweck auch Wert 
habe, in suspenso lassen kann. Aber dann hat man es eben auch nur 
mit einem sozusagen hypothetischen Nutzen zu tun, dessen Abhängigkeit 
vom Wert sich eben in diesem hypothetischen Charakter verrät. 

Zusammenfassend läßt sich also sagen: Nützlichkeit konstituiert 
und definiert den Wert nicht, einmal weil es Wertvolles gibt, das nicht 
nützlich ist, dann aber auch, weil es Nützliches gibt, das bereits den 
Wert zur unerläßlichen Voraussetzung hat, falls nicht alle Nützlichkeit 
an Wert gebunden ist. Immerhin wird man aber auf das Formale einer 
solchen Widerlegung nicht allzuviel Gewicht zu legen brauchen, sofern 
dabei am Ende doch die Definition der Nützlichkeit einen wesentlichen 
Anteil hat, diese Definition aber von arbiträrem Dafürhalten so schwer 
frei sein mag als sonst eine Definition. Ganz unabhängig dagegen von 
allfälligen Feinheiten in dieser Hinsicht bleibt die Tatsache, daß die 
Betrachtungsweise, aus der heraus etwas als nützlich qualifiziert wird, 
von der, aus der heraus man etwas wertvoll nennt, nicht wohl erheb- 



1 Vgl. nnten IV, § 7. . . ^ 

2 Vgl. W. Strich, „Das Wertproblem in der Philosophie der Gegenwart , 

Berlin 1909, S.'2ff. 

3 Vgl. nnten IV. 






24 



I. Voruntersuchungen. 



§ 4. Wert und Opfer, Kosten, respektive Arbeit. 



25 



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lieh weit abliegen kann. Sieht man also selbst ganz davon ab, daß so 
vieles wertvoll ist, das man schwer als nützlich bezeichnen kann, so 
ist, auch wenn man durch Begrififsverschiebungen „nützlich" und „wert- 
voll" sollte zu einer Art Deckung bringen können, der Einsicht in das 
Wesen der Sache nicht gedient. Selbst wenn die Nützlichkeitsdefinition 
des Wertes zu halten wäre, so hätte die Werttheorie durch sie nicht 
das Geringste gewonnen. 

§ 4. Wert und Opfer, Kosten, respektive Arbeit. 

Durchaus frei von dieser Gefahr, ins Tautologische zu geraten, 
ist ohne Zweifel ein dritter Gedanke, der hier gleichfalls schon um 
seiner Stellung in der Geschichte der ökonomischen Werttheorie willen 
nicht ungewürdigt bleiben darf, wobei indes das Hervorheben einiger 
Hauptgesichtspunkte ausreichen wird, da die Akten über ihn bereits vor 
dem Forum der Nationalökonomie ihren Abschluß gefunden haben dürften. 
In dem Maße, in dem der Nützlichkeitsgedanke seinen Dienst zu ver- 
sagen schien, hat sich immer wieder die Tendenz geltend gemacht, 
die Tatsache des Wertes damit in Zusammenhang zu bringen, daß das 
Wertvolle zur Hervorbringung, Herbeischaffuug sowie zur Erhaltung 
allerlei Opfer an Mühe und Kosten in Anspruch zu nehmen pflegt. Auf 
Erfahrungen dieser Art ist die in einer spezielleren Gestalt sozialpolitisch 
immer noch so aktuelle Ansicht aufgebaut,^ die man schematisch etwa 
in den Satz zusammendrängen mag: Der Wert eines Gegenstandes besteht 
in den auf ihn gewendeten Opfern. Wir haben diesem Satze hier eine, 
wenn auch möglichst kurze, Erwägung zu widmen, durch die die im 
weiteren eingehaltene Stellung zu dieser Auffassung hoffentlich aus- 
reichend motiviert sein wird. 

Eben weil dieser Gedanke ganz und gar nicht tautologisch ist, 
ist hier die Frage, was denn eigentlich auf ihn führen und für ihn 
sprechen mag, um vieles dringender als bei den beiden bisher abge- 
handelten werttheoretischen Grundthesen. Historisch verdient in dieser 
Hinsicht vielleicht vor allem der Umstand Beachtung, daß die Berufung 
auf die Opfer ein Mittel zu bieten schien, das Paradoxon des Aus- 
einanderfaliens von Nützlichkeit und Wert begreiflich zu machen. Das 
Paradoxon besteht, wie wir sahen, darin, daß das Nützlichere geringereu 
Wert haben kann als das minder Nützliche. Dies kann eintreten, wenn 
das minder Nützliche zugleich das Seltenere ist. Es ist ja klar, daß es 
um so schwieriger sein wird, etwas zu erwerben, je seltener es ist: 
das Mittel, derlei Schwierigkeiten zu überwinden, ist entweder, das 
betreffende Objekt durch Arbeit herzustellen oder es zu kaufen; Arbeit 
oder Kosten sind denn in der Tat auch die beiden Formen, in denen 



1 Eine neue Art theoretischer Aktualität könnte ihr, wenn die Zeichen 
nicht trügen, aus der suggestiven Kraft des Energiegedankens oder -wertes 
erwachsen. Ist alles Energie, so doch auch jedenfalls der Wert ; bei den engen 
Beziehungen zwischen Energie und Arbeit kommt solchen theoretischen Inten- 
tionen eine Arbeitsweittheorie zwar recht äußerlich, am Ende aber doch auf 
halbem Wege entgegen. 



die durch die in Rede stehende Auffassung verlangten Opfer bestehen 
können. Je seltener also etwas ist, desto mehr Opfer müssen seiner 
Herbeischaffung gebracht werden, und es entspricht dann dieser Auf- 
fassung durchaus, daß auch der Wert umso größer ist. 

Aber es scheint doch noch viel greifbarere Belege zu geben. Das 
Zusammengehen von Wert und Kosten macht sich in den Erfahrungen 
des täglichen Lebens so auffällig, daß keine einfachere und zugleich 
exaktere Weise der Wertbestimmung gefunden werden zu können scheint 
als die Preisangabe, und nicht leicht ein Zweifel daran begegnet, daß 
der höhere Preis den höheren Wert bedeutet. Und auch die Preisbildung 
selbst zeigt sich wesentlich durch die Opfer bestimmt: was mehr Arbeit 
verlangt und kostbareres, das heißt teureres Material aufweist, ist selbst 
teurer und Herabsetzung oder Steigerung dieser Opfer führt normaler- 
weise auch Herabsetzung oder Steigerung des Kaufpreises mit sich. 
Solchen Erfahrungen stellen sich dann andere zur Seite, die, obwohl 
sie Anspruch auf ähnliche Stringenz nicht mögen erheben können, ihrer 
Tendenz nach, wie es scheint, in keiner Weise zu verkennen sind. 
Wer wüßte nicht, wie anders man ein Gut zu schätzen weiß, das man 
durch eigene Arbeit und Entbehrung erworben hat, als eines, das ererbt 
oder sonst mühe- und kostenlos erworben worden ist? Darin scheint 
doch deutlich zutage zu kommen, wie den Wert einer Sache doch 
eigentlich nur derjenige richtig erfassen kann, der die Opfer sich 
gehörig zu vergegenwärtigen vermag, die sie gekostet hat. Und es gibt 
einen allerdings relativ speziellen Fall, wo der Zusammenhang des 
Wertes mit der aufgewandten Mühe dem Urteil des täglichen Lebens 
ganz geläufig ist. Es wird zwar immer seltener, daß das Kind seinen 
Eltern oder die Freundin ihrer Freundin durch der eigenen Hände 
Arbeit eine Freude zu bereiten versucht; und es wird gewiß in mehr 
alsL einer Hinsicht „vernünftig" sein, wenn dergleichen immer seltener 
wird. Aber wo ein solches Geschenk gegeben und genommen wird, 
da besteht in der Regel die ganz sichere Meinung, das Geschenk sei 
in dem Maße wertvoller, in dem es den Gebenden mehr Arbeit ge- 
kostet hat. 

Versucht man nun aber für das, was so gewissermaßen von außen 
her ziemlich gut belegt scheint, nun auch eine Art Verständnis von der 
Innenseite her zu gewinnen, so kann man sich vor allem des Eindruckes 
nicht erwehren, daß der Opfertheorie eigentlich genau das Gegenteil 
dessen zugrunde liegt, was man als das Natürliche weil in sich Ver- 
ständliche erwarten möchte. An einem Zusammenhange zwischen Wert 
und Opfern wird ja niemand zweifeln; aber jedermann denkt sich ihn 
zunächst so, daß man eventuell Opfer bringen wird für etwas, weil es 
von Wert ist, nicht aber so, daß etwas deshalb wertvoll ist oder wird, 
weil eventuell Opfer dafür gebracht wurden oder werden. Es sieht eben 
ganz so aus, als wäre der Wert den Opfern gegenüber das natürliche 
Prius, dessen Identifizierung mit den Opfern oder gar Reduktion auf 
diese dann selbstverständlich außer Betracht bleiben müßte. Vielleicht 
wäre es indes ein allzu summarisches Verfahren, sich durch diesen 






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26 



I. Voruntersuchungen. 



Eindruck sogleich entscheidend bestimmen zu lassen. Wir wollen also 
einen etwas näheren Einblick zu gewinnen versuchen. Es empfiehlt sich 
zu diesem Ende, darauf aufmerksam zu sein, daß die Opf]er zu dem- 
jenigen, dem sie im Sinne der uns beschäftigenden Auffassung Wert 
verleihen, sich in zweierlei Stellung befinden können. Entweder es 
handelt sich dabei um Opfer, die zur Herstellung, respektive Herbei- 
schaffung des fraglichen Objektes bereits haben gebracht werden müssen, 
oder um Opfer, die zur Erhaltung oder etwa im Verlustfalle zum Zwecke 
der neuerlichen Verwirklichung des Objektes erst zu bringen wären. 
Wir können die beiden Fälle als den der bereits gebrachten und den 
der erst bevorstehenden Opfer auseinander halten und jeden Fall 
besonders erwägen. 

Beginnen wir mit den vergangenen Opfern. Man hätte sich also 
etwa zu denken, daß durch Arbeit, die an einem Gegenstande ver- 
richtet wird, sich eine Art Aufspeicherung von Wert in diesem Gegen- 
stande vollzieht. Wirklich geschieht es ja zuweilen, wie oben schon 
/ erwähnt, daß uns eine Sache darum wert wird, weil wir so viel Mühe 
auf sie haben wenden müssen.^ Aber diese Analogie könnte höchstens 
dann der Hauptthese zu statten kommen, wenn diese auf die Voraus- 
setzung gebaut wäre, derjenige, der das Opfer bringt und derjenige, 
für den dadurch der Wert entsteht, müsse jedesmal eine und dieselbe 
Person sein. Daran ist aber gar nicht zu denken; denn unter dieser 
Voraussetzung dürfte ja Geschenktes, Ererbtes, Gefundenes, kurz irgend- 
wie mühelos Gewonnenes auch nicht den geringsten Wert haben, was 
der Erfahrung auf das Offenkundigste widerspricht, mag übrigens ceteris 
paribus das Erworbene gegenüber dem überkommenen Besitz in Betreff 
der ihm zuteil werdenden Schätzung auch noch so sehr im Vorteile 
sein. Und wenn insbesondere die theoretischen wie die agitatorisch 
praktischen Verfechter der Arbeitswerttheorie das Kapital immer wieder 
als vorgetane Arbeit, als „Arbeitskristall" u. dgl. in Anspruch nehmen,- 
so ist dabei sicher nicht an die Beschränkung auf ein einziges Subjekt 
gedacht. 

Sieht man daraufliin von der Einschränkung ab, die in der Vor- 
aussetzung der Identität des opfernden Subjektes mit dem Wertsubjekte 
liegen müßte, so kann man immerhin fürs erste die auf die Erzeugung 
des betreffenden Wertobjektes aufgewendete Arbeit, respektive die Her- 
stellungskosten als empirische Instanz zugunsten der vorhergehenden 
Opfer in Anspruch zu nehmen versuchen. Gleichwohl ist nichts leichter, 
als die These von den vorhergebrachten Opfern, wenn man sie sogleich 
in ihrer Allgemeinheit in Betracht zieht, ad absurdum zu führen. Ihr 
zufolge gäbe es ja streng genommen keine überfiüssige oder in diesem 
Sinne vergebliche Arbeit: auch wenn ein Träger seine Last recht oft ziel- 
los hin- und hertrüge, müßte daraus eine Wertsteigerung des Getragenen 
resultieren. Wer recht Wertvolles besitzen wollte, brauchte weiter nichts, 



1 Wieser, Ursprung und flauptgesetze, S. 104. 

2 A. a. 0. S. 113. 



§ 4. Wert und Opfer, Kosten, respektive Arbeit. 



27 



als recht teuer einzukaufen, indes die Praxis jedesmal, wo zwischen gleich 
leistungsfähigen Dingen, die gleichwohl verschieden im Preise stehen, zu 
wählen ist, unbedenklich das wohlfeilere vorzieht und diesem hiedurch den 
größeren Wert zuerkennt. Derlei mehr praktischen Konsequenzen stehen 
aber auch noch theoretische zur Seite, die besonders deutlich erkennen 
lassen, wie fern doch die Opfertheorie in der uns beschäftigenden 
Deutung bereits den lebendigen Werttatsachen steht. Nichts ist an diesen 
auch schon einer oberflächlichen Beobachtung so auffällig wie ihre 
Veränderlichkeit im Zusammenhange mit oft ganz zufälligen, das heißt 
dem Wertobjekte äußerlichen Umständen; was aber an Kosten oder 
Arbeit in einem Dinge gleichsam beschlossen liegt, das ist daran so 
unveränderlich, wie irgend sonst ein Stück seiner Vergangenheit; der 
Wert eines Dinges haftete nach der Opfertheorie diesem an als ein 
character indelebilis. Und so weit geht die Entfremdung von den Tat- 
sachen, daß der in Rede stehenden Auffassung, falls man nur die zu- 
vor erwähnte Ausschließung jedes anderen Subjektes als des an der 
Arbeit beteiligten außer Betracht läßt, geradezu das so grundlegend 
charakteristische Moment der Persönlichkeit des Wertes verlorengegangen 
wäre. Seine Vergangenheit hat ein Ding nicht mehr „für" dieses als 
für jenes Subjekt; was in diesem Sinne Wert hat, scheint ihn für 
jedermann gleich sehr haben zu müssen, mit anderen Worten: ein 
durch vergangene Opfer konstituierter Wert wäre kein persönlicher 
Wert mehr. 

Versuchen wir also, ob sich die Dinge günstiger gestalten, wenn 
wir statt der vergangenen die künftigen Opfer in Rechnung ziehen. 
Fürs erste hat man das Gefühl^ daß die Position durch den Übergang 
auf das Bevorstehende an innerer Vernünftigkeit gewinnt: denn daß 
man ceteris paribus auf dasjenige mehr Wert legen wird, das im Ver- 
lustfalle schwerer zu ersetzen wäre, das klingt ja im Grunde ganz 
plausibel. Aber sieht man etwas näher zu, so erkennt man bald genug, 
um welchen Preis dieser Schein von Vernünftigkeit erkauft ist: was 
man damit auf sich nimmt, ist ein fehlerhafter Zirkel oder vielmehr, 
es sind deren zwei. Zunächst drängt sich hier besonders deutlich ein 
Moment der Beachtung auf, dessen oben im allgemeinen bereits gedacht 
worden ist: sollte der Wert durch die unter Umständen zu gewärtigenden 
Opfer wirklich erst ausgemacht werden? Sollte die Tatsache, daß etwas 
im Verlustfalle schwer zu ersetzen wäre oder auch, daß es zu seiner 
Erhaltung erhebliche Kosten oder Arbeit erfordert, wirklich für sich 
allein einem Dinge besonderen Wert verleihen? Die Praxis urteilt jeden- 
falls anders. Niemand wird, wenn er sich eine Schreibmaschine an- 
schaffen will, ein System wählen, bei dem allfällige Reparaturen mit 
besonders großen Schwierigkeiten verbunden wären. Und niemand wird, 
wenn er zur Ausübung seines Berufes sich entweder auf ein Reitpferd 
oder auf ein Zweirad angewiesen findet, das letztere deshalb nicht 
wählen, weil es weder Futter noch Wartung braucht. Aber weiter, und 
damit kommen wir eigentlich erst auf das handgreiflichst Entscheidende : 
es gibt viele Dinge, die schwer oder gar nicht ersetzbar sind, und 



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I. Vonmtersuchnngen. 



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denen doch niemand nachfragt. Der erste, beste Grashalm auf der 
Wiese, ja ein Staubklümpchen in einer Fußbodenritze ist, ausreichend 
genau genommen, sicher das Einzige seiner Art und darum schlecht- 
hin unersetzlich; aber niemand denkt daran, diesen Dingen darum 
irgend Wert beizulegen. Man ersieht daraus, daß Seltenheit und selbst 
Unersetzlichkeit für sich allein den Wert niemals ausmachen können, 
obwohl sie ihn ohne Zweifel sehr erheblich mitbestimmen, wenn er 
anderswie bereits begründet ist. Das kommt auch in der Weise dieser 
Mitbestimmung unverkennbar zutage, sofern diese nur in Wertherab- 
setzung besteht, nämlich Herabsetzung jenes Wertes, der dem betreffenden 
Objekte im Falle seiner Einzigkeit und Unersetzbarkeit zukäme: Steigerung 
der Seltenheit und daher der all fälligen zum Ersatz führenden Opfer 
bedeutet niemals eine eigentliche Steigerung des Wertes, sondern nur den 
Übergang zu einem geringeren Grade von Wertherabsetzung. Jedenfalls 
darf man also behaupten: Kosten und Mühe, die mit der neuerlichen 
Herstellung einer Sache im VerlUvStfalle etwa verbunden sein würden, 
sind nur dann geeignet, auf den W^rt der Sache Einfluß zu nehmen, 
wenn diese Sache schon ohne Rücksicht auf die Opfer Wert hat. 
Wer also den Opfern die Fähigkeit zuspricht, den Wert zu konstituieren, 
setzt dabei bereits Wert als vorgegeben voraus, und hierin liegt der 
erste Zirkel. 

Aber noch ein zweites Mal ist in einer derartigen Konzeption 
der Wert bereits als gegeben vorausgesetzt, und zwar wahrscheinlich 
nicht nur bei Heranziehung der bevorstehenden, sondern auch bei der 
der gebrachten Opfer, nur im ersteren Falle in besonders augenfälliger 
Weise. Warum ist es uns einigermaßen verständlich, daß uns an der 
Existenz eines Dinges um so mehr liegt, je mehr Kosten und Mühe 
wir im Nichtexistenzfalle auf uns nehmen müßten? Doch wohl nur 
darum, weil Kosten und Mühe uns lästig, also eben darum, weil es 
Opfer sind.^ Ein Opfer aber ist seinem Wesen nach genau das 
Gegenteil dessen, was wir als wertvoll zu bezeichnen pflegen, das heißt, 
es hat seinem Begriffe nach Wert mit negativem Vorzeichen, insofern 
also auch Wert.- Opfer können also schon deshalb den Wert nicht 
konstituieren, weil sie selbst Wert, allerdings negativen Wert haben 
müssen, um Opfer zu sein. 

Dem durchaus negativen Ergebnisse gegenüber, das sonach die 
kritische Diskussion des Grundgedankens der Opferwerttheorie^ zutage 



/| 






^ Es ist, immerhin zunächst vom Standpunkte der Ethik und Politik, 
beachtenswert, daß diese Voraussetzung gar falsch sein kann. Zwar hätte, wer 
den Dichterworten den Satz nachbildete „Arbeit ist die größte Plage, Reichtum 
ist das höchste Gut", einer Meinung Ausdruck gegeben, die auch heute noch 
für größte poütische Parteien axiomatische Selbstverständlichkeit hat. Mit der 
„Würde der Arbeit"' aber steht ein solches Axiom in kaum zu lösendem 
TViderstreit 

2 Vgi. auch Wieser a. a. 0. S. 99 ff., 110 f. 

3 Eine mehr ins einzelne eingehende Würdigung namentlich der ökono- 
mischen Seite dieser Theorie vgl. insbesondere Wieser a. a. 0. S. 97 ff. sowie 
desselben Autors „Der natürliche Wert", S. 64 ff. 



§ 4. Wert und Opfer, Kosten, respektive Arbeit 



29 



4 



gefördert hat, erübrigt uns nur noch, einen Blick auf die Tatsachen 
zurückzuwerfen, die fürs erste eine Art günstigen Vorurteils für diese 
Theorie zu begründen geeignet schienen. Ein Punkt, die Verschieden- 
heit der Wertstellung zum Erarbeiteten und sonst durch Opfer Erwor- 
benen gegenüber der zum mühe- und kostenlos Gewonnenen, wurde 
schon berührt : der ohne Zweifel oft anzutreffende Unterschied ist doch 
viel zu unbeträchtlich, um die Opfertheorie zu stützen. Jene Hand- 
arbeiten aber, bei denen die aufgewandte Mühe den Wert entscheiden 
mag, erkennt man leicht als eine ganz eigenartige Komplikation, aus 
der sich eben darum eine Folgerung zu Gunsten der Theorie im all- 
gemeinen keineswegs ableiten läßt: was hier eigentlich Wert hat, ist 
die Zuneigung des Gebers, die sich einigermaßen nach der Mühe 
schätzen lassen mag, die sie zu überwinden imstande ist, wenn es gilt, 
den zu Beschenkenden zu erfreuen. 

Dagegen bietet der Gesichtspunkt der Seltenheit uud ihrer Be- 
deutung für den Wert sicher ein Moment von ausreichend großer All- 
gemeinheit dar; aber wir haben bereits gesehen, wie wenig sie allein 
einen Wert zu konstituieren vermöchte. Außerdem hat sie, solange man 
die vergangenen Opfer in Betracht zieht, mit der uns beschäftigenden 
Theorie überhaupt nichts zu tun: eine ganz einzige und dalier uner- 
setzliche Reliquie ist vielleicht gar kein Produkt menschlicher Arbeit, 
oder hat, man denke etwa an einen Brief, keine nennenswerte Mühe in 
Anspruch genommen. Was aber künftige Opfer anlangt, so ist an deren 
oft recht bedeutsamer Verbindung mit der Ersetzbarkeit natürlich nicht 
zu zweifeln. Es verdient aber noch nachgetragen zu werden, daß auch 
hier im stärksten und wie man darum glauben dürfte, im deutlichsten 
Falle die Verbindung mit den Opfern, die unsere Theorie nötig hat, 
wieder unterbrochen ist. Ein nicht bloß schwer, sondern schlechthin gar 
nicht zu Ersetzendes^ hat dem noch irgendwie Ersetzbaren . gegenüber 
unter gleich günstigen Umständen den höheren Wert. Wo aber wären 
die Opfer, die den Wert hier ausmachen? Weil es keinen Ersatz gibt, 
so gibt es ja auch kein Opfer, das diesem Ersatz gebracht würde : 
folgerichtig müßte solch ein Ding also wieder wertlos sein. Zu allem 
Überfluß könnte man hier auch noch mit genau entgegengesetztem 
Ergebnis argumentieren. Bedeutet Schwerersetzbarkeit die Eventualität 
großer, dem Ersätze zu bringender Opfer, so Unersetzbarkeit die Even- 
tualität unendlich großer Opfer, daher nicht etwa Nullwert, sondern 
unendlich großen Wert, was der Erfahrung nicht minder widerspricht 
als der Nullwert. Um so deutlicher verifiziert diese, was schon oben^ 
als der mehr negative, genauer der verhindernde Anteil des Momentes 
der Ersetzbarkeit am Wert gekennzeichnet worden ist. Die geringe 
Ersetzbarkeit begründet, in welchem Grade immer sie vorliegen mag, 
niemals einen Wert, und die des Ersatzes halber drohenden Opfer tun 
es sozusagen noch weniger: die für den Fall der Unersetzbarkeit auf- 



1 Man denke z.B. an Ricardo's „Seltenheiten". 

2 Vgl. S. 28. 



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30 



I. Voruntersnchungen. 



§ 5. Rückblick. Die Beziehungen zum Subjekte. 



31 



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gewiesene Antinomie läßt erkennen, daß auch der negative Anteil, sofern 
er bei der Ersetzbarkeit vom Betrage selbst den Betrag aufweist, 
wie immer er zu verstehen sein mag, jedenfalls nicht auf die Opfer 
zurückzuführen ist. 

An letzter Stelle wäre nun noch des Momentes zu gedenken, das 
unter den eingangs erwähnten Instanzen zugunsten der Opfertheorie für 
besonders greifbar gelten mochte: ich meine den Preis, dessen Zusammen- 
hang mit Mühe und Kosten so leicht darzutun ist. Aber dem liegt vor 
allem eine Verwechslung zugrunde, die dem Denken des täglichen Lebens 
zwar immer noch ganz gewöhnlich, der ökonomischen Theorie aber 
längst als Verwechslung bekannt ist: Wert (wenigstens in dem für uns 
maßgebenden Sinne des ,,persönlichen'' Wertes) ist etwas anderes als 
Preis. Hat eine Ware einen bestimmten Kaufpreis erzielt, das heißt, ist 
das Kaufgeschäft wirklich abgeschlossen worden, so beweist das durch- 
aus nicht, daß das Objekt des Geschäftes beiden Kontrahenten so viel 
wert ist wie die als Kaufpreis vereinbarte Geldsumme, sondern ganz 
im Gegenteil, daß dem Käufer die Ware, dem Verkäufer aber das Geld 
das wertvollere ist. Keiner von beiden Teilen hätte unter normalen 
Umständen den Kauf abgeschlossen, meinte er nicht, durch denselben 
gewonnen zu haben. Der Gewinn mag manchmal unbeträchtlich sein; 
um wie viel höher aber unter Umständen die Ware für den Konsumenten 
im Werte stehen kann als die dem üblichen Marktpreis entsprechende 
Geldsumme, das beweist zum Beispiel die Höhe, zu der die Lebend 
mittelpreise etwa in einer belagerten Stadt oder einem belagerten Land 
ansteigen: niemals, auch nicht im Falle größter Not, zahlt man für ein 
Brot so viel, daß dem Käufer das Geld mehr wert wäre, als das, was 
er dafür zu erhalten erwartet. — Nehmen wir nun aber selbst vorüber- 
gehend an, Preis und Wert fielen zusammen, so ist der Zusammenhang 
zwischen Preis und Opfern, soweit die Erfahrung ihn antrifft, durchaus 
nicht nur unter Voraussetzung einer Opfertheorie und unter deren Vor- 
aussetzung auch nicht wesentlich leichter verständlich als ohne diese. 
Wer insbesondere für den Verkauf produziert, wird vorbedachter Weise 
auf die Herstellung des Artikels nicht mehr aufwenden, als er herein- 
zubringen hofft, und beim Verkaufe nicht weniger verlangen, als er 
ausgelegt hat. Dennoch ist auch unter diesen besonderen Voraussetzungen 
die Werttheorie der gebrachten Opfer, die der bevorstehenden kommt 
ja hier außer Frage, noch einmal ad absurdum zu führen. Wären die 
Kosten der Wert oder ein integrierender Bestandteil desselben, dann 
wäre es einfach ausgeschlossen, daß je einmal jemand unter dem Selbst- 
kostenpreise verkautte. Daß dies nun tatsächlich vorkommt, zeigt neuer- 
lich, wie man es im Werte doch mit etwas ganz anderem zu tun 

haben muß. 

Wollen wir die Ergebnisse der im Voranstehenden niedergelegten 
Erwägungen zusammenfassen, so können wir nun einfach sagen: Die 
Opferwerttheorie erweist sich als unzureichend, mögen wir die vorher- 
gehenden oder die nachfolgenden Opfer in Betracht ziehen. Von den 
vorhergehendeh Opfern hat nur die zur Herstellung und Erhaltung 



erforderte Arbeit einigen Anschein für sich, als ob sie den Wert aus- 
machen könnte. Aber diese müßte den Wert zu etwas Starrem, Unab- 
änderlichem, Unpersönlichem machen; zudem gibt es vorhergehende 
Opfer, die für den Wert irrelevant sind. Als nachfolgende Opfer kämen 
in erster Linie diejenigen in Frage, die mit dem eventuellen Ersätze 
zusammenhängen. Aber es gibt auch nachfolgende Opfer, die den Wert 
nicht berühren, indes Seltenheit, respektive Ersetzbarkeit den Wert 
niemals konstituiert sondern nur modifiziert. 

Der hier durchgeführte Versuch, den Grundgedanken der Opfer- 
werttheorie zu widerlegen, hat sich absichtlich fast durchaus auf dem 
Gebiete der ökonomischen Tatsachen bewegt, auf dem diese Theorie 
ausschließlich aktuell war und ist. In Betreff der außerökonomischen 
Werttatsachen genügt wohl der kurze Hinweis, daß der besprochenen 
Theorie hier auch nicht das Geringste von jenem Anschein zustatten 
kommt, der dort vor näherer Erwägung für sie einnehmen mochte. 
Welchen Sinn könnte es auch haben, etwa den Wert von Liebe, Freund- 
schaft oder Ehre auf Mühe oder Kosten zu beziehen, durch die diese 
Güter erworben oder im Verlustfalle wieder zu erwerben wären? Es 
ist dies wohl einer der Fälle, an denen sich der Wert einer über das 
speziell ökonomische Wertgebiet hinausreichenden Fragestellung, wie sie 
der allgemeinen Werttheorie gemäß ist, besonders deutlich fühlbar macht, 
indem sich ihr gegenüber eine Beantwortung fast von selbst verbietet, 
die im spezielleren Gebiete des Ökonomischen ohne genauere Unter- 
suchungen doch schwer abzulehnen gewesen wäre. [^] 

§ 5» Rückblick. Die Beziehungen zum Subjekte* 

Die drei Grundansichten über das Wesen des Wertes, die wir im 
Voransteheuden einer genaueren Betrachtung mit gleich negativem Er- 
gebnisse unterzogen haben, gehören nicht in der Weise einem systematisch 
gegliederten Ganzen an, daß durch ihre Erledigung etwa ein Restgebiet 
erübrigt würde, dem der Wert daraufhin nun um so sicherer zuzuweisen 
wäre. Es wären mithin der Möglichkeit nach vielleicht noch die aller- 
verschiedeusten Gedanken übrig, die man zur Charakteristik des Wertes 
zu Hilfe zu rufen versuchen könnte. Tatsächlich aber ist, soviel mir 
bekannt, den drei besprochenen Versuchen kein vierter von annähernd 
ähnlicher Scheinbarkeit an die Seite zu stellen. Statt also etwa bloßen 
Möglichkeiten nachzugehen, empfiehlt es sich nunmehr, den Weg direkter 
Untersuchung der Werttatbestände einzuschlagen, das heißt, diese auf 
das sie als Wert kennzeichnende Moment direkt zu befragen. 

Dabei verdient ein Gesichtspunkt ausdrücklich beachtet zu werden, 
der zugleich noch einen Beitrag abgibt zu nachträglicher Kritik der drei 
eben betrachteten Beantwortungsversuche, insbesondere des letzten der- 
selben. Gesetzt, die Opfer gingen wirklich in der Weise mit den Werten 
zusammen, wie es im Vorangehenden hat in Abrede gestellt werden 
müssen, würde man sich daraufhin leicht entschließen, in den Opfern 
wirklich das Wesen dessen zu sehen, was wir beim Worte ,Wert* in 
dessen persönlicher Deutung im Auge haben? Wir würden an eine viel- 






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32 



I. Vornntersuchnngen. 



§ 5. RückbUck. Die Beziehungen zum Subjekte. 



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leicht hochbedeutsame Relation glauben, durch die Wert und Opfer an 
einander geknüpft sein könnten; daß der Wert jedoch durch die Opfer 
direkt ausgemacht werde, das würden wir uns deshalb schon nicht leicht 
zu eigen machen können, weil eines jeden Erfahrung deutlichst bezeugt, 
daß wir, wo wir uns des Wortes „Wert" bedienen, an Arbeit oder 
sonstige ' Opfer tatsächlich nicht zu denken pflegen. Ein schlechthin 
stringentes Gegenargument ist hierin freilich nicht gelegen: kein Naiver 
denkt beim Worte „Kreis" an die Gleichheit des Abstandes vom Mittel- 
punkte, er denkt an die . eigentümliche Kreisgestalt. Dennoch hat die 
Geometrie die Gestaltvorstellungen zugunsten künstlicher, dafür aber 
präziser ^ Definitionen aufgegeben und so anerkannt, daß man das, was 
man bei den betreffenden Worten tatsächlich denkt, vor dem Forum 
der Geometrie aus leicht anzugebenden Gründen nicht denken soll. Aber in 
derNotwendigkeit, das tatsächliche Denken so dem DenkensoUen^ gewisser- 
maßen zu opfern, liegt ein hoch genug anzuschlagender Mangel, um uns zu 
veranlassen, wo möglich von der Definition eines Gegenstandes fern zu 
halten, was eventuell besser der Theorie des betreffenden Gegenstandes 
vorbehalten bleibt. So hat man im speziellen Falle des Wertes kein Recht, 
den natürlichen Wertgedanken, wenn es sich vermeiden läßt, durch ge- 
dankenfremde ^Momente zu verdrängen, möchten diese übrigens auch noch 
so festhaltenswürdige Eigenschaften des Wertes ausmachen. Insbesondere 
brauchten die alten Versuche, etwa Selbst- und Arterhaltung, oder neue 
Versuche, namentlich Gesichtspunkte der Energetik für die Werttheorie 
nutzbar zu machen, der Werttheorie keineswegs verlorenzugehen, wenn 
man vorzieht, bei definitorischer Bestimmung des Wertes dem der Theorie 
vorgegebenen Wertgedanken näher zu bleiben. 

Blicken wir unter diesem Gesichtspunkte noch einmal auf die drei 
oben näher untersuchten Konzeptionen zurück, so ist durch das eben 
Dargelegte bereits gesagt, daß diejenige darunter, die günstigen Falles 
die greifbarste Belehrung über das Wesen des Wertes versprochen hätte, 
die Opfertheorie, doch zugleich die am wenigsten natürliche Bestim- 
mung zur Diskussion gestellt hat. Dagegen sind die beiden anderen, 
viel farbloseren Theorien, die, wenn man sie einigermaßen ungenau 
nimmt, nicht viel mehr besagen, als daß Wert eben Wert ist, doch auf 
alle Fälle die w^eitaus natürlicheren. Sie machen, nebeneinander gestellt, 
darauf aufmerksam, daß es sich beim Werte um einen Tatbestand 
handelt, der sich sozusagen von zwei Standpunkten aus betrachten läßt, 
in denen zugleich die zwei charakteristischen Seiten dieses Tatbestandes 
zum Vorschein kommen. Es gibt nichts und kann nichts geben, das in 
einigermaßen verständlichem Sinne nützlich heißen könnte, ohne daß 
dabei auf irgend jemand Bedacht genommen würde, dem es nützlich 
ist. Und niemand hat ein Bedürfnis oder kann eines haben, das nicht, 



1 Über Präzisionsgegenstände vgl. ,Über die Stellung der Gegenstands- 
tbeorie im System der Wissenschaften", Leipzig 1907, S. 84. 88. auch , Zeit- 
schrift für Phüosophie und philosophische Kritik% Bd. 129, S. 48fC., 15off. und 

Bd. 130, S. 1 ff. .^ o . . 

2 Vgl oben S. 3 auch „über Annahmen'* 2, S. 325 f. 



33 



wie wir gesehen haben, ein Bedürfnis nach etwas wäre. So tritt in 
Bedürfnis wie m Nützlichkeit neben dem objektiven Momente noch ein 
subjektives zutage. Näher wird im Gedanken der Nützlichkeit dem 
Objekte eine Beziehung zum Subjekte, im Gedanken des Bedürfnisses 
dem Subjekte eine Beziehung zum Objekte zugeschrieben. Daß nun auch 
im W ertgedanken nicht nur das objektive, sondern auch das subjektive 
Moment vertreten ist, steht mindestens für den persönlichen Wert außer 
Zweifel. Nicht minder deutlich ist, daß er in Betreff dessen, was ich 
eben den Standpunkt der Betrachtung genannt habe, nicht der Analogie 
des Bedürfnisses folgt, sondern der der Nützlichkeit, indem er nicht vom 
Subjekte, sondern vom Objekte prädizierbar ist. Und indem es sonach 
eine Beziehung zum Subjekt ist, vermöge deren ein Objekt, analog wie 
es bei der Nützlichkeit der Fall ist, für wertvoll gilt, so ist damit bereits 
die \ermutung nahegelegt, das für Werttatbestände eigentlich Charak- 
teristische werde nicht so sehr im Objekt als im Subjekt zu suchen sein 
Damit stimmt aufs beste die, wie es scheint, ganz unbegrenzte 
Mannigfaltigkeit möglicher Wertobjekte. Es gibt wahrscheinlich nichts 
Wirkliches^ und nichts, was wirklich sein könnte, dessen Beschaffen- 
heit ihm verwehrte, unter ausreichend günstigen Umständen ein Wert- 
objekt abzugeben. Das wird schon durch die Beziehungen gewährleistet 
in denen das Objekt zu anderen Objekten stehen oder in die es treten 
kann, vermöge deren ihm bald positiver, bald negativer, bald höherer, 
bald medrigerer Wert zukommt, was zugleich erkennen läßt, daß nicht 
nur die Beschaffenheit möglicher Wertobjekte, sondern sogar Wertgröße 
und Wertvorzeichen bei demselben ungeänderten Objekte eine mindestens 
sehr weitgehende, vielleicht vorgängig gar nicht in bestimmte Grenzen 
emzuschließende Veränderlichkeit aufweist. Damit ist natürlich die Aus- 
sicht, an samtlichen Wertobjekten ihrer absoluten Beschaffenheit nach 
einen übereinstimmenden Zug aufzufinden, der sie als Wertobjekte 
charakterisierte, so gut wie verschlossen. Es gilt sonach vom persön- 
liehen Werte, was St. Witasek treffend von der Schönheit oder eigent- 
lich allgemeiner von den „ästhetischen Eigenschaften" im gewöhnlichen 
Wortsinne dargelegt hat^: gleich diesen liegt auch jener, obwohl er • 
ohne Zweifel eine Eigenschaft an den betreffenden Objekten ausmacht 
m gewissem Sinne doch auch außerhalb dieser Objekte. Und wie die 
Ästhetik das Charakteristische, das sie in den Objekten für sich ver- 
gebens gesucht hat, in einem Subjekte, genauer in gewissen Erlebnissen 
des Subjektes aufzuzeigen bemüht ist, so wird auch die Werttheorie 
kaum fehlgehen, wenn sie zum Zwecke der Charakteristik der Wert- 
tatbestande vor allem nach einem ausreichend charakteristischen Erlebnis 
sucht. Ich will dieses Erlebnis als „Werterlebnis'' bezeichnen und 
kann dann unsere nächste Aufgabe so formulieren: es gilt, die Natur 
des Werterle bnisses oder, faUs es deren mehrere sind, was vorgängig 

nnten 11^8 5^ ^^^ Eventualität außerwirklicher, weil idealer Wertobjekte vgl. 

Vn.KnJi?""?^^^^?.'^®^ allgemeinen Ästhetik, Leipzig 1904, S. 15 ff, ~ ein 
Vorbehalt wird später zu nennen sein. ' 

M e i n o n g, Zar Grundlegung der allg. Werttheorie. q 



34 



II. Die Werterlebnisse. 






nicht abzuweisen ist, die Natur der Werterlebnisse festzustellen. Ob 
wirklich nur ein solches Werterlebnis anzutreffen ist oder deren mehrere^ 
kann natürlich nur genauere Untersuchung entscheiden. 






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IL Die Werterlebnisse- 

§ 1. Paradigmen konkreter Wertstellungnahme. 

Da es uns, wie gesagt, darum zu tun ist, dem tatsächlich in 
Anwendung stehenden Wertgedanken möglichst nahe zu bleiben, so 
empfiehlt es sich, über seine Natur dort Aufklärung zu suchen, wo uns 
der Wert in deutlichster und darum leichtest erfaßbarer Weise entgegen- 
zutreten scheint. Das wird natürlich weit eher da der Fall sein, wo 
wir den Wert in konkreter Ausgestaltung, als wo wir ihn etwa bloß 
in abstracto erfassen. Kommt es bei der Charakteristik des Wertes auf 
die Werterlebnisse an, so dürfen wir erwarten, in solchen leicht agnos- 
zierbaren Wertfällen auch die wesentlichen Werterlebnisse deutlich 
erkennbar auftreten zu finden. Als paradigmatisch dafür bietet sich 
natürlichst einer jeuer Fälle dar, wo sich jemand im Besitze eines 
Objektes befindet, dessen Wert für den Besitzer hoch genug ist, daß 
dieser über die Tatsache des vorliegenden Wertes sich in keinerlei 
Unsicherheit befindet. Das Objekt könnte etwa eine Kostbarkeit sein 
an Gold und Edelsteinen oder sonst ein „Schatz", auch wohl einer, 
wie ihn die Hausfrau vergangener Zeit in ihrem Leinenschrank zu 
sammeln und zu hüten bemüht war, oder ein Meisterwerk bildender 
Kunst, oder eines jener alten Saiteninstrumente, deren Geheimnis immer 
noch nicht ergründet scheint, deren Besitz aber dem Spieler nicht viel 
weniger bedeuten mag als dem stimmbegabten Sänger seine Stimme, 
natürlich aber auch diese Stimme selbst und noch vieles andere. Das 
einigermaßen sinnlich Wahrnehmbare sei dabei wenigstens für den 
Anfang bevorzugt, aber nur der Durchsichtigkeit der Sachlage wegen, 
indes, was aus dieser abzunehmen ist, sich dann auf die Gesamtheit 
möglicher Wertobjekte ohne weiteres übertragbar erweist. 

Versuchen wir also, uns das Charakteristische des Verhaltens 
klar zu machen, vermöge dessen etwa der Musiker auf sein altes 
Instrument „Wert legt": da wir voraussetzen wollen, daß dies, wie es 
ja keineswegs selten vorkommt, in völlig bewußter Weise geschieht, so 
handelt es sich um Feststellung von Erlebnissen, die durchaus in der 
Sphäre des durch Selbstwahrnehmen Kontrollierbaren liegen. Ob der 
Besitzer dabei ausdrücklich über den fraglichen Wert urteilt, ist von 
nebensächlichem Belang; dagegen wird er das „Wertlegen ** nicht voll- 
ziehen können, ohne an das Wertobjekt zu denken, es also seinem 
Dasein und seiner Beschaffenheit nach intellektuell zu erfassen. Dieses 
Erfassen allein aber ist jenes Wertlegen ^ jedenfalls noch nicht; kann 

1 Ich gestatte mir hier vorübergehend die Anwendung dieses offenbar 
unzureichenden Ausdnickes, an dessen Stelle sogleich nnten em leichter anzu- 
wendender treten soll. 



§ 1. Paradigmen konkreter Wertstellungnahme. 



35 



man glauben, daß, was noch hinzukommt, ebenfalls innerhalb der Sphäre 
des Intellektuellen liegt? Durchmustern wir dieses Gebiet auch noch so 
genau, wir können nichts darin antreffen, was dem Gegensatz des Wert- 
vollen zum Unwertvollen, oder auch dem des gleichviel in welchem 
Sinne Wertvollen zum Wertlosen, das heißt Wertindifferenten zur Grund- 
lage dienen könnte. Intellektuell erfaßbar freilich sind in gewisser Weise 
sicher auch diese Gegensätze sowie, cum grano salis wenigstens, am 
Ende alles. Hier aber geht die Frage dahin, ob, um Werttatbestände 
intellektuell erfassen zu können, überhaupt anderes als Intellektuelles 
nicht erlebt zu werden, respektive erlebt worden zu sein braucht, in der 
Weise etwa, wie man, um Physisches zu erfassen, eben nur die gegen- 
ständlich auf Physisches gerichteten intellektuellen Erfassungsmittel, 
zuletzt also die Empfindungen, erlebt. Daß auf die so gestellte Frage 
mit Nein geantwortet werden muß, darüber ist heute wohl nahezu alle 
Werttheorie in erfreulichster Weise einig: nicht leicht zweifelt jemand 
daran, ^ daß wir, um mit dem Werte sozusagen in Fühlung gelangen zu 
können, auch etwas Außerintellektuelles, also etwas im weitesten Sinne des 
Wortes Emotionales^ erleben müssen. Da aber das intellektuelle Erleben ■ 
dem Wertindifferenten gegenüber augenscheinlich dieselbe Stellung hat, wie , 
dem inbetreff des Wertes Charakterisierten gegenüber, so darf behauptet 
werden, daß, was dem Werte eng genug zugeordnet ist, um als Wert- 
erlebnis bezeichnet werden zu dürfen, ganz wesentlich emotionaler 
Natur sein muß. 

Darf diese emotionale Natur unbedenklich sämtlichen Werterleb- 
nissen ohne Ausnahme nachgesagt werden, so mag es ratsam sein, sich 
vorerst nur auf Fälle von der Beschaffenheit der erwähnten Paradigmen 
zu beschränken, wenn man konstatiert, daß die beim Verhalten zu diesen 
sich einstellenden Emotionen jedenfalls Gefühle sind. Wenn der Musiker 
sein Instrument nicht nur in der Weise erfaßt, wie das gleichgültigste 
Ding von der Welt, dann erlebt er eben etwas, vermöge dessen es ihm 
„wert ist", er erlebt Freude daran und Freude, welcher Determinationen 
und Komplikationen sie auch fähig sein mag, ist zuletzt eben ein Gefühl, 
das sich der Tatsache zuwendet nicht nur, daß das Instrument existiert, 
sondern speziell der Tatsache, daß es als sein Instrument existiert, daß 
es in seinem Eigentum oder etwa wenigstens in seinem Besitze ist. 
Auf den Wert seines Instrumentes mag er etwa auch noch durch den 
Gedanken bedachtnehmen, wie es wohl wäre, wenn er das Instrument 
nicht im Besitze hätte: auch auf diesen Gedanken reagiert er dann mit 



1 Eine Ausnahme macht vielleicht W. Strich („Das Wertproblem in der 
Philosophie der Gegenwart", Leipziger Dissertation, Berlin 1909, S. 27), der in 
semem, wie ich heute glaube (vgl. unten IV), ganz berechtigten Bemühen, dem 
Werte eine unsubjektive Seite abzugewinnen, den emotionalen Anteil am Gedanken 
der „Bedeutung*' zu niedrig angeschlagen haben dürfte. Über Th. Hae rings 
Bedenken („Untersuchungen zur Psychologie der Wertung'*, Arch. f. d. ges. 
Psychologie. Bd. XXVII. 1912, S. 70), vgl. unten II, § 4. 

2 In so weitem Sinne, wie das Wort etwa in meiner Abhandlung „über 
emotionale Präsentation" gebraucht ist, vgl. Sitzungsberichte der kais. Akademie 
der Wissenschaften in Wien, philos.-hist. Kl., Bd. CLXXXIII, 1917. 

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36 



II. Die Werterlebnisse. 



§ 2. Wert und Begehren. 



37 



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einem emotionalen Erlebnis, äas, wie noch zu berühren sein wird, als 
Gefühl mindestens in weiterem Wortsinne, genauer als Phantasiegefühl 
wird bezeichnet werden müssen. Ausreichend weite Wortanwendung 
vorausgesetzt, wird also auch daraus der Position, Werterlebnisse seien 
Gefühle, nicht leicht eine Einwendung erwachsen. 

Nun setzt sich aber der Wert auch dann, wenn man so sagen 
darf, in ein Erlebnis um, wenn zum Beispiel unser Musiker sein Instru- 
ment wirklich verliert, indem es etwa einer Feuersbrunst oder kriege- 
rischen Ereignissen zum Opfer fällt. Auch davon kaim der Musiker, 
wenn er sonst danach gestimmt ist, einmal rein intellektuell Kenntnis 
nehmen; dann reagiert er aber eben wieder nicht mehr unmittelbar auf 
das, was an der Sachlage zum Wert gehört. Dies tut er dagegen, sofern 
ihm der Verlust leid ist, sofern er über diesen trauert, oder wie man 
sein Gefühl sonst meint besser beschreiben zu können. Auch hier kann 
der Gedanke, das Verlorene wäre noch nicht verloren, zu Phantasie- 
gefühlen entgegengesetzten Vorzeichens führen. Das Gebiet der Gefühle 
im weitesten Sinne wird aber auch hier durch die Werterlebnisse nicht 
überschritten. Zweifelhaft könnte die Berechtigung, unter solchen Um- 
ständen von einem Werterlebnis zu reden, nur in einer, immerhin einer 
ziemlich äußerlichen Hinsicht sein, sofern wieder einmal die Unsicher- 
heit des Sprachgebrauches einige Schwierigkeit bereitet. Kann nämlich, 
das ist die Frage, der Musiker von seinem verlorenen Instrumente 
sagen, daß es für ihn Wert hat? Wäre es nicht richtiger zu sagen, 
daß das Instrument für ihn Wert hätte, wenn es eben noch vorhanden, 
respektive in seinem Besitz wäre? Man wird die im Indikativ gelegene 
Erweiterung des Wortgebrauches nicht verkennen, sie aber kaum ab- 
lehnen dürfen; von der Natur des darin getanen Schrittes wird in der 
Folge noch ausdrücklich zu handeln sein. Wird er aber zugelassen, 
dann ist auch gegen Ernstleid und Phantasiefreude als Werterlebnisse 
nichts einzuwenden. 

Ein neues und in hohem Grade beachtenswertes Moment macht 
sich nun weiter geltend, wenn etwa das Beispiel vom Saiteninstrumente 
noch einer, und zwar, wie es scheinen könnte, einer gar nicht sehr 
erheblichen Modifikation unterzogen wird.^ Gesetzt, das Instrument ist 
nicht vernichtet, sondern dem Besitzer bloß entwendet worden, so daß 
dieser mit der Eventualität rechnen kann, es wieder in die Hände zu 
bekommen. Dann wird leicht an die Stelle bloß passiven Verhaltens 
ein aktives treten: der Musiker wird das Instrument wiederzugewinnen 
wünschen, wohl gar es geradezu wiedergewinnen wollen; an Stelle 
des bloßen Fühlens ist hier ein Begehren getreten. Natürlich liegt darin 
keinerlei Hindernis, den eben erwähnten weiteren Wortgebrauch auch 
hier gelten zu lassen und auch jetzt vom Werte des Instrumentes zu 
reden. In diesem Sinne darf es dann für ziemlich selbstverständlich 
gelten, dalj ich nichts begehren kann, was keinen Wert für mich hätte.^ 






Vi" • 



1 Ein viertes zn diesem dritten Paradigma kommt unten II, § 3 zur Sprache. 

2 Vgl. „Über Annahmen^s, g. 305 ff. 



Das Begehren ist somit eine Weise, in der wir auf ein .erfaßtes Objekt 
ganz speziell seinem Werte nach reagieren; das Begehren scheint 
also durchaus die Stellung eines Werterlebnisses einzunehmen. Während 
wir es im Vorangehenden nur mit Gefühlen — oder Phantasiegefühlen — - 
als Werterlebnissen zu tun hatten, tritt hiermit eine ganz andere Klasse 
psychischer Erlebnisse^ gleichsam konkurrierend in die nämliche Posi- 
tion, und sofern wir hier darauf aus sind, in den Werterlebnissen das 
Wesentliche des Wertgedankens aufzusuchen,^ erhebt sich die Frage 
ob man sich zu diesem Ende an das Fühlen oder an das Begehren zu 
halten habe. Handelt es sich in der Tat darum, zwischen den beiden 
Erlebuisklassen eine Wahl zu treffen, so wird am besten durch den 
Versuch festzustellen sein, wie sich das eine und wie sich das andere 
Erlebnis zur Wesensbestimmung des Wertes heranziehen ließe. [«J 

§ 2. Wert und Begehren. 

Beginnen wir mit dem Begehren,2 so bietet sich als einfachste 
Eventualität die Bestimmung dar, Wert habe etwas, sofern es begehrt 
wird. Dem steht indes die Tatsache der vielen Wertobjekte entgegen, 
die zu gegebener Zeit so wenig begehrt werden, daß man nicht einmal 
an sie denkt, ohne daß darum dem betreffenden Objekte sein Wert- 
charakter in irgend einer Weise verlorengegangen wäre. Man wird 
sich also statt auf aktuelles höchstens auf potentielles Begehren berufen 
können, indem man ein Wertobjekt als solches durch die Eignung zu 
kennzeichnen versucht, unter günstigen Umständen begehrt werden zu 
können. 3 Nur darf man dieses „können« natürlich nicht etwa so weit 
verstehen, daß darunter jede auch noch so entfernte oder etwa bloß 
„logische« Möglichkeit Platz findet. Niemand wird etwas schon darum 
wertvoll nennen wollen, weil, es zu begehren, nicht gerade schon von 
vornherein ausgeschlossen ist. Gemeint ist vielmehr, was man oft, 
freilich ungenau, auch als Begehren benennt, indem man etwa vom 
Freunde sagt, er wünsche das Beste seines Freundes, obwohl er sicher 
nicht Tag ein Tag aus an den Freund und sein Wohl denkt. Deutlicher 
mag darum immerhin sein, hier statt von Begehrbarkeit von potentiel- 
lem Begehren zu reden. , 

Die sich so ergebende Position nachzuprüfen, dazu bietet die 
Natur des B egehrens insofern einen Behelf eigener Art dar, als durch 

1 Von Versuchen, diesen Klassengegensatz zu verwischen oder zu über- 
brücken, soll hier abgesehen werden. Wenn H. Münsterberg - Philosophie der 
Werte, Leipzig 1908, S. 68 — besonders weitgehend behauptet, ,.Die Lust am Reiz 
ist em btreben nach seiner Fortwirknng, das mit der Reizwahrnehmung selbst 
verschmilzt; die Unlust ein Streben nach der Beseitigung des Reizes, das eben- 
falls mit der Wahrnehmung zusammenfließt^', so ist das vor dem Forum direk- 
tester Empirie einfach falsch. Vgl übrigens auch E. Müller-Freienfels Grund- ^ 
Züge einer neuen Wertlehre", Annalen der Philosophie, Bd. 1 1919, S. 324 ff. 

2 Anregende Beiträge zur Diskussion dieser Frage bietet W. M. ürban 
„Valuation, its nature and laws", London 1909, S. 35ff. • 

3 Zur literarischen Kontroverse hierüber vgl. „Über Annahmen",2 S. 326 ff, 
übrigens auch „Für die Psychologie und gegen den Psychologismus in der aU- 
gemeinen Werttheorle'S Logos, 1912, Bd. III, S. 3 f. 



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38 



n. Die Werterlebnisse. 



§ 2. Wert und Begehren. 



39 



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sie schon dem im weiteren Sinne möglichen Auftreten des Begehrens 
ganz besonders enge Schranken gesetzt sindS diese Begehrungsschranken 
aber natürlich zugleich Wertschranken sein müssen, wenn das Wesen 
des Wertes wirklich in der wie immer verstandenen Begehrbarkeit 

gelegen ist. 

Und auf den ersten Blick könnte man vielleicht auch an die 
Koinzidenz dieser Schranken glauben: unser Begehren ist in deutlicher 
Weise auf Künftiges gerichtet, indes sich das vergangene „Perfekte" 
unserem Begehren entzieht; in gleicher Weise ist die Wertlosigkeit des 
Gewesenen und Gehabten sprichwörtlich.^ Auch die Wertlosigkeit einer 
bereits benützten Fahr- oder Eintrittskarte oder selbst eines benützten 
Streichholzes scheint die typische Unzugänglichkeit der Vergangenheit 
für den Wert zu illustrieren. Indes erkennt man zunächst die beiden 
letzten Beispiele ohne Mühe als verfehlt, was vielleicht am abgebrannten 
Streichholz besonders deutlich zutage tritt. Es ist ja gar nicht mehr 
das Streichholz, das vordem Wert hatte; es ist eben ein abgebranntes 
Streichholz und dieses hat gegenwärtig so wenig Wert wie es in der 
Vergangenheit Wert gehabt hätte. Ob ein Vergangenes als solches jetzt 
noch Wert haben könnte, wird durch das Beispiel also gar nicht berührt, 
und mit der Eintrittskarte steht es auch nicht anders: hat sich auch 
vielleicht ihr Aussehen gelegentlich der Benützung nicht geändert, so 
hat sie gleichwohl durch die Benützung eben das verloren, was vorher 
ihren Wert begründete. Nun ist aber weiter die Meinung, das „Gewesene" 
als solches könne keinen Wert haben, auch an sich zweifellos irrig: 
schon zu Beginn dieser Darlegungen^ stießen wir auf Belege vom 
Gegenteil. Ist ein Volk stolz auf seine Geschichte, freut sich der Ein- 
zelne, dies, und bedauert er, jenes erlebt oder getan zu haben, so tritt 
ja Vergangenes in augenfälligster Weise unter den Gesichtspunkt des 
positiv oder auch negativ Wertvollen. Allerdings ist nun auch dem 
Begehren die Vergangenheit keineswegs prinzipiell verschlossen : wer in 
Kriegszeiten einen Ort ohne telegraphische oder vielleicht gar ohne 
tägliche Postverbindung bewohnt, wird leicht genug in die Lage kommen 
zu wünschen, etwa der gestrige Tag, an dem diese oder jene Entschei- 
dung stattfinden sollte, möchte günstig verlaufen sein. Daß gleichwohl 
die eben beigebrachten Fälle wertvoller Vergangenheit nicht in den 
Bereich des Begehrbaren gehören, ist auf den ersten Blick deutlich und 
es entsteht so das Bedürfnis, über die wahre Natur der Begehrungs- 
schranken ins Klare zu kommen. 

Näher sind solche Schranken durch Bezugnahme auf das Ver- 
gangene keineswegs allgemein genug gekennzeichnet. Nicht nur Ver- 
gangenes, sondern auch Gegenwärtiges und Künftiges kann ich nicht 



1 Vgl. „Über emotionale Präsentation", a. a. 0., S. 96, bes. S. 164 ff. 

2 „ .^.die zeitlichen Güter können nnr Güter der Znknnft oder der 
Gegenwart sein, denn die Vergangenheit vermag mit Rücksicht auf die Vollen- 
dnngstendenz keine Rolle als Schauplatz einer Wertverwirklichung zu spielen" 
(H. Rickert, „Vom System der Werte", Logos, Bd. IV, 1913, S. 303). 

3 Vgl. oben S. 6. 



I)egehren, sofern feststeht, daß die vergangene, gegenwärtige oder auch 
künftige Existenz eben Tatsache ist. In diesem Sinne gilt der Satz: 
man kann nicht begehren, was ohnehin schon stattfindet, wie immer 
die Zeit des Stattfindens sich zu der des präsumtiven Begehrens ver- 
halten möge. 

Anders scheint es mit der Untatsächlichkeit oder, wie man oft 
lieber sagt, mit der Nichtexistenz bewandt zu sein: nichts stellt sich 
als selbstverständlicher dar, als daß man eventuell begehrt, was nicht 
ist, ja nur dem Nichtsein gegenüber scheint das Begehren am Platze 
zu' sein. Allein, so wenig ich am Dienstag wünschen kann, daß es 
Dienstan: sei, so wenig kann ich an diesem Tage wünschen, der kom- 
mende Tag möchte Sonntag sein. Kann ich wirklich, wie man zu sagen 
pflegt, den nächsten Sonntag „nicht mehr erwarten", dann darf ich 
wohl sagen, „ich wünschte, der Sonntag wäre schon nahe", aber hier 
verrät eben der Konjunktiv, daß der Indikativ und der durch ihn allein 
^auszudrückende ernstliche Wunsch nicht anzubringen wäre, indes, was 
wirklich vorliegt, nur höchstens ein Phantasiebegehren ist. Beruft man 
sich dagegen darauf, daß die für eine bestimmte Zeit als tatsächlich 
feststehende Nichtexistenz gleichsam den Impuls oder auch nur die 
Gelegenheit abgeben könne, auf die Existenz des betreifenden Objektes 
für dieselbe Zeit das Begehren zu richten, so nimmt man damit, soviel 
ich sehe, etwas nicht minder Unmögliches in Anspruch, wie das eben 
erwähnte Begehren dessen, was ohnehin Tatsache ist.* Wer dies ver- 
kennt und sich dabei auf die Erfahrung vom Gegenteil beruft, hat diese 
Erfahrung nicht genau genug zu Rate gezogen. Freilich, wer hungrig 
ist, weil es ihm an Nahrung fehlt, der begehrt zu essen, natürlich je 
«her, je lieber. Gleichwohl ist sein Begehren auf die Zukunft, und wäre 
es auch eine noch so nahe Zukunft bezogen und niemals auf die Gegen- 
wart im genauen Wortsinne, hinsichtlich deren sein Schicksal eben 

bereits erfüllt ist. 

Man mag nun freilich fragen: wenn die tatsächliche Nichtexistenz 
das Begehren ebenso verhindert wie die tatsächliche Existenz, wie 
kommt es, daß die Existenz zu einer gewissen Zeit nicht ebenso den 
motivartigen Ausgangspunkt für ein Begehren etwa hinsichtlich nächster 
Zukunft abgibt? Es ist darauf zu erwidern, daß die tatsächliche Existenz 
wirklich ebenfalls motivartig funktionieren kann, so vor allem bei 
Gegenbegehrungen: selbst im obigen Beispiel ist das Hungererlebnis 
etwas tatsächlich Existierendes und leicht mag einer begehren, es los 
zu werden. Daß aber nicht nur Gegenbegehrungen in Frage kommen, 
beweist, wer sich im Bade wohl genug fühlt, um noch länger im 
Wasser bleiben zu wollen. Allerdings kommt noch hinzu, daß im allge- 
meinen, wie es scheint, aus gegenwärtiger Existenz leichter auch auf 
Mnftige Existenz geschlossen werden kann, als aus gegenwärtiger 
Nichtexistenz auf künftige Nichtexistenz. Immerhin vollzieht sich aber 

1 über emotionale Präsentation", S. 165 f., vgl. auch W. Strich, „Das 
Wertproblem usw.", S. 36 f., übrigens auch schon Th. Lipps „Ethische Grund- 
fragen", 2. Aufl., S. 74. 



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40 



II. Die Werterlebnisse. 



§ 2. Wert und Begehren. 



41 












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auch der erstere Schluß nicht wohl ohne Unterstützung durch besondere 
ErfahruDgen über die Konstanz des da gegebenen Gegenstandes: Klei- 
düng oder Obdack mag, wer es für heute hat, nicht leicht für morgen 
begehren, indes man um das tägliche Brot, das man heute hat, in 
•Zeiten des Mangels gar wohl für morgen begehrend in Sorge sein kann. 

Kann man sonach weder begehren, was da ist, noch was nicht 
da ist, so sieht es nun freilich zunächst so aus, als ob man dann 
überhaupt nicht begehren könnte. Nun hat es sich aber als Vorurteil 
erwiesen,^ daß zwischen tatsächlichem Sein und tatsächlichem Nichtsein 
nichts Drittes anzutreffen wäre. Was inmitten liegt, ist das mögliche 
Sein und wirklich darf man behaupten, hegehrt werden könne nur das, 
was uns in ausreichend mangelhafter Bestimmtheit entgegentritt, daß 
sein Sein in den Bereich des Möglichen gehört. Über die Größe der 
erforderlichen Möglichkeit liegen noch keine Untersuchungen vor: für 
das Wünschen wird eine höhere als die Nullgienze kaum in Anspruch 
zu nehmen sein. Wie immer es damit aber auch bewandt sei, hinsichtlich 
unserer den Wert betreffenden Fragestellung läßt sich nun konstatieren, 
daß eine Beschränkung auf das Gebiet des Möglichen dem Wert in 
keiner Weise eigen ist, so wenig, daß durch eine solche Einschränkung^ 
gerade die sich als auffälligst charakterisierenden Fälle des Wertver- 
haltens ausgeschlossen wären. 

Dies wird sofort ersichtlich, wenn man auf die oben vorgeführten 
paradigmatischen W^ertstellungnahmen zurückblickt. Freut sich unser 
Musiker über sein Instrument, so tut er es, sofern es existiert; trauert 
er über dessen Verlust, so handelt es sich um das Instrument, sofern 
es, wenigstens in seinem Besitz, nicht existiert. Hier also wie dort 
liegt dem Wertverhalten eine (mindestens eine vermeintliche) Tat- 
sächlichkeit zugrunde. Nun befindet sich etwa ein armer Geiger zu 
einem Amati oder Guarneri, von dem er hört oder liest, den er sich 
auch wohl ganz ohne Bezugnahme auf ein ihm sich darbietendes kon- 
kretes Exemplar ganz im allgemeinen wünscht, sicher ebenfalls in 
einem Wertverhältnis. Aber was da von Erlebnissen vorliegt, ist sozu- 
sagen abgeblaßt genug, daß man vielleicht lieber sagen wird, der 
betreffende Amati oder auch nur „ein Amati" hätte für den Geiger 
großen Wert, indes die Wendung, „das Instrument hat für ihn Wert" 
unter diesen Umständen sich schon deutlich als erweiterte Wortanwendung 
darstellt. Dagegen hat das tatsächlich existierende Instrument Wert 
für seinen Besitzer, ohne daß zu irgend einem Vorbehalt Anlaß wäre,, 
indes das Verhältnis zum verlorenen, insofern tatsächlich nicht existie- 
renden Instrument die Konstruktion mit „hätte" zwar ebenfalls nahe 
legt, aber auch der indikativischen Wendung weniger entgegen ist,, 
sich insofern also als eine Art Mittelfall verrät. Eine Fixierung durch 
besondere Termini dürfte sich der Klarheit mancher Darlegung förderheb 
erweisen. Ich will darum dort, wo es sich um den Wert eines tat- 
sächlich Existierenden handelt, von „Aktualwert" reden im Gegen- 



VgL „Über Mögüchkeit und Wahrscheinlichkeit". Kap. II. 



satz zum „Potentialwert" eines bloß Möglichen, weil hinsichtlich 
der Tatsächlichkeit seines Seins noch Unbestimmten. Bei tatsächlich 
Nichtseiendem könnte wegen der Verwandtschaft mit dem Aktualwerte 
von einem „Quasi-Aktualwerte" geredet werden. Diese Ausdrucks- 
weise vorausgesetzt, läßt sich nun einfach sagen : Wert kann auf poten- 
tielle Begehrtheit deshalb nicht zurückgeführt werden, weil alle Aktual- 
werte und Quasi- Aktualwerte außerhalb der Begehrungsschranken stehen, 
sonach gerade die Fälle ausgeprägtester Wertsiellungnahme der in Rede 
stehenden theoretischen Auffassung Widerstand leisten. 

Nun läßt sich aber dem Gedanken der potentiellen Begehrtheit 
eine Wendung geben, die den Versuch, den Wert durch ihn zu bestimmen, 
von dem eben aufgedeckten Mangel befreit. Es hat ja einen guten Sinn, 
ein Ding begehrbar zu nennen um seiner Natur willen, ohne Rücksicht 
darauf, ob es existiert oder nicht, Sein oder Nichtsein eines Dinges 
gehört ja, einigermaßen genau genommen, nicht zu dessen Beschaffen- 
heit. Weil also ein Ding so und so beschaffen ist, deshalb kann man 
von ihm sagen, es habe die Eignung, beaiehrt zu werden, wie immer 
es mit seinem tatsächlichen Sein oder Nichtsein bewandt sein mag. 
Eine solche Begehrbarkeit in Ansehung der natürlichen Beschaffenheit 
oder Qualität, — im Bedarisfalle könnte man kürzer, obwohl nicht 
ganz deutlich sagen: die qualitative Begehrbarkeit eines Objektes — 
könnte nun mit dessen Wert zusammenfallen [% Aber man lühlt 
sich sogleich versucht, dieser verbesserten Wertdefinition etwas entgegen- 
zuhalten, was auch schon auf die imverbesserte anwendbar gewesen 
wäre. Sagt jemand in ihrem Sinne, W^ert habe etwas, weil es begehrt 
wird oder begehrt werden könnte, so spürt jeder Unbefangene die 
Unnatur einer solchen Aufstellung, die er dahin zu berichtigen das 
Bedürfnis haben wird, daß das Ding vielmehr umgekehrt deshalb begehrt 
werden könne, weil es Wert habe. Der Wert manifestiert sich hierin 
dem Begehren gegenüber seiner Natur nach als das logisch Frühere. 
Das ist ein Verhältnis, das der Gefahr, verkannt zu werden, freilich 
in besonderem Maße ausgesetzt zu sein scheint, so daß man, an der 
äußerlich ja wirklich so leicht ins Werk zu setzenden Umkehrung 
keinen Anstoß genommen und das Frühere zum Späteren gemacht hat. 
Die Gefahr, das zu verkennen, wird in unserem Falle dadurch noch 
besonders nahegelegt, daß ein auf ein Objekt gerichtetes Begehren 
diesem in der Tat leicht noch einen neuen Wert erteilen kann. Die 
Erfüllung eines Begehrens befriedigt, auch sofern das Begehrte, wenn 
es ohne Begehren einträte, unbefriedigt ließe; auch wird ein durch eine 
Weile festgehaltenes Begehren dessen Objekt leicht begehrenswerter 
erscheinen lassen. Das alles aber trägt sich erst zu, wenn bereits 
begehrt wird; für das Begehren aber kommt in Betracht, daß sein 
Eintreten an Bedingungen geknüpft ist, ähnlich, wenn ich recht sehe, 
denjenigen, an die das Auftreten eines Urteils geknüpft ist. Man kann 
nicht urteilen, wenn nicht ein zu Beurteilendes präsentiert ist, einfachst 
also, wenn nicht vorgestellt wird. Sollte das eine „logische" Forderung 
sein, so wird sich dieser wohl auch die Psychologie nicht entziehen 



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42 



n. Die Werterlebnisse. 



§ 3. Die Wertgefühle. Hanptwerterlebnisse und Nebenwerterlebnisse. 43 



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können. Und in derselben Weise bedarf das Begehren seiner gegen- 
ständlichen Voraussetzungen: so wenig der zu begehrende Gegenstand 
fehlen kann, so wenig das emotionale Motiv, das sich ungezwungen 
dahin charakterisieren läßt, daß das Objekt dem nicht gleichgültig sein 
darf, um dessen Begehren es sich handelt. Hier findet sich, soviel ich 
sehe, jede ausreichend aufmerksame Betrachtung vor ein Wertlegen 
gestellt, dessen Stellung am Anfang der Reihe durch allfällige spätere 
, Komplikationen nicht in Frage zu ziehen ist.^ 

Inzwischen zeigt sich auch die direkte Erfahrung keineswegs der 
versuchten Wertdefinition günstig, selbst wenn an der Beschränkung 
, auf die eben qualitativ genannte Begehrbarkeit festgehalten wird. Das 
«rhellt deutlichst aus der Tatsache, daß, ob und in welchem Stärke- 
grade jemand ein Objekt begehren kann, von Dispositionen dieser 
Person abhängt, die mit den Dispositionen dazu, auf den Wert des 
Objektes zu reagieren, durchaus nicht zusammengehen müssen. Schon 
an anderem Orte^ hatte ich Veranlassung, darauf hinzuweisen, wie 
wenig dauernde oder vorübergehende Passivität eines Subjektes dessen 
Wertverhältnis zu den Objekten seiner Umgebung aufhebt. Aber auch 
Erfahrungen von noch viel alltäglicherer Art verdienen hier heran- 
gezogen zu werden. 

Jedermann hat unzählise Male an sich selbst erlebt, wie weit 
8ein Begehren unter Umständen hinter seinem Wertlegen zurückbleibt. 
Ein Freund schenkt mir einen Kunstgegenstand, den ich oft neidlos 
und wunschlos in seinem Besitze gesellen habe, und das Geschenk 
freut mich: daß es in diesem Falle Wert für mich hat, wird kaum 
jemand bezweifeln. Aber der hier durch die Schenkung zu Stande 
kommende Aktualwert verdient nicht deshalb Beachtung, weil er, wie 
jeder Aktualwert die potentielle Begehrbarkeit ohne determinierenden 
Beisatz ausschließt; hiervon war ja schon oben die Rede. Dagegen 
darf man sieh aut ihn berufen als auf einen Beweis dafür, daß der 
Potentialwert auch schon vor der Schenkung nicht gefehlt haben kann. 
Gleichwohl konnte damals von qualitativer Begehrbarkeit nicht die Rede 
sein, sofern das Begehren sich auch dann nicht eingestellt hat, wenn 
etwa meine Aufmerksamkeit durch Befragen oder sonstwie ganz direkt 
auf die Eventualität eines Begehrens gerichtet worden ist. Kaim ich an 
das Objekt und wohl gar an das Begehren des Objektes denken, ohne 
zu begehren, so wird damit wohl festgestellt sein, daß dem Objekte 
die Fähigkeit fehlt, von mir begehrt zu werden ; und da das Existenz- 
moment \ier nicht in Betracht kommt, wird damit die Frage nach der 
qualitativen Begehrbarkeit für negativ beantwortet gelten müssen. 

In ähnlicher Weise weiß selbst der günstiüst Gestellte von tausend 
Dingen, die „gut und teuer", auch wohl sogar „wünschenswert" sind, 



1 Getren Th Haerin^. .,Beiträge zur Wertpsychologie, insbesondere zum 
Beffriff der^ logischen oder ErkenntniswertungN Archiv f. d. ges. Psychologie. 
Bd XXXVII, 1917, S. 51, auch A. Messer, „Psychologie". Stuttgart und Berlin 

1916, S. 30H. 

2 „Über Annahmen" ,2 S. 327 f. 



ohne daß er sie tatsächlich wünscht, wenn er ihrer gedenkt. Und es 
ist ein Glück für die Menschen, daß es nicht anders ist; sonst wäre 
der unerfüllt bleibenden Begehrungen kein Ende und damit auch des 
Unglücks, sofern jedes unerfüllt bleibende Begehren als solches ein 
Stück Unglück bedeutet.^ Wie man sieht, fehlt also in jedem dieser 
Fälle eine dem nicht fehlenden Werte entsprechende potentielle Begehrt- 
heit, ohne daß dabei ein Sein oder Nichtsein ein bereits außerhalb des 
qualitativen Momentes gelegenes Begehrungshindernis ausmachte. Der 
Wert kann also auch nicht in der qualitativen Begehrbarkeit bestehen. 
Darf man nicht darauf rechnen, den so aufgewiesenen Mangel 
durch eine weitere Modifikation der Begehrungsansicht vom Wesen des 
Wertes beseitigen zu können, so ist damit erwiesen, daß man kein 
Recht hat, die Begehrung als das Werterlebnis in Anspruch zu nehmen. ^ 
Es ist kein neues, für sich stringentes Argument, aber doch kaum ohne 
überzeugende Bedeutung, wenn man dem Gedanken, der sonach auf 
die Begehrung nicht zurückgeführt werden kann, denjenigen gegen- 
überstellt, der es cum grano salis kann. Was in diesem Sinne dem 
Kompetenzgebiete des Begehrens in natürlicher Weise zugehört, ist 
nämlich das Sollen;^ man wird aber trotz mancher Verwandtschaft nicht 
leicht glauben, daß das Begehren dem Werte gegenüber eine ähnliche 
Stellung einnehmen werde. 

§ 3. Die Wertgefühle. Hauptwerterlebnisse und Nebenwert- 
erlebnisse. 

Im Hinblick auf die oben aufgewiesenen Unzukömmlichkeiten erhebt 
sich nunmehr die Frage, ob es mit dem Gefühl in diesen Hinsichten 
besser bestellt ist. In der Tat ist uns im Falle des Daseins wie in dem 
des Nichtdaseins des Wertobjektes das Gefühl als die natürliche und 
gewissermaßen adäquate Weise entgegengetreten, zum Werte Stellung 
zu nehmen. Wo aber auf einen Wert durch Begehren reagiert wird, 
indem Dasein wie Nichtdasein im Bereich des noch Möglichen liegt, 
fehlen zwar vernünftigerweise die Voraussetzungen für ernstliches Freude- 
oder Leidgefühl; um so sicherer ist aber auf Phantasiegefühle zu 
rechnen. Daß man je etwas begehren könnte, an dem man weder 
Freude hätte, wenn es eintrifft, noch Leid, wenn es nicht eintrifft, ist 
doch nicht wohl zu glauben, und die Phantasiegefühle sind die natürlichen 
Mittel, diesen Eventualitäten in den Begehrungsmotiven Rechnung zu 
tragen."* Was also für die Begehrungen als Werterlebnisse zu sprechen 
schien, das kommt nicht minder auch den Gefühlen als Werterlebnissen 
zu statten, indes sämtliche Schwierigkeiten entfallen, die sich den Be- 
gehrungen in dieser Hinsicht entgegengestellt haben. 

Weiter bietet nun aber das obige Beispiel vom Kunstwerke des 
Freundes, das ich nicht begehre und das doch Wert für mich hat, als 

1 Nämlich ein Nichtsein von Gegenständen, deren Nichtsein Leid bereitet. 

2 Vgl. auch E. Hey de, „Grundlegung der Wertlehre", S. 107 ff. 

3 Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 163 f. u. vorher. 
* Vgl. „Über Annahmen" 2, § 56. 



44 



n. Die Werterlebnisse. 



§ 3. Die Wertgefühle. Hanptwerterlebnisse und Nebenwerterlebnisse. 45 



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Potentialwert ein Paradigma dar für eine bisher noch nicht von uns 
berücksichtigte Verhaltungsweise gegenüber Werten, den Fällen des 
Begehrens darin verwandt, daß dabei weder Dasein noch Nichtdasein 
maßgebend ist, von ihnen aber dadurch unterschieden, daß eben das 
Begehren fehlt. Kann auch da nicht daran gedacht werden, daß das 
Subjekt, sofern es überhaupt eine Wertstellung zum Objekt einnimmt, 
sich bloß intellektuell verhält, so bleibt angesichts der Erfahrung auch 
hier nur die Berufung auf Phantasiefreude respektive Phantasieleid als 
das dem Werte gegenüber charakteristische Verhalten übrig, so daß sich 
das Gefühl, wenn mau neben Ernst- auch Phantasiegefühle einbegreift, 
allenthalben als Werterlebnis bewährt. Die Analogie dessen, was uns 
beim Begehren einigermaßen vor die Wahl zwischen Begehrtwerden und 
Begehrtwerdenkönnen stellte, legt jetzt die Frage nahe, ob es sich, 
wenn die Ausdrucksweise vorübergehend gestattet ist, um aktuelles 
Befühltwerden oder nur um ein Befühltwerdenkönnen handeln wird. 
Auch diesmal wird die Entscheidung zu Gunsten des Potentiellen aus- 
fallen müssen, will man den Wert nicht an die Flüchtigkeit der Gedanken 
und Gefühle binden. Dagegen wird eine Beschränkung auf das qualitative 
Moment hier entbehrlich sein, da den Ernstgefühlen im Bedarfsfalle 
die Phantasiegefühle zu Hilfe kommen, indes in betreff der Phantasie- 
begehrungen, so wenig die Gesetzmäßigkeiten ihres Auftretens noch unter- 
sucht sind, doch schon primitivste Erfahrung außer Zweifel setzt, daß 
sie offenbar beträchtlich weniger bereitwillig zur Verfügung stehen. 
Zusammenfassend können wir also jedenfalls das Ergebnis der" 
bisher durchgeführten Untersuchungen so formulieren: Sind wir vor 
die Wahl gestellt, ob wir das Gefühl oder die Begehrung als das 
Werterlebnis betrachten wollen oder eigentlich, ob wir Gefühl oder 
Begehrung als das Werterlebnis zu betrachten haben, dann kann die 
Entscheidung nur zu Gunsten des Gefühls ausfallen. Sind wir aber vor 
die Wahl gestellt? Stehen Gefühl und Begehrung hinsichtlich ihrer 
Position zum Werte einander wirklich als Glieder einer Disjunktion 
gegenüber? Maßgebend für die Beantwortung dieser Frage kann wie 
für alles bisherige, was sich uns zur Feststellung eines natürlidien 
Wertbegriffes dargeboten hat, wieder nur sein, einmal, was wir uns 
beim Worte ,Wert* wirklich denken, dann eventuell auch das, was wir 
uns dabei denken sollen.^ Was nun aber zunächst den ersten Gesichts- 
punkt anlangt, so liegt es meinem persönlichen Sprachgefühl nach wie 
vor in der Tat recht fern, bei „Wert" an Begehren zu denken. Aber 
die Gewähr dafür, daß das bei jedermann ebenso sei, habe ich natürlich 
nicht, und die Tatsache, daß die Begehrungsansicht vom Wesen des 
Wertes doch vielfach Anklang gefunden hat, läßt das Gegenteil ver- 
muten. In betreff des zweiten Gesichtspunktes aber ist für viele Fälle 
die natürliche Zusammengehörigkeit von Fühlen uud Begehren sowie 
die Bedeutsamkeit des Begehrens doch nicht in Abrede zu stellen. Es 
sind uns ja im vorangehenden Beispiele genug dafür begegnet, wie leicht 



und natürlich sich an Gefühle, namentlich Phantasiegefühle, Begehrungen 
anschließen. Dabei betätigt sich das Begehren nicht selten als das bei 
weitem folgereichere der beiden Erlebnisse, was schon in dem Umstände 
zur Geltung kommt, daß alles Wirtschaften auf Begehren zurückgeht. 
Die enge Beziehung des Begehrens zum Werte aber zeigt sich schon 
in dem Umstände, daß die Wertgröße nicht so sehr mit dem einzelnen 
Gefühle als mit der Motivationskraft der zusammengehörigen Gefühle^ 
Hand in Hand geht, die Motivation aber, die hier in Betracht kommt, 
natürlich Sache der Begehrungen ist. In solcher Zusammengehörigkeit 
wird mit Recht ein Impuls dafür zu sehen sein, im Begriffe des Wertes 
das Begehren so wenig vom Fühlen zu trennen, als man etwa im Begriffe 
des Lebens die physische und die psychische Seite trotz ihrer hier um 
so vigles weitergehenden Verschiedenartigkeit von einander loszulösen 
pflegt. Auch wird kaum daran zu zweifeln sein, daß, wenn unter sonst 
gleichen Umständen einmal bloß Gefühl, das andere Mal Gefühl und 
Begehrung gegeben ist, im letzteren Falle, etwa bei größerer Aktivität 
des Subjektes, ein Tatbestand gesteigerten Wertes vorliegen wird. 

Tatsachen dieser Art scheinen mir heute ^ darzutun, daß die 
Position von Werterlebnissen neben den Gefühlen auch den Begehrungen 
eingeräumt werden muß. Dieser Position versucht jetzt R. Müller - 
Freienfels terminologisch Rechnung zu tragen, indem er das Wert- 
erlebnis in ganz technischer Intention mit dem außertechnisch nicht allzu 
selten (z. B. auch in den gegenwärtigen Ausführungen ganz unabhängig 
vom genannten Autor) verwendeten Terminus „Stellungnahme" belegt.^ 

Ohne Zweifel hat den Autor bei der Wahl dieses Ausdruckes die 
an sich vollberechtigte Scheu vor einseitigem Schematisieren der psycho- 
logischen Beschreibung mit bestimmt. Aber Unscharfe der Charakteristik 
wäre kein geringeres Übel*, und „Stellungnahme" gibt es, wie übrigens 
auch der Autor kaum übersieht, auch auf rein intellektuellem Gebiete, 
bei Urteil und Annahme, ohne daß durch solche Stellungnahme für sich 
allein je ein Werterlebnis ausgemacht würde. Zudem liegt im Sinne 
des Wortes „Stellungnahme" ja doch jedenfalls eine Metapher, noch 
dazu eine für Werterlebnfsse unter Umständen viel zu aktiv gefärbte, 
die zum technischen Ausdruck zu verwenden sonach denn doch schweren 
Bedenken ausgesetzt bliebe^. Man wird aber eines einheitlichen Ter- 
minus hier wohl auch ohne Schaden entraten können. 

Übrigens ist aber die Einbeziehung des Begehrens unter die Wert- 
erlebnisse nicht so zu verstehen, als ob absolute Parität der beiden 



1 Vgl. oben S. 3. 



1 Vj^l. „Über Werthaltnng und Wert", Archiv für systematische Philosophie, 
Bd. I, 1895, S. 327 ff. 

2 Im Gegensatze zu dem noch in der zweiten Auflage des Buches „Über 
Annahmen", S. 326 ff, eingenommenen Standpunkte, vgl. übrigens schon „Für 
die Psychologie und gegen den Psychologismns usw.", Logos, Bd. III, S. 4. 

3 „Grandzüge einer neuen Wertlehre", Annalen der Philosophie, Bd. I, 
1919, S. 322 ff., 328 f. u. ö. 

4 Vgl. a. a. 0., S. 327, 330. 

5 Über die von R. Müller-Freienf eis angesprochene Verdoppelung der 
„Stellungnahme", vgl. xmten II, § 10. 



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46 



II. Die Werterlebnisse. 



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Erlebnisklassen hinsichtlich ihrer Stellung zum Werte in Anspruch 
genommen werden müßte. Es ist vielmehr Tatsache, daß zwar Gefühle 
sehr wohl ohne Begehrungen Werterlebnisse ausmachen können, dagegen 
Begehrungen ohne Gefühle kaum, da Begehrungen gegenüber Gefühlen 
weitgehende, wenn nicht völlige Unselbständigkeit zeigen. Daraus darf 
geschlossen werden, daß den Gefühlen als Werterlebnissen den Begeh- 
rungen gegenüber eine gewisse Vorzugsstellung zukommt, so daß man 
die Gefühle vielleicht nicht unpassend als Hauptwerterlebnisse, die 
Begehrungeu als Nebenwerterlebnisse bezeichnen könnte. 

§ 4. Die, ••Subsumierbarkeit" unter „Wertsphären" und das 

„Innewerden" der Werte* 

In der bisherigen Untersuchung ist einfacherer Darlegung halber 
nicht darauf Bedacht genommen worden, daß dem hier als anscheinend 
natürlichst eingeschlagenen Weg, der über das Werterlebnis und dessen 
Bestimmung zum Wesen des Wertes gelangen möchte, neuerlich der 
diametral entgegengesetzte vorgezogen worden ist^, der umgekehrt vom 
Wert zum Werterlebnisse hinzuführen verspricht. Die in diesem Sinne 
orientierte theoretische Bemühung verdient umso sorgfältigere Beachtung, 
als darin zugleich der erste Versuch vorliegt, das experimentelle Ver- 
fahren auch der Werttheorie, zunächst der Wertpsychologie, zugute- 
kommen zu lassen. Das Verdienst, ein solches Verfahren inauguriert 
zu haben, kann nicht zu hoch angeschlagen werden, auch wenn man 
sich keinen Täuschungen darüber hingeben kann, daß durch ausschließ- 
liche Anwendung der an sich sicher bestens bewährten Reizwörter- 
methode doch nur ein ganz bestimmtes Tatsachengebiet, und zwar kaum 
das charakteristischeste 2 gleichsam herausgeschnitten worden ist. Es 
sind Versuche, in denen über Werte und Wertobjekte zunächst eben 
geredet wird^, und zwar zumeist in Abwesenheit der Objekte, indes das 
Verhalten zu wirklich vorliegenden Wertobjekten naturgemäß in den 
Hintergrund treten muß. Immerhin wird aber auch auf diese Weise 
Beachtenswertes erlebt, das für die Wesensbestimmung des Wertes 
willkommene Hilfen abgeben könnte. 

Dazu, entgegen unserem Verfahren, das Werterlebnis vom Werte 
her zu bestimmen, findet sich unser Autor durch den Umstand hin 
gedrängt, „daß die Schwierigkeit, die der Definition des Begriffes der 
Wertung anhaftet, bei dem Begriff des Wertes nicht vorliegt. Deshalb 
besteht der Ausweg, erstere mit Hilfe des letzteren vorläufig zu definieren. 
Dies geschieht durch die einfache und doch wichtige Bestimmung, daß 
nur ein solcher psychischer Vorgang (aber auch jeder solche) als wirk- 
licher und genuiner Wertungsvorgang zu gelten hat, der einen Wert 



1 Th. Haering, „Untersuchungen zur P vchologie der Wertung-^ Archiv 
t d. ges. Psychologie, Bd. XXVI f., 1911 f. auch besonders. Leipzig 191*2, — 
»Beiträife zur Wertpsychologie, insbesondere zum Be^'riff der logischen oder 
Erkenntnis Wertung", Archiv f. d. ges. Psychol., Bd. XXXVIL 1917. 

2 Vgl. übrigens des Autors eigene Bemerkung in „Beiträge'' a. a. 0.. S. 49 f. 

3 Vgl. , Untersuchungen usw.", S. 81 ff. der Sonderausgabe. 



§ 4. Die „Subsumierbarkeit" xmter „Wertsphären" und das „Innewerden" 47 

der Werte. 

wirklich konstituiert, das heißt auf Grund dessen ein Wert wirklich für 
das jeweilige Bewußtsein des Wertenden zustande kommt* ^ 

Näher wird nun der Wert bestimmt, „als ein reales Verhältnis 
eines undifferenzierten Etwas zu einer bestimmten Disposition, beziehungs- 
weise »Tendenz«-, auch wohl zu „Charakteren, Einstellungen, . . . Zielen^ 
Wertsphären* 3. Der „Werttatbestand" ist der „Tatbestand der Subsumier- 
barkeit (Zugehörigkeit )"*. „Psychologisch, jedenfalls psychologisch- 
genetisch, schließt jede Wertung eine Tendenz ein und ist ohne deren 
Vorhandensein nicht denkbar; ebenso aber ist eine Tendenz .... ohne 
Ziel, das ist ohne »Wert« nicht denkbar"^. Dem gegenüber ist das 
Werterlebnis oder die „Wertung", „Innewerden eines »Wertes« (der 
Wertrelation eines Gegenstandes ....), nicht »Schaffung« eines Wertes 

(Wertverhältnisses )".^ Dem Typus der „Gefühlswertung" stellt unser 

Autor^ als ein Hauptergebnis seiner experimentellen Beobachtungen^ den 
Typus der „intellektuellen Wertung" an die Seite. Vom Standpunkte der in 
gegenwärtiger Schrift durchgeführten Untersuchung liegt hierin zugleich 
das Zurückgreifen auf ein von uns bereits verlassenes Stadium, sofern 
uns nahezu selbstverständlich schien^, daß von emotionsfreien, alsO' 
durchaus intellektuellen Werterlebnissen nicht die Rede sein könne. Auch 
dem Austrage dieses Dissenses müssen hier einige Worte gewidmet sein. ' 

Was zunächst den Anschein der Priorität des Wertes gegenüber 
dem Werterlebnis anlangt, so schwindet er, sobald man berücksichtigt^ 
daß der Wert seitens unseres Autors als Relation zu Dispositionen, 
Tendenzen und dergleichen definiert wird. Dabei kann ganz davon ab- 
gesehen werden, daß der Gedanke der Tendenz und seinesgleichen in 
notgedrungener Verschleierung den der Begehrung oder Strebung zu 
enthalten pfiegt. Umso weniger wird zu übersehen sein, daß jede Dis- 
position auf etwas als auf das ihr charakteristische ,, Korrelat*, auf ihre 
„Leistung" bezogen werden muß,^® ebenso die Tendenz, der Trieb, und 
daß die Natur dieses Etwas keineswegs völlig unbestimmt gelassen 
werden kann, wo es sich um Werte handeln soll. Es gibt ja bekannt- 
lich nicht nur Dispositionen und Tendenzen zu Wertvollem, sondern 
auch solche zu Wertwidrigem und wohl auch zu Wertindifferentem, 
und da die Relation der „Zugehörigkeit" allemal dieselbe wird 
bleiben müssen, so versteht sich, daß der Unterschied im Wertvor- 
zeichen nur auf die gegensätzliche Beschaffenheit jenes „Etwas" 
zurückgehen kann. Weiter wird dann aber ein Zweifel darüber, auf 



1 A. a. 0., S. 64. 

2 „Beiträge usw.". S. 38. 

3 A. a. 0., S. 54. 
* A. a, 0., S. 56. 

5 A. a. 0.. S. 59. 

6 A. a. 0., S. 42. 
■^ Ibid. u. ö. 

8 „Untersuchungen usw.", z. B. S. 177 ff. der Sonderausgabe. 

9 Oben S. 35. 

10 Vgl. „Allgemeines zur Lehre von den Dispositionen" in den von mir heraus- 
gegebenen „Beiträgen zur Pädagogik und Dispositionstheorie", Prag 1919, S. 43. 



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48 



II. Die Werterlebnisse. 



§ 5. Wertgefühle als Seinsgefühle. 



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welchem Gebiete diese Gegensätzlichkeit zu suchen sein möchte, 
nicht wohl aufkommen: wenn die Dispositionen, Tendenzen und so 
weiter nicht schon selbst auf Werte respektive Unwerte gerichtet sind, 
so müssen sie entweder Lust- oder Unlustgefühle, immerhin even- 
tuell auch entweder Begehrungen (im engeren positiven Sinne) oder 
Widerstrebungen betreffen. Es gibt Dispositionen und Tendenzen in 
Menge, denen zuzugehören keinen Wert oder doch keinen, positiven, 
sondern einen negativen Wert ausmacht. Es erhellt daraus, daß nicht 
schon die Zugehörigkeit zur Disposition den Wert konstituiert, für diesen 
vielmehr auch die emotionale Natur des Dispositionskorrelates wesent- 
lich ist. Dann erscheint aber doch wieder der Wert durch Bezugnahme 
auf Erlebnisse bestimmt, und auch darin besteht Übereinstimmung mit 
den Ergebnissen unserer bisherigen Untersuchungen, daß diese Wert- 
erlebnisse unvermeidlich emotionaler Natur, also Gefühle oder Begeh- 
rungen sein müssen. 

Den Aufstellungen Th. Haerings ist damit keineswegs so diametral 
entgegengetreten, als auf den ersten Blick scheinen könnte; ist es doch, 
me wir sahen, bloß das „Innewerden" des Wertes, was er als „Wer- 
tung" bezeichnet.* Im Gegensatze hiezu wird hinsichtlich dessen, was 
wir unter dem Namen des Werterlebnisses zu bestimmen begonnen 
haben, dem Werte, wenigstens soweit er persönlicher Wert ist^, viel- 
leicht eine wesentlich konstitutivere Funktion zukommen, die unser 
Autor gelegentlich^ selbst ins Auge zu fassen scheint. Die Möglichkeit 
rein intellektuellen „Innewerdens" jedoch könnte leicht auch derjenige 
zugestehen, der hinsichtlich der konstitutiven Erlebnisse vom Erfordernis 
emotionaler Natur nicht absehen zu können meint. 

Ob freilich unserem Autor der beabsichtigte Nachweis für die 
ausschließlich intellektuelle Natur manchen „Wertinnewerdens", also 
für den „intellektuellen Typus" desselben auch wirklich geglückt ist? 
Seiner Berufung auf die Aussagen der Versuchspersonen ist ja doch 
jedenfalls entgegenzuhalten, daß diese Aussagen selbstverständlich nicht 
die Erlebnisse der Versuchspersonen, sondern nur deren Meinung über 
ihre Erlebnisse darbieten. Diese Meinungen möchten aber einer prin- 
zipiellen Modifikation bedürfen, wenn ich mit meinen Aufstellungen 
über Phantasie-Emotionen,^ die auch den weiteren Ausführungen gegen- 
wärtiger Schrift zugrunde zu legen sein werden, im Rechte bin und 
auf die Bedacht zu nehmen unser Autor unterlassen hat. Hat man 



1 Zweifelhaft ist mir, ob das ausnahmslos so gemeint ist, vgl. z. B. „Bei- 
träge nsw."*, S. 9, „das unmittelbare Innewerden .... des ... . Wertes und 

andererseits das relativ unabhängige Erlebnis eines solchen Wertes selbst\ 

eine Gegenüberstellung, die ich mit der Identifikation nicht wohl in Einklang 

bringen kann. ^ -, x^ ,. ^ i. j 

2 Indes beim unpersönlichen Wert auch wir auf das Erfassen durch das 
Werterlebnis zurückzukommen haben werden, vgl. unten IV, § 7. 

3 Vgl. seine Stellungnahme zu meinen „Werthaltungen", „Beiträge usw. , 
S. 48, einem Thema, auf das in gegenwärtiger Schrift erst weiter unter (II, § 9) 
eingegangen werden kann. 

* Vgl. „Über Annahmen"2, S. 309 ff. 



nämlich, zum Beispiel in den Phantasiegefühlen Erlebnisse vor sich, 
die, obwohl sie nicht aufhören, Gefühle (in ausreichend weitem Wort- 
sinne) zu sein, sich ihrem Charakter nach doch in ähnlicher Weise 
den Vorstellungen annähern wie etwa jene Denkerlebnisse, die wir 
heute als „Annahmen" kennen, dann läßt sich sehr wohl verstehen, 
wie Versuchspersonen, die mit diesen Tatsachen unzureichend vertraut 
oder wohl gar theoretisch voreingenommen^ sind, das Vorhandensein 
von Gefühlen rundweg in Abrede stellen können, wo ihnen Erlebnisse 
entgegentreten, die in der Tat nicht den Gefühlen im altherkömmlichen 
engen Sinne zuzuzählen sein mögen. Natürlich erhebt sich die Frage, 
welchen Rechtsgrund wir haben, die Aussagen der Versuchspersonen 
in dieser Weise zu interpretieren. Die Antwort hierauf kann nur auf 
die Tatsache hinweisen, daß die Charakteristik eines Wertes als solchen 
ohne Berufung auf gewisse Erlebnisse unmöglich ist, diese Erlebnisse 
unvermeidlich Gefühle oder Begehrungen sind, solche emotionale Tat- 
bestände aber, wie ich ebenfalls bereits an anderem Orte dargetan zu 
haben^ hoffe, durch andere als selbst wieder emotionale Mittel nicht 
erfaßt werden können. Damit ist dann freilich zugleich auch behauptet, 
daß selbst, wenn man nur das „Innewerden" von Werten als Wert- 
erlebnis wollte gelten lassen, dem emotionalen Typus kein ausschließlich 
intellektueller Typus an die Seite gesetzt werden dürfte. 

Was ich so als unberechtigte Intellektualisierung des Wert-, resp. 
Wertungsgedankens bezeichnen möchte, scheint auch noch eine besonders 
weite Anwendungs weise des Wortes ,,Wert'* sei es zum Motiv, sei es 
zur Folge zu haben. Die Weiterführung unserer Hauptuntersuchung wird 
uns alsbald Gelegenheit geben, auch hierauf mit einigen Erwägungen 
einzugehen. 

§ 5. Wertgefühle als Seinsgefühle. 

Sind wir sonach berechtigt, an der emotionalen Natur der Wert- 
erlebnisse als Tatsache festzuhalten, so muß nunmehr zur Beantwortung 
der weiteren Frage fortgeschritten werden, ob durch die Charakteristik 
der Werterlebnisse einerseits als Gefühle andrerseits als Begehrungen 
auch bereits alles zu ihrer Beschreibung Erforderliche beigebracht ist. 
Bezüglich der Begehrungen, wie man dieses Wort gewöhnlich zu ver- 
stehen pflegt, könnte das ganz wohl der Fall sein: erst in der Folge 
wird darauf zurückgekommen werden können, daß der Begriff der 
Begehrung eine Erweiterung gestattet, der gegenüber das, was man 



1 Zumal das psychologische Experiment nebst vielem Guten gelegentlich 
auch das Üble zu stiften scheint, daß man sich bei seiner Verwertung aller, 
auch der guten psychologischen Tradition für überhoben hält. So scheint mir 
jetzt E. Stern in der wunderlichen Lage zu sein, den erst bereitwillig aufge- 
gebenen Urteilseredanken speziell für die Bedürfnisse des Wertgebietes wieder- 
herstellen zu müssen (in der Abhandlung „Zur Frage der ,logischen' Wertung", 
Archiv t. d. ges. Psychol. Bd. XXXIX, 1920). Daß ihm dies selbstverständlich 
gelingt, wird indes kaum für eine experimentelle Verifikation der Haeringschen Auf- 
stellungen gelten können, 

2 „Über emotionale Präsentation", S. 26 ff. 

Mein eng, Zur Grandlegung der aUg. Werttheorie. 4 



50 



II. Die Werterlebnisse. 



§ 5. Wertgefühle als Seinsgefühle. 



51 



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gewöhnlich Begehrung nennt, eine von verschiedenen möglichen Deter- 
minationen ausmacht, die sich cum grano salis an dem, was man auch 
schon vulgär „Gefühl" nennt, aufweisen lassen. Ohne indes hierauf 
an dieser Stelle schon einzugehen, soll zunächst hinsichtlich des Gefühls 
nachgesehen werden, ob etwa jedes Gefühlserlebnis zur Rolle des 
Werterlebnisses geeignet ist oder ob es ein Gefühl von besonderer 
psychologischer Beschaffenheit sein muß.^ Daß in dieser Hinsicht kein 
Gefühl in Betracht gezogen werden könnte, das nicht auf einen Gegen- 
stand gerichtet ist,^ steht außer Zweifel, möchte aber nicht wohl als 
Einschränkung in Anspruch zu nehipen sein, da ein von aller gegen- 
ständlichen Grundlage losgelöstes Gefühl seiner natürlichen Unselbstän- 
digkeit wegen niemals vorkommen wird.^ 

Dagegen scheint zu einer weiteren Beschränkung die Erfahrung 
auf den ersten Blick keinen Anlaß zu bieten: wo immer ein Gefühl 
sich einem Objekte zuwendet, hat man Grund, dem betreffenden Objekte 
Wert beizumessen, ja dieser Wert ist oft höher oder niedriger nach 
Maßgabe der größeren oder geringeren Stärke des betreffenden Gefühles, 
wie auch immer dieses sonst beschaffen sei. Aber sieht man näher zu, 
so wird leicht deutlich, daß ich zwar dem Ofen in meinem Zimmer 
sicher deshalb Wert beimesse, weil er das Zimmer wärmt und mich 
so im Winter vor einer unangenehmen, das ist von Unlust begleiteten 
Temperaturempfindung schützt,* eventuell wohl auch eine lustvolle 
Temperaturempfindung an Stelle der unlustvollen setzt, — daß ich aber 
doch keineswegs den Wert fühle, indem ich die Annehmlichkeit der 
Zimmerwärme erlebe. Wäre die Annehmlichkeit der Wärme das Wert- 
erlebnis, dann könnte ich auf den Ofen nur höchstens so lange Wert 
legen, als er warm ist, indes jedermann, indem er den Ofen heizt, 
dadurch betätigt, daß ihm auch am künftigen warmen Ofen gelegen ist. 
Man muß sich bei der Beurteilung der Sachlage nur vor einem Miß- 
verständnis hüten, das durch das Gewicht veranlaßt sein könnte, das 
im Vorangehenden auf die bloß möglichen Werterlebnisse hat gelegt 
werden müssen. Handelt es sich um dasjenige, was den Wert eines 
Objektes ausmacht, so ist der Hinweis auch schon auf das mögliche 
Werterlebnis sicher ausreichend; nur liegt natürlich, solange es bloß 
beim möglichen Werterlebnis bleibt, eine aktuelle Wertstellungnahme 
nicht vor. Im gegenwärtigen Zusammenhange ist es dagegen gerade 
eine solche Stellungnahme, von der die Rede ist. Es soll ja glaublich 
gemacht werden, daß das sinnliche Gefühl, das die Ofenwärme mit 
sich führt, selbst noch kein, natürlich kein aktuelles Wertgefühl ist, 
indem ein solches Wertgefühl günstigen Falles auch dem kalten Ofen 
gegenüber im Hinblick auf Künftiges (am Ende sogar auch auf Ver- 
gangenes) sich sehr wohl einstellen kann, das sinnliche Gefühl dagegen 
nicht. Man ersieht daran, daß das Temperaturgefühl eben doch kein 

1 Vgl. .,Über Ann ahmen "2, S. 329 ff. 

2 A. Messer, „Psychologie", S. 302 f. 

' Einigermaßen gegen A. Messer, a. a. 0., S. 307. 
* Vgl. auch „Über Annahmen"2, S. 329 ff. 



Werterlebnis ist, wenn es auch unter Umständen in gewissem Sinne 
die Grundlage eines solchen Erlebnisses abgeben mag. 

In derselben Weise kann eine Speise ganz wohl Wert haben, weil 
sie wohlschmeckend ist; dennoch ist der Wohlgeschmack, auch wenn 
man daran nur die Gefühlsseite in Betracht zieht, kein Werterlebnis. 
Ganz das nämliche gilt von ästhetischen Gefühlen, so grundverschieden 
sie sonst von den sinnlichen Gefühlen sein möaen. Auf ein Gemälde 
etwa wird man eventuell hohen Wert legen um der Gefühle willen, 
die es im Beschauer wachruft; aber diese Gefühle sind doch keines- 
wegs das, in dem das „mir wert sein" besteht. Sind also auch unsere 
Werterlebnisse zunächst Gefühle, so sind doch nicht umgekehrt alle 
Gefühle Werterlebnisse. Die Gefühle, die es sind, können passend 
Wertgefühle heißen, und nach ihrer psychologischen Natur ist jetzt 

die Frage. * 

In ein einigermaßen anderes Licht könnte diese Angelegenheit 
durch die jetzt von Th. Haering vertretene^ Auffassung gerückt erscheinen, 
der zufolge das Gesamtgebiet der Werte sich in Teilgebiete der ökono- 
mischen, ethischen, ästhetischen und hedonischen Werte zerlegt. Dem- 
nach müßte das Gefühl, das der warme Ofen oder das künstlerisch 
wirksame Bild erregt, doch ebenfalls ein W>rtgefühl sein, unbeschadet 
der von unserem Autor ausdrücklich^ offen gelassenen Möglichkeit, daß 
diese Objekte um dieser Werte willen noch einmal gewertet werden 
können. Und in der Tat ist, von ästhetischen oder logischen Werten 
zu reden, durchaus sprachgemäß und ich selbst bin für eine Einteilung 
zunächst der Gefühle, dann ihrer Gegenstände eingetreten^, die auf 
psychologischer Grundlage sich nahezu derselben Gedanken und Termini 
bedient*. Aber was auf diese Weise zu determinieren ist, hat mir nicht 
der Wert zu sein geschienen, wenigstens nicht der Wert im eigentlichen, 
sondern nur in einem einigermaßen erweiterten Sinn, dem gegenüber 
mir ein Ausdruck wie „Dignitativ" oder günstigen FaUes ,Dignität" 
vor Mißverständnissen sicherer geschienen hat.^ Natürlich tun auch hier 
die Namen nichts oder nicht viel zur Sache. Aber die Sache, nämlich 
die des natürlichen Wertgedankens, schiene mir berührt, wenn durch 
ausschließlich weiten Gebrauch des Wortes „Wert" der engere und, 
wie mir scheint, eigentliche, zugleich sehr charakteristische Sinn dieses 
Wortes verloren ginge. Die Annehmlichkeit des warmen Ofens oder der 
wohlschmeckenden Speise wird kein ungezwungen Redender einen Wert 
nennen, sondern höchstens die Grundlage für einen solchen, und mit 
der Schönheit des Bildes wird es auch nicht anders bewandt sein, indes 
man einerseits einer echten Perle, andererseits einer guten Handlung 

1 Vgl. dessen „Untersuchungen" und nunmehr auch die ,,Bpiträge". 

2 Vgl. z. B. „Beiträge usw.", S. 4 f. 

3 „Für die Psychologie und gegen den Psychologismus in der allgemeinen 
Werttheorie", Logos, Bd. III, S. 1—14; „Über emotionale Präsentation", §10 f. 

4 Nur nahezu, sofern die beiden Klassen des Ökonomischen und Ethischen 
bei mir m die eine Klasse des „Timologischen" („Emotionale Präsentation", S. 179) 
vereinigt worden sind. 

5 Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 113, 177. 

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52 



11. Die Werterlebnisse. 



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unbedenklich Wert im natürlichsten Wortsinne zuschreibt. Den Wert in 
diesem Sinne muß, so scheint mir, die Werttheorie in erster Linie in 
Untersuchung ziehen. Zeigt sich dann, wie ich ja sicherlich nicht bestreite, 
eine gewisse Analogie zwischen ihm und den übrigen Dignitativen, so 
ist dagegen, dem Worte „Wert" einmal auch einen weiteren Sinn zu 
erteilen, nichts einzuwenden ; die Einsicht in die charakteristische Eigen- 
art des engeren Wertgebietes wird dabei aber nicht ohne Schaden ab- 
handen kommen können. 

Wie weitgehend die Bedeutungsverschiebung ist, die durch den 
in Rede stehenden abgeänderten Wortgebrauch inauguriert würde, erhellt 
besonders deutlich aus dem Sinn und aus dem Umfang, in dem Th. Haering 
von logischen oder Wahrheitswerten redet. Nicht nur wahr und falsch 
selbst, sondern auch wahrscheinlich, möglich, notwendig, real, gegen- 
ständlich erscheinen da als , Wertprädikate" ^, und im Grunde genügt 
hier schon, wenn ich recht sehe, die bloße Aufzählung, davon zu über- 
zeugen, daß unter dem Zwange solcher Zusammenorduung alle Teile 
Schaden nehmen müßten. Zwar belegt der Autor die „Fruchtbarkeit" 
seiner Aufstellung durch die Behauptung, daß im Begriff der Annahme 
,ein Erkenntniswerturteil . . .' enthalten ist.^ Ist aber, was bislier zur 
Beschreibung der Annahmetatsaclien von mir und anderen beigebracht 
worden ist, nicht von Grund aus verfehlt, so ist die Annahme als solche 
ein besonders auffälliges Spezimen der vielen Dinge, mit denen der 
Wert, außer etwa sozusagen per accidens, nicht das allermindeste zu 
tun haben dürfte. Fragt man ferner nach dem Motiv, das über das 
Unnatürliche solcher Aufstellungen hinwegtäuschen konnte, so dürfte die 
Antwort in der Weise zu finden sein, in der unser Autor das Wesentliche 
des Wertungsvorganges zu kennzeichnen versucht. Wir wissen bereits, 
daß er unter „Wertung" nur das „Innewerden" eines Wertes versteht 
.Jedesmal werden wir . . . des Verhältnisses der Zugehörigkeit (Sub- 
sumierbarkeit) eines indifferenten Etwas (des Wertungsgegenstandes) 
unter (inj eine »Wertsphäre« inne ... Im Wertverhältnis (das heißt als 
»Wert«) tritt dieses Etwas zu einer bestimmten psychischen Struktur in 
Beziehung (ordnet sich ilir ein), welche ich eben als »Wertsphäre« bezeich- 
net habe . . . Dies gilt für alle Wertarten in derselben Weise. Etwas wird 
als schön, gut, wahr, real usw. gewertet, weil oder indem es sich der 
psychisch-dispositionell-repräsentierten ästhetischen, moralischen, Objek- 
tivitäts- usw. Wertsphäre, die sich historisch im Individuum gebildet 
hat und nachweisen läßt, einordnet, beziehungsweise als zugehörig (ein- 
ordenbar) erlebt wird."' Sehe ich recht, so kommt es hier eben doch 
überall auf die , Strukturen" respektive „Wertsphären" an und gar 
nicht auf die „Subsumtion", die vielmelir an und für sich weder für 
den Wert im allgemeinen, noch für das Wertvorzeichen im besonderen 
etwas entscheidet. Was aber die Strukturen, Tendenzen, Dispositionen usw. 
anlangt, deren historisches Werden sicherlich die Beachtung und die 

1 Vgl. „Beiträge usw.", § 1 (bes. S. 5 f.), § 3. 

2 A. a. 0., S. 6. 

' „Beiträge usw.", S. 49. 



§ 5. Wertgeffihle als Seinsgetthle. 53 

anregenden Gedanken verdient, die unser Autor ihnen zuwendet so 

rj,Sl n' T. ''"w '" '"™'''"" ^«'' augenscheinlich nur unter 
gewissen Umstanden Wertgrundlagen aus. Maßgebend für den Wert in 
diesen. Smne smd jedoch dann weder hedonisehe, noch ästhetische 
noch logische Emotionen. Oder genauer: alle diese Emotionen können 
an den Werttatsachen beteiligt sein, an denen am Ende auch S&i 
oder Gegenständlichkeit ihren Anteil haben können, obwohl Je anl^S 
gar nichts Emotionales sind. Aber derlei konstituiert den Wert noch 
nicht, wenn man so sagen darf, vielmehr sind es nicht schlechthin 
emoionae, sondern näher in ganz bestimmter Weise charakterisierte 
emotionale Erlebnisse, auf die dabei alles ankommt. ^ Sie fesSeC 
muß unsere nächste und wichtigste Aufgabe sein 'esizusteuen, 

Es ist zu diesem Ende unerläßlich, eine Tatsache zu beachten 
die sich irgendwie der Aufmerksamkeit so ziemlich eines jede', auf-' 
drangen muß, der unserem Verhalten in Wertangelegenheiten einiger- 
maßen naher zu treten versucht. Sie ist vielleicht besonders auffallend 
rrt«7° p^ Werttatsachen vorübergehend noch einmal vom Stand- 
punkte des Begehrenden aus betrachtet. Bekanntlich ist das Begehren 
ganz ebenso auf einen Gegenstand gerichtet wie, cum grano salfs ver 
s anden, alles psychische Geschehen : niemand kann begehren olne 

dlrbier Ä '". ''"« \'''P"^ '' '"'' ^'' ^'"^ genauere Beschreibung 
tZf.ll ^orl egenden Sachverhaltes, daß das, worauf sich das Begehref 
zuletzt bezieht, unter normalen Umständen die Existenz (respektive Nicht 
existenz) des betreffenden Objektes ist. Wünschen die Bewohner i 
S^adt sich eine Straßenbahn oder elektrische Beleuchtung, so geht dieser 
Wunsch, genauer ausgedrückt, selbstverständlich dahin daJ5 die Bahn 
respektive die elektrische Anlage da sei. Manchmal hat esl Anschdn' 
als handle es sich nicht so sehr um das Dasein als um ein bestimmtes 
iTZr" bestimmte Beschaffenheit des Objektes. Das ist überalllr 
i« !f ' • ? ^^'. ^y^' '""^ 2^" *>«« Begehrens^ bereits existiert, eo 
JaSdel wt T 1 ""^ "f. ''°' Veränderung an diesem Objekte 
handel . Wer se n stumpfes Messer schleifen läßt, begehrt natiiriich 
nicht kurzweg die Existenz seines Messers ; auch das Kind, das das 
Spielzeug seines Gefährten haben möchte, begehrt nicht die ExLenz 
dieses Spielzeuges. Begehrt wird vielmehr dort die Schärfe des Messers 
hier der Besitz des Spielzeuges, also jedesmal nicht mehr die Existenz 
sondern nur eine Bestimmung an dem betreffenden Objekte Aber diese 
fo'trru"I.Tr"'' f\^^'^^S^^^^^ fiir erfüllt gelten, selbstverständlich 

^:^rLfh£\rdL^r-^^^^^^^^ 

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54 



II. Die Werterlebnisse. 



§ 5, Wertgefühle als Seinsgefühle. 



55 



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lichung nach noch Unbestimmten, im Grunde also doch wieder auf 
Existenz des Begehrungsobjektes gerichtet. 

Es dürfte der Charakteristik der sich hier bietenden Sachlage 
dienlich sein, auch des Gegensatzes zu gedenken, in dem in Bezug auf 
den sozusagen obligatorischen Anteil des Existenzmomentes die Vor- 
stellungen zu den Begehrungen stehen. Ich muß natürlich etwas vor- 
stellen, wenn ich vorstelle ; aber auf die Existenz dieses Etwas braucht 
beim Vorstellen in keiner Weise Bedacht genommen zu werden. Betrachten 
wir nun darauf hin die Hauptwerterlebnisse, so wissen wir zwar, daß 
diese nicht etwa mit den Begehrungen zusammenfallen, daß sie viel- 
mehr Gefühle sind. Darin aber gleiclien sie den Begehrungen durchaus, 
daß es auch bei ihnen ganz und gar auf die Existenz (respektive Nicht- 
existenz) des Wertobjektes ankommt. Das Kind legt Wert auf sein Spiel- 
zeug, der Holzschnitzer auf sein scharfes Messer; und auch hier ist 
es eine genauere Besclireibung, wenn man sagt, daß dieses Wertlegen 
sich der Existenz, hier des angemessen beschaffenen Messers, dort des 
angemessen beschaffenen Spielzeuges (wobei der Besitz mit zu dieser 
Beschaffenheit zu zählen ist) zuwendet. Daß unter Umständen an die 
Stelle der Existenz auch wohl die Nichtexistenz treten kann, ist selbst- 
verständlich; zur Illustration genügt der allgemeine Hinweis auf die 
verschiedenen großen und kleinen Übel, auf deren Nichtdasein Wert- 
gefühle so gut gerichtet sind wie Wünsche und sonstige Begehruugen. [^°] 

Kann aber nun etwa behauptet werden, daß, was in dieser Hin- 
sicht von den Wertgefühlen gilt, auch von allen übrigen Gefühlen zu- 
trifft? Mau denke noch einmal an die sinnlichen Gefühle, etwa die An- 
nehmlichkeit des warmen Zimmers. Daß ich auf die Zimmerwärme Wert 
legen kann, weil sie angenehm ist, und daß dieses Werterlebnis etwas 
anderes ist als jene Annehmlichkeit, wissen wir bereits.^ Halten wir 
uns jetzt ausschließlich an dieses letztere Gefühl, so ist natürlich außer 
Zweifel, daß die wirkliche, also die existierende Wärme unerläßlich ist, 
um diese Annehmlichkeit zu erleben ; dennoch wird hier niemand finden, 
das Angenehme sei eigentlich nicht die Wärme, sondern deren Existenz, 
und auch sonst wäre der vorliegende Sachverhalt nicht getroffen, wenn 
ihn jemand so beschreiben wollte, als wäre das Annehmlichkeitsgefühl 
hier irgendwie auf die Existenz der Wärme gerichtet. 

Übrigens gibt es ein Gefühlsgebiet, wo der Gegensatz zu den 
Werterlebnissen noch viel deutlicher ist; ich meine die ästhetischen 
Gefühle. Auch sie wenden sich manchmal an ein Wirkliches; so beim 
Naturschönen, ebenso, obwohl doch auch wieder in ganz anderer Weise, 
wo ein wirkliches Gemälde, eine wirkliche Musikaufführung das Gefühl 
. erweckt. Aber der Künstler hat von seiner Schöpfung einen ästhetischen 
Eindruck auch schon zur Zeit, da sein Werk nur in seiner Phantasie, 
also, genauer gesprochen, solange es noch gar nicht existiert, und bereits 
der mäßig Musikbegabte spürt Gefallen an einer Melodie nicht nur, wenn 
er sie hört, sondern auch schon, wenn er sie sich in Gedanken vergegen- 



wärtigt. Dabei sind es aber natürlich nicht etwa die Vorstellungen, die 
gefallen, sondern jedesmal nur das Vorgestellte. Wie unwesentlich hier 
also die Existenz dieses Vorgestellten ist, kann niemand verkennen — , 
und dabei ist das ganze Gebiet des Erdichteten noch gar nicht aus- 
drücklich einbezogen, das sogar schon das Sprachgefühl des täglichen 
Lebens zum Wahren, respektive Wirklichen in Gegensatz stellt. So ergibt 
sich denn, daß die Gefühle, die uns als Wertgefühle entgegengetreten 
sind, sich gegenüber anderen Gefühlen durch ein besonderes Verhältnis 
kennzeichnen, in dem sie sich zur Existenz ihrer Objekte befinden.* 
Auf dieses eigentümliche Verhältnis könnte man durch die Benennung 
„Existenzgeführ hinweisen, die dann gestatten würde, die hier auf- 
geworfene Frage nach der Natur der als Werterlebnisse anzuerkennenden 
Gefühle durch die Behauptung zu beantworten : Wertgefühle sind nicht 
Gefühle kurzweg, sondern speziell Existenzgefühle. ^ 

In der Tat vermag eine solche Aufstellung dem wohl größten und 
praktisch wichtigsten Teile des Wertgebietes Rechnung zu tragen; den- 
noch ist eine Erweiterung erforderlich, weil das Wertgebiet über das , 
Gebiet der Existenz hinausreicht. Das erhellt deutlichst daraus, daß I 
Gegenstände mathematischer Betrachtung keineswegs in jedem Sinne 
außerhalb der Möglichkeit liegen, dem Wertgesichtspunkte unterstellt 
zu werden. Es ist ganz alltäglich, einer komplizierten Rechenaufgabe 
gegenüber zu wünschen, daß die Rechnung , ausgehen" möchte, sich 
an einer „eleganten" Ableitung zu freuen und dergleichen. Das ist* 
ohne Zweifel ein „Wertlegen", für das aber der Natur der in Frage 
kommenden Gegenstände wegen nicht Existenz, sondern bloß Bestand^ 
in Betracht kommen kann. Manchmal zeigt sich der Wert zwar an 
Wirklichem, also an Existierendem, aber doch so, daß er ganz wohl 
auch bloß auf Ideales bezogen werden kann, dem als solchem dann 
wieder nur Bestand zukommt. Bei einer Kopie wird man meist Wert 
auf die Ähnlichkeit mit dem Original legen: soweit es sich dabei um 
die bestimmte Beschaffenheit dieser Kopie handelt, betrifft der Wert 
auch hier eine Existenz; die Ähnlichkeit aber, auf die doch eigentlich 
Wert gelegt ist, kann als solche nicht existieren, sondern nur bestehen. 
Gelegentlich mag sich der Übergang von der Existenz zum Bestand 
schon etwas formalistisch anlassen: so etwa, wenn man statt auf ein 
gewisses wirkliches, also existierendes Buch Wert zu legen, auf die 
Tatsache Wert legt, daß es existiert. Die Tatsache als solche aber kann 
jedenfalls nicht wieder existieren, sondern nur bestehen; läßt sich also 
von ihr Wert prädizieren, so ist, wie wenig wichtig das gegebenen 
Falles auch sein mag, damit wieder dargetan, daß der Wert nicht etwa 
prinzipiell auf Existenz beschränkt ist. 

Als besonders wichtig wird sich uns erweisen,^ daß man auch 



H* 



1 Vgl. oben S. 50. 



1 Vgl. auch A. Messer. „Psychologie". Stuttgart und Berlin 1914, S. 301f. 

2 ..Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", S. Uff. 

3 Über den Gegensatz von Existenz und Bestand vgl. ,Über Möglichkeit 
und Wahrscheinlichkeit" [Register]. 

4 Vgl. unten II, § 8. 



56 



II. Die Werterlebnisse. 



§ 6. Denk- und insbesondere Urteilsgefühle. 



57 



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auf ein Sosein Wert legen kann, wie es im kategorischen Urteil erfaßt 
wird: der Vorstand eines Laboratoriums zum Beispiel wird es sich 
angelegen sein lassen, daß seine Instrumente und Apparate in gutem 
Stande sind. Solches Sosein kann aber natürlich ebenfalls nicht existieren,, 
sondern nur bestehen. Vom kategorischen Urteil findet man sich von 
selbst zum hypothetischen und disjunktiven Urteil geführt. Wer zwei 
Räume durch eine elektrische Klingel oder ein Telephon verbindet, 
betätigt damit, daß es ihm darum zu tun ist, in dem einen Räume 
gehört zu werden, wenn er im anderen ein Zeichen gibt. Bei einem 
Konkurrenzkampfe zwischen drei Bewerbern aber, von denen mir der 
A und der B als tüchtig, der C als untüchtig bekannt ist, kann ich 
ganz wohl wünschen, entweder der A oder der B möchte siegen. Nun 
ist, daß, wenn ein Zeichen gegeben wird, es aucli vernommen werde, 
wieder nur etwas, das zwar bestehen, nicht aber existieren kann, und 
mit der Disjunktion, daß entweder A oder B siegt, ist es auch nicht 
anders bewandt. Um Existierendes freilich handelt es sich dabei in 
diesen Beispielen immer noch, und ganz im allgemeinen wird für den 
Wert die Existenz nach wie vor die Hauptsache bleiben; will man aber 
genau sein, so wird man den Wert nicht auf sie einschränken dürfen, 
sondern den Bestand mit einbeziehen müssen. Dies ist leicht zu leisten, 
indem man, wo es auf genaue Formulierung ankommt, nicht speziell 
von Existenz, sondern allgemein von Sein redet. Wertgefühle sind 
♦insofern nicht speziell als Existenz-, sondern allgemein als Seinsgefühle 
zu charakterisieren. [^^] 

§ 6. Denk- und insbesondere Urteilsgefühle. 

Nun dürfte man sich aber bei dieser Aufstellung nicht beruhigen, 
solange nicht mindestens noch eine Frage beantwortet wäre. Sie betrifft 
die Art und Weise, wie das sonach für den Wert so bedeutungsvolle 
Sein, respektive Nichtsein, insbesondere also die Existenz, respektive 
Nichtexistenz des Wertobjektes mit dem Wertgefühle verbunden zu 
denken ist. Hierüber hoffe ich nun allerdings bereits gelegentlich meiner 
ersten werttheoretischen Aufstellungen ^ Beweisendes beigebracht zu 
haben; doch soll im folgenden versucht werden, das dort Dargelegte 
noch zu präzisieren und zu vervollständigen. Als nächstliegende Antwort 
auf die eben formulierte Frage bietet sich nämlich der Hinweis auf 
kausale Verbundenheit des Wengefühles mit dem existierenden Gegen- 
stande dar, etwa nach Analogie dessen, was man sich immer noch gern 
als das Wesen der Verbindung einer Sinneswahrnehmung mit dem Wahr- 
genommenen denkt. Sehen oder Hören, so meint man ja wohl, bestehe 
einfach darin, daß das leuchtende oder tönende Ding im Subjekte 
Empfindungen hervorruft: ähnlich könnte es nun bewandt sein, wenn 
man auf ein Seiendes Wert legt, nur etwa mit dem Unterschiede, daß 
das durch das Objekt Kausierte diesmal keine Empfindung, sondern ein 
Gefühl ist. Warum nun ein solcher Gedanke unhaltbar und durch welchen 



IS 



1 In den „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", § 7. 



anderen er zu ersetzen ist, darüber dürfte durch eine Reihe paradig- 
matischer Beispiele unschwer Aufschluß zu erlangen sein. 

Ich beginne mit dem bereits verwendeten Beispiel vom Ofen, 
auf den man um der Wärme willen Wert legt, die er verbreitet. Hier 
ist ja die kausale Natur der Verbindung zwischen dem warmen Ofen 
und der angenehmen Temperaturempfindung völlig durchsichtig. Aber 
wie wir wissen, ist das sinnliche Gefühl noch nicht das Wertgefühl, 
imd man könnte nur etwa denken, das Wertgefühl möchte wieder die 
Wirkung des sinnlichen Gefühles ausmachen und so zuletzt mit dem 
Ofen zwar mittelbar, aber doch kausal verbunden sein. Solche Mittel- 
barkeit widerspricht indes durchaus der Unmittelbarkeit, mit der das Wert- 
gefühl gerade an den Ofen als an seinen Gegenstand herantritt. Unter 
dem Kausalgesichtspunkte wäre es vielleicht zu verstehen, wenn das 
sinnliche Gefühl oder die lustbetonte Empfindung die Stellung des Wert- 
objektes einnähme. Warum sich aber das Wertgefühl gleichsam eine 
entferntere Ursache heraussucht, und warum gerade diese aus der 
Gesamtheit derselben^ davon kann hier in keiner Weise Rechenschaft 
gegeben werden. [^^j 

Die Sachlage kann nun leicht so abgeändert sein, daß auch der 
Schein einer Vermittlung durch das sinnliche Gefühl mit diesem Gefühle 
selbst entfällt. Ist das Wertobjekt etwa ein Brief von der Hand eines 
verstorbenen Freundes, so mag diesem Schriftstücke leicht genug alles 
sinnlich Angenehme oder Wohlgefällige fehlen. Wie ist hier auch nur 
die Kausalverknüpfung mit dem Wertgefühle zu ;^erstehen? Etwa so, 
daß das Schriftstück Gelegenheit, respektive Anlaß bietet, an den Ver- 
storbenen zu denken? Dann wäre das Wertobjekt einfachst durch einen 
Zettel zu ersetzen, auf dem etwa das Wertsubjekt selbst den Namen 
des Verstorbenen verzeichnet hätte. 

Das von mir einmal^ schon ausführlicher, aber vielleicht nicht 
einwandfrei behandelte Beispiel vom Werte, den der ausübende Künstler 
auf den Beifall des zuhörenden, respektive zusehenden Publikums legt, 
steht mit dem Beispiel von der Reliquie insofern auf gleicher Linie, 
als auch da das sinnliche Gefühl fehlt, das man etwa für den Ver- 
mittler zwischen dem Wertobjekte und dem Wertgefühle zu halten ver- 
suchen könnte. Außerdem ist aber das Wertobjekt, der Beifall, dem 
Bereiche des Sinnlichen schon von Natur entzogen, und das ermöglicht 
eine Ausgestaltung, in der eine Kausalverbindung mit dem Wert- 
gefühle erweislich nicht besteht. Dies findet statt, wenn der Beifall 
unecht ist, vom Ausübenden aber für echt genommen wird. In solchem 
Falle liegt das Wertgefühl vor wie beim echten Beifall; die Kausal- 
verbindung zwischen Wertobjekt und Wertgefühl aber kann deshalb 
nicht vorliegen, weil das Wertobjekt „Beifall" genau genommen gar 
nicht existiert, also auch keine Ursache abgeben kann. Eine Lockerung 
der Kausalverbindung stellt auch der Gegenfall dar, wo der Beifall 

1 Vgl. die analoge Betrachtungsweise in „Über die Erfahmngsgrundlagen 
unseres Wissens", § 25. 

2 In den „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", S. 18. 



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58 



n. Die Werterlebnisse. 



§ 6. Denk- nnd insbesondere Urteilsgefühle. 



59 






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zwar vorliegt, aber kein Wertgefühl auslöst, weil der Ausübende an 
die Aufrichtigkeit der Beifallsäußerung nicht glaubt; es liegt dies jedoch 
außerhalb der Sphäre unserer augenblicklichen Interessen, die es ja 
mit Fällen zu tun haben, wo Wertgefühle erlebt werden und nicht mit 
solchen, wo diese nicht erlebt werden. 

Hatten es die bisherigen Beispiele mit Werterlebnissen zu tun, 
denen die Wertobjekte nahe standen bis zur Gegenwärtigkeit, so ist es 
nun leicht, zwischen beide längere Zeitintervalle zu schieben, was für 
die Kausalauffassung dann eine entsprechende Verlängerung der Kausal- 
reihe zu bedeuten hätte. Der Musiker unserer früheren Beispiele hat 
für sein Instrument nicht nur dann ein Wertgefühl, wenn es ihm sinnlich 
gegenwärtig ist, sondern auch, wenn räumliche und zeitliche Ferne die 
Wahrnehmung ausschließen. Eine Kausal Verknüpfung zwischen Wertgefühl 
und Wertobjekt ist hier mit Hilfe der Erinnerung eventuell noch herzu- 
stellen; je länger aber so die Kausalreihe wird, desto dringender wird die 
schon beim Ofenbeispiel aufgeworfene Frage, ob eine so vielvermittelte 
Relation, wie die in Rede stehende Verknüpfung, einen so unvermittelten 
Aspekt darbieten kann, und warum unter den nun noch viel zahlreicheren 
kausalen Antezedentien gerade das bevorzugt ist, was als Wertobjekt auftritt. 

Nun kann aber die Sachlage ganz wohl eine derartige sein, daß 
das Wertobjekt auch nicht in irgend einem, gleichviel wie zahlreiche 
Zwisclienglieder einschließenden Sinne als die Ursache des W^ertgefühles 
betrachtet werden darf. Ich weiß von einem fernen Freunde, mit dem 
ich nur nicht etwa in telegraphischer Verbindung bin, daß der heutige 
Tag ihm die Erfüllung einer Lebenshoffnung bringen wird, und herzlich 
Anteil nehmend begleite ich ilin in Gedanken auf diesem wichtigen 
Stück seines Schicksalsweges. Daß ich dabei Wertgefühle erlebe, ist 
hier ebenso außer Zweifel wie die Tatsache, daß, was sich eben erst 
in der Ferne zuträgt, sich an mir nicht kausal betätigen kann. 

Indessen gibt es nun einen noch viel leichter gangbaren Weg, sich 
von der Unwesentlichkeit der Kausalverbindung, genauer von deren 
Entbehrlichkeit für die Werterlebnisse als solche zu überzeugen. Sie 
muß ja ohne weiteres einleuchten, wenn man Wertgefühle aufzuzeigen 
imstande ist, die sich weder auf Gegenwärtiges, noch auf unmittelbar 
Vergangenes richten, wodurch dann mindestens ein unmittelbarer, in 
vielen Fällen aber auch jeder mittelbare Kausalnexus ausgeschlossen 
ist. Nun gehören aber Erlebnisse dieser Art zum Allergewöhnlichsten. 
Schon in seiner eigenen Vergangenheit hat ja jeder Erwachsene einen 
Besitz, an dem auch dem Ärmsten gar manches, dem vom Glück 
Begünstigten gar vieles wert sein wird. Noch selbstverständlicher mag 
es sein, daß dem einigermaßen normal V^eranlagten schon die ferne, 
noch mehr aber die nahe Zukunft nichts weniger als gleichgültig ist, 
da sich sein Interesse fast unausgesetzt derselben zuzuwenden pflegt. 
In solchem Künftigen aber haben wir zugleich die Hauptgruppe jener 
Fälle vor uns, die den Gedanken an ein Verursachen des ihnen zeitlich 
vorangehenden Wertgefühles schon vermöge der Natur des Kausal- 
gedankens nicht aufkommen lassen. 



Man hat versucht, die Schwierigkeiten, auf die die Kausalauf- 
fassung sonach zu führen scheint, durch die Aufstellung zu beseitigen, 
es komme, „um den Satz auszusprechen: »dies hat Wert«, nicht darauf 
an, ob man augenblicklich Lust hat, das heißt, augenblicklich Lust- 
wirkung erfährt, sondern nur darauf, daß man den Gegenstand als 
lustwirkend kennen gelernt hat, also weiß, daß er Lust wirken kann*.* 
Und in der Tat kann nicht bezweifelt werden, daß nicht nur tatsächliche, 
sondern auch mögliche Lustkausation Wert mit sich führt. Aber möglich 
und wirklich stehen dabei doch nicht etwa auf gleichem Niveau, so daß 
es etwa nur auf das Kausalmoment ankäme und insbesondere gibt es 
Möglichkeiten in Menge, die viel zu entlegen sind, um einen nennens- 
wert ins Gewicht fallenden Wertbetrag zu ergeben. Dem Wertgefühle 
bei fehlender, eigentlich also nur eingebildeter Ursache, wie wir sie 
im Beifallsbeispiel angetroffen haben, ist in dieser Weise überhaupt 
nicht Rechnung zu tragen. 

Wir haben bisher ausschließlich existierende Wertobjekte in Betracht 
gezogen, wissen aber schon von unseren ersten hierhergehörigen Er- 
wägungen her, daß es auch Wertgefühle gibt, die sich auf Nicht- 
existierendes beziehen. Es ist nun ohne weiteres klar, daß jeder solche 
Fall die Kausalbetiachtung a limine ausschließt. Kausieren kann ja 
nur, was existiert; wir können aber auch den Fall der Nichtexistenz 
als Wertfall in Betracht ziehen. Allerdings ist mir das Recht, dies zu 
tun, in Abrede gestellt worden. Ich hatte behauptet: „Nichtexistenz der 
Krankheit" könne Wert haben. Dem wird aber entgegengehalten : „»Nicht- 
existenz der Krankheit« sagt doch zunächst gar nichts, es wird kein 
bestimmtes Gegebenes getroffen. Daher kann allerdings Nichtexistierendes 
(Nichtwirkendes, Nichtwirkliches) nicht »Wert« haben, weil das, was 
»Wert« hat, stets Wirkendes = Wirkliches = Existierendes ist. Meint 
Meine ng dennoch: Nichtexistierendes habe »Wert«, so meint er unter 
Nichtexistenz der Krankheit sofort schon ein Bestimmtes, nämlich Gesund- 
heit, also ein Existierendes, also Wirkliches . . .".^ Hier mit Nichtexistenz 
der Krankheit Existenz der Gesundheit „gemeint" zu haben, muß ich durch- 
aus in Abrede stellen. Noch wichtiger scheint mir indes, daß jeder Grund 
fehlt, warum ich solches etwa hätte meinen sollen. Positiver und negativer 
Sachverhalt gestatten hier ersichtlich eine völlig gleiche Behandlung. 

Kein günstigeres Schicksal hat die Kausalauffassung von der Seite 
solcher Wertgefühle zu erwarten, die überhaupt nicht auf Existierendes, 
sondern auf Bestehendes, respektive Nichtbestehendes gerichtet, wo 
also die Wertobjekte idealer Nutur sind. Kausalität betrifft ausschließlich 
Existierendes : was also nicht real ist,^ kann für eine Kausalbetrachtung 
von vornherein nicht in Frage kommen. 

Kaum mehr als eine nun schon völlig entbehrliche Zugabe ist 
es, auch auf jene Fälle von Wertstellungnahme hinzuweisen, wo das 



4- 
■I 

•I 

1,: 



1 E. Hey de, „Grundlegung der Wertlehre*, S. 95. 

2 E. Hey de, «Grundlegung der Wertlehre", S. 106. 

3 Über den Gegensatz zwischen Idealem und Realem vgl. „Über Möglichkeit 
und Wahrscheinlichkeit" [Register]. 



1 *: 
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60 



II. Die Weiterlebnisse. 



§ 6. Denk- und insbesondere Urteilsgefühle. 



61 






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Wertobjekt, obwohl als seiend, respektive nichtseiend in Betracht 
gezogen, doch weder als seiend noch als nichtseiend in Anspruch 
genommen werden kann, sodaß es höchstens ein Begehrungsobjekt aus- 
macht, übrigens aber ein solches durchaus nicht ausmachen muß, wenn 
die obigen Ausführungen^ im Rechte waren. Natürlich verbietet sich 
bei solchen Potentialwerten die Anwendung des Kausalgedankens vollends 
von selbst, und die endgültige Ablehnung desselben zeigt sich so von 
den verschiedensten Seiten gesichert. 

In betreff dessen aber, was an seine Stelle zu setzen ist, mag 
immerhin, wie oben, auf die Analogie der Wahrnehmung rekurriert 
werden, wenn man nur erst auch hier die Unzulänglichkeit der Kausal- 
auffassung erkannt hat. Dazu bedarf es aber kaum einer längeren Über- 
legung; es ist ja eigentlich selbstverständlich, daß, wenn zum Beispiel 
ein leuchtendes Ding in mir ein Erlebnis hervorruft, dieses Erlebnis 
das kausierende Ding noch keineswegs zum Gegenstande haben muß, 
zumal nicht seiner tatsächlichen Existenz nach, indes es für den Zustand 
dessen, der das Ding „sieht", ganz wesentlich ist, daß er an das Dasein 
dieses Dinges glaubt. Jede Wahrnehnmng ist eben ihrem Wesen nach 
vor allem ein Urteil^ und daß das, dessen Dasein dieses Urteil erfaßt, 
mit diesem Urteilserlebnis auch kausal verbunden ist, das spielt, so 
wichtig es sonst auch sein mag, doch hinsichtlich der Bezogenheit des 
Urteils gerade auf diesen Gegenstand strenggenommen gar keine Rolle.[^^] 

Nun sind aber weiter unsere obigen Beispiele geradezu von Fällen 
ausgegangen, wo das Objekt des Wertgefüliles wahrgenommen sein 
konnte. Für solche Fälle ergibt das eben über die Wahrnehmung Bemerkte 
die geradezu selbstverständliche Konsequenz, daß, wenn sich da an den 
Gegenstand der Wahrnehmung ein Gefühl schließt, die Verbindung nicht 
wohl durch etwas anderes als eben das Wahrnehmungsurteil hergestellt 
sein könne. Daß ein intellektuelles Erlebnis ein emotionales mit sich 
führt, darin liegt ja nicht die geringste prinzipielle Schwierigkeit. Nur 
wie ein Gefühl an eine dem Subjekte äußere Wirklichkeit gleichsam 
heranreicht, stellt sich als ein Problem dar. Es findet seine Lösung, 
indem sich das Wahrnehmungsurteil als Vermittler betätigt. Das Rätsel 
freilich, wie unser Urteilen es eigentlich anfängt, sich eine Wirklichkeit 
gleichsam zu eigen zu machen — ob es eine äußere oder auch nur 
eine innere Wirklichkeit ist, dürfte dabei um vieles weniger verschlagen, 
als man so oft meint — , ist dadurch der Lösung nicht näher gebracht; 
einer solchen Aufgabe darf aber eine werttheoretische Untersuchung 
sich billig für überhoben erachten. [^*] 

Natürlich ist aber die Eignung, ein Gefühl im Gefolge zu haben, 
so wenig wie die Fähigkeit, sich auf eine Wirklichkeit zu beziehen, 
auf Wahrnehmungsurteile beschränkt : man darf daher auch von anderen 
Urteilen erwarten, daß sie Gefühle mit Gegenständen versehen. Ob dabei 
diese Gegenstände als existierende oder als nichtexistierende in Frage 



1 Vgl. S. 41 f. 

2 Vgl. »Über die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens", § 3. 



kommen, hängt dann nur davon ab, ob das betreffende Urteil affirmativ 
oder negativ ist. Die der Kausalauffassung aus der Eventualität der 
Nichtexistenz erwachsende Schwierigkeit entfällt jetzt restlos, da ein 
negatives Urteil als Erlebnis dem affirmativen in keiner Hinsicht nach- 
steht, auch nicht in der Fähigkeit, ein Gefühl mit sich zu führen. Ob 
ferner das Urteil wahr oder irrig ist, kann, was das begleitende Gefühl 
anlangt, nicht wohl etwas verschlagen; auch im Falle eines affirmativen 
Existenzurteiles braucht also das Objekt des Wertgefühles keineswegs 
zu existieren. Ebensowenig kann eine Störung darauf zurückgehen, 
daß das Wertobjekt einmal statt in einem Existenz- in einem Bestand- 
objektiv, gleichviel ob positiver oder negativer Qualität, erfaßt wird, 
so daß, wenn wir zunächst noch vom letzten unserer obigen para- 
digmatischen Beispiele absehen, der für die Wertgefühle charakteristische 
Sachverhalt zusammenfassend so beschrieben werden kann: Jedesmal 
wird die Existenz oder der Bestand eines Gegenstandes durch ein Urteil 
erfaßt, an das sich ein Gefühl, eben das Wertgefühl, ausreichend eng 
anschließt, daß der beurteilte Gegenstand zugleich auch den Gegenstand 
des Gefühles abgeben kann. Ein Gefühl dieser Art wird passend Urteils- 
gefühl heißen dürfen, so daß sich nun auch sagen läßt: die Wertgefühle 
sind nicht nur Seinsgefühle, sondern (allerdings mit einem sogleich aus- 
zusprechenden Vorbehalte verstanden) auch Urteilsgefühle ^ wobei sich 
das Urteil als das adäquate Erfassungs mittel für das den Wertgefühlen 
charakteristische Sein der Wertgegenstäude darstellt. 

Dieser Beschreibung fügen sich allerdings jene Potentialwert- 
erlebnisse nicht, die, obwohl atich für sie der Wertgegenstand nach 
seinem Sein respektive Nichtsein in Betracht kommt, doch nicht mit 
der Tatsächlichkeit des Seins respektive Nichtseins rechnen. Aber da 
ist das Werterlebnis, auch sofern es kein Begehren, sondern gefühls- 
artig ist, doch kein eigentliches, wenigstens kein ErnstWertgefühl^ sondern 
ein Phantasiegefühl. Das Mittel, durch das dieses sich gleichsam seines 
Gegenstandes bemächtigt, ist kein Urteil, sondern eine Annahme^, die 
hier wie sonst so oft^ Urteilsstelle vertritt. Man wird kaum irregehen, 
wenn man hier auch das Phantasiewertgefühl als eine Art Surrogat 
für ein Ernstwertgefühl betrachtet, daraufhin diesem die Stellung der 

1 Wunderlicher Weise ist dieser schon 1894 („Psych, eth. Unters, usw.", § 8) 
eingenommenen Position der Vorwurf gemacht worden, daß sie „auch die sinn- 
liche Annehmlichkeit und Unannehmlichkeit (die »Vorstellongsgefühle«) nicht 
gattangsmäßig von den Wertgefühlen unterscheidet" (A. Boltnnow, „Über 
den Strukturznsammenhang zwischen dem ästhetischen Wertgefühl und seinen 
intellektuellen Voraussetzungen". Berliner Diss. 1909, S. 6). Eher schiene es mir 
einen Mangel an „gattungsmäßigem Unterscheiden" zu verraten, wenn schon der 
Titel dieser Schrift von „ästhetischem^ Wertgefühl" handelt. Über „ästhetischen 
Wert" vgl. immerhin unten IV, § 7. Übereinstimmendes zum Anteil des Urteils 
bei C. Stumpf verzeichnet meine Abhandlung „Über ürteilsgefühle, was sie sind 
und was sie nicht sind" (Arch. f. d. ges. Psychol., Bd. VI, 1905, S. 27, auch 
Ges. Abhandl., Bd. I, S. 584); auf Einschlägiges bereits bei F. Brentano* macht 
A. Boltunow aufmerksam (a. a. 0., S. 6). 

2 Vgl. „Über Annahmen" 2, S. 332 ff. 

3 A. a. 0., S. 357 f. 



62 



IL Die Werterlebnisse. 



§ 7. Inhaltsgefühle nnd Aktgefähle 



6a 






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Hauptsache einräumt und dieser Hauptsache auch die Hauptuntersuchung: 
zuwendet. Wollen wir inzwischen sowohl Ernst- als Phantasiegefühle in 
Rücksicht ziehen, dann bietet uns die Möglichkeit, Urteilen und Annehmen 
in dem Ausdrucke „Denken" zusammenzufassend ein Mittel, die Wert- 
gefühle als Denkgefühle zu charakterisieren. [^^] 

§ 7. Iiihaltsgefühle und Aktgeftthle. 

Inzwischen ist durch diese Bestimmung die erforderliche Deter- 
mination der sich als Werterlebnisse darstellenden Gefühle noch immer 
nicht erreicht. Sind nämlich auch alle Wertgefühle Denkgefühle, so 
keineswegs umgekehrt auch alle Denkgefühle Wertgefühle. Auf das 
Bedürfnis, in der Differentiation noch weiter zu gehen, fand ich mich 
seinerzeit^ durch die Tatsache hingewiesen, daß manche Urteilsgefühle 
eine auffallende Gleichgültigkeit gegen den Wechsel in der Qualität 
der ihnen zu Grunde liegenden Urteile aufweisen, indes andere auf 
einen solchen Wechsel, wenn man so sagen darf, auch mit einem Wechsel 
in der Gefühlsqualität reagieren. Nur Gefühle dieser zweiten Art sind 
Wertgefühle, denen ich die Gefühle erster Art als Wissensgefühle ent- ^ 
gegengestellt habe.[i^] Ein tieferer Einblick in das Wesen des hier vor- 
liegenden Gegensatzes ist indes erst zu gewinnen, wenn man, in der 
Hauptsache dem Vorgange St. Witaseks^ folgend, neben den Urteilen 
auch die Annahmen in Betracht zieht, andererseits merkwürdige Analogien 
mit berücksichtigt, die nicht mehr dem Gebiete des Denkens, sondern 
dem des Vorstellens angehören. Es stellt sich dabei heraus, daß der 
in Rede stehende Gegensatz auf den Anteil zurückgeht, der in jedem 
der beiden Fälle einerseits dem Urteilsakte, andererseits dem Urteils- 
inhalte an dem resultierenden Gefühle zukommt. 

Unterscheiden sich nämlich vor allem Urteil und Annahme von 
einander durch die Eigenart des dort und hier vorliegenden Denkaktes, 
indes eventuell nicht nur der zugrunde liegende Vorstellungs-, sondern 
auch der Denkinhalt ganz wohl übereinstimmen könnend so verrät 
sich in der eben erwähnten Empfindlichkeit der Wertgefühle für den 
Wechsel von Ja und Nein an dem Urteile, auf das sie gegründet sind, [' 'j 
ein wesentlicher Anteil des Urteilsinhaltes, [^^] indes die mindestens 
relative Unempfindlichkeit dafür bei den Wissensgefühlen auf den Mangel 
an einem solchen Anteil schließen läßt. Damit kontrastiert bei den 
'Wissensgefühlen deutlich deren Empfindlichkeit gegen Veränderungen 
im Denkakte, indem, falls hier das Urteil der bloßen Annahme platz- 
macht, das Gefühl ganz oder nahezu ganz erlischt, übrigens auch dann 
schon eine wesentliche Modifikation erleidet, wenn Ungewißheit an Stelle 
der Gewißheit getreten ist. Die Wertgefühle zeigen sich, was ihre 
Empfindlichkeit gegen Veränderungen des Denkaktes anlangt, den 



Wissensgefühlen nicht in dem Maße entgegengesetzt, wie inbetreff des 
Denkinhaltes. Tritt nämlich bei ihnen Ungewißheit an Stelle der Gewiß- 
heit, so wird aus dem eigentlichen Wertgefühl die emotionale Grund- 
lage von Hoffnung oder Furcht^; tritt die Annahme an die Stelle des 
Voraussetzungsurteiles, so verwandelt sich das Ernstwertgefühl in ein 
Phantasiewertgefühl. Aber den Charakter des Werterlebnisses behält, 
was so resultiert, immer noch, indes der Annahme gegenüber von 
Wissensgefühl kaum in irgend einem verständlichen Sinne mehr die 
Rede sein könnte. 

Was sich so in betreff eines herrschenden Anteils von Voraus- 
setzungsakt, respektive Voraussetzungsinhalt herausstellt, findet nun auch 
in der Tatsache seine Bekräftigung, daß eine analoge Anteilsverschieden- 
heit wie an den psychologischen Voraussetzungen der Denkgefühle so 
auch an jenen der Vorstellungsgefühle vermutet werden muß. Dies 
ergibt sich, wenn man hier die ästhetischen Gefühle den sinnlichen 
gegenüberstellt. Dabei kann die Frage, ob alle ästhetischen Gefühle 
als Vorstellungsgefühle zu betrachten sind^, unerwogen bleiben: ohne 
Zweifel sind zum Beispiel die ästhetischen Gefühle an Raumgestalten, 
Farben, Tönen und andere Vorstellungsgefühle [^^]. Bei ihnen ist es 
selbstverständlich, daß für ihren Ausfall die vorgestellten Gegenstände 
und sonach die dem Erfassen dieser Gegenstände zugrunde liegenden 
Inhalte^ wesentlich sind, indes die relative Gleichgültigkeit des Vor- 
stellungsaktes hier daraus erhellt, daß Melodien oder Ornamente gün- 
stigen Falles nicht nur gefallen, wenn man sie hört, respektive sieht, 
sondern auch, wenn man sie in der Phantasie vergegenwärtigt. Ganz 
anders verhalten sich die sinnlichen Gefühle zur Abänderung des Voraus- 
setzungsaktes von der Ernst- in die Phantasievorstellung: sie gehen, 
falls sie nicht ganz verschwinden, in so wenig deutliche Phantasie- 
gefühle über, daß es meist recht schwer ist, selbst heftige sinnliche 
Schmerzen in der Erinnerung auch nur mit einiger Anschaulichkeit 
festzuhalten. Das hat dann zugleich noch darin seinen Grund, daß die 
Gegenstände dieser Gefühle oft auch unter den für die Gefühle gün- 
stigen Umständen, nämlich wenn die Voraussetzungsvorstellungen durch 
die Beschaffenheit ihrer Akte als Ernstvorstellungen charakterisiert sind, 
so wenig deutlich hervortreten und dadurch die relative Unwesentlich- 
keit ihrer Inhalte verraten. So kommt es auch, daß man selbst bei 
heftigen sinnlichen Schmerzen so leicht einen ihnen eigenen Gegenstand 
vermißt, dort aber, wo man einen solchen doch herausfinden zu können 
meint, ein Verständnis dafür, warum gerade er von solchen Schmerzen 
begleitet ist, in besonders geringem Maße aufzubringen vermag. Anderer- 
seits würde man bei lustvollen Körper- oder Temperaturempfindungen 
vergebens eine Luststeigerung dadurch herbeizuführen versuchen, daß 



1 Vgl. St. Witasek, „Gnmdlinien der Psychologie", Leipzig 1908. 

2 Vgl. „Psych, eth. Unters, usw.". . 

3 Vgl. „Grxindzüge der aUgemeinen Ästhetik", S. 195 ff., auch „Grundlinien 
der Psychologie", S. 322 ff. 

* Vgl. „Über Annahmen" 2, § 59. 



1 Vgl. „Psych, eth. Unters, usw.", S. 56 ff., vgl. auch unten II, § 9. 

2 Vgl. ,Über emotionale Präsentation". Sitzungsberichte d. Akad. d. Wiss., 
Wien 1917, Fhilos. bist. Kl., Bd. CLXXXIII,.S. 87 f. 

3 Über Inhalt und Gegenstand vgl. „Über Möglichkeit und Wahrschein- 
üchkeit" [Register]. 



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ttJM^rtiatSiik^j.':. ^. 



^ 



64 



n. Die Werterlebnisse. 



§ 7. Inhaltsgefühle und Aktgefühle. 



65 



man dem Gegenstände derselben, soweit er bekannt ist, eine möglichst 
bevorzugte Stellung in der Aufmerksamkeit einräumt. Das greift dann 
auch auf das solchen Gefühlen zugeordnete Begehren über, sofern man 
zum Beispiel beim Spazierengehen, bei Jagd oder Spiel sich völlig 
fiktive Ziele steckt, indes man die eigentlichen Gegenstände der betref- 
fenden Lustgefühle nur mit zweifelhaftestem Erfolg in das Zentrum 
seines Begehrens setzen dürfte. 

Man kann also zusammenfassend behaupten: es gibt auch Vor- 
stellungsgefühle, bei denen der Voraussetzungsakt, und solche, bei denen 
der Voraussetzungsinhalt die Hauptrolle spielt. Jene kann man Vor- 
stellungsakt-, diese Vorstellungsinhaltsgefühle nennen und dann jenen 
die Wissensgefühle als Urteilsakt-, diesen die Wertgefühle als Urteils- 
inhaltsgefühle an die Seite setzen. Die Phantasiewertgefühle schließen 
sich dabei der Charakteristik der Ernstwertgefühle zwanglos an, während 
für das allfällige Phantasieseitenstück der Wissensgefühle aus dem 
oben angegebenen Grunde die Bezeichnung „ Phantasiewissensgefühl " 
schwer anwendbar ist. 

Eine Frage kann diesem Ergebnis gegenüber nicht ganz unberührt 
bleiben: wie ist es mit der Gegenständlichkeit von Gefühlen bewandt, 
bei denen der Voraussetzungsinhalt so sehr hinter dem Voraussetzungs- 
akt zurücktritt, wie wir dies bei den Aktgefühlen eben gefunden haben? 
Bei den Inhaltsgefühlen besteht in dieser Hinsicht natürlich keinerlei 
Schwierigkeit; kann aber ein Gegenstand, der durch den bei den Akt- 
gefühlen so wenig ausschlaggebenden Inhalt ihrer Voraussetzungen 
präsentiert ist, überhaupt noch einen Gegenstand des betreffenden 
Gefühles ausmachen, und wenn nicht, wo ist dann der Gegenstand 
solcher Gefühle zu suchen? 

Speziell bei den Wissensgefühlen legt diese Benennung es beson- 
ders nahe, zu meinen, ihr Gegenstand, das also, an dem man sich da 
eventuell freut, sei eben das Wissen, also etwas ganz anderes als was 
der Inhalt des betreffenden Voraussetzungsurteiles zu erfassen vermag, 
indem dieses nicht auf das Wissen, sondern auf das günstigen Falles 
Gewußte gerichtet ist. Und ohne Zweifel gibt es Gefühle, die sich als 
Freude am Wissen beschreiben lassen. Aber wer sie erlebt, denkt eben 
ausdrücklich daran, daß er weiß, sein Gefühl wendet sich also an das 
vom Fühlenden erfaßte Dasein eines Wissens, das heißt es handelt sich 
da um ein Existenzgefühl, wie es uns in so vielen Wertgefühlen 
begegnet, nur mit der besonderen Bestimmung, daß das Existierende, 
worauf es diesmal ankommt, das Wissen ist. Bei der sonst so großen 
Variabilität der Objekte möglicher Wertgefühle könnte man den ganz 
speziellen Fall, wo das, worauf Wert gelegt wird, statt eines anderen 
Gegenstandes ein Wissen ist, unmöglich einer ganz anderen Klasse von 
Gefühlen zuweisen. So paradox es klingen mag, daß ein Gefühl, das 
ganz ausdrücklich auf ein Wissen geht, doch kein Wissensgefühl sein 
soll, diese Konsequenz wird gleichwohl im Hinblick auf den Sinn, in 
dem oben der Ausdruck ^Wissensgefühl" eingeführt worden ist, gezogen 
werden müssen: wir haben es hier mit einem Wertgefühl zu tun, dessen 



Besonderheit immerhin in der Benennung zum Ausdrucke gelangen 
kann, wenn man es, nach St. Witasek^ , Wissens wertgefühl« nennt. 
Was dagegen die eigentlichen Wissensgefühle anlangt, so konnte 
es nun bei ihnen wie bei den übrigen Aktgefühlen nächstliegend Schemen, 
in ihrem Voraussetzungsakte zugleich ihren Gegenstand zu vermuten. 
Aber die direkte Empirie zeigt die Gefühle unter normalen Umstanden 
so wenig auf den Akt gerichtet, wie auf die Gesamtvoraussetzung. 
Versucht man es aber etwa bei einem angenehmen Vorstellungsakt- 
gefühl nun den Voraussetzungsakt in ähnlicher Weise durch die Auf- 
merksamkeit hervorzuheben, wie oben den Voraussetzungsgeaenstand, 
so hat dies höchstens eine • Unterbrechung im ungestörten Ablauf des 
Gefühles, sicher aber wieder keine Steigerung der Annehmhchkeit zur 
Folge. So bleibt kaum etwas anderes übrig, als eben, auch den mehr 
zurücktretenden Gegenstand als Gegenstand des betreffenden Gefühles 
gelten zu lassen, in dem immerhin vielleicht etwas beiläufigen bmne, 
der hier vorersts nach altem Herkommen dem Worte „Gefühlsgegen- 
stand" beigelegt worden ist. In der Tat, obwohl dem wirklich objektiven 
Historiker die Echtheit einer gewissen Urkunde nicht mehr am Herzen 
liegen darf als ihre . Unechtheit, bleibt doch der Gegenstand, an den 
sein theoretisches Gefühl sich knüpft, eben das, was seine Forschung 
über die Urkunde festgestellt hat. Und auch sein Wissensbegehren, 
wie es sich etwa in einer Frage formuliert, hält sich an dieses gegen- 
ständliche Material : ich hatte bereits an anderem Orte darauf hinzu- 
weisen wie wenig der Fragende sein Begehren eigentlich auf em Urteü 
richtet, und wie das vulgäre „ich möchte wissen" eigenthch eine irrige 
Beschreibung der unter normalen Umständen vorliegenden Sachlage m 

sich schließt^ [^o]. x / ^ • • . 

So ist also keineswegs ein eigenartiger Gegenstand dasjenige, 
was die Wissensgefühle gegenüber den Wertgefühlen charakterisiert. 
Leicht mag derselbe Gegenstand einmal einem Wissens-, einmal einem 
Wert-efühle zugehören, so daß man billig fragen mag, worin dann der 
meist" so auffällige Unterschied im Aspekt der beiden Erlebnisse gelegen 
sein kann Denn die erwähnte Verschiedenheit im relativen Anteil von 
Akt und Inhalt am Ergebnis kann in den Aspekt so wenig emgehen, 
als man es etwa einem geworfenen Würfel ansehen kann, in welchem 
Maße der Ausfall des einzelnen Wurfes durch die mehr oder weniger 
exzentrische Lage des Schwerpunktes bedingt war.* Tritt Kausalität 
überhaupt nicht in die Erscheinung, so womöglich noch weniger das 
Gewicht der Teilursachen. Es wird also kaum anderes übrig bleiben, 
als das die beiden Gefühlserlebnisse von einander Unterscheidende m der 



1 Vffl. „Grandzüge der Ästhetik", S. 255. ^ .* ^ „« 

2 Anf eine andere Wortanwendting werden wir nns weiter nnten ge- 
führt finden. Vgl. III, § 1. . .. u o nn t 

3 Vffl. .Über emotionale Präsentation , b. 97 t. . ^. ^ .^u 

4 Vgl. anch meine Ausführungen über „Phantasievorstellarg nnd Phanta^e 
in der Zeitsschr. f. Phil. n. philos. Kritik, Bd. 95, 1889, abgedruckt in Bd. I 
der Gesammelten Abhandlungen, S. 193— 27L 

* 5 

Meinong, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie. 



^X^AMtlb/k- 



66 



n. Die Werterlebnisse. 



§ 9. Die Werthaltungen. 



67 



Beschaffenheit dieser Erlebnisse selbst zu suchen als Konsequenz jener 
Anteilsverschiedenheit : wir werden in der Folge auf Tatsachen geführt 
werden, die mit einer solchen Vermutung im besten Einklänge stehen. 

§ 8. Objektiv, Objekt und Quasiobjekt der Wertgefühle. 

Darf durch das Dargelegte für ausreichend geklärt gelten, daH 
und in welchem Sinne die Wertgefühle nicht nur als Urteilsgefühle, 
sondern näher als Urteilsinhaltsgefühle zu bestimmen sind, so ist nun 
schließlich noch auf eine Determination dieser Gefühle hinzuweisen,. 
ohne die von einer sozusagen vollendeten Wertstellungnahme seitens, 
des Subjektes eigentlich noch immer nicht wohl geredet werden könnte. 
Partizipiert ein Erlebnis im allijemeinen am Gegenstande seiner Vor- 
aussetzung, so ist es selbstverständlich und übrigens durch die Erfahrung 
auch allenthalben bestens beglaubigt, daß keinem Urteilsgefühl, im 
besonderen also auch keinem Wertgefühl das Objektiv fehlen wird. 
Nun scheint es aber, wo immer es sich um einen Wert handelt, auch an 
einem Objekt für diesen Wert nicht fehlen zu dürfen, ja, dieses Objekt 
drängt sich, wie aus den bisher verwendeten Beispielen allenthalben 
zu ersehen war, der Aufmerksamkeit weit mehr auf als das Objektiv. 
Von einem vollständig ausgebildeten Werterlebnis wird man erwarten 
dürfen, daß es in seiner Beschaffenheit diesem Umstände Rechnung trägt. 

Zunächst könnte man nun meinen, dieses Erfordernis müßte in 
dem, wie eben erwähnt, niemals fehlenden Objektiv von selbst erfüllt 
sein, da es ja streng genommen kein Objektiv geben kann, das nicht 
unmittelbar oder mittelbar auf Objekte zurückginge.^ Und bei Seins- 
objektiven wird dies in der Regel auch ohne weiteres der Fall sein; 
wie aber bei Soseinsobjektiven, denen ja, sofern sie nicht etwa zunächst 
wieder auf Objektive zurückgehen, allemal zwei Objekte zugehören? 
In der Tat kann ich z. B. ganz wohl Wert darauf legen, daß meine 
Uhr richtig geht ; aber welches der beiden hier in Betracht kommenden 
Objekte hätte Anspruch, daraufhin eventuell als Wertobjekt betrachtet 
zu werden? Das Prädikativ^ „richtig gehend" offenbar nicht, das Sub- 
jektobjekt' „meine Uhr* aber für sich offenbar auch nicht, da doch 
nicht die Uhr kurzweg, sondern höchstens die richtig gehende Uhr das 
Wertobjekt abgeben könnte. Das Objekt „richtig gehende Uhr" aber, 
kommt streng genommen in dem vorgegebenen Objektiv gar nicht vor. 
Fernliegend ist ja freilich ein solches Objekt nicht: wenn sich aber 
unser Wertverhalten ihm zuwenden soll, so wird dies an dem, was ich 
eben das völlig ausgebildete Wertgefühl genannt habe, irgendwie zu 
Tage treten müssen. Die Weise, in der dies geschieht, kann nicht 

1 Vgl. „Über Annahmen" 2. 

2 Vgl. „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit" [Register]. 

3 Daß damit nichts anderes gemeint ist, als eben das Objekt, das in dem 
fraglichen Objektiv Sabjektstelle einnimmt, brauchte sicher nicht besonders gesagt 
zu werden, hätte nicht A. Phalen den Ausdruck „Subjektobjekt" in einem 
ganz besonderen Sinne angewendet (vgl. meine Ausführungen „über Möglichkeit 
und Wahrscheinlichkeit", S. 41^), demgegenüber es sich vielleicht empfiehlt, zu 
bemerken, daß obiger Wortgebrauch damit ganz und gar nichts zu tun hat. 



wohl eine andere sein als die, daß das geeignete Objekt selbst in 
einem Seinsobjektiv erfaßt wird, dieses Objektiv aber zugleich das 

Objektiv des Wertgefühls abgibt. r.^.^^^' 

In unserem Falle hätte dies die Transformation des Objektivs 
meine Uhr geht richtig« in ein Objektiv etwa von der Form „meine 
richtig gehende Uhr existiert* oder dergleichen zu bedeuten, wo mit 
der Schwerfälligkeit des Ausdruckes leicht auch sachliche Ungenauig- 
keiten Hand in Hand gehen können. Besser empfiehlt sich daher em 
Verfahren, das auf die merkwürdige Eigenschaft der Objektive gegründet 
ist in Objektiven höherer Ordnung gleichsam Objektstelle einzunehmen, 
insbesondere in diesem Objektiv als Subjektsgegenstand zu funktionieren. 
Nennen wir ein solches Objektiv in Objektstellung etwa „Quasiobjekt , 
so kann man sagen: auch wenn ein Wertgefühl vorerst ein Sosems- 
objektiv aufweist, kann man ihm mindestens ohne den geringsten Ver- 
stoß gegen die Anforderungen der Äquivalenz ein Seinsobjektiv zugrunde 
legen, indem man das vorgegebene Objektiv zum Quasiobjekte eines 
Seinsobjektivs macht. Daß meine Uhr richtig geht, so darf ich sagen, 
das ist; und behandle ich nun das Seinsobjektiv höherer Ordnung als 
Objektiv des Wertgefühls, so darf ich das Soseinsobjektiv medrigerer 
Ordnung als Objekt, genauer immerhin als Quasiobjekt des Wertgefuhles 
behandeln. In der Tat verlangt die Wendung „ich lege Wert darauf 
daß . . .•* keine andere Interpretation als der Satz „ich lege Wert 
auf X* ; im einen Falle wie im anderen darf dabei das Seinsobjektiv 
nächsthöherer Ordnung für subintelligiert gelten. 

Natürlich kann ein solches Quasiobjekt eventuell einmal auch statt 
eines Soseinsobjektivs ein Seinsobjektiv sein : legt der Geizige Wert auf 
seinen Schatz, so kann er einmal auch sagen, er lege Wert darauf, daß 
der Schatz existiere, kürzer : er lege Wert auf das Dasein des Schatzes. 
Durch solche Ausdrucksweise wird zum Wertobjekt, allerdings eigentlich 
nur Quasiobjekt, gemacht, was sich zunächst als Wertobjektiv darstellt. 
Dadurch erscheint die Verschiedenheit zwischen Wertobjektiv und Wert- 
objekt einigermaßen verwischt; das ist schwerlich ein Vorteil, durfte 
aber die Natürlichkeit der hier vertretenen Betrachtungsweise verifizieren, 
die es ermöglicht, Objektive im Bedarfsfalle als Objekte zu behandeln. 

Nebenbei verdient angemerkt zu werden, daß ein Seinsobjektiv,, 
das selbst ein Objektiv zum Quasiobjekt hat, jedenfalls Bestandcharakter 
aufweist, da das Quasiobjekt als Objektiv nicht existieren, sondern nur 
bestehen kann. Wo also ein Wertgefühl kein eigentliches Objekt, sondern 
nur ein Quasiobjekt hat, da ist dieses Gefühl jedesmal kein Existenz-, 
sondern ein Bestandgefühl. [2*] 

§ 9. Die Werthaltungen. 

Es ist sonach klar, daß sich die Voraussetzungen jedes Wertgefühles 
in der Weise transformieren lassen, daß sie ein Seinsobjektiv und em 
seinem Sein nach bestimmtes Objekt oder Quasiobjekt aufweisen — , 






1 Vgl. „über Annahmen" 2, § 9. 



68 



IL Die Werterlebnisse. 



falls ihnen dies nicht etwa schon vor aller Transformation eigen ist. 
Urteilsinhaltsgefühlen mit solchen Voraussetzungen aber kommt im Hin- 
blick auf das diesen Uutersuchungen gestellte Hauptthema insofern eine 
bevorzugte Position zu, als wir darin jene Gestalt der Wertgefühle vor 
uns haben dürften, die dem in seinem Wesen zu exponierenden Wert- 
gedanken am nächsten stehen. Sie verdienen mit Rücksicht hierauf eine 
besondere Benennung: ich will sie als Werthaltungen bezeichnen, habe 
hierzu jedoch etwas Persönliches und etwas Außerpersönliches zu bemerken. 

Außerpersönlich ist die schon seinerzeit bei Prägung dieses Wortes^ 
ausgesprochene, aber auch heute noch nicht überflüssige Verwahrung 
dagegen, als sollte , werthalten" soviel bedeuten als „für wert halten^ 
was natürlich ein Urteil, genauer ein Werturteil wäre, indes es sich 
jetzt um ein Wertgefühl handelt. Auf eine gewisse Konvention wird 
ein solcher Wortgebrauch sicherlich angewiesen sein, aber doch nicht 
auf eine, der das vorwissenschaftliche Sprachgefühl nicht in wünschens- 
werter Weise zu Hilfe käme. Wenn wir Alten in Österreich sagen: «Wir 
wollen das Andenken an unseren dahingeganeenen alten Kaiser hoch- 
halten", dann heißt das doch nicht, wir wollen dieses Andenken für 
etwas Hohes halten, es als solches betrachten oder dergleichen. Unver- 
kennbar ist hier kein Urteil gemeint, sondern ein Gefühl, und zwar ein 
Wertgefühl, wenn auch natürlich keines, das etwa das „Andenken" im 
Sinne eines subjektiven Erlebnisses zum Objekt hätte. 

Einigermaßen persönlich ist dagegen immerhin der Hinweis darauf, 
daß der Sinn, den ich im obigen dem Terminus „ Werthaltung " beigelegt 
habe, gegenüber meinem ursprünglichen Vorschlage eine Determination 
aufweist. Was ich einst „Werthaltung" nannte, war kurzweg das näm- 
liche wie „Wertgefühl*, was schon an sich eine terminologische Abundanz 
ausmacht. Jetzt möchte ich nur solche Wertgefühle Werthaltungen nennen, 
die durch ein Seins- insbesondere Existenz-) Objektiv hindurch auf ein 
Objekt oder Quasiobjekt als ihr Objekt^ gerichtet sind. Daß ich anderen 
Gefühlen, bei denen vermöge der Beschaffenheit des Objektivs nicht 
auch noch ein solches Objekt ausreichend deutlich hervortritt, gleichwohl 
nicht den Anspruch abstreiten möchte, auch ihrerseits für Wertgefühle 
zu gelten, findet darin seine Begründung, daß am Ende doch auch sie 
Wertstellungnahmen bedeuten, wenn dabei auch das Objekt dieser Stellung- 
nahme wenig deutlich zur Geltung kommt. Vermöge der Transformierbar- 
keit sind das dann zwar nicht explizite, aber immerhin sozusagen noch 
implizite Werthaltungen. 

Nebenbei kann die so zu rechtfertigende Auseinanderhaltung der 
Termini .Wertgefühl« und „Werthaltung" auch noch einer anderen 
Differentiation nutzbar gemacht werden. Den Wertgefühlen ist zwar, 
wie wir wissen, die Präponderanz des Voraussetzungsinhaltes über den 
Voraussetzungsakt eigen ; wir haben aber auch schon gesehen, daß das 
nicht soviel besagt wie völlige Bedeutungslosigkeit von Aktverschieden- 

1 .Psvch eth. Unters, z. Werttheorie", S. 14 [auch Register]. 

2 Womit der Eventualität von Gefühlsobjekten noch in anderem Sinne 
wieder nicht vorgegriffen sein soll, vgl. unten III, § 1. 



§ 9. Die Werthaltnngen. 



69 



heiten. So ist es insbesondere für die Wertgefühle keineswegs einerlei, 
ob ihr Voraussetzungsurteil als Gewißheitsurteil oder nur als Vermutung 
auftritt und es war bereits im Vorübergehen^ daran zu erinnern, daß 
man es im letzteren Falle mit den elementaren Gestalten dessen zu tun 
hat, was, freilich meist in der komplexen Form eines Affektes auftretend, 
als Hoffnung, respektive Furcht bezeichnet wird. Auch dabei hat man 
es mit etwas wie mit einer Wertstellungnahme zu tun, so daß den Aus- 
druck „Wertgefühl" anzuwenden ganz wohl am Platze scheinen könnte. 
Hinter andere Erlebnisse jedoch, von denen der persönliche Wert sich 
sozusagen ableitet, tritt derlei doch ganz merklich zurück. Der Wert 
eines Objektes (respektive Quasiobjektes) bestimmt sich natürlichst nicht 
nach unserem Vermuten, sondern nach unserem Glauben (nämlich mit 
Gewißheit Glauben) in betreff des Seins des Objektes, wenn dabei auch 
von Gewißheit mehr im praktisch beiläufigen als im erkenntnistheoretisch 
strengen Sinne zu reden sein wird. Es wird also sachgemäß sein, in 
den Begriff der Werthaltung auch die Gewißheit des Voraussetzungs- 
urteiles mit aufzunehmen, wobei nur noch ausdrücklich beizufügen ist, 
daß dadurch über die Modalität eines allenfalls als Quasiobjekt auf- 
tretenden Objektivs nichts präjudi ziert ist. 

Das muß ausdrücklich erwähnt sein, weil vermöge des engen 
Zusammenhanges zwischen Ungewißheit und Wahrscheinlichkeit respek- 
tive Möglichkeit^ ganz wohl mit herabgesetzter Modalität auch niedrigerer 
Gewißheitsgrad an ein Wertgefühl herantreten kann, ohne diesem die 
Eigenart von Hoffnung oder Furcht zu verleihen. Solches ist bei dem 
der Fall, was ich an anderem Orte^ als Möglichkeitswerte bezeichnet 
habe. Wo es sich um den Wert einer Chance handelt, hat man es zu- 
nächst mit einem möglichen Objektiv als Quasiobjekt zu tun. Darin liegt 
dann jederzeit das Recht, die Tatsächlichkeit des Objektivs mit an- 
gemessener Stärke zu vermuten und so zum Tatbestande der elementaren 
Hoffnung oder Furcht überzugehen. Findet ein solcher Übergang jedoch 
nicht statt, so macht die bloße Möglichkeit des Quasiobjektes kein Hinder- 
nis aus, das vorliegende Werterlebnis als Werthaltung zu betrachten.* 

Zusammenfassend läßt sich sagen: Da Werthaltungen mit Quasi- 
objekten genau genommen stets zwei Objektive haben, so kann das 
Vermuten, falls es hier an Stelle des Urteilens mit Gewißheit tritt, an 
zwei verschiedenen Stellen angreifen. Ist das Vermutete das Objektiv 
höherer Ordnung, dann liegt keine eigentliche Werthaltung, wohl aber 
je nach Gefühlsvorzeichen entweder Hoffnung oder Furcht vor. Wird 
dagegen das Objektiv niedrigerer Ordnung vermutet, indes das Objektiv 
höherer Ordnung mit Gewißheit erfaßt wird, dann hat man es in der 
Vermutung leicht mit dem Äquivalent eines Möglichkeitsurteiles '^ zu 



1 Vgl. oben S. 63. 

2 VgL „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit" [Register]. 

3 „Über Möglichkeit und Wahrschpinlichkeit", S. 82. 

* Die Ausführungen „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit", S. 82 f., 
dürften in diesem Sinne einer Nachbesserung bedürfen. 

6 Vgl. „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit" [Register]. 



70 



II. Die Werterlebnisse. 



§ 10. Anhang : Wertgef ahl als seknndäre Stellnngnahme. 



71 



tun, so daß besser von Wertlialtung eines bloß Möglichen zu reden sein 
wird. DaG dann auch hier keine feste Grenze zu ziehen und insbeson- 
dere der Übergang aus dem Zustande der Möglichkeitswerthaltung in 
den von Hoffnung, respektive Furcht oder umgekehrt leicht anzutreffen 
sein wird, ist selbstverständlich. 

§ 10. Anhaug: Wertgefühl als sekundäre Stellungiialime. 

Blicken wir von hier auf die bisher durchgeführten Untersuchungen 
zurück, so ist nicht zu verkennen, daß sie im Hinweise auf die Wert- 
gefühle (und speziell Werthaltungen) auf ein relativ ziemlich einfaches 
Ergebnis geführt haben. In dieser Einfachheit sieht der neueste Bearbeiter 
der Werttheorie^ einen Fehler „fast aller" bisherigen einschlägigen 
Aufstellungen, indem diese «den Prozeß der Wertung für einen ein- 
fachen seelischen Vorgang ansehen, während in Wirklichkeit kompli- 
ziertere Verhältnisse bestehen. Der Umstand, daß etwas mein Gefühl 
oder mein Begehren erregt, ist an sich keineswegs eine Wertung, sondern 
nur ein Teilphänomen dieser oder (wie wir sagen) die Grundlage der- 
selben. Es muß zu dem grundlegenden Gefühl oder Begehren noch ein 
weiterer seelischer Akt hinzukommen, den wir als die Wertsetzung 
bezeichnen . . . Jedenfalls kommt erst durch diese Doppelheit eine 
wirkliche Wertung zustande: erstens muß das Subjekt zu dem Gegen- 
stand in eine Beziehung, die meist emotional, das heißt gefühlsmäßig 
oder willensmäßig ist, eintreten, zweitens muß aber diese Beziehung 
als solche bejaht, anerkannt, das heißt als Wert gesetzt werden." 
Beliebiges Lustgefühl oder Begehren für sich bedeutet noch keinen Wert. 
Umgekehrt „gibt es auch Wertsetzungen, denen kein Lustgefühl oder 
Begehren voraufgegangen ist. Ich kann eine Bach'sche Fuge als Wert 
anerkennen, ohne daß sie in meiner momentanen Stimmung mir Lust 
erregte, oder daß sie mein Begehren, sie zu hören, erweckte.'' Es ist 
„eine unvollständige oder, wie wir auch sagen können, eine über- 
nommene Wertung . . ., die im Gegensatz zur erlebten Wertung steht, 
das heißt einer solchen, bei der eine wirkliche Wertgrundlage vorhanden 
ist". 2 Wie bereits erwähnt^ werden die sich so ergebenden beiden 
Komponenten des Werterlebnisses als „Stellungnahmen", das Wert- 
erlebnis selbst demgemäß als „Stellungnahme zu einer Stellungnahme" 
oder als „sekundäre Stellungnahme" beschrieben.* 

Es möchte entbehrlich sein, bei der technischen Verwendung des 
Ausdruckes „Stellungnahme" hier nochmals prinzipiell zu verweilen. 
Rechnet man, wie billig, auch die Urteile zu den „Stellungnahmen", 
so legt das Wort immerhin den Gedanken nahe, auch unser Urteils- 
gefühl als solche „sekundäre Stellungnahme" aufzufassen, bei der das 
Voraussetzungsurteil den ersten, das darauf gegründete Gefühl den 



1 R Müller-Freienfels, „Gnindzüge einerneuen Wertlehre", Annalen 
der Philosophie. Bd. I, Leipzig 1919, S. 321 f. 

2 A. a. 0., S. a22 f. 
8 Oben S. 45. 

* ,Gnmdzüge", besonders S. 328 f. 



zweiten Schritt ausmachen könnte. Aber Eigenart und Bedeutung der 
Urteilsgefühle dürfte unserem Autor kaum näher getreten sein als 
manch anderem Bearbeiter der Werttheorie in den letzten 25 Jahren, 
— vielleicht schon deshalb, weil er das Charakteristische des Urteils 
mehr im Ausdruck als im Erlebnis zu suchen scheint.^ Daß überdies 
nach der Auffassung unseres Autors eher umgekehrt das Gefühl den 
ersten, das Urteil den zweiten Schritt ausmachen müßte, das beleuchtet 
bestens etwa das Paradigma eines Kunstgegenstandes, auf den man 
des Wohlgefallens wegen Wert legt, das er erregt. „Ein Bild gefällt 
uns, erregt unsere Lust: das ist die primäre;^ Stellungnahme. Zum 
ästhetischen Wert wird jedoch die Lust (und damit auch das sie erregende 
Bild) erst, indem ich jener Lust meine Aufmerksamkeit zuwende, sie 
bejahe, kurz wiederum Stellung nehme. Der negative Fall offenbart die 
Doppelheit des Prozesses am deutlichsten. Jenes Bild erregte vielleicht 
nur meine sinnliche Lust, schmeichelte niederen Instinkten und wird 
darum in sekundärer Stellungnahme als »Kitsch« verworfen".*^ „Es ist 
richtig", liest man an anderer Stelle ^ „ daß ich in einer Landschaft nur 
solche Gegenstände apperzipiere, die mein »Interesse«, also eine emo- 
tionale Stellungnahme erregen; sie werden indessen erst zu Werten, 
wenn ich diese emotionale Stellungnahme besonders bejahe." Man wird 
nicht in Abrede stellen können, daß der Analogie solcher Beispiele 
ganz außerordentlich viele Erlebnisse des Wertgebietes folgen. 

Nur daß es dem Autor gelungen sein sollte, mit Hilfe des Ter- 
minus „Stellungnahme" dem Begriffe seiner „Wertgrundlage" eine All- 
gemeinheit zu erteilen, die über das Fühlen und Begehren noch hinaus- 
reichte, wird schwerlich zuzugeben sein. Der Verfasser hat dabei „jene 
Stellungnahmen" im Auge, „durch die wir einen Vorstellungsinhalt als 
»neu«, als »fremd«, als »groß«, als »erhaben«, als »wirklich«, als 
»unreal«, als »denselben« und so weiter charakterisieren"*, auch wohl 
„Zustände wie die Aufmerksamkeit, das Interesse und verwandte 
Phänomene"^ In der Tat kann, „daß etwas »neu« oder »alt« ist, . .. 
öfters ganz verschiedene Bewertungen bedingen", aber näher, wie der 
Autor selbst hinzufügt, etwa nur, „je nachdem die »Neuheit« oder das 
»Alter« erwünscht sind. Denn auch diese Stellungnahmen verquicken 
sich mit Begehrungen" ^ Warum könnten dann diese Begehrungen 
nicht schon für sich als „Grundlagen" ausreichen? „Daß etwas »wirk- 
lich« oder »unwirklich« ist", fährt der Autor fort, „ist niemals in der 
Empfindung oder der Vorstellung gegeben, ist vielmehr eine Charakte- 
risierung derselben durch das Ich, eine »Stellungnahme«. In all' diesen 
Fällen käme unser Begriff der Stellungnahme etwa auf eine psycho- 
logische Erklärung des erkenntnistheoretischen Begriffs der »Kategoriec 



1 A. a. 0., S. 327. 

2 Vgl. a. a. 0., S. 329. 

3 A. a. 0., S. 349. 
* A. a. 0., S. 326. 

5 A. a. 0., S. 326 t 

6 A. a. 0., S. 326. 



*;1 



72 



II. Die Werterlebnisse. 



§ 10. Anhang : Wertgefühl als sekundäre Stellungnahme. 



73 



hinaus*^. Soweit das ohne Psychologismus zuzugeben ist, ist damit doch 
jedenfalls, wenn ich recht sehe, das Gebiet des Emotionalen völlig ver- 
lassen, auf das der Verfasser selbst den Bereich der hier in Betracht 
kommenden Stellungnahmen mit Recht einschränkt^, und man könnte sich 
nur etwa neuerlich an die Urteilsgefühle gemahnt finden. Von Auf- 
merksamkeit und Interesse endlich konstatiert der Autor selbst mit 
Recht, daß sie „meist nebeneinander Gefühle, Begehrungen und sonstige 
Stellungnahmen, wie die der Neuheit, der Fremdheit, der Überraschung 
und so weiter** enthalten^. Hinsichtlich emotionaler „Stellungnahmen" 
wird man also wohl allenthalben mit Gefühlen und Begehrungen das 
Auslangen finden. 

Vor allem wichtig ist es indes, Klarheit darüber zu gewinnen, 
mit welchem Rechte für die Werterlebnisse jene Zweiteiligkeit ihrer 
emotionalen Bestimmungen allgemein anzuerkennen ist, um derenwillen 
unser Autor von der „Stellungnahme zur Stellungnahme" spricht. Frei- 
lich kann es, wenn man einen Komplex K aus den Bestandstücken A 
und B vor sich hat, einmal auch arbiträr werden, ob man das A als 
unvollständiges K oder das K als sozusagen übervollständiges A bezeichnet. 
In unserem Falle aber kommt es doch wohl in erster Linie darauf an, 
ob die Werterlebnisse wirklich allemal die in Anspruch genommene 
Zusammengesetztheit aufweisen. Und in dieser Hinsicht sind zunächst 
die negativen Instanzen, auf die Müller-Freienfels sich beruft, kaum 
einwurfsfrei. Ein sinnliches Gefühl ist freilich kein Werterlebnis; aber 
nicht, weil ihm, wie allerdings zweifellos ist, eine „sekundäre Stellung- 
nahme" fehlt, sondern weil von den Gefühlen nur die Urteilsgefühle 
Werterlebnisse sind. Und die „übernommenen Wertungen" sind nicht 
deshalb keine (vollständigen) Werterlebnisse, weil sie Wertsetzungen 
ohne Grundlagen, sondern weil sie zunächst bloß Urteile über Werttat- 
bestände sind, und einen Wert erleben natürlich etwas anderes ist, als 
wissen, daß ein Wert vorliegt. Wie ist es nun aber ferner mit den 
positiven Instanzen unseres Autors bewandt? Daß die Erfahrung deren 
keineswegs wenige aufweist, wurde bereits anerkannt; in Frage steht 
nur die ihnen seitens unseres Autors zuteil gewordene Beschreibung 
und die Anwendbarkeit dieser Beschreibung auf sämtliche Werthaltungen. 

Weniger Gewicht dürfte immerhin in ersterer Hinsicht auf die 
, Spaltung" im werthaltenden Subjekte zu legen sein, auf die sich der 
Autor durch die Doppelheit der Stellungnahme hingeführt findet und 
die er in anregenden Einzelbetrachtungen glaublich zu machen versucht*. 
Man wird sicher eine theoretische Autfassung lieber vermeiden, die den 
normalsten Werterlebnissen den Stempel des Pathologischen aufzudrücken 
droht. Aber der Gedanke der doppelten Stellungnahme müßte solchem 
Widerstreben noch nicht zum Opfer fallen. Denn selbst im sozusagen 
extremsten Falle, demjenigen nämlich, wo sich, wie im obigen „ Kitsch "- 

^ Ebenda. 

2 Vgl. die Zusammenfassung a. a. 0., S. 333. 

3 A. a. 0., S. 3-27. 

4 A. a. 0., S. 334 ff. 



Beispiele, die „Wertsetzung« vermöge ihres entgegengesetzten Vor- 
zeichens direkt gegen die „Wertgrundlage* richtet, möchte ohne „Spal- 
tung* das Auslangen zu finden sein. Das Bild ist ja ein völlig anderer 
Gegenstand als das durch das Bild ausgelöste Gefühl. Daß aber ver- 
schiedene Gegenstände verschiedene, insbesondere dem Vorzeichen nach 
auch wohl entgegengesetzte Gefühle desselben Subjektes auf sich ziehen, 
darin dürfte jedoch auch dann keine prinzipielle Schwierigkeit liegen, 
wenn der zweite Gegenstand zum ersten in der übrigens ja immerhin 
eigenartigen Relation steht, selbst ein aus dem ersten Gegenstand 
bezogenes Gefühl zu sein. Ähnliches wird von minder starken Fällen 
gesagt werden können, zum Beispiele vom Wertverhältnis zum Staate, 
das der Autor übrigens in so überzeugender Weise kennzeichnet \ — 
und sofern er für jedes Subjekt einen besonderen Gegenstand und dann 
auch für jeden Gegenstand ein besonderes Subjekt in Anspruch nimmt^, 
so liegt darin, soviel ich sehe, sicher eine theoretische Abundanz, ohne 
daß darum die Bedeutung dispositioneller Verschiedenheiten im Subjekte 
gering angeschlagen werden dürfte. 

Müssen so Bedenken gegen die „Spaltung" ^ noch nicht zu Un- 
gimsten der doppelten Stellungnahme ausschlagen, so wird diese schon viel 
direkter durch eine vom Autor selbst hinsichtlich des Wertgegenstandes 
gezogene Konsequenz betroffen. Hat nämlich, wie eben ausdrücklich zu 
konstatieren war, „Wertgrundlage" und „ Wertsetzung * jede einen anderen 
Gegenstand, so ist die Frage, was für ein Gegenstand dann dem aus 
beiden zusammengesetzten, also dem eigentlichen Werterlebnis zukomme, 
nächstgelegt. „Für die Wertung als seelischen Vorgang ist«, wie unser 
Autor ausführt, „der Gegenstand nur Bewußtseinsinhalt . . . Indessen 
geht es nicht an, die . . . intellektuellen Inhalte ... als rein objektive 
Gegenstände der Wertung anzusehen ... Die Wertgrundlage verschmilzt 
nämlich sozusagen mit dem intellektuellen Inhalt, geht mit ihm eine 
untrennbare Verbindung ein, und erst diese ist der Gegenstand der 
Wertung ... Der vollständige Gegenstand der Wertung ist also der 
intellektuelle Inhalt plus der wertgrundlegenden Stellungnahme."* Ob 
der Leser, der hier eher auf die „wertsetzende" als auf die „grund- 
legende* Stellungnahme verwiesen zu werden erwartet hätte, überhaupt 
recht zu folgen vermag? Wie immer es indes bewandt sei, in keinem 
Falle befindet man sich, soviel ich sehe, mit der Erfahrung im Ein- 
klänge, wenn man zwischen dem Gegenstande der „Grundlage" und 
dem der „Wertung", eben dem Gegenstande des Werterlebnisses, ein 
für allemal einen prinzipiellen Unterschied in Anspruch nimmt. Wer 
auf einen Schatz Wert legt, den er besitzt oder zu besitzen meint, der 
richtet sein Werterlebnis eben auf diesen Schatz als „intellektuellen 




1 A. a. 0., S. 343 ff. 

3 A. a. 0., S. 347, 349. 

3 Deren Inansprachnahme überdies durch die in der Tendenz der „An- 
nalen der Philosophie" gelegene Geneigtheit abgeschwächt wird, „Fiktionen" 
aufzudecken, vergleiche a. a. 0., S. 346 f., 356 f. 

* A. a. 0., S. 348f. 




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74 



n. Die Werterlebnisse. 



Inhalt" im obigen* Sinne und sonst auf nichts und es fehlt, soviel ich 
sehe, jeder Grund, ein solches Erlebnis anders als etwa vermöge will- 
kürlicher Konvention für ein bloß unvollständiges Werterlebnis zu 
nehmen. [^'^] 

Was so die Berücksichtigung des gegenständlichen Momentes 
ergibt, findet bei direkter Betrachtung der Erlebnisse selbst seine volle 
Verifikation: die „Stellungnahme zur Stellungnahme", so gewiß sie ein- 
treten kann, fehlt doch ebenso gewiß in tausend Fällen, denen niemand 
den Charakter der Werterlebnisse abspricht. Und selbst wenn man von 
der Formierung einer bestimmten Relation der zweiten Stellungnahme 
zur ersten absieht, möchte schon die bloße Zweiheit der Stellungnahmen 
mit der Etnpirie nicht in Einklang zu bringen sein. Auf den Schatz 
mag man noch immerhin Wert legen um des Wertes willen, den man 
auf die Macht legt, die der Reichtum mit sich bringt. Minder unge- 
zwungen ergibt sich aber die Zweiheit der Stellungnahmen schon bei 
dem wiederholt gebrauchten Beispiel vom Andenken an den teuren 
Verstorbenen. Oder S(»llte hier die Wertschätzung des Verstorbenen eine 
Art „Grundlage" für die Bewertung der Reliquie abgeben? Aber zum 
mindesten ist die Werthaltung des Verstorbenen selbst eben auch eine 
Werthaltung, und man wird leicht genug in Verlegenheit kommen, wenn 
man etwa das Verhältnis zu ihm auf bestimmte Eigenschaften zurück- 
führen soll, deren Werthaltung der Werthaltung der Person vorher- 
gegangen wäre und jedenfalls wird die den Tatsachen entsprechende 
Reduktion bald genug ihr Ende finden. Im Gesagten liegt bereits ein- 
geschlossen, wie es mit den Gefühlen der Liebe, Freundschaft, Ver- 
ehrung ganz im allgemeinen bewandt ist: sie sind gewiß nicht bloß 
Wertgefühle, schließen aber ohne Zweifel WertgeCühle in sich; diese 
können unter Umständen auch „interessiert" sein, wie man zu sagen 
pflegt, und aus den so zur Geltung gelangenden Interessen heraus ihre 
Begründung finden. Aber oft genug wird, wenn man dem Zeugnis der 
Empirie trauen darf, solche Begründung fehlen und dann fehlt in letzter 
Linie auch die Zweiteiligkeit. 

Noch durchsichtiger, weil einfacher, steht es mit vielen altrui- 
stischen Werthaltungen^, denen, wie noch näher darzulegen sein wird, 
eigen ist, daß sie seitens des E^o deshalb auf ein Objekt gerichtet 
werden, weil der Alter dieses Objekt wen hält. Das sieht auf* den 
ersten Blick immerhin wieder wie Wertgrundlage und Wertsetzung aus. 
Aber für die beiden „Stellungnahmen* im Sinne Müller- Freienfels', ist 
doch sicher die (höchstens durch „Spaltung" abgeschwächte) Identität 
des stellungnehmenden Subjektes erforderlich: diese fehlt hier jedoch, 
so daß seitens des allein maßgebenden Ego jedenfalls nur eine einzige 
„Stellungnahme* vorliegt. Daß es dann bei ethischen Werten, nicht 
minder beim Werte, den man darauf legt, geliebt, geehrt, verstanden 

1 Natürlich mit dem hier und sonst von mir eingehaltenen Wortgebranche 
nicht übereinstimmenden 

2 Vielen, nicht allen, weil es anch bei ihnen eventnell Wertbaltungs- 
übertragnng gibt, von der weiter nnten die Rede sein wird. (III, § 4.) 



III. Weiteres znr Wertpsycbologie. § 1. Zur Beschreib ong der 75 

Werthaltungen. 

zu werden, Recht zu haben und so fort ebenso bestellt ist, versteht 
sich von selbst. 

Schließlich ist hier auch der , übernommenen* Wertungen noch 
einmal zu gedenken.* Wie erwähnt, sind das, soviel ich ermessen kann, 
zunächst überhaupt keine Werterlebnisse, sondern bloß Urteile über 
einen Wert. Aus ihnen pflegen aber, worauf noch zurückzukommen sein 
wird, durchaus lebendige Werthaltungen hervorzugehen^: das, von dem 
ich weiß, respektive zu wissen glaube, daß es Wert hat, werde ich 
leicht genug auch selbst werthalten. Soll also in solchen Fällen nicht 
etwa eben dieses Werturteil die eine (näher die primäre) ^Stellung- 
nahme" sein, so haben wir es auch da nur mit einer einzigen Stellung- 
nahme zu tun; dennoch ist an der Vollständigkeit auch eines unter 
solchen Umständen auftretenden Werterlebnisses nicht zu zweifeln. 

Das Dargelegte scheint mir zum Erweise dafür auszureichen, daß 
Müller-Freienfels' Anforderung einer doppelten „Stellungnahme" keines- 
wegs bei allen Werthaltungen erfüllt ist. Auch eine einzige „Stellung- 
nahme" reicht aus und damit kommen wir wieder auf das in den voran- 
gegangenen Untersuchungen herausgearbeitete, relativ einfache Wert- 
gefühl, die Werthaltung zurück. Den Ausführungen Müller-Freienfels' 
kommt aber gleichwohl das Verdienst zu, auf einen wichtigen Unter- 
schied an diesen Werthaltungen besonders nachdrücklich aufmerksam 
gemacht zu haben. Wir werden auf diesen Unterschied zurückkommen, 
wenn wir, wie im folgenden geschehen soll, den psychologischen Vor- 
aussetzungen der Werthaltungen näher zu treten versuchen. 

IIL Weiteres zur Wertpsychologie, 

§ 1, Zur Beschreibung der Werthaltungen. 

Es ist auch bei denjenigen Forschern, die als unser eigentlich 
charakteristisches Verhalten in Wertangelegenheiten das Gefühl an- 
erkennen, nicht eben gebräuchlich, dann noch zwischen Gefühlen ver- 
schiedener Art zu unterscheiden und nur ganz bestimmte Ausgestaltungen 
unseres Gefühlslebens den Werten spezifisch zuzuordnend Im obigen 
ist dies durch Herausarbeitung des Begriffes des Wertgefühles und 
insbesondere des Begriffes der Werthaltung zu leisten versucht worden. 
Es wird sich unter solchen Umständen empfehlen, die Eigenart der 
unter diese Begriffe fallenden Erlebnisse in möglichst helles Licht zu 
rücken, indem hier zusammengestellt wird, was eine erste psychologische 
Analyse an diesen Erlebnissen zu ergeben scheint. Es kann dabei 
vorerst nur der Weg direkter Analyse beschritten werden, unbeschadet 
des primitiven Charakters einer solchen, — immerhin in der Hoffnung, 
daß namentlich das psychologische Experiment sich auch in dieser 
Sache recht bald hilfreich erweisen möchte. 



1 Vergl. übrigens R. Mftller-Freienfels selbst, a. a. 0., S. 331 ff. 

2 Eine Ausnahme macht, wie sich gezeigt hat, R. Müller-Fr ei enfeli 




76 



III. Weiteres ztir Wertpsychologie. 



§ 1. Zur Beschreibung der Werthaltungen. 



77 



Die im vorigen Kapitel gewonnene Charakteristik der Wertgefühle, 
die in der Greifbarkeit ihrer Bestimmungen geradezu definitorischen 
Ansprüchen genügt, erkauft diesen Vorzug, wie das ja auch sonst 
öfter begegnet, durch ihre Äußerlichkeit. Denn sie hält sich nur bei 
den Gegenstandsvoraussetzuugen. respektive Voraussetzungsgegenständen 
auf, ohne auf die Beschaffenheit der betreffenden G.^fühle selbst ein- 
zugehen. Wer versuchen will, diesem Mangel abzuhelfen, dem bieten 
sich als heuristische Behelfe von selbst die nun auch dem Gefühle 
gegenüber in Betracht zu ziehenden drei Momente „Akt, Inhalt und 
Gegenstand" dar, die der psychologischen Analyse zunächst auf dem 
intellektuellen Gebiete, also beim Vorstellen und Denken, so gute Dienste 
geleistet haben. Nur könnte man, dem Herkommen entsprechend, leicht 
der Meinung sein, mindestens vom Inhalte oder doch vom Gegenstande 
der Wertgefühle sei im vorangehenden reichlich die Rede gewesen, 
hinsichtlich des Aktes aber hätten die Wertgefühle mit allen übrigen 
Gefühlen eben die ihnen sämtlich wesentliche Gegensätzlichkeit von 
Lust und Unlust gemein, eine anderweitige qualitative Verschiedenheit 
aber komme bei Gefühlen überhaupt nicht vor, sondern höchstens (auch 
das wird in Frage gestellt) eine quantitative, indes alles übrige an 
Differentiationen eben dem durch die intellektuellen Voraussetzungs- 
erlebnisse hinzugebrachten Inhalte „oder" Gegenstande beizumessen 
wäre. Eine eingehende Untersuchung dieser wichtigen Dinge, so nötig 
sie auch sein mag, würde hier zu weit führen; vielleicht darf ich mich 
indes auf eine skizzenhafte Formulierung des mir sachgemäß scheinen- 
den Standpunktes um so leichter beschränken, als ich mindestens einiges 
Eingehendere hierüber bereits an anderem Orte^ dargelegt habe. 

Wir beginnen mit der Erinnerung daran, daß die Wertgefühle 
so unselbständige Erlebnisse sind wie Gefühle sonst und daß diese 
Unselbständigkeit sie in ihrem Auftreten unvermeidlich an intellektuelle 
Erlebnisse bindet. Es liegt nahe, das Verhältnis der Gefühle zu diesen 
intellektuellen Erlebnissen kausal zu denken; aber man möchte kaum 
gewährleisten können, daß z. B. eine Geschmacksempfindung der durch 
sie ausgelösten Geschmackslust jedesmal in der Weise zeitlich voran- 
gehen müßte, in der die Ursache vor der Wirkung sein muß. Es hat 
mir daher einst^ minder pi äjudizierlich geschienen, hier von Voraus- 
setzungen, als von Ursachen der Gefühle zu reden, näher, da auch an 
physischen Voraussetzungstatbeständen kein Mangel sein wird, von psycho- 
logischen Voraussetzungen. Zu einer weiteren differentiativen Bestim- 
mung gibt bei ihnen der Umstand Anlaß, daß sie den auf sie gestellten 
Gefühlen gleichsam ihren Gegenstand mitteilen. Wir konnten im voran- 
gehenden oft und ungezwungen vom Wertobjekte und dann genauer 
vom Objekte unserer Wertgefühle, nicht minder von dem der ästhetischen 
Gefühle oder der sinnlichen Gefühle handeln. Dem Herkommen, Inhalt 
und Gegenstand nicht oder nicht sorgfältig auseinander zu halten, ist 



1 In „Über emotionale Präsentation". 

3 „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", S. 34. 



es gemäß, auch von Inhalten der Gefühle zu reden : das habe auch ich 
selbst einst nicht anders gehalten'. Sieht man näher zu, so ist nicht 
zu verkennen, daß man dabei allemal die Gegenstände von Voraus- 
setzungsvorstellungen im Auge gehabt hat, mit denen dann etwa aus- 
nahmsweise auch die Gegenstände von Voraussetzungsurteilen oder 
-annahmen eine Art Konkurrenz einzugehen scheinen. Mit Rücksicht 
hierauf kann man die in Rede stehenden psychologischen Voraus- 
setzungen der Gefühle — von den Begehrungen gilt übrigens Analoges 

— ganz wohl auch als Gegenstandsvoraussetzungen der betreffenden 
Gefühle benennen.^ 

Nun hat es aber mit diesen durch die Voraus^^etzungen präsentierten 
Gegenständen doch eine besondere Bewandtnis, die man am besten 
zunächst auf dem für die Gefühlsbetrachtung vorerst noch völlig 
indifferenten Gebiete ausschließlich intellektueller Betätigungen ins 
klare bringen kann. Auch auf rein intellektuellem Gebiete trifft man 
bekanntlich Tatbestände an, denen gegenüber von psychologischer 
Voraussetzung im eben angegebenen Sinne gesprochen werden kann 
und auch da zeigen sich diese Voraussetzungen zugleich als Gegen- 
standsvoraussetzungen. Urteile z. B. sind nicht minder unselbständig 
als Gefühle : die Gegenstände der Vorstellungen aber, auf die sie etwa 
gestellt sind, sind zugleich die Gegenstände, über die geurteilt wird. 
Nur ist damit das Gegenständliche, das das Urteil aufweist, noch nicht 
erschöpft, so wenig, daß dasjenige, was den eigentlichen Gegenstand 
des Urteils ausmacht, durch das Gesagte noch gar nicht berührt ist. 
Denn was für die Vorstellung das Objekt, das ist für das Urteil das 
Objektiv: das Objektiv aber ist dem Urteil durch seine Voraussetzungs- 
vorsiellungen in keiner Weise präsentiert. So zeigt die Gegenständlich- 
keit am Urteile zwei sehr verschiedene Aspekte. Einmal trifft man hier 
das an, was das Urteil seiner eigensten Natur nach erfaßt, das Objektiv, 

— andererseits aber auch das, was durch die Vorstellungsvoraussetzungen 
sozusagen beigestellt wird und vom Urteile gleichsam angeeignet wird, 
das Objekt, respektive die Objekte. Passend kann man daher einerseits 
vom Eigengegenstand, andererseits vom angeeigneten Gegenstande des 
Urteiles reden.' 

Die Anwendung auf das uns hier beschäftigende Gebiet der 
Gefühle vollzieht sich nun leicht. Was uns als Gegenstände dieser 
Gefühle entgegengetreten ist, gehört teils den Vorstell ungs-, teils den 
Denkerlebnissen als Eigengegenstand, teils zugleich den Denkerlebnissen 
als angeeigneter Gegenstand zu. Denn soweit nicht etwa Selbstpräsen- 
tation vorliegt* (von der hier der Einfachheit wegen abgesehen wird), 
sind alle Objekte Eigengegenstände des Vorstellens, alle Objektive 
solche des Denkens. Was uns also bisher an Gefühlsgegenständen 

begegnet ist, kann nicht wohl anders als den angeeigneten Gegen- 
I 

1 Vgl. A,.a. 0., S. 39. 

2 Vgl. „Über emotionale Präsentation*, S. 86. 
^ „Über emotionale Präsentation*, S. 53. 

* A. a. 0., § 1. 



78 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 



ständen der Gefühle beigezählt werden und die Frage, ob Gefühle 
überhaupt fähig sind, Eigengegenstände zu haben, muß ganz ausdrücklich 

aufgeworfen werden. 

Die bejahende Antwort hierauf habe ich dem Hinweise auf die 
Tatsache der emotionalen Partialpräsentation^ entnommen. Auch Gefühle 
bieten, ähnlich wie die Vorstellungen, dem Intellekte Gegenstände zum 
Erfassen dar, zum Beispiel die Gegenstände , schön", ^angenehm",^ und 
haben derlei verschiedene Gefühle trotz Verschiedenheit hinsichtlich dieser 
Gegenstände immer noch etwas Übereinstimmendes gemein, so tritt 
dem solchen Gegenständen besonders zugeordneten Inhalte auch beim 
Gefühle ein von der Variation des Inhaltes relativ unabhängiger Akt 
an die Seite. Weil aber „angenehm" und „unangenehm% ebenso 
.schön" und häßlich« und so fort ohne Zweifel gegenständliche Gegen- 
sätze sind, genauer Gegensätze an den Eigengegenständen der Gefühle, 
an diesen Gefühlen selbst aber den fraglichen Gegensätzen der Gegen- 
satz von Lust und Unlust entspricht, so ist nicht wohl daran zu zweifeln, 
daß der Unterschied von Lust und Unlust nicht, wie man zunächst für 
selbstverständlich halten möchte, dem Gefühlsakte zugehört, vielmehr 
(völlig analog zur Inhaltlichkeit des Gegensatzes von Affirmation und 
Negation beim Urteil) durchaus Sache des Gefühlsinhaltes ist.^ Die 
weitere Frage, 'inwiefern nun etwa die nach den Gegenstandsvoraus- 
setzungen differenzierten Klassen der Gefühle auch noch konkomitierende 
Differentiationen der Inhalte aufweisen, erscheint dadurch in greifbare 

Nähe gerückt. 

Um aber zunächst ausdrücklich festzulegen, was an Gegenständ- 
lichkeit bei Gefühlen anzutreffen ist, haben wir vor allem den bisher 
allein beachteten angeeigneten Gegenständen allenthalben einen Eigen- 
gegenstand gegenüberzustellen, ohne daß auf eine Würdigung seiner 
Bedeutung schon an dieser Stelle eingegangen werden könnte; es soll 
am geeigneten Orte darauf zurückgekommen werden. Was dagegen die 
angeeigneten Gegenstände anlangt, so treten, wenigstens bei den Wert- 
gefühlen, den Objekten die Objektive an die Seite und sprachgebräuchlich 
macht sich das in einer gewissen Unsicherheit darüber geltend, ob 
etwa der Grundbesitzer auf den Grund, resp. Grundbesitz oder nicht 
vielmehr auf die Existenz des Grundes Wert legt. Es ist, was ja leicht 
genug verstanden werden kann,^ dieselbe Zwiespältigkeit wie beim 
Begehren, dergemäß das Kind ebensowohl den Apfel als den Besitz 
des Apfels „wiir, also als „Gegenstand* des Wollens einmal das 
Objekt, einmal das Objektiv namhaft macht. Immerhin scheint beim 
Werthalten, wenn man ihm das Begehren gegenüberstellt, das Objekt 
mehr in den Vordergrund zu treten, wohl deshalb, weil beim Werte, 
wie sich zeigen wird, die beiden gegensätzlichen Objektive sozusagen 
am gemeinsamen Objekte sich zu einem Ganzen zusammenschließen. 

1 A. a. 0., § 4. 

2 A. a. 0., S. 32ff., §11. 
8 A. a. 0., S. 32. 

* Vgl. oben n, § 8. 



§ 1. Zur Beschreibung der Werthaltnngen. 



7^ 



So verdient das Objekt schon bei der Werthaltung ausdrückliche 
Beachtung und es empfiehlt sich, hier noch einer besonderen Komplikation 
zu gedenken, die auf die natürliche Zusammengesetztheit aller Objekte 
und Quasiobjekte zurückgeht, mit denen unser Werthalten zu tun hat. 
Richtet sich nämlich die Werthaltung auf das Objekt und besteht 
dieses aus den endlich oder unendlich vielen Bestandstücken Oi, Oi, 
. . . On, so werden für die Werthaltung normalerweise sicher nicht alle diese 
Komponenten gleich wesentlich sein. Wer eines Bleistiftes bedarf, um 
sich damit Notizen zu machen, dem kann es leicht einerlei sein, ob 
der Bleistift hart oder weich ist. Wer ein gutes Buch schätzt, das er 
in seinem Besitz hat, wird oft genug nicht danach fragen, in welcher 
Farbe es gebunden ist und so fort. So zerfallen die Bestimmungen, 
die den Gegenstand ausmachen, zwanglos in Bestimmungen 0', die 
für die Werthaltung maßgebend sind und in Bestimmungen 0", die es 
nicht sind und die so gleichsam die unwesentliche Hülle ausmachen, 
die den wesentlichen Kern umgibt. Passend kann man dann vom Stand- 
punkte der Werthaltung aus die 0' als die Kernbestimmungen, 
die 0" als die Hüllenbestimmungen von bezeichnen. Indem 
aber die Werthaltung sich gleichwohl dem ganzen Gegenstande zu- 
wendet, hat es Sinn, auch diese Hüllenbestimmungen cum' grano salis 
als Objekte der Werthaltung in Anspruch zu nehmen. Wir werden auf 
sie bei Betrachtung der Werthaltungsvermittlungen^ noch zurückzu- 
kommen haben. 

Wenden wir uns nunmehr von den Gefühlsgegenständen den 
Gefühlen selbst zu, so ist vor allem nicht zu verkennen, daß die oben 
erwähnte Präsumtion von der qualitativen Gleichheit aller Gefühle 
(nämlich natürlich der Lustgefühle untereinander und der Unlustgefühle 
untereinander) sozusagen noch vor dem Versuche liegt, Akt und Inhalt 
am Gefühlserlebnis selbst auseinander zu halten und daher gestattet, 
auch bereits ohne Bezugnahme auf eine solche Unterscheidung erwogen 
zu werden. Was indes für sie spricht, ist schwerlich mehr als die 
ziemlich abstrakte Möglichkeit, für die sich empirisch darbietenden 
Verschiedenheiten die intellektuellen Voraussetzungen verantwortlich 
zu machen^ und durch eine derartige „Reduktion" eine theoretisch 
vielleicht erwünschte Vereinfachung der Beschreibung zu erzielen. 
Damit ist indes vorerst jedenfalls die Verschiedenheit der Aspekte 
anerkannt; um aber zu einem Urteil über die „Reduktion" zu ge- 
langen, dazu bieten sich ungesucht zwei Wege dar. Einmal kann 
unter besonderen Umständen der nämliche (angeeignete) Gegenstand 
zu verschiedenen Gefühlen vom nämlichen Vorzeichen gehören: das 
nämliche Bild kann mein Wohlgefallen erregen und mir zugleich (viel- 
leicht wegen seiner Schönheit, vielleicht auch aus anderem Grunde) 
wert sein ; dennoch ist das Gefühl des Gefallens nicht das Wertgefühl. 

1 Vgl. unten III, §4. 

2 Vgl. W. Liel, „Gegen eine voluntaristische Begründnng der allgemeinen 
Werttheorie" in den von mir herausgegebenen „Untersuchungen zur Gegenstands- 
theorie und Psychologie", Leipzig 1904, S. 527 ff. 



80 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 



Als besonders instruktiv bewährt sich hier der in dieser Hinsicht bereits 
geltend gemachte Gegensatz zwischen Wissensgefühlen und Wertge- 
fühlen. Wir haben gesehen, daß der nämliche Gegenstand (sowohl 
seiner Objekt- als seiner Objektivseite nach) einerseits durch em Wissens- 
getühl, andererseits durch ein Wertgefühl gleichsam angeeignet werden 
kan.i eleichwohl aber die Verschiedenheit der beiden Erlebnisse auf- 
recht bleibt. Wir durften diese Verschiedenheit auf die Verschiedenheit 
des Anteils von Voraussetzuiigsakt und Voraussetzungsinhalt zuruck- 
beziehen, ohne zu verkennen, daß gerade dieser Unterschied ceteris 
paribus im Aspekte der betreffenden Gefühlse,lebuisse nicht wohl zur 
Geltung kommen könne. Dann bleibt aber für die Unterschiedenheit 
der Gefühle nur noch die dieser Erlebnisse selbst übrig. 

Eindringlicher noch könnte aber immerhin der Gesamteindruck 
sein, den die^Hauptklassen der Gefühle durch die innerhalb jeder dieser 
Klassen auftretende Verwandtschaft trotz eventuell weilgehender Ver- 
schiedenheit der (angeeigneten) Gegenstände, also der intellektuellen 
Grundlage» machen. Einem Kunstwerke gegenüber ist eben dem 
fühlenden Subjekte so völlig anders m Mute als einer wohlschmeckenden 
Speise gegenüber, wie immer jenes Kunstwerk und diese Speise 
beschaffen sein mögen, daß eine Zurücktührung auf die Verschieden- 
heiten des jedesmal intellektuell Gegebenen denn doch wohl ausge- 
schlossen erscheint. Eine solche Gegenüberstellung hedomscher und 
ästhetischer Gefühle findet dann ihre Verifikation, sobald man vom 
angeeigneten Gegenstande zum Eigengegenstande übergeht : das Ange- 
nehme' ist eben etwas anderes als das Schöne, welcher besonderen 
Beschaffenheit immerhin das sein mag, das auf diese Attribute Anspruch 

^' ^ Die Anwendung auf die Wertgefühle ist bezüglich des Falles der 
Identität zwischen dem Objekte eines Wertgefühles mit dem emes anderen 
Gefühles im Hinblick auf ästhetische und Wissensgefühle bereits vollzogen 
worden. Aber auch das Verwandte sämtlicher Wertgefühle untereinander 
im Gegensatze zu sinnlichen oder ästhetischen Gefühlen kann aufmerk- 
samer Betrachtung nicht wohl entgehen, unbeschadet anderweitiger Ver- 
schiedenheiten, wie sie etwa gegenüber unserem Verhalten einerseits 
zu ökonomischen, andererseits zu ethischen Werten^ auffällig werden 
Das Gemeinsame in ausdrücklicher Beschreibung hervorzuheben, hat 
dann allerdings hier wie sonst so oft bei letzten Gegebenheiten seine 
bis zur Unüberwindlichkeit großen Schwierigkeiten. Am ehesten mag 
vielleicht auf eine gewisse Blässe und sozusagen Unaufdnnglichkeit 
der Wert-efühle hinzuweisen sein, vermöge deren diese namentlicli 
hinter sinnlichen und ästhetischen Gefühlen, zumal wenn diese größere 
Stärke haben, für die Aufmersamkeit des Beobachters leicht zuruck- 



2 v|l. St. Witasek, „Gnmdzüge der allgemeinen Ästhetik'-, Leipzig 1904, 
S. 203, trotz dessen Eintretens für qualitative Gleichartigkeit der Gefühle 

8 Vgl. Th. Lipps' Beispiel vom fruchtbaren Ackerland gegenüber ethischer 
Gesüinnng „Die ethischen Grundfragen«, 2. Aufl., Hamburg u. Leipzig 1905, S. 83 f. 



§ 1. Zur Beschreibung der Werthaltnngen. 



81 



treten können, um sich dann gleichwohl für das Willenslebea als das 
durchaus Entscheidende zu bewähren. Gelegentlich hat man in einem 
„eigenartigen Zumutesein eine besondere Gruppe von Innenempfindungen 
feststellen können, die das Bewußtsein neben der Lust aufweist, wenn 
ihm etwas Wert hat":^ ist solche Berufung auf , Innenempfindungen" 
auch kaum das Exakteste an psychologischer Beschreibung, so mag 
doch die Eigenartigkeit der Sachlage darin in nicht ungeeigneter Weise 
zum Ausdrucke gelangen. Speziell von „geistigen Werten" ist behauptet 
worden, „daß sie in der Art ihrer Gegebenheit eine eigentümliche 
Abgelöstheit und Unabhängigkeit gegenüber der gesamten Sphäre des 
Leiblichen an sich tragen". ^ Sehe ich recht, so gilt das von allen 
Werten, oder auch: aller Wert hat als solcher den Charakter des 
, Geistigen*, welcher Beschaffenheit immer der Gegenstand sein mag, 
an den das Wertgefühl sich knüpft. Es darf als Zeugnis für die Eigen- 
artigkeit der Werterlebnisse in Anspruch genommen werden, daß 
H. Schwarz sie überhaupt gar nicht den Gefühlen beizählen zu dürfen 
meint, sie vielmehr (freilich unter dem sonst jederzeit für Gefühle 
gebräuchlichen Namen des „Gefallens") dem Willensgebiete zuweist.^ 
In diesem letzteren Umstände kommt dann die Tatsache zur Geltung, 
daß, was man herkömmlich allein als „Begehrung" zu betrachten pflegt, 
speziell als Wertbegehrung bezeichnet zu werden verdient, sofern es 
im Gegensatze etwa zu Wissensbegehrungen oder ästhetischen Begeh- 
rungen* ausschließlich Wertgefühle zu Motiven hat. Es scheint geradezu, 
daß derlei Begehrungen die Wertgefühle direkt als constitutiva in sich 
schließen, indem sie sich auf diesen ähnlich aufbauen wie Urteile 
oder Annahmen auf Vorstellungen, sofern jedesmal zum passiven dort 
intellektuellen, hier emotionalen Grunderlebnis ein besonderes Aktivitäts- 
moment hinzutritt. 

Es entspricht dem, was uns eben als Blässe und Unscbeinbarkeit 
der Wertgefühle entgegengetreten ist, daß sie eine gewisse Einförmigkeit 
aufweisen, die zu den auffallenden Stärkeverschiedenheiten bei ästhe- 
tischen und noch mehr bei sinnlichen Gefühlen in nicht zu verkennendem 
Kontrast steht. Daraus erklärt sich wohl die nicht selten^ begegnende 
Tendenz, den Wertgefühlen Stärke und insbesondere Stärkevariabilität ab- 
zusprechen. Aber einer der neuesten Vertreter dieser Ansicht, H. Schwarz, 
meint doch, wenn auch nicht von mehr oder weniger „stark*, so doch 
von mehr oder weniger „satt" bei den Werterlebnissen reden zu müssen,^ 



1 E. Hey de, „Grundlegung der Wertlehre", S. 92. 

'^ A. Messer, „Psychologie", S. 304. 

3 Vgl. W. Liel, „Gegen eine volnntaristische Begründung der Werttheorie" 
a. a. 0. 

* Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 97 f. 

^ Vgl. jetzt auch R. Müller-Preienfels, „Gmndzüge usw.,* a. a. 0., 
S. 362 f., der sich sogar dagegen wendet, „den Intens tätsbegriff . . . quantitativ 
machen zu wollen", was nur unter Voraussetzung eines besonders engen Quan- 
titätsbegriffes verständlich ist. Über diesen vgl. meine Ausführung „Über die 
Bedeutung des Weber'schen Gesetzes", Gesammelte Abhandl., Bd. n, S. 217 ff. 

8 Vgl. W. Liel, a. a. 0. 

M e i n n g, Zar Grandlegiing der allg. Werttheorie. 6 



82 



in. Weiteres zur Wertpsychologie. 



§ 2. Die Gegengefühle. 



83 



und ihm zustimmend, konzediert A. Boltunow^ zwar keine Variabilität 
in der Intensität, wohl aber eine in der ,, Quantität". Daß überdies ver- 
schiedenen Wertgefühlen gegenüber Begehrungen verschiedene, also 
bald größere, bald geringere Motivationskraft [^^J zukomme, wird von 
keiner Seite bestritten, daraus aber dann freilich eventuell die Konsequenz 
gezogen, daß, was man zunächst für verschiedene Wertgefühlsstärken 
zu nehmen geneigt sein mag, eben die verschiedene Motivationskraft 
sei. Aber es scheint doch um vieles natürlicher, die Verschiedenheit 
der Motivationskraft eben als Folge der Stärkeverschiedeuheit zu verstehen, 
als diese Verschiedenheit umgekehrt auf eine Relation zurückzuführen, 
zu der man keine ihr zu Grunde liegenden Glieder aufzuweisen gewillt 
ist. Überdies spricht wohl auch die direkte Empirie hier eine ausreichend 
deutliche Sprache. Wer alles an Habe und Gut verloren hat, reagiert 
anders, und zwar doch wohl charakteristisch stärker, als wem eine 
mäßige Geldsumme abhanden gekommen ist. W^er sich fruchtbarer Berufs- 
tätigkeit erfreut unter angenehmen Lebensumständen, kann doch ohne 
Zweifel auf jene Tätigkeit mehr Wert legen, das heißt ihr gegenüber 
ein stärkeres Wertgefühl auslösen als hinsichtlich der sonstigen Unge- 
störtheit seines Lebens. Man wird also den Wertgefühlen prinzipiell wohl 
die quantitative Variabilität zuerkennen dürfen, die sonst keiner der 
Hauptklassen unter den Gefühlen fehlt. 

Wie sich die so einigermaßen aufgewiesenen qualitativen und 
quantitativen Bestimmungen auf Akt und Inhalt der Wertgefühle ver- 
teilen, ist durch das Dargelegte natürlich noch ganz unausgemacht. 
Durch den Gegensatz von Ernst- und Phantasiegefühl, der, wie wir 
wissen, auch den Wertgefühlen nicht fehlt, ist natürlich auch hier der 
Akt, durch die Verschiedenheiten der Wertarten, soweit die Voraus- 
setzungen dabei nicht in Frage kommen, der Inhalt in Mitleidenschaft 
gezogen. Auch die Verschiedenheiten der Wertgrößen scheinen als quan- 
titative Bestimmungen zunächst den Inhalten zugeordnet, was einen 
Parallelismus der Aktstärken immerhin nicht ausschlösse. In all diesen 
Dingen aber besteht noch größte Unsicherheit, die erst eingehende Einzel- 
untersuchung zu beseitigen hoffen darf. 

§ 2. Die Gegengcfühle, 

Wir wenden uns der näheren Betrachtung einiger gesetzmäßigen 
Beziehungen zu, die für dasselbe Subjekt zwischen Werthaltungen mit 
gemeinsamem Objekt (respektive Quasiobjekt) unter der Voraussetzung 
bestehen, daß die Werthaltungen die typischen Ausgestaltungen erfahren 
haben, die durch die Polarität einerseits dieser Erlebnisse selbst, anderer- 
seits durch die Polarität ihrer psychologischen Voraussetzungen ermöglicht 
sind. Als Gefühle nämlich haben die Werthaltungen, wie bereits zu erwähnen 
war, allemal entweder Lust- oder Unlustcharakter, wofür namentlich bei 
Urteilsgefühlen (im Gegensatz zu bloßen Annalimegefühlen) ganz wohl 

1 „Über den Strukturzusamnienhang zwischen dem ästhetischen Wertgefühl 
und seinen intellektuellen Voraussetzungen", Berliner Dissertation, 1909, S. 28,. 
vgl. ebenda S. 23, Anm. 6. 



Wli (0-) 



auch Freude und Leid zu sagen sein wird, falls man nur vermeidet, 
den Gedanken an Komplexe, insbesondere Affekte, in die möglichst 
elementar gemeinte Betrachtung hineinzutragen. Andererseits hat das 
Sein, auf das die Werthaltungen bezogen sind, je nach dem für die 
Wertgefühle (im Gegensatz zu den Wissensgefühlen) so wesentlichen 
affirmativen oder negativen Charakter des es erfassenden Voraussetzungs- 
urteils entweder positive oder negative Qualität, so daß man im Hinblick 
hierauf von Seinsgefühlen (das Wort „Sein" in engerem Sinne als 
positives Sein verstanden) und Nichtseinsgefühlen reden darf. Ganz 
äußerlich kombiniert, ergeben diese beiden Gegensätzlichkeiten die vier 
Klassen : Seinsfreude und Seinsleid, Nichtseinsfreude und Nichtseinsleid, 
was sich in einfachen Symbolen übersichtlich zusammenstellen läßt, 
indem man etwa mit Wh die Werthaltung, mit deren Objekt, durch 
Klammern das Objektiv bezeichnet, das Vorzeichen des Objektivs aber 
rechts oben am Objektssymbol, das Werthaltungsvorzeichen unter dem 
Werthaltungssymbol anbringt. Man erhält dann: 

Wh (0+) Wh (0+) 

+ 
Wh (0-) 

+ . ~ 

Niemand wird erwarten; daß bei Übereinstimmung im Objekt diese 
Klassen sozusagen gleichgültig nebeneinander bestehen werden. Was 
hier zunächst in die Augen fällt, sind gleichsam Störungen in der 
Möglichkeit des Zusammenseins, kürzer also Unverträglichkeiten, die zu 
Tage treten, wenn man es mit der Identität des Objektes nur genau 
genug nimmt. Am Sein eines und desselben Gegenstandes sowohl Freude 
als Leid zu haben, scheint, für die nämliche Zeit direkt unmöglich^, 
für verschiedene Zeiten nicht gerade ausgeschlossen, aber inkonsequent 
und dem Vorwurfe der Launenhaftigkeit ausgesetzt. Die eben gestellte 
Forderung ausreichender Genauigkeit betrifft die Tatsache, daß etwa 
ein Ding zugleich sehr verschiedene Eigenschaften hat, deren manche 
erfreulich, andere sehr unerfreulich sein können. Derselbe Mensch hat 
neben guten auch schlechte Seiten, ein Apparat kann erhebliche Leistungs- 
fähigkeit mit geringer Dauerhaftigkeit verbinden. Unter solchen Umständen 
hat man es eben eigentlich nicht mit einem Werthaltungsobjekte zu tun, 
sondern mit deren zweien. 

Eine Schwierigkeit bleibt dabei freilich immer noch übrig, aus 
der die Theorie hoffentlich noch Gewinn ziehen wird, weshalb sie hier 
angemerkt sei. Sind es auch die Eigenschaften eines Menschen, auf 
die sich meine Werthaltung zunächst bezieht, so geht die Werthaltung 
doch im Sinne einer schon oft konstatierten, im folgenden noch näher 
zu betrachten^den Übertragung von den Eigenschaften auch auf deren 
Träger über. So ist es am Ende doch derselbe Mensch, den ich positiv 



1 Mehr als einmal ist schon das gleichzeitige Erleben von Lust und Unlust 
ganz ohne Rücksicht auf den Voranssetzungsgegenstand für unmöglich erklärt 
worden, vgl. B. Groethuysen, „Das Mitgefühl", Zeitschrift f. Psych., Bd. 34, 
1904, S. 199, Anm. 5. 

• 6* 



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84 



ni. Weiteres znr Wertpsychologie. 



§ 2. Die Gegengefülile. 



85 



und negativ werthalten soll, also speziell im vorliegenden Falle derselbe 
Mensch, der mir Grund gibt, mich über sein Dasein zu freuen und es 
andererseits doch auch wieder zu bedauern. Aber die Lage, in der das 
Subjekt sich da befindet, weist durchaus den Charakter eines Konfliktes 
auf und bestätigt dadurch nur neuerlich die Tatsache, daß es sozusagen 
beiden Anforderungen zugleich nicht besser Rechnung tragen kann, als 
ein materieller Punkt, an dem zwei verschieden gerichtete Kräfte an- 
greifen, sich zugleich in den beiden verschiedenen Richtungen fort- 
zubewegen imstande ist. Die Dinge stehen in unserem Falle eben so, 
als ob man vor die Übertragung der Werthaltung von den Eigenschaften 
auf deren Träger als vor eine Aufgabe gestellt wäre, die erst gelöst 
ist, wenn man es zu einer einheitlichen Wertstellungnahme diesem 
Träger gegenüber gebracht hat, die dann eine Art Resultierende aus 
den Wertstellungnahmen zu den einzelnen Eigenschaften darstellen mag. 
Vielleicht könnte man analog zu dem, was ich einst^ angezeigte und 
ausgeführte Vorstellungsverbindung genannt habe, von einer bloß an- 
gezeigten und einer ausgeführten Werthaltungsübertragung reden, und 
das hier und im folgenden Darzulegende zunächst nur auf die aus- 
geführte Werthaltungsübertragung beziehen. Der Übergang von der 
Werthaltungsübertragung zur Wertübertragung könnte dann immerhin 
neue Probleme mit sich führen, auf die hier noch nicht und später nur 
in sehr unvollkommener Weise eingegangen werden kann. 

Daß, was hier vom Sein gezeigt wurde, ebenso vom Nichtsein 
gilt, indem ich unter Voraussetzung der obigen Kautelen auch am Nicht- 
sein eines Gegenstandes nicht sowohl Freude als Leid erleben kann, 
versteht sich. Daß es ferner etwas geben sollte, das mir durch sein 
Sein ebenso wie durch sein Nichtsein Freude bereitete, dazu ist die 
Welt, cum grano salis verstanden, nicht teleologisch genug, — daß es 
etwas geben sollte, das durch sein Sein wie durch sein Nichtsein Leid 
brächte, dazu ist sie nicht disteleologisch genug eingerichtet. So kann 
auch nicht Seinsfreude mit Nichtseinsfreude, und ebenso wenig Seins- 
leid mit Nichtseinsleid zusammen bestehen. 

Wie man sieht, bleiben von den sich vorgängig in rein äußer- 
licher Weise darbietenden sechs Kombinationen überhaupt nur zwei 
übrig. Bei diesen zeigen sich nun aber die jedesmal zusammengegebenen 
zwei Glieder nicht nur verträglich, sondern wesentlich enger aneinander- 
geknüpft. Freue ich mich über das Dasein eines Dinges, so ist ja 
nichts selbstverständlicher, als daß mir sein Nichtdasein leid ist und 
umgekehrt. Ist mir dagegen sein Dasein leid, so ist es ebenso natürlich, 
daß mich sein Nichtdasein freut und umgekehrt. Das kann man leicht 
der Erfahrung entnehmen; es ergibt sich aber auch schon bei einiger 
Achtsamkeit auf die Natur der Sache, so daß man nicht umhin kann, 
hier einen apriorisch einsehbaren Zusammenhang zu vermuten. Was in 
dieser Weise innerlich verbunden auftritt, ist äußerlich durch die Gegen- 
sätzlichkeit seiner Bestimmungen gekennzeichnet, wenn man einerseits 



die Qualität des Voraussetzungsurteils, andererseits die des zugehörigen 
Gefühles in Betracht zieht. Seinsfreude gegenüber Nichtseinsleid, Nicht- 
seinsfreude gegenüber Seinsleid weist in jedem der beiden Kombinations- 
fälle das auf, was man in ohne weiteres verständlicher Weise als ent- 
gegengesetzte Vorzeichen charakterisieren kann. Gefühle von solcher 
Gegensätzlichkeit habe ich mit Rücksicht auf diese als Gegengefühle 
bezeichnet* ; die beiden Gegengefühlspaare sind es also, in deren Betrach- 
tung wir eben eingetreten sind und bei denen wir nun noch ein wenig 
verweilen müssen. 

Dem Anschein apriorischer Verbundenheit der Gegengefühle stehen 
nämlich, dies muß zuvörderst anerkannt werden, Erfahrungen in Menge 
gegenüber, die in Betreff der Möglichkeit gesonderten Auftretens der 
Glieder je eines Paares keinen Zweifel gestatten. Das ist zunächst für 
Seinsfreude leicht genug zu belegen. Es gibt Menschen, die ohne irgend- 
wie abergläubisch zu sein, sich doch freuen, so oft sie vierblättrigen 
Klee finden: es liegt ihnen aber nichts ferner, als betrübt zu sein, weil 
sie einmal keinen finden. Eine „Lust", das Wort im engen unpsycho- 
logischen Sinne verstanden, in dem „Vergnügung" immerhin deutlicher 
sein mag, läßt man sich, wenn der Zufall dergleichen bietet, „mit 
Freuden" gefallen ; wer aber nicht etwa vergnügungssüchtig oder sonst 
ohne inneren Halt ist, macht sich nicht leicht etwas daraus, wenn ein 
solcher Zufall sich nicht ereignet. Es freut uns, wenn jemand, der uns 
lieb ist, unerwartet eine hervorragende ethische oder künstlerische 
Befähigung betätigt; aber wir „verlangen" dergleichen nicht von ihm 
und sind's zufrieden, wenn er in diesen Hinsichten nicht hinter dem 
alltäglichen Mittelmaße zurückbleibt. Und wahrscheinlich halten wir es 
nicht nur unseren Lieben gegenüber so, sondern auch beim „fremden" 
Mitmenschen ; hervorragende ethische Befähigung schlagen wir hoch an, 
reagieren aber relativ schwach oder auch gar nicht auf deren Fehlen^. 

Gibt es sonach Seinsfreude ohne Nichtseinsleid, so nicht minder 
Seinsleid ohne Nichtseinsfreude. Das gilt zumeist von „Schmerzen" im 
engen, physischen Sinne, ebenso von vielem außerphysischen Ungemach. 
Dabei würden freilich Vorstellungs-, also insbesondere Empfindungs- 
gefühle, wie die erwähnten physischen Schmerzen an sich nur ganz 
äußerlich unter das eben namhaft gemachte Schema fallen: denn daß 
das bloße Nichtdasein körperlichen Schmerzes nicht schon selbst körper- 
liche Lust ist, das ist freilich selbstverständlich, wäre aber etwas wesent- 
lich anderes, als was uns jetzt beschäftigt. Man kann aber bekanntlich 
sehr wohl über körperliche Schmerzen betrübt sein: und für diesen 
Fall verdient die Tatsache Beachtung, daß ein Subjekt, das solcher 
Betrübnis sehr wohl fähig ist, sich über die Abwesenheit von Schmerzen 



Hume-Studien H, S. 88 (658). (Ges. Abhandl., Bd. H, S. 84.) 



\ygl. „Für die Psychologie und gegen den Psychologismus usw.", S. 5, 
auch „über emotionale Präsentation", S. 126 ff. 

2 Zur Illustration dieses und der sogleich folgenden ethischen Beispiele 
auf dem von mir unter dem Namen des „MoraUschen" näher untersuchten 
Spezialgebiete vgl. meine „Psychol.-eth. Unters.", besonders die das „Unter- 
lassungsgesetz" betreffenden Ausführungen S. 89 f. und sonst. 



86 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 



darum bei weitem noch nicht zu freuen braucht. Unmittelbar nach der 
Genesung freut man sich wohl nicht selten der wiedererlangten Gesund- 
heit, dem Gesunden aber fehlt bekanntlich nur zu oft jede Schätzung 
dessen, was er in seiner Gesundheit besitzt. Auf ethischem Gebiete findet 
man im Verhalten der Gesamtheit zu Verbrechen und Verbrechern deut- 
liche Belege für das hier Behauptete: die verbrecherischen Anlagen 
verspüren wir, wo sie uns begegnen, deutlich als Übel, während wir 
uns bei bloßem Mangel an solchen kaum aufzuhalten pflegen. 

Nichtseinsleid ohne Seinsfreude zeigt unser Verhalten sehr häufig 
den Gegenständen gegenüber, die zur Abhaltung von Schmerzen oder 
sonstigen Unannehmlichkeiten, wie wir deren eben zuvor gedacht haben, 
dienen: an Einrichtungen im Interesse öffentlicher Gesundheitspflege 
zum Beispiel wird man sich recht lebhaft und unliebsam gemahnt fühlen, 
wo sie fehlen ; sind sie da, so denkt niemand daran. Ähnliches gilt von 
Bequemlichkeits-, ja Genußmitteln, die einem zum „Bedürfnis" geworden 
sind: der Reiche macht sich nichts aus dem Komfort, in dem er von 
Jugend auf gelebt hat ; indes er ihn schmerzlich vermißt, wenn er sich 
einmal ohne ihn behelfen muß. Im Bereiche des Ethischen bietet Hieher- 
gehöriges das Verhalten der öffentlichen Meinung etwa zum moralisch 
„Korrekten", das deren Aufmerksamkeit und Reaktion erst dort auf 
sich zieht, wo es fehlt. 

Nichtseinsfreude ohne Seinsleid endlich kann man erleben, wo 
man sich an etwas Unangenehmes ausreichend gewöhnt hat, um dadurch 
nicht mehr belästigt zu werden, den Entfall dieses Unangenehmen aber 
doch noch als Erleichterung verspürt. Wer gelernt hat, auch in unruhiger 
Umgebung geistige Arbeit zu tun, mag, wenn der Lärm einmal aussetzt, 
das immerhin noch als eine Wohltat sich gern gefallen lassen. Auch 
hier kann man übrigens der ethischen Erfahrung ein illustrierendes 
Beispiel entnehmen: ich meine, wie nach dem bisherigen leicht zu 
erraten, das Verhalten zum moralisch „Zulässigen". Man wird stets 
sehr erfreut sein, wenn man dort, wo man der Natur der Sachlage 
nach mit der Eventualität dieses „Zulässigen" rechnen muß, es nicht 
antrifft; trifft man es aber, so findet man sich zumeist ohne Mühe 
darein. 

Durch Beispiele dieser Art ist der empirische Nachweis dafür 
erbracht, daß Gegengefühle in keiner der Gestalten, in denen sie auf- 
treten können, durch Notwendigkeit aneinandergebunden sind. Es trägt 
der Beweiskraft der Beispiele nichts ab, wenn der Ausfall des betreffen- 
den Gegenteils nicht jedesmal restlos zu konstatieren wäre, wenn man 
es also hin und wieder nicht mit völlig reinen Fällen zu tun haben 
sollte. Denn die apriorische Gesetzmäßigkeit, deren Anschein diese 
Beispiele zerstören sollen, betrifft die Gefühle auch ihrer Stärke nach. 
Nicht nur, daß zum Beispiel Seinsfreude mit Nichtseinsleid Hand in 
Hand gehen muß, scheint jene Gesetzmäßigkeit zu verlangen, sondern 
auch, daß wo das Dasein eines Dinges mich in hohem Maße erfreut, 
das Nichtdasein des Dinges mit ebenfalls starkem Schmerz verbunden 
sein müßte. Ist also von zwei Gegengefühlen das eine gegenüber dem 



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§ 2. Die Gegengefühle. 



87 



anderen auch nur erheblich intensitätsverschieden, so liegt darin bereits 
eine ausreichende Instanz gegen apriorische Verknüpftheit. 

Was hier nun aber in besonderem Maße auffallen muß, ist dies, 
daß trotz der Menge und Deutlichkeit der Gegeninstanzen der Schein 
einer apriorischen Gesetzmäßigkeit immer noch weiterbesteht: man hat 
den Eindruck, als würde diese Gesetzmäßigkeit unter Umständen durch 
Hereini eichen störender Einflüsse bloß eingeschränkt oder nur vorüber- 
gehend aufgehoben. So kann es in Wahrheit natürlich nicht bewandt sein ; 
von dem, was a priori, also notwendig gilt, gibt es ja keine Ausnahmen. 
Vielleicht hat aber in der Tat auch hier die apriorische Gesetzmäßigkeit 
keine Ausnahme, betrifft aber nicht direkt die Erlebnisse, an denen sie viel- 
mehr nur im Kampfe ^egen sozusagen empirische Faktoren sich manch- 
mal nicht durchzusetzen vermag. Derlei ist ja bekanntlich in einem 
anderen Gebiete, dem des Erkennens, gar nichts Seltenes. Aus gewissen 
Prämissen folgt eine gewisse Konklusion mit Notwendigkeit; das bedeutet 
aber nicht, daß, wer die Prämissen urteilt, unfehlbar auch die Konklusion 
urteilen muß. Vielleicht bleibt die Operation des Schließens ganz aus, 
vielleicht, wo sie stattfindet, führt sie zu einem falschen Ergebnis. Der 
Apriorität dessen, was man oft das Schlußgesetz genannt hat, tut das 
keinen Eintrag ; aber dieses gilt streng genommen auch gar nicht von 
Urteilserlebnissen, sondern von Objektiven. Die Erlebnisse schließen sich 
hier der gegenständlichen Gesetzmäßigkeit nur in gewisser Annäherung 
an, die je nach subjektiven Bedingungen variabel ist, unter denen kon- 
stante oder auch vorübergehende Dispositionen des Urteilenden, respektive 
Schließenden eine Hauptrolle spielen. Könnte es sich nun nicht auch bei 
den Gegengefühlen um etwas wie gegenständliche Gesetzmäßigkeiten 
handeln, die auch ihrerseits in den Erlebnissen des fühlenden Subjektes 
bald mehr, bald minder ungestört zur Geltung kommen ? An der gegen- 
wärtigen Stelle dieser Untersuchungen verfügen wir noch nicht über 
die Mittel, die Parallele wirklich durchzuführen; zu einer vorläufigen 
Formulierung jedoch kann sie uns jetzt schon dienlich sein. Daß, wenn 
die Prämissen gegeben sind, auch sicher die Konklusion erschlossen 
wird, dafür kann man keine Bürgschaft übernehmen; nur soviel kann 
man mit Gewißheit behaupten, daß sie aus den Prämissen erschlossen 
werden sollte. Ahnlich darf man bei den Gegengefühlen sagen: wenn 
eines von ihnen erlebt wird, so ist nicht zu verbürgen, daß, falls sonst 
Gelegenheit dazu vorliegt, auch das andere Gegengefühl tatsächlich 
erlebt wird: aber es sollte vernünftigerweise erlebt werden und es 
fehlt nicht an der Einsicht für das Bestehen dieser Vernünftigkeit, 

Es dürfte der Klarheit förderlich sein, hier ausdrücklich zu bemerken, 
daß die nämliche Betrachtungsweise im Grunde nicht nur auf die Gegen- 
gefühlspaare, sondern mit ebenso viel Recht auch auf Paare von Wert- 
gefühlen anwendbar ist, denen zu Anfang dieser Darlegung Unver- 
träglichkeit nachgesagt werden konnte, also zum Beispiel Seinsfreude 
und Seinsleid. Denn die Garantie dafür, daß jemand nicht unter beson- 
deren Umständen, etwa bei mangelnder Besonnenheit, auf das Sein 
eines Dinges einerseits mit Freude, andererseits mit Leid reagieren. 



88 



III. Weiteres znr Wertpsychologie. 



oder sich sowohl über Sein als Nichtsein eines Objektes freuen könnte 
und so fort, ist doch sicher schwerer zu leisten, als daß er nicht bei 
unzureichender Überlegung oder Intelligenz Widersprechendes zugleich 
für wahr zu halten im Stande wäre. Es sollte natürlich das eine so 
wenig geschehen wie das andere ; die apriorische Evidenz aber kommt 
augenscheinlich hier wie dort zunächst dem zu statten, was sein soll, 
und nicht vorbehaltlos dem, was ist. 

Nebenbei gestattet diese Vernünftigkeit, auf die Erlebnisse an- 
gewendet, eine doppelte Interpretation. Entweder sie besagt, daß wenn 
ein Subjekt im Existenzfalle Daseinsfreude erlebt, es sozusagen kon- 
sequenter Weise im Nichtexistenzfalle Nichtdaseinsleid zu erfahren hat. 
Oder sie bedeutet, daß dieses Nichtdaseinsleid sich einzustellen hat im 
ausdrücklichen Hinblick auf die maogelnde Daseinsfreude. Daß von der 
Freude zum Leid übergegangen wird, ist dabei natürlich nicht das 
Wesentliche ; es könnte ebenso gut der umgekehrte Weg eingeschlagen • 
werden. Nur darauf kommt es an, daß das zweite Gegengefühl sich 
das einemal selbständig einstellt, das andere Mal im Hinblick auf das 
erste, insofern von diesem gewissermaßen abhängig. Was den Tat- 
sachen besser entspricht, kann nur die Empirie entscheiden ; keinesfalls 
aber darf man sich für die zweite, kompliziertere Auffassung durch die 
Erwartung einnehmen lassen, als wäre damit dem Streben nach 
theoretischer Sparsamkeit Rechnung zu tragen. Habe ich Nichtseinsleid 
an einem Objekte, weil ich der Seinsfreude daran entraten muß, so 
liegt auch da ein sozusagen originäres Nichtseinsleid vor, das nur statt 
unseres Objektes die fehlende Seinsfreude zum Gegenstande hat. Tat- 
sache ist jedenfalls soviel, daß das Denken an das eine Gegengefühl 
und dessen Voraussetzungen das andere Gegengefühl in der Stärke 
seines Auftretens hebt. Ein Verlust schmerzt besonders stark, solange 
der Gedanke an den verlorenen Besitz noch lebendig ist. Einen Besitz 
aber, der uns sonst schon ziemlich gleichgültig geworden ist, pflegen 
wir erneut zu schätzen, sobald er bedroht ist, und die sonst gewohnte 
Umgebung wird uns besonders lieb, sobald wir uns davon vorübergehend 
oder dauernd trennen müssen. 

Keinesfalls aber hätte man im Auftreten oder Ausbleiben solcher 
Nebengedanken das entscheidende Moment dafür zu erblicken, daß 
unsere Gefühlserlebnisse so weitgehende Abweichungen von der eben 
vermuteten apriorischen Norm aufweisen, wie sie uns in den oben 
vorgeführten Ausfallstatsachen entgegentreten. Viel eher möchte hiefür 
das Gesetz der Abstumpfung verantwortlich zu machen sein, dem alle 
passiven Erlebnisse ebenso ausnahmslos unterstehen dürften, wie die 
aktiven (Denken und Begehren) sich dem diametral entgegengesetzten 
Übungsgesetze fügen^. Es liegt an der Gefühlsabstumpfung, daß man 
im Laufe seines Lebens so viel an (persönlichen) Werten, immerhin 
auch manches an Unwerten verliert, und es ist leicht zu verstehen, 

1 Vgl. , Allgemeines znr Lehre von den Dispositionen" in den von mir 
herausgegebenen , Beiträgen znr Pädagogik und Dispositionstheorie" (Martinak- 
JFestschrift), Prag 1919. S. 52. 



§ 2. Die Gegengefühle. 



89 



wie diese Abstumpfung gerade bei den Gegengefühlen sich in besonderem 
Maße geeignet zeigt, die anscheinend durch die Natur der Sache geforderte 
Stärkegleichheit solcher Gefühle in ihr Gegenteil zu verwandeln. Existiert 
ein Werthaltungsobjekt, so bedeutet das die Tendenz, das betreffende 
Daseinsgefühl — , existiert es nicht, so eine Tendenz, das betreffende 
Nichtdaseinsgefühl der Abstumpfung auszusetzen. Davon sind nicht 
einmal Bestandgefühle ausgenommen, trotz der den Beständen eigenen 
Zeitlosigkeit^. Denn für die Abstumpfung kommt ja zunächst nicht die 
allfällige Gegenstandszeit, sondern die Voraussetzungsurteils-, respektive 
die Gefühlszeit in Frage. Daß übrigens auch noch ganz andere Faktoren 
zu derartigen Erfolgen beitragen können, mag das Beispiel einer oft 
zu machenden Erfahrung dartun. Zu Auszeichnungen, Ehrenstellen und 
dergleichen, durch die nicht selten politische, wissenschaftliche und 
ähnliche Verdienste anerkannt werden, verhalten sich bekanntlich die 
Nachdenklicheren meist so, daß sie, wenn sie die Anerkennung ver- 
dient zu haben glauben, es zwar kaum sonderlich schätzen, sie zu 
erhalten, wohl aber einen Entgang verspüren, wenn sie ihnen vorent- 
halten worden ist. Äußerlich steht das durchaus auf gleicher Linie 
mit dem Verhalten des Verwöhnten, der durch den Luxus, der ihn 
umgibt, nicht berührt wird, solange er da ist, ihn aber entbehrt, wenn 
er fehlt. Bei Ehrenzeichen aber kann die Gewöhnung nicht wohl den 
Ausschlag geben : denn hat einer das Zeichen nicht erhalten, so ist er 
eben zunächst an den Nichtbesitz gewöhnt, hat er es dagegen eben 
erhalten, so kann Gewöhnung an den Besitz noch gar nicht vorliegen. 
Dagegen bietet sich zur Erklärung hier ein anderes naheliegendes 
Moment dar, der Vergleich mit anderen, die ähnliche Anerkennung ver- 
dient, respektive empfangen haben. Was als Besitz durchaus wertlos 
ist, kann derjenige schmerzlich vermissen, der sich durch den Entgang 
gegenüber anderen, nicht Würdigeren zurückgesetzt findet. Merkwürdig ist 
immerhin, daß hier schon eine so summarische psychologische Betrach- 
tung wie die eben durchgeführte auf Analogien zu zwei fundamentalen 
Gesetzmäßigkeiten auf dem Gebiete des Lichtsinnes führt. Man wird ja 
kaum umhin können, bei der Gefühlsabstumpfung an das Adaptations- 
gesetz, bei der Steigerung vermöge des Gegenteiles an das Kontrast- 
gesetz zu denken. 

Außerstande, derartigen Details hier weiter nachzugehen, dürfen 
wir zusammenfassend jedenfalls zweierlei behaupten: einerseits die 
durchaus apriorische Natur der Einsicht darein, daß demselben Objekt 
gegenüber für dasselbe Subjekt von den möglichen Werthaltungen immer 
nur die beiden Glieder eines Gegengefühlspaares in Frage kommen, 
andererseits die trotz eines unverkennbaren apriorischen Einschlage» 
doch wesentlich empirische Natur des Wissens darüber, ob das Subjekt 
auf jedes der beiden unter den gegebenen Umständen möglichen Vor- 
aussetzungsurteile durch ein Wertgefühl reagiert und ob diese Gefühls- 
reaktion eine starke oder eine schwache ist. Denn dies hängt außer 



Vgl. „Über Annahmen" ^ [Register]. 



90 



in. Weiteres zur Wertpsychologie. 



von der Beschaffenheit des Objektes und seiner Umgebung auch noch 
von der dauernden oder auch nur vorübergehenden Disposition des 
Subjektes ab, die so als ein durchaus wesentlicher Faktor bei allen 
Wertgefühlen in Betracht kommt. 

Diese Disposition hat man im Auge, wenn man im vorwissen- 
schaftlichen Sprachgebrauche von einem Objekte sagt, daß das Subjekt 
an dessen Sein oder Nichtsein mehr oder weniger interessiert sei. Damit 
ist freilich ein Wort von nicht ganz unbedenklicher Vieldeutigkeit^ in 
Anspruch genommen, in einer Bedeutung obendrein, die vielleicht gar 
nicht die dem Ausdrucke am häufigsten beigelegte ist. Aber näher 
besehen beschränkt sich jene Vieldeutigkeit, von vernachlässigungswerten 
Ausnahmen abgesehen, doch darauf, daß „Interesse" die Disposition 
zu Urteilsgefühlen ganz im allgemeinen genannt wird, mag es sich 
dabei um Wissens- oder um Wertgefühle handeln. Und wenn man die 
Wendung „sich interessieren'' vielleicht wirklich häufiger bei Wissens- 
gefühlen gebraucht und das Adjektiv „interessant" wohl ausschließlich 
bei ihnen, 2 so hindert dies, soviel ich sehe, doch durchaus nicht, das 
Wort „Interesse" auch mit Bezug auf Wertgefühle anzuwenden, wenn 
man im Bedarfsfalle über Mittel verfügt, diese Wortanwenduug kenntlich 
zu machen. An solchen Mitteln fehlt es aber keineswegs. Betrifft das 
Adjektivum „interessant" ausschließlich die Wissens-, so das Adjektivum 
„interessiert" fast ebenso ausschließlich die Wertgefühle. Nicht minder 
bestimmt unterscheidet die Sprache, wenn auch nicht gerade in aus- 
nahmsloser Konsequenz, das „Interesse für" vom „Interesse an" etwas 
und meint dort das Wissens-, hier das Wertgefühl. Noch deutlicher 
aber ist es, die erstgenannte Disposition als „theoretisches Interesse" 
der zweitgenaunten als dem „praktischen Interesse" entgegenzustellen. 
Man kann also wohl ohne alle Undeutlichkeit sagen: wie das Subjekt 
auf das Sein, wie es auf das Nichtsein des in Betracht kommenden 
Objektes reagiert, das hängt von dem praktischen Interesse ab, das 
das Subjekt an dem betreffenden Objekte nimmt. Näher erweist sich 
die so einheitlich benannte Disposition eigentlich als ein Komplex aus 
zwei Dispositionen, deren eine das Sein, deren andere das Nichtsein 
des Objektes betrifft und von deren einigermaßen unabhängiger Varia- 
bilität wir uns im vorangehenden überzeugt haben. Man könnte hier 
von positivem und negativem Interesse reden, wenn das dem Umstand 
gegenüber weniger undeutlich wäre, daß es da nicht nur in betreff des 
Voraussetzungsurteils, sondern auch in betreff des Gefühls den Gegen- 
satz der Vorzeichen gibt. Deutlicher wäre es also immerhin, etwa das 
, Seinsinteresse" dem „Nichtseinsinteresse" gegenüberzustellen. 

Den Gegengefühlen gegenüber auf die Dispositionen zurückzu- 



1 Vgl. E. M artin ak, „Zur BegrifEsbestimmnng der »intellektnellen Gefühlec 
und des »Interessesc", Süddeutsche Blätter für höhere Unterrichtsanstalten, IV, 
Jahrgang 1896, bes. S. 163 ff. Vgl. auch 0. Tumlirz, „Die Disposition des theore- 
tischen Interesses und ihre aktuellen Korrelate" in „Beiträge zur Pädagogik und 
Dispositionstheorie", herausgegeben von A. Meinong, Prag, Wien, Leipzig 1919. 
, 2 Vgl. E. Martinak, a. a. 0., S. 165 f. 



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§ 3. Gut und Übel, Glück und Unglück. 



91 



greifen, dazu hat man den naheliegenden Anlaß, daß ein Seins- und 
ein Nichtseinsgefühl unbeschadet wie weit immer gehender Zusammen- 
gehörigkeit doch niemals zugleich aktuell sein können, so gewiß das 
Subjekt außerstande ist, gleichzeitig an das Sein und Nichtsein desselben 
Objektes zu glauben. Eher könnte auf ein wenigstens annähernd gleich- 
zeitiges Auftreten der den Ernstgegengefühlen zugeordneten Phantasie- 
gefühle gedacht werden; aber in dieser Hinsicht haben die Phantasie- 
gefühle vor Gefühlskombinationen, wie wir sie oben als im Ernstfalle 
unvereinbar konstatieren konnten, schwerlich etwas voraus. 

In betreff des Terminus „praktisches Interesse" aber wird zu 
beachten sein, daß seine Bezogenheit sowohl auf Seins- wie auf Nicht- 
seinsgefühle noch keineswegs seine ganze Komplexität ausmacht. Es 
wäre ganz unnatürlich, bei „Interesse" nicht auch an das Begehren, 
näher an Begehruugsdisposition zu denken, die sich, wie zu erwähnen 
war,^ von der Disposition zu sonst gleichviel wie nahe verwandten 
Gefühlen doch immer noch prinzipiell unterscheidet. Wer aber ceteris 
paribus stärker begehrt, dem wird man doch zweifellos ein stärkeres 
Interesse an dem betreffenden Gegenstande zusprechen. Auch hier wird 
das Verhalten zum Sein von dem zum Nichtsein zu unterscheiden, 
sonach von Seins- und Nichtseinsinteresse auch hinsichtlich des Begehrens 
zu reden sein. Auch noch die Dispositionen zu Phantasiegefühlen, respek- 
tive Phantasiebegehrungen in den sonach ohnehin nicht wenig komplexen 
Begriff des praktischen Interesses einzubeziehen, danach wird schwerlich ein 
Bedürfnis bestehen, da die Phantasieerlebnisse auch hier, wie sonst, ^ zu- 
nächst nur als Surrogate für die Ernsterlebnisse in Betracht kommen werden. 

§ 3. Gut und Übel, Glück und Unglück. 

Es sei gestattet, hier noch einigermaßen anhangsweise die Be- 
deutung der oben^ entworfenen kleinen Tafel der Werthaltungen durch 
den Hinweis auf ein paar bereits dem verwissenschaftlichen Denken 
angehörige Begriffe zu beleuchten, die sich in ganz unverkennbarer 
Weise auf diese Tafel gründen. Es geschieht dies dadurch, daß die 
Werthaltungen, die in ihrer durch die beiden Vorzeichen ausgemachten 
Bestimmtheit natürlich nicht an ganz beliebigen Objekten angreifen 
können, diejenigen darunter, wo sie dies tatsächlich können, auch gegen- 
über anderen Objekten in eigenartiger Weise charakterisieren. Ein Objekt, 
das mich, sofern es ist, durch sein Sein erfreut, unterscheidet sich in 
dieser Hinsicht wesentlich von einem Objekte, das, sofern es ist, mir 
vermöge seines Seins leid ist. Ebenso ist es ein anderes, ob ein Objekt 
mir vermöge seines allfälligen Nichtseins lieb oder leid ist. Übersichtlich 
lassen sich die vier sich ergebenden Fälle in derselben Weise zusammen- 
stellen, wie im vorhergehenden^ die Gegengefühle. Auch die nämlichen 
Symbole sind anwendbar, sofern man das Zeichen Wh und die Klammem 

1 Vgl. oben S. 42. ^ 

2 Vgl. „Über Annahmen" 2 [Register]. 
8 Vgl. S. 821 

4 Vgl oben S. 83. 



92 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 



fortläßt, sonach nur die Objektsymbole übrig behält, an denen links 
unten das Vorzeichen der maßgebenden Werthaltung, rechts oben wie 
früher das des Werthaltungsobjektivs angebracht bleibt. Man erhält so : 

+0+ _0+ 

+0- -0- 

Ein Objekt nun, dessen Sein mich freut, desgleichen eines, dessen Nicht- 
sein mir leid ist, nennt man ein Gut; ebenso eines ein Übel, dessen 
Sein mir leid oder auch eines, dessen Nichtsein mir lieb ist. Populärer 
ist die Bestimmung: ein Gut ist, was mich freut, ein Übel, was mir 
leid ist. Aber man sieht leicht, daß das unzureichend ist, da mir ja auch 
ein Gut leid, ein Übel lieb sein kann — , im Nichtseinsfalle nämlich. 
Es geht eben nicht an, dort, wo es auf Werthaltungen ankommt, deren 
Objektiv, respektive das Vorzeichen dieses Objektivs außer acht zu lassen. 
Indem man dasselbe einbezieht, hat man übrigens auch noch das Mittel 
in der Hand, die Doppelcharakteristik, die eben sowohl beim Gute wie 
beim Übel nötig schien, in eine einfache Bestimmung umzuwandeln. 
Ein Gut, kann man sagen, liegt vor, wo das Vorzeichen der Werthaltung 
mit dem ihres Objektivs übereinstimmt, mag es übrigens positiv oder 
negativ sein. Dagegen muß von einem Übel geredet werden, sofern 
das Vorzeichen der Werthaltung dem ihres Objektivs entgegengesetzt 
ist, einerlei, welches der beiden Vorzeichen das positive, welches das 
negative sein mag. Für das nämliche Objekt sind natürlich prinzipiell 
jederzeit beide Ausgestaltungen dieser Bestimmung anwendbar: ist ein 
Gut gegeben, so ist das Grund zur Freude, ist es nicht gegeben, so ist 
das Grund zum Leid, und analog beim Übel. Empirisch gilt das selbst- 
verständlich nur mit der Einschränkung, daß hinsichtlich des Zusammen- 
bestehens der betreffenden Gegengefühle keine Störung von der im 
vorigen Paragraphen berührten Art zu konstatieren ist. Ein Gut mani- 
festiert sich dann eben als ein Objekt, an dessen Sein man Freude, 
an dessen Nichtsein man Leid hat, als Übel dagegen etwas, dessen 
Sein mit Leid, dessen Nichtsein mit Freude verbunden ist. 

Eine weitere ganz merkwürdige Komplikation kommt nun dadurch 
zustande, daß Objekte, die in der angegebenen Weise durch die Vor- 
zeichen der Werthaltung und ihres Objektivs zu Gut oder Übel bestimmt 
sind, nun ihrerseits wieder das Werthaltungsobjektiv bestimmen, falls 
dieses tatsächlich ist. Dies ist der Fall beim Gedanken an Glück und 
Unglück, sofern man nicht etwa vorzieht, diese Wörter für jene Geheim- 
nisse aufzusparen, in die unter besonders günstigen Umständen einmal 
einen Blick zu tun, für heute und vielleicht für alle Zeiten höchstens 
dem Dichter vorbehalten bleiben mag. Aber wenn es zum Nutzen der 
Theorie ausgeschlagen haben sollte, daß wir oben die Termini „Freude" 
und ,Leid* von den mehr oder minder affektartigen Erlebnissen, für 
die man sie zu brauchen pflegt, auf deren möglichst elementare Gefühls- 
grundlagen übertragen haben, so wird es kaum minder statthaft sein, 
solche charakteristische Grundtatbestände auch bei „Glück" und 
»Unglück* herauszuarbeiten. [^^] 



%^ •^-% 



§ 3. Gut und Übel, Glück und Unglück. 



93 



Solchen Vorbehalt also im folgenden jederzeit vorausgesetzt, läßt 
sich vor allem behaupten, daß Glück wie Unglück niemals durch ein 
Objekt ausgemacht werden, sondern jederzeit durch ein Objektiv. Ein 
gezogenes Los, ein Heilmittel für eine sonst tödlich verlaufende Er- 
krankung, einen erfolgreichen Feldzug, einen ehrenvollen Frieden wird 
niemand, wenn er einigermaßen genau redet, ein Glück nennen, wohl 
aber dies, daß das Los gezogen wurde, daß es das Medikament gibt, 
daß der Feldzug zum Siege geführt hat, daß der Friede geschlossen 
wurde. Es steht damit nicht anders wie etwa mit den Attributen „mög- 
lich" „notwendig"^ und anderen, immerhin auch was die Gefahr anlangt, 
namentlich Substantive, die Objektive bedeuten, auf Objekte zu inter- 
pretieren. Am eindeutigsten ist das, von dem Glück oder Unglück in 
natürlicher Weise prädiziert werden kann, jederzeit durch einen Satz, 
zunächst wohl durch einen „daß "-Satz auszusprechen, worin die Objekiv- 
natur des Subjektes einer solchen Prädikation unverkennbar zu Tage tritt. 

Ist einmal soviel festgestellt, dann kann über das, was ein Objektiv 
zu einem Glücks- oder Unglücksfall determiniert, kaum mehr Unsicher- 
heit aufkommen. Hat man es mit einem Objekte zu tun, dessen Dasein, 
oder mit einem, dessen Nichtdasein erfreut, dann redet man, falls jenes 
Objekt da ist, respektive dieses nicht da ist, von Glück. Dagegen ist es 
ein Unglück, wenn das existiert, respektive nicht existiert, dessen Existenz, 
respektive Nichtexistenz mir leid ist. Will man, was ja durch die ganze 
Betrachtungsweise so sehr nahegelegt ist, hier die oben präzisierten 
Begriffe von Gut und Übel anwenden, so findet man sich auf Bestim- 
mungen geführt wie diese : Glück besteht darin, daß ein Gut existiert, 
respektive ein Übel nicht existiert, Unglück wird durch Existenz eines 
Übels, respektive Nichtexistenz eines Gutes ausgemacht. Aber diese 
zweiten Formulierungen begreifen augenscheinlich mehr in sich als die 
ersten, da die Vorzeichengleichheit, durch die das Gut, und die Vor- 
zeichenverschiedenheit, durch die das Übel definierbar ist, je zwei Aus- 
gestaltungen zuläßt, von denen die obige erste Charakteristik von Glück 
und Unglück jedesmal nur eine heraushebt. Nun ist, die zweite heran- 
zuziehen, auch seinerseits keineswegs sinnwidrig. Wenn etwas nicht 
da ist, dessen Dasein, oder wenn etwas da ist, dessen Nichtdasein 
mich freuen würde, so wird man darin leicht ein Unglück sehen, 
ebenso ein Glück, wenn das nicht da ist, dessen Dasein, oder wenn 
etwas da ist, dessen Nichtdasein mir leid wäre. Aber ausnahmslos wird 
dies doch durchaus nicht zutreffen: der verwöhnte Reiche, von dem 
schon wiederholt die Rede war, verspürt den Luxus, der ihn umgibt, 
nicht als Glück, obwohl er unglücklich genug wäre, wenn er seiner 
entraten sollte. Man sieht leicht, daß, was hier eventuell störend in 
den Weg tritt, eben das ist, was uns oben als Störung in der Zuordnung 
der Gegengefühle begegnet ist. Wo solche Störungen fehlen, da fügen 
sich auch die sozusagen zweiten Fälle von Gut und Übel ohne weiteres 
der Subsumtion unter die Begriffe Glück und Unglück. Immerhin könnte 



Vgl. „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit" [Register], 



94 



in. Weiteres zur Wertpsychologie. 



§ 3. Gut und Übel, Glück und Unglück. 



95 



man sie mit Rücksicht hierauf als Fälle bedingten Glückes den ersten 
Fällen als Fällen unbedingten Glückes gegenüberstellen. 

Dem Einblick in die Sachlage dürfte auch hier eine einfache 
symbolische Aufschreibung förderlich sein, bei der zunächst wieder von 
den Gefühlen ausgegangen sei. Ihre Natur sei dabei in noch primitiverer 
Weise als oben hinsichtlich des Gegensatzes von Gut und Übel angedeutet, 
nämlich durch bloße Angabe der Vorzeichen, wobei wieder das erste 
Zeichen die Natur der Werthaltung, das zweite die des Objektivs 
bestimme. Durch einen Beistrich davon getrennt, gebe ein drittes Vor- 
zeichen die Beschaffenheit des Seins des Werthaltungsobjektes an, indes 
ein viertes Vorzeichen dann ersichtlich macht, ob ein derartiges Sein 
unter den links vom Beistrich notierten Bedingungen sich als Glücksfall 
oder als Unglücksfall darstellt, wobei natürlich für Glück das positive, 
für Unglück das negative Vorzeichen neuerliche Verwendung finden 
kann. Da dabei jede Ausgangswerthaltung zweimal vorkommen muß, 
indem für jede sowohl das Sein als das Nichtsein des Objektes in 
Betracht kommt, so empfiehlt es sich, das so Zusammengehörige un- 
mittelbar untereinander zu setzen, wobei es der Übersichtlichkeit dien- 
lich sein dürfte, von den Ausgangswerthaltungen jedesmal nur die 
erste ihren Vorzeichen nach besonders anzuführen. In diesem Sinne 
erhält man: 



1. + +, + + 

3. + - - + 
+ - 



2. - +, - + 

+ - 

4. , + + 



Wie selbstverständlich, resultieren so acht Fälle. Ist das dritte 
Vorzeichen dem ersten gleich, so auch das vierte dem zweiten; ist dort 
Gegensätzlichkeit, so auch hier. Bei 1 und 4 erscheint das Sein, bei 
2 und 3 das Nichtsein als Glück. Unsere oben gegebene erste Auf- 
zählung der Glücks- und Unglücksfälle war auf die Hälfte des Vor- 
handenen beschränkt, weil sie unter der Einschränkung vollzogen war, 
daß das dritte Vorzeichen jedesmal mit dem zweiten gleich genommen 
wurde, indes es natürlich auch entgegengesetzt sein kann. 

Wir wollen nun den Anteil von Gut und Übel an Glück und 
Unglück ebenfalls und in möglichst verwandter Weise symbolisch 
fixieren. Zu diesem Ende sei nun auch der Gegensatz von Gut und 
Übel durch den zwischen positivem und negativem Vorzeichen ausge- 
drückt, und zwar an erster Stelle einer aus drei Vorzeichen bestehenden 
Aufschreibung, bei der übrigens die letzten beiden Vorzeichen dieselbe 
Bedeutung haben sollen wie eben zuvor. Dann ergibt sich: 



1. + + + 

3. + 



2. - + - 
4. + 



Das sind, wie man sieht, zunächst nur vier Fälle. Aber wir erinnern 
uns aus dem Vorangehenden, daß das Wesen sowohl des Gutes als 
des Übels sich je in doppelter Weise bestimmen läßt. Setzt man diese 



Bestimmungen ein, so erhält man wieder die obigen acht Fälle. Nennen 
wir vorübergehend die Bestimmungen des Gutes, respektive des Übels 
vom Sein aus die Seins-, die vom Nichtsein aus die Nichtseinsbe- 
stimmung, so können wir beifügen: Bei unserer obigen ersten Auf- 
stellung über Glück und Unglück wurde für Glück wie Unglück nur 
je eine Seins- und eine Nichtseinsbestimmung von Gut und Übel heran- 
gezogen, indes deren je zwei zu Gebote gestanden hätten. Auffällig ist 
auch noch, daß die beiden, vom Gedanken des Gutes ausgehenden 
Bestimmungen hinsichtlich des zweiten und dritten Vorzeichens Gleich- 
heit, die vom Übelgedanken ausgehenden Ungleichheiten aufweisen. 
Man erkennt daran, daß die erste Aufschreibung über Glück und Unglück 
in ihrem ersten und letzten Doppelfalle sich auf Güter, im zweiten 
und dritten Doppelfalle auf Übel bezieht. 

Wichtiger als das Eingehen auf derlei Spezifikationen der in 
Glück und Unglück sich darbietenden Sachlage möchte es nun freilich 
sein, auf die Frage, was Glück und Unglück sonach eigentlich sei, 
noch eine bündigere Antwort zu geben, als in der bloßen Aufzählung 
der Einzelfälle gelegen sein kann. Die eben vollzogene Einfügung des 
Gut-, respektive Übelgedankens stellt sich immerhin als Annäherung 
an ein solches Ziel dar. Denn eine Aufstellung wie „Glück liegt vor, 
wenn ein Gut existiert oder ein Übel nicht existiert" und „Unglück 
liegt vor, wenn ein Gut nicht existiert oder ein Übel existiert* zeigt 
die Disjunktion jedesmal auf das Minimum, nämlich auf je zwei Glieder 
beschränkt. Aber die Disjunktion ist eben am Ende immer noch da 
und die Theorie hätte natürlich das Bedürfnis, sie zu beseitigen. Dieses 
Bedürfnis wirklich zu befriedigen, bin ich zur Zeit nicht imstande; 
aber gerade die allerletzte Formulierung, bei der es ja ebenfalls auf 
Gleichheit, respektive Ungleichheit der Vorzeichen ankommt, bietet 
durch den darin gelegenen Hinweis auf die eben zuvor wieder hervor- 
gehobene Natur von Gut und Übel etwas wie einen Ansatz zur Be- 
friedigung des Bedürfnisses. Stellen wir nämlich die analoge Frage, 
worin eigentlich das Wesen von Gut, respektive Übel bestehe, so lautet, 
wie wir wissen, die Antwort: „Ein Gut ist, was im Existenzfalle Freude, 
im Nichtexistenzfalle Leid mit sich führt, indes das Übel allemal durch 
Daseinsleid oder Nichtdaseinsfreude gekennzeichnet ist". Die hier 
zutage tretende Übereinstimmung zwischen Gut und Glück, Übel und 
Unglück läßt sich nun auch so aussprechen : Glück, respektive Unglück 
ist am Objektiv das, was Gut, respektive Übel am Objekt ist. Was 
das ist, das ist damit nun freilich immer noch nicht gesagt, wenn 
man nicht mit dem Hinweis auf Vorzeichengleichheit, respektive Vor- 
zeichenverschiedenheit zufrieden ist. Aber besteht zwischen Affirmation 
und Lust, Negation und Unlust die bekannte, freilich noch keineswegs 
in ihrem Wesen aufgeklärte Verwandtschaft, dann liegt im Zusammen- 
treffen des intellektuell mit dem emotional Verwandten, respektive 
Entgegengesetzten jedenfalls auch bereits eine einheitliche Charakteristik. 
Das Zusammentreffen solcher intellektueller und emotionaler Momente 
könnte dann etwa auf Gegenstände höherer Ordnung führen, an denen 



i 

f 



^6 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 



^vielleicht geradezu Fundierungen^ anzutreffen sein könnten, sofern die 
zusammentreffenden Vorzeichen das Ergebnis, ob Gut oder Übel, Glück 
oder Unglück mit Notwendigkeit zu bestimmen scheinen. Vielleicht mag 
man also, wenigstens vorläufig, Gut und Glück, respektive deren Gegen- 
teile unter dem Gesichtspunkte intellektuell-emotionaler Fundierungs- 
gegenstände festhalten, näher also entweder als fundierte Objekte, oder 
als fundierte Objektive, die sich im Gleichnamigkeitsfalle als Gut, respek- 
tive Glück, im Ungleichnamigkeitsfalle als Übel, respektive Unglück 
darstellen. 

Verweilen wir nun wieder ausschließlich beim Gegensatze von 
Olück und Unglück, so muß nun noch auf Gesichtspunkte hingewiesen 
werden, unter denen das Wesentliche dieses Gegensatzes im bisher 
Dargelegten doch immer noch nicht ausreichend zur Geltung kommt. 
In dieser Hinsicht soll nicht dabei verweilt werden, daß der Bedeutung 
des Wortes „Glück" nicht selten eine gewisse Zufälligkeit anzuhaften 
scheint, vermöge deren, übrigens der Etymologie ganz gemäß, etwas 
wie ein „Gelingen* gemeint wird. Man sagt „Glücksspiele" statt „Zufalls- 
spiele" und auch Redensarten wie „mehr Glück als Verstand" belegen 
dies. Da man aber andererseits doch auch „seines Glückes Schmied* 
sein kann, so wird auf eine derartige Differentiation doch kaum 
sonderlicher Nachdruck zu legen sein. Umsomehr verdient es Beachtung, 
daß man von Glück und Unglück nicht nur im Hinblick auf Wert- 
haltungen redet, sondern auch im Hinblick auf andere Gefühle, respektive 
deren Gegenstände. Hunger oder Durst kann, je nachdem er befriedigt 
wird oder nicht, zur Quelle von Glück oder Unglück werden, auch 
wenn Werthaltungen dabei keine merkliche Rolle spielen. Und daß 
man im Kunstgenuß sein Glück finden, in geschmackloser Umgebung 
sich unglücklich fühlen kann, ist ja ebenfalls außer Zweifel, vom 
Glück und Unglück nicht zu reden, das der wissenschaftliche Forscher 
an seiner Arbeit und ihren Wechselfällen erlebt. Glück und Unglück 
besteht also nicht bloß im Sein oder Nichtsein eines Wertgehaltenen, 
sondern im Sein und Nichtsein von irgend etwas, sofern es durch 
dieses Sein oder Nichtsein Gefühle Zustandekommen läßt. Als wir 
seinerzeit^ die Seinsgefühle zu Wertgefühlen determinierten, galt es, 
sich nicht durch die Fälle beirren zu lassen, wo zwischen dem Seienden 
und dem Gefühle nichts als Kausalbeziehung zu konstatieren war. 
Gerade diese, dort beiseitegerückten Fälle müssen jetzt ausdrücklich 
mit herangezogen und in den Glücks-, respektive Unglücksbereich auf- 
genommen werden. Ein charakteristischer Name, mit dessen Hilfe diese 
Gefühle den Wertgefühlen leicht zu koordinieren wären, steht mir 
nicht zu Gebote und einen künstlich zu bilden, mag entbehrlich sein. 
Dagegen kann man die sie mit den Wertgefühlen vereinigende Gesamt- 
klasse von Gefühlen, die uns bereits unter dem Namen der „Seins- 
gefühle* bekannt ist, jetzt auch als Glücksgefühle zusammenfassen. Die 



^ Vgl. „Über emotionale Präsentation", § 11. 
2 Vgl. oben H, § 6. 



§ 3. Gut und Übel, Glück und Unglück. 



97 



obige symbolische Aufzeichnung der acht Glücks-, respektive Unglücks- 
fälle bleibt dabei zu Recht bestehen, wenn man das zweite Vor- 
zeichen vor dem Beistrich nicht mehr bloß auf Werthaltungen, sondern 
auf Gefühle kurzweg bezieht, sodaß das Pluszeichen einfach Lust, das 
Minuszeichen einfach Unlust bedeutet. 

Da jedes Gefühl zur Gegenstandsvoraussetzung eines Wertgefühles 
mit übereinstimmendem Vorzeichen gemacht werden kann, so ist es 
immerhin möglich, von der eben vollzogenen Erweiterung der ersten 
Aufstellungen über Glück und Unglück auf diese Aufstellung wieder 
zurückzukommen, das heißt Glück und Unglück doch wieder bloß 
auf Werthaltungen zu beziehen. Man müßte aber dann hinzufügen, 
daß die Größe von Glück und Unglück sich durchaus nicht immer 
nach diesen Werthaltungen, sondern, wenn noch andere Gefühle beteiligt 
sind, sich eventuell auch nach diesen richtet. An einem dauernden, 
etwa unheilbaren körperlichen Schmerz kann man in hohem Grade 
unglücklich sein, auch wenn man körperlichem Ungemach keinen 
erheblichen Wert oder richtiger Unwert beizumessen geneigt ist. Und 
nicht nur wer „zu Tode betrübt*, sondern auch wer „himmelhoch 
jauchzend* ist, wird das vor dem Forum seiner Werthaltungen allein 
schon deshalb nicht motivieren können, weil die bereits erwähnte^ 
Blässe und relativ geringe Lebhaftigkeit der Wertgefühle dazu keine 
Anhaltspunkte bieten dürfte. Man hat also schwerlich Grund, dort, wo 
die Empirie keine Belege dafür bietet, Werthaltungen als Grundlagen 
für Glück und Unglück noch gleichsam zu interpolieren. Jedenfalls 
aber bleibt eme unter Umständen ganz erhebliche Diskrepanz zwischen 
Glück und Werthalten bestehen, die, wie man schon jetzt leicht sieht, 
ein namhaftes Auseinandergehen von Lust und Wert im Gefolge haben 
kann, und zwar nicht nur was die Stärke, sondern sogar was das 
Vorzeichen betrifft, indem nicht nur große Lust kleinen Wert haben, 
sondern positiver Wert auch mit Unlust verbunden sein kann, wenn 
sich auf diese als Mittel eines wertvollen Zweckes ein ihren natür- 
lichen Unwert kompensierender vermittelter Wert überträgt.^ 

Die hier gegebenen Aufstellungen zunächst auf Dasein oder 
Existenz statt auf Sein im allgemeinen zu beziehen, mag den Sinn 
haben, daß Quasiobjekte nicht leicht als Güter oder Übel betrachtet 
werden. Glück und Unglück aber sich nur wenig natürlich von dem 
prädizieren lassen dürfte, was nicht in der Zeit ist. Besonders prinzipiell 
wäre indes diese Einschränkung keinesfalls zu nehmen, sodaß der 
Ersatz von „Dasein" durch „Sein" wohl auch hier vorsichtiger ist. 

An letzter Stelle muß hier noch einer Wendung gedacht sein, 
die der Glücks-, respektive Unglücksgedanke, der ja zunächst auf das 
Objektiv und dessen Objekt gerichtet ist, nun wieder sozusagen ins 
Subjektive zurückgenommen hat. Wer Glück hat, muß darum noch 
nicht glücklich sein. Damit kann freilich leicht nur dies gemeint sein, 



1 Y&l- oben S. 80. 

2 Über Werttibertragung und -Vermittlung vgl. unten III, § 4. 

Mein eng, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie. 7 



98 



III. Weiteres zur Wertpsjchologie. 



daß der, dem in einer Hinsicht ein Glück zuteil wird, darum noch durchaus 
nicht in jeder Hinsicht vom Glücke begünstigt sein, also der Gesamt- 
heit seiner gegenwärtigen oder vielleicht auch seiner vergangenen Lebens- 
umstände nach noch durchaus nicht den Neid der Götter auf sich ziehen 
muß. Noch näher liegt aber ein anderer Sinn. Wer Glück hat, braucht 
sich darum auch in der betreffenden Hinsicht noch keineswegs glücklich 
zu fühlen, sofern er zum Beispiel an sein Glück nicht denkt oder sich 
sonst in einer Gemütsverfassung befindet, die das dem Glückstatbestand 
konstitutive Lustgefühl zur Zeit nicht aufkommen läßt. Im Gegensatz 
hierzu wird dann derjenige glücklich heißen dürfen, der das betreffende 
Gefühl wirklich erlebt, und vielleicht ist es nicht unangemessen, vom 
Standpunkte des Subjektes dessen Glück von dessen Glücklichkeit zu 
unterscheiden. Für letzteren Tatbestand hat sich wohl mehr die Theorie 
als die Praxis auch des Wortes „Glückseligkeit" bedient, gegen das, 
wenn man es mit Wortbildungen wie „trübselig", „mühselig", „saum- 
selig" und dergleichen zusammenhält, etymologisch kaum etwas Triftiges 
einzuwenden ist, das aber gleichwohl vermöge der Bedeutung von 
„Seligkeit" und „sehg" ohne Komposita leicht den Eindruck einer 
unmotivierten Übersteigerung macht, um dessenwillen das anspruchs- 
losere Wort „Glücklichkeit" wohl den Vorzug verdienen wird. 

Diese Glücklichkeit steht nun wieder zu Gut und Übel in einer 
besonderen Relation, auf die hier noch kurz hinzuweisen ist. Glück 
bedeutet ohne Zweifel jederzeit eine Glücklichkeits-, Unglück eine 
Unglücklichkeits-Chance. Um so paradoxer könnte es scheinen, daß 
nicht auch das Gegebensein eines Gutes jederzeit eine Glücklichkeits-, 
das Gegebensein eines Übels eine Unglücklichkeits-Chance in sich 
schließt. [Ist etwas ein Gut insofern, als sein Dasein Freude mit sich 
führt, so bedeutet es eine Glücks-Chance, genauer eine Chance für 
das Eintreten dessen, was wir eben Glück genannt haben.] Dagegen 
bedeutet ein Objekt, dessen Gutcharakter darin zutage tritt, daß sein 
Nichtdasein mit Leid verbunden ist, insofern eine Unglücks-Chance. 
Beides wird besonders deutlich, wo das bezügliche Gegengefühl ausfällt: 
am auffallendsten sind in dieser Hinsicht wieder die Bedürfnisse der 
Verwöhnten, die sich in der Tat vorwiegend als Unglücksquellen geltend 
machen, so daß bei Gütern dieser Art der Ausdruck „Unglücksgüter" 
nicht ohne charakterisierenden Wert ist. Ihnen könnte man dann die 
Güter der anderen Art als Glücksgüter gegenüberstellen, falls man 
vorübergehend von der sprachüblichen Bedeutung dieses Wortes absehen 
mag, in der wieder zunächst etwas von Zufälligkeit, respektive Äußer- 
lichkeit zum Ausdruck gelangen soll. Analoge Betrachtungen lassen 
sich dann natürlich auch in Bezug auf die beiden Fälle des Übels 
anstellen. Ist etwas darum ein Übel, weil sein eventuelles Dasein Leid 
mit sich führt, so bedeutet dies eine Unglücks-, ist es ein Übel inso- 
fern, als sein Nichtdasein erfreulich ist, so bedeutet es eine Glücks- 
Chance. Analog zum Obigen könnte man hier Unglücksübel und Glücks- 
übel einander gegenüberstellen. Im ganzen dürften die meisten Güter 
Glücksgüter, die meisten Übel Unglücksübel sein ; doch kommen, soweit 



§ 4. ÜbertragTuig und Vermittlung bei Werthaltungen. 



99 



die Verbindung zwischen den Gegengefühlen gelöst ist, auch die Gegen- 
fälle vor, so paradox auch namentlich der Gedanke des Glücksübels 
sich anlassen mag. Besteht die Zuordnung zwischen den Gegengefühlen, 
so muß natürlich derselbe Gegenstand sowohl Glücks- als Unglücksgut, 
respektive sowohl Glücks- als Unglücksübel sein. 

Vielleicht wünscht man am Ende dieser Darlegung eine Recht- 
fertigung, weshalb hier die Begriffe von Gut und Übel an die Wert- 
haltungen angeschlossen worden sind und nicht an den Wert. Wäre es 
nicht sowohl herkömmlicher als einfacher gewesen, das Gut als das 
zu definieren, was positiven, das Übel als das, was negativen Wert 
hat und demgemäß dann auch die Bestimmungen von Glück und Unglück 
auszugestalten? Und in der Tat kämen in dieser Weise sicher keine 
fehlerhaften Aufstellungen zustande. Nur einfacher würde man sie nicht 
wohl nennen dürfen, wenn man den weiteren Untersuchungen vor- 
greifend die natürliche Komplikation des Wertbegriffes in Rücksicht 
zieht. Das erhellt schon aus der Tatsache, daß im Wertgedanken, wie 
sich zeigen wird, jederzeit beide Glieder eines Gegengefühlspaares ein- 
bezogen sind, indes wir oben eventuell auch bloß mit einem Gliede 
eines solchen Paares unser Auslaugen finden konnten. [^^J 

§ 4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungen. [2^] 

Wir haben im bisherigen an den Werthaltungen nur jene psycho- 
logischen Voraussetzungen berücksichtigt, die die Werthaltung gleichsam 
mit Objekt und Objektiv versehen, die wir darum als psychologische 
Gegenstandsvoraussetzungen der Werthaltungen betrachten durften. Da- 
durch ist bei vielen Werthaltungen insofern nichts vernachlässigt, als 
sie, worauf übrigens noch ausdrücklich zurückzukommen ist, andere 
psychologische Voraussetzungen als die Gegenstandsvoraussetzung über- 
haupt nicht aufweisen. Aber es gibt auch Werthaltungen, die hinsichtlich 
ihrer Voraussetzungen eine größere Mannigfaltigkeit zeigen. Den sich 
so ergebenden Gegensatz unter den Werthaltungen durch Beispiele klar 
zu machen, ist leicht. Es muß aber auch versucht werden, dem Wesen 
dieses Gegensatzes durch genauere Beschreibung näher zu kommen. 

Nichts ist gewöhnlicher, als auf einen Schlüssel Wert zu legen, 
und die betreffende Werthaltung zeigt dem die Existenz des Schlüssels 
erfassenden Urteile gegenüber unverkennbar jenes Verhältnis auf, das 
uns an den psychologischen Gegenstandsvoraussetzungen nun schon 
ausreichend geläufig ist. Aber der Schlüssel würde die Werthaltung 
sicher nicht auf sich ziehen, wenn der Verschluß, den er zu setzen 
oder zu heseitigen fähig ist, für in jeder Hinsicht wertlos genommen 
würde. Man hält also den Schlüssel wert, weil man etwa den Zugang 
in ein Zimmer werthält, den der Schlüssel ermöglicht. Ebenso hält 
man ein Kleidungsstück wert, sofern es vor Kälte schützt, man hält 
einen Apparat wert, sofern er eine gewisse wertvolle Leistung ermöglicht 
und so fort. Allgemein also: es ist ein Objekt P gegeben, das man 
werthält, außerdem aber noch ein Objekt 0, das zu P in angemessener 
Relation steht und das man daraufhin ebenfalls werthält. Augenscheinlich 

7* 



100 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 






macht bei dieser zweiten Werthaltung die erste eine ganz wesentliche 
Voraussetzung aus, die aber keineswegs mit der Gegen Stands Voraus- 
setzung der zweiten Werthaltung zusammenfällt. Man sagt in natür- 
licher Weise, daß da das um des P willen wertgehalten werde. Man 
darf auch sagen: die Werthaltung, die sich dem zuwendet, ist auf 
dieses vom P gleichsam übertragen und man kann in diesem Sinne 
die Werthaltung des als eine übertragene Werthaltung bezeichnen. 

Auch die Werthaltung des P kann aus einer anderen Werthaltung, 
etwa der eines Q entspringen; wichtig ist nun aber, daß sie es keines- 
wegs muß, vielmehr die Erfahrung auch schon auf das Ausgangs- 
objekt bezogene Werthaltungen kennen lehrt, die von solcher Über- 
tragung nichts vorfinden lassen und daher passend als unübertragene 
Werthaltungen zu kennzeichnen sind. Man legt Wert darauf, in dieser 
oder jener Hinsicht tüchtig, auch wohl darauf, geehrt, geliebt, gesucht, 
umworben zu sein. Auch gegenüber eigener Lust und eigener Unlust 
gibt es ein Wertverhalten, das von dem in solchem Falle das Wert- 
objekt ausmachenden Gefühle oft leicht zu unterscheiden ist, zumal bei 
körperlichen Schmerzen, aus denen sich der eine viel, der andere wenig 
, macht", wie man zu sagen pflegt, und auch derselbe Mensch zu ver- 
schiedener Zeit bald mehr, bald weniger, je nach Stimmung und Kräfte- 
zustand. Hier, wie bei tausend anderen Gelegenheiten, muß es keines- 
wegs unter allen Umständen an Neben- und Hintergedanken fehlen, 
vermöge deren die betreffende Werthaltung dann den Charakter des 
Übertragenen au sich hat. Aber ebenso oft oder vielmehr erheblich 
öfter ist von solchen Nebenrücksichten nicht das Geringste zu merken, 
ja direkte Empirie wird sie als maßgebend nicht selten auszuschließen 
in der Lage sein. In solchen Fällen hat man ohne Zweifel das Recht, 
von unübertragenen W^erthaltungen zu reden. 

Obwohl sonach hier der direkte Aspekt deutlicher spricht als bei 
manch anderer Gelegenheit, wo man ihm unbedenklich traut, könnte 
es doch im Interesse theoretischer Einfachheit geboten erscheinen, sich 
die Frage vorzulegen, ob von den beiden Gliedern des sich so ergebenden 
Gegensatzes nicht etwa doch das eine auf das andere zurückzuführen 
und so der Gegensatz zu beseitigen wäre. Um so dringlicher mag ein 
solcher Gedanke Berücksichtigung verlangen, je mehr der in Rede 
stehende Gegensatz an den analogen zwischen mittelbarer und unmittel- 
barer Evidenz beim Erkennen gemahnt*, demgegenüber sich schon 
mehr als einmal das Bedürfnis einzustellen schien, alles Erkennen als 
in letzter Linie bloß unmittelbar oder bloß vermittelt auffassen zu 
können. Hier sei also den beiden analogen Eventualitäten mit einigen 
Erwägungen nachgegangen. 

Besonders naheliegend könnte es scheinen, der Behauptung hin- 
sichtlich der Übertragung der Werthaltung von P auf die Frage ent- 
gegenzuhalten, ob in den hier in Betracht kommenden Fällen das 
auch wirklich wertgehalten werde. Am Schlüssel, so könnte man sagen. 



1 Vgl. „Über emotionale Präsentation", a. a, 0., S. 124 f. 



§ 4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungen. 



101 



liegt mir ja, genau besehen, wirklich nichts, sondern ausschließlich 
daran, in das verschlossene Zimmer zu kommen. Und ohne Zweifel 
steht das werthaltende Subjekt dem Schlüssel charakteristisch anders 
gegenüber als dem Eintritt in das Zimmer. Daß es indes auch dem 
Schlüssel, allgemein dem Objekt gegenüber an einer Werthaltung 
nicht fehlt, darüber läßt nähere Erwägung keinerlei Unsicherheit bestehen. 
Immerhin könnte man sich dafür freilich zunächst auf ein Argu- 
ment berufen, das nur scheinbar vorhältig ist. Man könnte nämlich 
auf Fälle hinweisen, die zwar von Haus aus Übertragungsfälle sind, 
bei denen aber in Folge besonderer Umstände ein P außer Betracht 
komme, so daß, wer dem die Eignung abspräche, Werthaltungsobjekt 
zu sein, für die betreffende Werthaltung ein Objekt überhaupt nicht 
namhaft machen könnte. Mein Taschenmesser zum Beispiel halte ich 
auch zu Zeiten wert, da es nichts zu schneiden gibt, so daß das P, dem 
ich mein Werthalten eigentlich und im Sinn der zu prüfenden These 
ausschließlich zuzuwenden hätte, überhaupt fehlt. Dabei muß natürlich 
von dem sicherlich nicht selten verwirklichten Falle abgesehen werden, 
daß das Messer, das erst nur im Hinblick auf gewisse Leistungen wert- 
gehalten wurde, nachher wertgehalten wird ohne Rücksicht auf diese, 
indem aus seinem übertragenen Werte durch „Ableitung" ein unüber- 
tragener Wert geworden ist. Aber auch wo sich eine solche wesentliche 
Abänderung der Sachlage nicht vollzogen hat, fehlt in Wahrheit das 
Werthaltungsobjekt P nicht. Ich halte das Messer freilich nicht wert 
im Hinblick auf eine bestimmte, als wirklich bevorstehende, dafür aber 
im Hinblick auf eine unbestimmte, mögliche Leistung. Es handelt sich 
dabei um das, was ich an anderem Orte^ unter dem Namen des 
Möglichkeitswertes kurz charakterisiert und auch im vorangehenden^ 
flüchtig berührt habe. Ist also der Tatbestand der Werthaltungsüber- 
tragung nur sonst ins reine gebracht, so werden uns Fälle, wie die eben 
behandelten zwar sicher nicht irre machen ; eine besondere Beweiskraft zu- 
gunsten der Übertragung wird ihnen freilich nicht wohl zuzuschreiben sein. 
Mit umso besserem Erfolge sind allfälligen Zweifeln an der Tat- 
sache der Übertragung andere Gesichtspunkte entgegenzuhalten. In erster 
Linie ist es die direkte Empirie, die hier deutliches Zeugnis ablegt. 
Die Freude, die der Forscher über die Erwerbung eines geeigneten 
Stückes seines Forschungsapparates und selbst das Schulkind erleben 
kann, wenn ihm Dinge geschenkt werden, die es für den naturgemäß 
gar nicht immer und vorbehaltlos geliebten Unterricht , braucht", sind 
unverkennbare Belege. Es kommt hinzu, daß, wie zuvor erwähnt, das 
Mittel zum wertgehaltenen Zweck sich im Sinne der „Wertableitung* 
vom Ausgangswerte gleichsam emanzipieren, in diesem Sinne eine 
unübertragene Werthaltung auf sich ziehen kann. Das Gesetz, dem das 
Werthalten dabei folgt, ist ganz wohl bekannt ; aber es verlangt eben, 
daß das Objekt 0, das in dieser Weise einen sozusagen selbständigen 



^.1 



1 Vgl."„Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit", S. 82. 

2 Vgl. oben S. 69. 



102 



III. Weiteres zur Wertpsycholo^e. 



Wert aufweist, vorher schon ausreichend oft wertgehalten worden ist, 
und es scheint nicht abzusehen, wie solches ohne Übertragung des 
Werthaltens vom P her zu verstehen sein sollte. Es kommt hinzu, daß, 
worauf sogleich unten als eine Tatsache von besonderer Wichtigkeit 
noch wird zurückgekommen werden müssen, das 0, wenn das P begehrt 
wird, auch seinerseits den Gegenstand eines Begehrens auszumachen 
geeignet ist, Begehrungsobjekte aber, wie zu berühren war,^ jederzeit 
zugleich Werthaltungsobjekte abgeben. 

Darf so die Tatsache der Werthaltungsübertragung für ausreichend 
gesichert gelten, so haben wir uns nun noch auch der Gegenfrage 
zuzuwenden, ob es zuletzt überhaupt andere als übertragene Wert- 
haltuugen gebe, oder nicht vielmehr auch die anscheinend unüber- 
tragenen Fälle sich bei näherer Betrachtung als Übertragungen heraus- 
stellen. Eine solche Eventualität ganz grundsätzlich abzulehnen, dazu 
bietet die erwähnte Analogie zur Überzeugungsvermittlung, ja in gewisser 
Hinsicht die direkte Subsumtion unter die Betrachtungsweise der letzteren 
sich bereitwillig als geeignetes Mittel dar. Halte ich nämlich das wert 
um des P willen, das ich gleichsam schon vorher werthalte, so findet die 
Werthaltuug des statt im „Hinblick" auf die W^erthaltung des P, 
ebenso wie die Konklusion geurteilt wird im „Hinblick" auf die geur- 
teilten Prämissen^ und das Werthalten des vollzieht sich oder kann 
sich mindestens vollziehen mit dem Bewußtsein, daß es durch das 
Werthalten des P ebenfalls in gewisser Weise impliziert ist. Wird 
nun aber auch das P in ähnlicher Weise übertragen wertgehalten um 
eines Q willen, dieses um eines R willen und so fort ins Unendliche, 
so hat man es ohne Zweifel mit einer Reihe von jener fehlerhaften 
Unendlichkeit zu tun, die es auch schon verbietet^, mittelbares Erkennen 
gelten zu lassen, das nicht früher oder später auf unmittelbares 
gegründet wäre. In derselben Weise kann es dann auch kein über- 
tragenes Werthalten geben, das nioht früher oder später auf ein unüber- 
tragenes zurückginge. 

Immerhin fehlt es hier nicht an einer Schwierigkeit. Muß denn, 
so darf man fragen, das, worauf beim Werthalten des „ hingeblickt " 
wird, eine Werthaltung, respektive ein Wert sein, kann es nicht viel- 
mehr auch auf eine Lust ankommen, die kein Wertgefühl ist? Ich 
halte im Winter den Ofen wert, weil seine Wärme mir angenehm ist, 
also mit Rücksicht auf ein sinnliches Gefühl, das als solches natürlich 
kein Wertgefühl ausmacht. Man hat es da sonach mit einer Wert- 
haltung zu tun, die zwar nicht von einer Werthaltung, wohl aber von 
einem andersartigen Lustgefühl herrührt. Von diesen Gefühlen, so könnte 
man glauben, vollzieht sich nun die Übertragung bei jenen Wertge- 
fühlen, die ihrerseits nicht mehr auf andere Wertgefühle zurückgehen: 



1 Vgl. oben S. 42. 

2 Vgl. hierüber meine Ausführungen in „Über Annahmen", 2. Auflage, S. 176. 

3 Vgl. „Zum Erweise des allgemeinen Kausalgesetzes", Sitzungsberichte 
der k. Akademie der Wissenschaften in Wien, philos. histor. Kl., Bd. CLXXXIX, 
1918, S. 96. 



§ 4. Übertragung und Vermittlung bei Werlhaltungen. 



103 



so sind dann alle Wertgefühle übertragen, ohne daß damit auf eine 
unendliche Reihe rekurriert würde. Dem ist indes nur der Gedanke 
der Werthaltungsübertragung in ausreichender Klarheit entgegenzuhalten. 
Ihm gemäß heißt eine Werthaltung nicht insofern übertragen, als sie 
in irgend einer W^eise auf ein Gefühl zurückweist, sondern sofern das 
Wertverhalten zum Objekte auf das Wertverhalten zu einem anderen 
Objekte P zurückgeht. Dieses Erfordernis ist natürlich nicht erfüllt, 
wenn das zweite Gefühl überhaupt gar kein Wertgefühl ist. Das 
Dilemma : entweder eine fehlerhaft unendliche Reihe oder unübertragene 
Werthaltungen wird also wohl unvermeidlich sein. 

So bleibt die apriorische Erwägung zugunsten unübertragener 
Werthaltungen in Kraft. Es kommen dann die vielen deutlichen Belege 
dafür hinzu, daß, rein empirisch besehen, unser Werthalten so häufig 
über gewisse letzte Gegenstände tatsächlich nicht hinausgeht, solche 
also, denen gegenüber der Gedanke einer Werthaltungsübertragung nicht 
etwa erst theoretisch auszuschließen ist, sondern umgekehrt höchstens 
erst unter irgend welchen theoretischen Gesichtspunkten in den Kreis 
der Erwägungen einzubeziehen wäre. 

Demgemäß sind nun auch Argumente, die die Übertragenheit 
aller Werthaltungen plausibel zu machen versuchen könnten, von nur 
scheinbarer Stringenz. So insbesondere die Berufung auf das Prinzip, 
daß alles seinen Grund haben müsse, womit eigentlich nur auf die 
eben abgelehnte Betrachtungsweise zurückgegriffen ist, so daß man sich 
auch hier schon durch die Analogie mit dem Erkennen, respektive 
Urteilen orientieren kann. Gesetzt nämlich zunächst, daß nichts Er- 
kenntnis heißen darf, w^as nicht seinen Grund hat, so verschlägt dies 
noch gar nichts gegenüber der Eventualität falscher Urteile: ebenso 
könnte für berechtigtes Werthalten ganz wohl etwas verbindlich sein, 
was das Werthalten ganz im allgemeinen, von dem jetzt die Rede ist, 
nicht trifft. Es kommt nun aber hinzu, daß der sogenannte Satz vom 
Grunde sowohl dem zu erfassenden Objektive als dem Erfassen nach 
einer ganz bestimmten Interpretation bedarf, um überhaupt als all- 
gemeines Prinzip aufrecht erhalten werden zu können. Das Objektiv, 
daß rot nicht grün ist, hat keinerlei Objektiv mehr zugrunde liegen 
und nur, wenn man den Begriff des Grundes ausreichend erweitert, um 
im Bedarfsfalle auch Objekte einbeziehen zu können, kann man unserem 
Objektive die Objekte rot und grün mit einiger Natürlichkeit^ als Grund 
oder Gründe zuschreiben. Und ebenso ist das, worauf man „hinblicken* 
muß, um der Erkenntnis, daß rot von grün verschieden sei, mit Evidenz 
teilhaftig zu werden, keinerlei Objektiv, sondern es sind eben wieder 
nur die Objekte rot und grün, was auch für den Begriff speziell des 
a Erkenntnisgrundes" eine angemessene Erweiterung verlangt. Allgemein 
also : muß das „Warum", nach dem man fragt, ein Objektiv, respektive 






1 Mein Versuch, es anders zu halten (vgl. „Über die Stellung der Gegen- 
standstheorie im System der Wissenschaften", Leipzig 1907, S. 54, auch Zeit- 
schrift für Philos. u. philos. Kritik, Bd. 129 f. [1906 f.J), wird eben wegen seiner 
Künstlichkeit aufgegeben werden müssen. 



104 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 



ein Urteil sein, dann ist unrichtig, daß man überall auf intellektuellem 
Gebiete nach dem „Warum" fragen dürfe, und die Forderung des 
, Warum" ist nur aufrecht zu halten, wenn man eventuell auch mit 
einem Objekt, respektive einer Vorstellung meint zufrieden sein zu 
dürfen. Und ebenso ist nun vom Werthalten zu sagen: muß das „Warum" 
hier ein Werthalten sein, dann ist die Forderung, allemal ein „Warum" 
namhaft machen zu können, unbillig; sie ist aufrecht zu erhalten, wenn 
man auch hier etwa mit der bloßen Vorstellung zufrieden ist; dann 
ist aber der „Grund* eben keine Werthaltung und in der Anwendung 
des „Satzes vom Grunde" in dieser Bedeutung liegt nichts mehr, was 
auf Übertragenheitscharakter bei allen Werthaltuugen hinwiese. 

Nebenbei verdient bemerkt zu werden, daß Werthaltungen nicht 
selten eine Beantwortung der „Warum "-Frage gestatten, ohne daß 
darin ein Übertragungsfall beschlossen läge. Ich befinde mich im Besitze 
zweier Taschenuhren, die mir beide von Wert sind, die eine, weil sie 
die Uhr meines Vaters war, die andere, weil ich sie während des 
größten Teiles meines Lebens getragen habe. Von diesen beiden „weil" 
bedeutet das erste in der Tat eine Übertragung: ich halte die Dinge 
wert, denen im Leben meines Vaters einige Wichtigkeit zugekommen 
ist, und weil die in Rede stehende Uhr ein solches Ding ist, übertrage 
ich die Werthaltung auch auf sie. Dagegen habe ich für mich und 
meine Gebrauchsgegenstände natürlich keine Pietät ; wohl aber hat der 
Umstand, daß sie mir so lange Jahre gut gedient hat, die Uhr auch 
ohne Rücksicht auf allfällige neue Leistungen in ein Wertverhältnis zu 
mir gebracht. Ich halte die Uhr also wert, „weil" sie meine Uhr ist; 
aber diese Werthaltung ist, obwohl nicht ursprünglich, sondern erworben, 
doch keine übertragene, so wenig, als etwa eine Übertragung vorliegt, 
wenn einer das Haus liebt, in dem er aufgewachsen ist, oder den Ort, 
an dem ihm Liebes begegnet ist und dergleichen, was sich einfach 
daraus vgibt, daß die Werthaltung da normalerweise ohne Neben- 
gedanken auftritt, der im Übertragungsfalle doch wohl unentbehrlich 
wäre. Freilich, wenn ich mein Werthalten einer Taschenuhr zuwende, 
über die ich mich nachträglich dahin belehren lasse, daß sie der meinen 
zwar sehr ähnlich, im übrigen aber eine „fremde" Uhr ist, dann werde 
ich meine Werthaltung sozusagen zurücknehmen. Aber wenn die Mutter 
sich von einem Kinde abwendet, das dem ihren zwar ähnlich ist, sich 
aber als unterschoben herausstellt, wird man daraus die Konsequenz 
ziehen wollen, daß ihre Liebe zum eigenen Kinde etwas mit Hilfe von 
Reflexionen Übertragenes sei? Erwägungen, richtige wie falsche, können 
eben manches zerstören, was sie aufzubauen nicht imstande gewesen 
wären. 

Nun könnte man noch etwa versuchen, sich zugunsten ausnahms- 
loser Übertragenheit zwar nicht auf den Satz vom Grunde, wohl aber 
auf die Natur des Werthaltungsobjektes zu berufen. Dieses hat ja, 
wie bereits zu erwähnen warS mancherlei Eigenschaften, von denen 



1 Vgl. oben S. 79. 



§ 4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltnngen. 



105 



einige, die 0', das Werthalten des betreffenden Subjektes auf sich 
ziehen, indes die anderen, die 0", dem Subjekte indifferent sind. Dann 
wird das im Grunde doch nur um des 0' willen wertgehalten und 
die Werthaltung des ist sonach auf alle Fälle eine übertragene. So 
könnte es in der Tat wenigstens auf den ersten Blick erscheinen, aber 
doch nicht über diesen hinaus. Prinzipiell aus dem Gebiete möglichen 
Werthaltens sicher nicht ausgeschlossen, nur freilich empirischer 
Verifikation nicht wohl zugänglich ist schon die Eventualität eines ein- 
fachen 0, das nur noch etwa rein formalistisch und daher nichts- 
sagend in die Gestalt „etwas, das ist," aufzulösen wäre. Auch empirisch 
deutlich sind dagegen die vielen Fälle, wo das 0, was immer es übrigens 
an Bestimmungen in sich schließen mag, durch das Werthalten gleichsam 
als Ganzes ergriffen wird, so daß die etwa vorhandenen 0' und 0" 
bereits mit einbezogen sind und für besonderes Werthalten und Über-, 
tragen desselben von 0' auf eben darum gar keine Gelegenheit mehr 
übrig bleibt. Immerhin dürfte es insofern kaum angehen, von einem 
Gegenstande leicht ein für allemal zu behaupten, er werde übertragen 
oder er werde unübertragen wertgehalten. Aber es wird darüber oft 
genug aus der Kenntnis der empirischen Sachlage heraus kein Zweifel 
aufkommen können. Meine eigene Uhr im obigen Beispiel, gleich manchem 
anderen bewährten Gebrauchsgegenstand halte ich unübertragen wert, 
nicht minder eine gewisse, sei es ethische, sei es außerethische Ver- 
haltungsweise, und ebenso auch diesen oder jenen Menschen, ohne mir 
im mindesten über die Eigenschaften Rechenschaft geben zu wollen 
oder auch nur zu können, die mich für ihn eingenommen haben. 
Dagegen steht es natürlich außer Zweifel, daß, wenn man einen 
Menschen um dieses oder jenes Talentes, dieser oder jener Geschicklich- 
keit wegen schätzt, die man dann etwa wohl in bestimmter Weise aus- 
zunützen gedenkt, man es mit übertragenen Werthaltungen zu tun hat. [^^J 
Theoretisch steht ja auch nichts im Wege, alle bisher angeführten 
Tatbestände übertragener Werthaltung im Gegensatz zur eben durch- 
geführten Betrachtung als Beispiele un übertragener Werthaltungen auf- 
zufassen. Wie im obigen neuerlich erwähnt, ist im allgemeinen zu 
erwarten, daß nicht alle dem Objekte eigenen Bestimmungen für 
die Werthaltung gleich wesentlich sein werden, vielmehr den für die 
Werthaltung maßgebenden Bestimmungen indifferente zur Seite stehen. 
Wer eines Buches bedarf, fragt nicht leicht, aus welcher Buchhandlung 
es bezogen ist; wer müde ist, für den macht es keinen Unterschied, 
ob er sich auf einer Bank oder auf einem Sessel ausruhen kann und 
so fort. Das Wertobjekt weist eben normalerweise etwas auf, das wir 
oben den Bestimmungskern genannt haben im Gegensatz zur Bestimmungs- 
hülle, die sich ändern kann, ohne daß sich an der Werthaltung etwas 
ändert.^ Es muß nun möglich sein, jede übertragene Werthaltung der- 
art zu transformieren, daß sie unübertragen, aber an gewisse Kern- 
bestimmungen gebunden erscheint: wird zum Beispiel wertgehalten, 



ff» 



1 Vgl. oben S. 79. 



106 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 



fi i 



weil es Ursache von P, P aber wertvoll ist, so kann man die Sachlage 
auch so auffassen, daß die Eigenschaft 0', das wertvolle P zu ver- 
ursachen, die Kernbestimmung ausmache, um deren willen wert- 
gehalten werde. Es mag geschehen, daß eine solche Betrachtungsweise, 
die alles auf das gleichsam zusammendrängt, der Erfahrung unter 
Umständen nicht gerecht wird, sofern gleichsam ein Mehr hinsichtlich 
des Auseinandertretens der entscheidenden Faktoren an die Leistungs- 
fähigkeit des W^erthaltenden geringere Anforderungen stellt. Dagegen 
wird sich bald zeigen, daß die charakterisierende Funktion des konzen- 
trierten Sachverhaltes durch die Mittel der Werthaltungsübertragun«- 
nicht jedesmal zu ersetzen wäre. ^ 

Darf so das Vorkommen sowohl von übertragenen als von unüber- 
tragenen Werthaltungeu für gesichert gelten, so begründet dies das 
Bedürfnis nach genauerer Feststellung der charakteristischen Momente, 
auf denen die Unterscheidung dieser beiden Arten von Werthaltungeu 
beruht. Augenscheinlich handelt es sich bei den übertragenen Wert- 
haltungen um das Hinzutreten von Bestimmungen, die den unüber- 
tragenen fehlen, und zwar sind es ohne Zweifel die psychologischen 
Voraussetzungen, die bei den übertragenen Werthaltungen ein xMehr an 
kennzeichnenden Momenten aufweisen. Während es nämlich den unüber- 
tragenen Werthaltungen zwar natürlich an der psychologischen Gegeu- 
standsvoraussetzung niemals fehlt, die allen Werthaltungen eigen ist, 
anderweitige psychologische Voraussetzungen jedoch, wie die oben bei- 
gebrachten Beispiele dartun, bei ihnen in keiner Weise obligatorisch 
sind, liegt es ersichtlich im Wesen der Übertragenheit, daß diese auf 
Erlebnisse gegründet ist, die in der Gegenstandsvoraussetzung nicht 
bereits beschlossen sind. Bei übertragenen Werthaltungen genügt es 
eben nicht, das Objekt in einem angemessenen Objektiv zu erfassen, 
vielmehr muß auch das Objekt P zu seinem Rechte gelangen. Soll man 
ein O um eines P willen werthalten, so ist außer der Gegenstands- 
voraussetzung, die keiner Werthaltung fehlt, mindestens noch ein Erlebnis 
erforderlich, das die Wertstellung des Subjektes zu P begründet, und 
ein Erlebnis, in dem das Subjekt die Beziehung des zum P in an- 
gemessener Weise erfaßt. Dabei mag das Erlebnis, vermöge dessen das 
überhaupt ein Werthaltungsobjekt ausmacht, immerhin als die Haupt- 
sache, daher die hierfür erforderliche Gegenstandsvoraussetzung als 
, Hauptvoraussetzung« gelten. Aber ihr stehen dann Voraussetzungen 
zur Seite, denen mindestens der Rang der „Nebenvoraussetzung" nicht 
abzustreiten ist und deren Haupttypen festgestellt sein wollen. 

Wie eben schon angedeutet, muß es solcher Nebenvoraussetzungen 
mindestens zweierlei geben. Daß und P sich in geeigneter Relation 
zu einander befinden, davon muß das Subjekt Kenntnis haben: das 
Urteil, mittels dessen dies geschieht, kann passend das „ Übertragung s- 
urteil« heißen. Als zweite Nebenvoraussetzung kommt dann ein Wert- 
erlebnis hinzu, das das P zum Objekte hat, natürlichst eine W^erthaltung 
des P, eventuell aber auch eine Begehrung mit demselben Objekt, oder 
wohl auoh das Urteil, daß P Wert hat, also ein Werturteil : man könnte 



§ 4'. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungeu. 



107 



ein solches Erlebnis das Übertragungssupplement nennen. Neben diesen 
konstitutiven Nebenvoraussetzungen kann es dann ganz wohl auch noch 
solche geben, deren Anteil an der resultierenden Übertragung nur ein 
mehr oder minder erheblich modifizierender ist, namentlich was die 
Stärke der sich ergebenden übertragenen Werthaltung angeht: die Wert- 
haltung wird verschieden ausfallen, je nachdem der Vorrat der bereits 
vorhandenen größer oder kleiner ist, das Hinzukommen wei;erer O 
für mehr oder weniger wahrscheinlich gelten darf, ebenso das Auftreten 
des eine größere oder geringere Möglichkeit für das Auftreten des P 
mit sich führt und so fort. 

Es soll hier solchen Details nicht mehr nachgegangen, sondern 
nur noch versucht werden, etwas über die Natur der Relation auszu- 
machen, durch die mit P verbunden sein muß, wenn eine Übertragung 
der W^erthaltung vom P auf das sich vollziehen soll. Es fällt sofort 
auf, daß man es da nicht mit bloß einer Relation zu tun hat, sondern 
mit' mehreren. Es ist allgemein bekannt, ^ daß sich die Werthaltung der 
Wirkung (des Bedingten) auf die Ursache (die Bedingung), vom Teil 
auf das Ganze, von der Eigenschaft auf deren Träger überträgt. Aber 
es ist auch schon aufgefallen, daß die Übertragung unter Umständen 
sozusagen die entgegengesetzte Richtung einschlägt, so insbesondere im 
Falle der Relation zwischen Ganzem und Teil. In Zeiten, da für die 
Konservierung ausgegrabener Altertümer noch nicht ausreichend Sorge 
getragen war, konnte man oft von Reisenden hören, die sich etwa Stücke 
alter Mosaike als , Andenken" mitnahmen: augenscheinlich wurden da 
die Stücke um des wertvollen Ganzen willen wertgehalten. Ebenso wird, 
wer einer bestimmten Summe Geldes etwa zu einem Kaufe bedarf, 
auch jeden Teilbetrag dieser Summe werthalten. 

Daß die Werthaltung eines ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften 
erfaßten Dinges auf dessen Eigenschaften überginge, ist mit Rücksicht 
auf die Indifferenz, die einem Dinge eigen sein muß, solange man auf 
seine Eigenschaften nicht Bedacht nimmt, kaum zu erwarten ; ganz wohl 
aber kann eine Werthaltung von dauernden Eigenschaften auf deren 
Betätigungen in einzelnen Erlebnissen übergreifen. Man hat sich ja in 
der Ethik schon oft genug vor die Alternativfrage gestellt gefunden, 
ob ein Mensch gut heißt, weil er, respektive insofern er gut handelt, 
oder umgekehrt die Handlung gut, weil der ein guter Mensch sein muß, 
der sie setzt. Natürlich wäre nicht ausgeschlossen, hierin zugleich einen 
Beleg dafür zu sehen, daß die Werthaltung nicht nur von der Wirkung 
auf die Ursache, sondern auch von der Ursache auf die Wirkung über- 
gehen kann, und auch andere Belege hierfür sind unschwer zu finden. 
So etwa in der verschiedenen Wertstelluug, die man leicht demselben 
Verhalten gegenüber einnimmt, je nachdem man dem Menschen, der 
sich so verhält, geneigt ist oder nicht. Daß übrigens auch mit diesen 
Umkehrungen die Mannigfaltigkeit möglicher Wertübertragungen nicht 



* a 






1 Vgl. „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie«, S. 60; Chr. v. Ehrenfels, 
„System der Werttheorie", Bd. I, S. 75 ff. 



108 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 



erschöpft ist, diese vielmehr über die erwähnten Relationen noch hinaus- 
^eht, das erhellt daraus, daß man die Disposition werthält um ihrer 
Korrelate^ willen und dann auch wieder umgekehrt die Korrelate um der 
Disposition willen, so daß dem „Aktualitätswert« der Wollungea gerade- 
zu em „Dispositionswert «2 gegenübergestellt werden kann. Übrigens sei 
um der Mannigfaltigkeit dessen, was die Übertragungstatsachen darbieten' 
moghchst gerecht zu werden, noch darauf hingewiesen, daß der oben 
schon einmal berührte Übergang von der Eigenschaft zu ihrer Betätiffuns: 
gelegentlich wohl auch den Aspekt des Überganges von der Erkenntnis 
folge zum Erkenntnisgrund darbietet. Ein Jäger legt Wert darauf daß 
«r von abnorm großer Distanz aus einen Hasen laufen sieht, obwohl 
zur Zeit keine Jagd stattfindet. Es liegt nahe zu vermuten, daß er hier 
auf etwas Wert legt, sofern es ihn und etwa auch andere von der 
Leistungsfähigkeit seines Auges überzeugt. 

y^ter diesen mancherlei Übertragungsfällen ist ohne Zweifel der 
der Übertragung der Werthaltung von der Wirkung auf die Ursache 
der populärste und wohl auch praktisch wichtigste. Es war daher durch- 
aus motiviert, ihn durch besondere Benennung aus den übrigen heraus- 
zuheben, wie Chr. V. Ehrenfels durch Prägung der sehr charakteristischen 
Bezeichnung , Wirkungswert« getan hat.^ Nicht minder charakteristisch 
ist der Terminus „Eigenwert« für den Mangel au Übertragung, nur daß 
€S, wie aus Obigem erhellt, nicht angeht, Eigen- und Wirkungswert als 
Kontraste einander zu koordinieren. Dem Eigenwert muß eben der 
übertragungswert^ gegenübertreten. Der Terminus „Übertragungswert« 
benennt die durch die Ubertragungsrelation gleichsam geschaffene Sach- 
läge vom Standpunkte des einen Relationsgliedes aus. Weil aber diese Rela- 
tion keine „umkehrbare" oder „symmetrische« ist, so ist eine Benennung 
auch vom Standpunkte des anderen Relationsgliedes aus erwünscht und 
durch Chr V Ehrenfels im Terminus „Stammwert« auch tatsächlich 
dargeboten^ In unserer obigen Symbolik ist sonach Übertragungswert 
im Hinblick auf P als Stammwert, oder freilich genauer: ist Objekt 
einer Ubertragungswerthaltung im Hinblick auf P als Objekt einer 
Stemmwerthaltung. Noch genauer, aber auch dann nicht völlig genau 
wäre etwa „Übertragungswerterlebnis« und „Stammwerterlebnis« zii 
ea^en. Die übrigbleibende Ungenauigkeit verschlägt nichts, wenn nur 
nicht außer acht gelassen wird, daß wir es in gegenwärtiger Betrachtung 

J Vgl Allgemeines zur Lehre von den Dispositionen" m den von mir herans- 

mich seiner nur deshalb nicht, weil ich, wie sich zeigen wird von WertvermS! 
lüng" m einem weiteren Sinne reden in müssen mfine n Wertvermitt- 

„System der Werttheorie", Bd. I, S. 79. 



§4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungen. 



10^ 



immer nur noch mit Werterlebnissen und nicht mit den Werten selbst 
zu tun haben. 

Besonders wichtig ist nun aber die Frage, ob sich die Mannig- 
faltigkeit der Übertragungsfälle, zunächst zum Zwecke möglichst all- 
gemeiner Beschreibung, einem einheitlichen Gesichtspunkte unterordnen 
läßt. Sehe ich recht, so fehlt es in der Tat keineswegs an einem solchen 
Gesichtspunkte und an den Wirkungswerthaltungen dürfte er in besonders- 
greifbarer Weise zu Tage treten. Ursache und Wirkung sind bekanntlich 
charakterisiert durch ihren Anteil an einem Implikationsverhältnis ^, ver- 
möge dessen die Ursache sich als ein Implikator, die Wirkung als 
Implikament^ darstellt. Aber die Kausalrelation ist durchaus nicht die 
einzige Implikationsrelation, und man dürfte kaum fehlgehen, wenn man 
behauptet, die Werthaltungsübertragung geht mit jeder Ausgestaltung 
der Implikationsrelation zusammen, falls die Bedingung erfüllt ist, daß 
das Implikament Gegenstand einer vom Implikator unabhängigen Wert- 
haltung ist, der dann mit Rücksicht auf die Werthaltungsübertragung 
die Rolle einer Stammwerthaltung zukommt. Das ist außer an der 
Relation zwischen Ursache und Wirkung an der zwischen Bedingung^ 
und Bedingtem oder der zwischen Ganzem und Teil ohne weiteres zu 
verifizieren. Um so deutlicher scheint, daß sich diese Relationen, wie 
wir sahen, auch umkehren lassen, einer solchen Auffassung entgegen- 
zustehen. Es fehlt aber doch nicht an einem Gesichtspunkte, der mir 
die Subsumtion auch dieser Fälle zu gestatten scheint. 

Der Nachweis zugunsten dieses Gesichtspunktes ist in wenigen 
Gedankenschritten zu führen. Zwischen den Objekten und P bestehe 
die Relation, daß etwa das Sein des das des P impliziert, so daß 
den Implikator, P das Implikament abgibt. Ist nun P das Objekt 
etwa von Seinsfreude, so überträgt sich diese im Sinne unseres Impli- 
kations-, respektive Übertragungsgesetzes auf 0. Impliziert aber das 
Sein des das Sein des P, so umgekehrt auch das Nichtsein des P 
das Nichtsein des 0. Bezöge sich also die Werthaltung statt auf das 
Sein des P auf das Nichtsein des 0, so müßte sich nach unserem 
Gesetze auch die Werthaltung vom Nichtsein des auf das Nichtsein 
des P übertragen. Geht aber überdies die Nichtseinswerthaltung am O 
mit ihrem Gegengefühle zusammen, ebenso die Nichtseinswerthaltung 
am P, so führt die so resultierende Seinswerthaltung am auch eine 
Seinswerthaltung am P mit sich, so daß der Tatbestand der Übertragung 
nunmehr vom auf das P vorliegt. 

Es wird der Übersichtlichkeit dienen, die drei bis vier eben dar- 
gebotenen Beweisschritte noch in symbolischer Aufschreibung vorzuführen. 
Dabei sei wieder das Seinsobjektiv durch Klammern, die Werthaltung^ 
durch Wh bezeichnet und im Bedarfsfalle das Werthaltungsvorzeichen 
links unten, das Objektivvorzeichen rechts oben notiert. Zur Bezeichnung^ 
des Verhältnisses zwischen Implikans und Implikatum sei aus Gründen 

1 Vgl. meine Ausführungen „Zum Ei'weise des allgemeinen Kausalgesetzes" » 
Wien 1918, S. 43. ^ 

2 Über diese Begriffe vgl. a. a. 0., S. 45. 



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ff 1 



110 



HI. Weiteres zur Wertpsjchologie. 



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fypographischer Eiufachheit hier ganz vorübergehend statt des von 
E Mally verwendeten höchst charakteristischen Symboles^ das gewöhn 

iche „Großer^-Zeichen verwendet, in gleich proVisorischer WeTsIdas 
Cl T"" "^T^f Logistikern verwendete Implikationssymbol ) zu 
IZTvT^'i ^"" ^'' Implikation ja augenscheinlich einigermaßen ana 
logen \ erhaltnisses zwischen Stamm- und Übertragungswerihaltung Dann 
mache den Ausgangspunkt der Betrachtung efwa^ die Relation aus 

(0+) > (P+). 
Wird hier P wertgehalten, besteht also die Werthaltung Wh (Pf), dann 
besteht auch die Relation Wh (P+) ) Wh (0+) im Sinne unseres' Über- 
tragungsgesetzes vom ImpliL^ament auf" den Implikator. Im Falle der 

TeZZTZ T^^^^^ ^''' '^^^^^^^^h ^"^h ^^^ ^-"f die entgegen- 

gesetzten Objektive bezogene Relation: 

(P-) > (0-). 

Wrro-r''.o'"Jm ^'' '^''' ^'/'i.^'^ wertgehalten, besteht also etwa 
VVü (O ), so gilt im Sinne des Ubertragungsgesetzes nun auch 

Wh (0-) ) Wh (P-). 

Mit den so gegebenen Werthaltungen des und P gehen aber nach 
dem Prinzipe der Gegengefühle wieder die Werthaltungen Wh (ol) 3 
Wh (P+) Hand in Hand, so daß im ganzen auch von dtr positiven 

Werthaltung des eine Übertragung auf das P ausgeht, die in dessen 
gleichfalls positiver Werthaltung besteht. In Symbolen also: 

Wh (0+) ) Wh (P+). 

+ + 

Wie man siebt, ist der ganze Beweis auf die Zusammenffehörio-keit 
der Gegengefühle gegründet, er gilt also nicht strenger als das Geset 

z^^fe^Zr r. '^"^^ ""^^"^^^^^- ' --b-- se er! 

Z rfh! ^ ''^'- ^""^ ^""'^ ^^'^^ ^^''^^' Übereinstimmung, daß für 

das Ubertragungsgesetz sowohl in seiner Hauptgestalt als in der eben 
erwiesenen Nebengestalt augenscheinlich eine gewisse innere Evidenz3 
besteht, die durch Ausnahmen, die das psychische Verhalten der Wert- 
haltungssubjekte etwa aufweisen mag, nicht betroffen ist. Auch in der 

zuSr Wef '^^ "" ^'r "^'^ "°^" gegenständlichen Tatbestand 
iPlftr ; ^ ' l' ^J" ^^' sozusagen zufällige Verhalten des Sub- 
jektes so wenig gebunden ist, als die Tatsache der Implikation etwa 
;^rr:u.lS""f intellektuellen Verhalten des Subjekt^ beslht. t^^ 
Ses S a1 ^^'^/^^l^ das Symbol ) bezeichnete Relation 
einiges Licht . Auch sie wird schwerlich in einer psychologischen Ge- 
Leipzig foil^ ^ ^ ^' «Gegenstandstheoretische Grundlagen der Logik und Logistik", - 

2 Vgl. oben S. 85 f. 

8 Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 124 ff., 135. 



§ 4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltnngen. 



111 



Setzmäßigkeit bestehen, die zwei Werthaltungen verbindet. Weit eher 
wird darin ein emotionales Analogen der Implikation zu erblicken sein, 
sodaß man darauf vielleicht ganz direkt die Bezeichnung „emotionale 
Implikation* als Seitenstück zur allbekannten intellektuellen Implikation 
wird anwenden dürfen. 

Man bemerkt zugleich, daß unsere Gesetzmäßigkeit von den Wert- 
haltungsvorzeichen unabhängig ist und darf außerdem vermuten, daß 
sie dort, wo sie gewissermaßen erst durch die Gegengefühle hindurch zur 
Geltung kommt, minder deutiich hervortreten wird, da sie da an die 
für das Zusammenauftreten der Gegengefühle bestehenden Bedingungen 
gebunden ist. Dem scheint die Erfahrung auch durchaus zu ent- 
sprechen: die oben beigebrachten Umkehrungsbeispiele zeigen, daß 
mau bei ihnen keineswegs unter allen Umständen auf die Übertragung 
zu rechnen hat. 

Daß übrigens dieser Mangel nicht noch stärker hervortritt, das 
wird wohl darin seinen Grund haben, daß, wo ein Objektiv w das 
Implikans zu einem Objektiv % ausmacht, streng genommen gegen- 
standstheoretisch auch schon ganz direkt, das heißt ohne Vermittiung 
von Gegenobjektiven oder vollends Gegengefühlen, eine Inversion des 
Iraplikationsverhältnisses damit Hand in Hand geht. Ich meine den 
von mir bereits gelegentiich als „Reimplikation« bezeichneten Tat- 
bestand, daß, wenn w das t impliziert, allemal w auch durch % impli- 
ziert wird, nur nicht, auch wenn die erste Implikation eine Tatsäch- 
hchkeitsimplikation sein sollte, der Tatsächlichkeit, sondern bloß der 
Möglichkeit nach.i Nun wird die Werthaltungsübertragung an dem 
Möglichkeitscharakter der Implikation nicht wohl eine Schranke finden 
können; das erhellt schon daraus, daß bereits bei Übertragung von 
der Wirkung auf die Ursache, da die , Ursache" streng genommen nur 
eine Teilursache sein wird, im Verhältnis dieser letzteren zu ihrer 
Wirkung nur Möglichkeits-, nicht aber Tatsächlichkeitsimplikation ins 
Spiel treten kann. So ist also schon der Hinweis auf solche einfache 
Reimplikation geeignet, der Zurückführung der Übertragung auf Impli- 
kation einigermaßen als Stütze zu dienen. Nur muß der im ganzen 
niedrige Grad der bei solcher Reimplikation zutage tretenden Möglichkeit 
einen entsprechend großen Stärkeverlust auch beim Übergang vom 
Stammwert zum abgeleiteten Wert mit sich führen und so wird diese 
in gewissem Sinne unmittelbare Legitimation unseres Übertragungs- 
gesetzes gegenüber der zuerst beigebrachten doch nur von unter- 
geordneter Bedeutung bleiben. 

Einer gewissen Präzisierung bedarf hier noch die oben im Vor- 
übergehen vollzogene Berufung auf den Erkenntnisgrund. Der Jäger 
legt darauf, den fernen Hasen zu sehen, ich will kurz sagen, auf den 
Anblick Wert, obwohl er den Hasen nicht jagen will. Im letzteren 
Falle hätte man es mit einer ganz gewöhnlichen Übertragung von der 
Wirkung auf die Ursache zu tun; der Jä^er aber schätzt den Anblick 

1 VgL „Über Möglichkeit und Wahrschemlichkeit", S. 404. 



112 



IIL Weiteres zur Wertpsychologie. 



i 



:p 4: 

1 j t -^ 






wegen der darin zutage tretenden Sinnesschärfe, überträgt also an- 
scheinend von der Bedingung auf das Bedingte. Aber hier sagt ziemlich 
direkte Empirie sofort, daß das, worauf es dem Jäger ankommt, 
eigentlich darin liegt, daß der Anblick geeignet ist, den Jäger selbst 
und vielleicht noch mehr andere von seiner Sinnesschärfe zu über- 
zeugen. Hier tritt also das Urteilen, näher das Erkennen als wesent- 
liches Moment hinzu. Das Erfassen eines Gegenstandes setzt aber den 
Gegenstand als natüriiches (nich't Tatsächlichkeits-, wohl aber Möglich- 
keits-) Implikans voraus. Im Sinne unserer Hauptgesetzmäßigkeit über- 
trägt sich also die Werthaltung vom Erfassen aufs Erfaßte, vom Wissen 
um den Anblick auf den Anblick selbst, falls jenes Wissen wertgehalten 
wird. Das Wissen um den Anblick führt aber auf das Wissen um die 
Sinnesschärfe und wird dieses, gleichviel aus welchem Grunde, wert- 
gehalten, so überträgt sich von da die Werthaltung nach unserem 
Hauptgesetze auf das Wissen um den Anblick und von diesem auf den 
Anblick selbst.[28] So geht hier die Werthaltungsübertragung in der Tat 
teilweise statt an den Objekten und Objektiven an den diese betreffenden 
Erkenntnissen vor sich. Dennoch war die obige Berufung auf „Erkenntnis- 
gründe" mehr kurz als genau, sofern der Erkenntnisgrund streng 
genommen nie selbst eine Erkenntnis, sondern immer noch wie jeder 
„Grund" ein Objektiv (im Grenzfalle vielleicht auch ein Objekt) von 
gewissen Erkenntnisfujiktionen ist. 

Zum Schlüsse dieser Ausführungen über das Übertragungsgesetz 
sei versucht, unser Gesetz auch noch in Bezug auf die im Lust-, 
respektive Unlustcharakter hervortretende Qualität der resultierenden 
Werthaltungen zu präzisieren. Man könnte in dieser Hinsicht eine 
ziemlich weitgehende Komplikation erwarten, weil an den Tatsachen, 
die uns hier beschäftigen, das qualitative Moment bereits in dreieriei 
Gegensätzlichkeiten vorgegeben ist. Werthaltuugen sind, wie wir wissen, 
entweder von Lust- oder von Unlustqualität, sie sind eben Freude- oder 
Leidgefühle. Als Urteilsgefühle haben sie entweder Affirmationen oder 
Negationen zu psychologischen Hauptvoraussetzungen. Bei Werthaltungs- 
übertragungen aber kommt diese „Urteilsqualität« zweimal, nämlich 
am Implikans und am Implikatum zur Geltung. Die Bedeutung dieser 
drei Qualitäten für die Qualität, das heißt für den Lust-, respektive 
Unlustcharakter der Übertragungswerthaltung ist das, um dessen Fest- 
stellung es sich jetzt handelt. Inzwischen stellt sich die Beantwortung 
einfach genug dar, wenn man Stammwerthaltung und Übertragungs- 
werthaltung gleichsam aneinander hält: man hat dann nämlich nichts 
weiter als Übereinstimmung in den Vorzeichen zu konstatieren. Halten 
wir uns einfach an unser Hauptgesetz, demzufolge die Werthaltungs- 
übertragung den Weg vom Implikatum zum Implikans nimmt, so leuchtet 
ohne Weiteres ein, daß das Implikatum nur von dem gleichsam mit- 
teilen kann, was es hat, mag das nun Freude oder Leid sein, daß es 
aber^ nichts verschlägt, ob es Seins- oder Nichtseinsfreude, respektive 
-Leid ist und ob der Tatbestand, dem die Übertragung gilt, ein Seins- 
oder ein Nichtseinstatbestand ist. 



§ 4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungen. 



113 



Etwas komplizierter, aber auch dann nicht sonderiich verwickelt 
stellt sich die Sache, wenn man die gesetzmäßige Beziehung statt bloß 
auf die Objektive auf die in ihnen enthaltenen Objekte als Werthaltungs- 
objekte bezieht, indem man diese in der uns bekannten Weise als 
Güter, respektive Übel betrachtet und die Frage erhebt, unter welchen 
Umständen die Übertragung von diesen auf sozusagen neue Güter, wann 
auf neue Übel führt. Es ist dabei uneriäßlich, die Qualität der in die 
Iraplikationsrelation eingehenden Objektive ausdrücklich in Betracht zu 
ziehen. Da Implikans wie Implikatum ebensowohl positiv wie negativ 
sein kann, so ergibt das vier Fälle, die sich wieder in zwei Klassen 
zusammenordnen, die man in ohne weiteres verständlicher Weise als 
Gleichnamigkeitsimplikationen (positives Implikans und positives Impli- 
katum, negatives Implikans und negatives Implikatum) und als Un- 
gleichnamigkeitsiraplikationen (positives Implikans und negatives Impli- 
katum, negatives Implikans und positives Implikatum) bezeichnen kann. 
Nun ist die Situation auch hier unschwer zu übersehen. Impliziert das 
Sein eines das Sein eines Gutes P, dessen Werthaltung dann den 
Charakter der Seinsfreude hat, dann ist selbst ein Gut; impliziert 
sein Sein das Nichtsein des Gutes P, was mit Nichtseinsleid verbunden 
ist, so erweist sich als Übel. Impliziert das Nichtsein des das 
Sein des nämlichen Gutes P, was wieder mit Seinsfreude verknüpft 
ist, so betätigt sich als Übel; impliziert das Nichtsein des das 
Nichtsein des P, was natürlich Nichtseinsleid mit sich führt, so hat 
wieder den Charakter des Gutes. Die analoge Anwendung auf die 
übrigen Fälle ist nun leicht und auch der Gesichtspunkt, unter dem 
die vorliegende Mannigfaltigkeit sich zusammenfassen läßt, bietet sich 
nun von selbst dar. Man kann einfach sagen : bei Gleichnamigkeits- 
implikation ist auch Stamm- und Übertragungswerthaltungsobjekt gleich- 
namig, indem die Übertragung von Gütern auf Güter, von Übeln auf 
Übel führt, bei Uugleichnamigkeitsimplikation findet auch zwischen 
Stamm- und Übertragungswerthaltungsobjekt Ungleichnamigkeit statt, 
mdem die Übertragung von Gütern Übel, von Übeln Güter ergibt.p»] 
Was wir im vorangehenden als „übertragene Werthaltungen« 
den „unübertragenen" oder „Eigenwerthaltungen" haben gegenüber^ 
stellen müssen, ist dadurch charakterisiert, daß dabei neben der psycho- 
logischen Gegenstandsvoraussetzung, die wir .Hauptvoraussetzung" 
nennen konnten, noch „Neben Voraussetzungen" zur Geltung kommen, 
unter denen wir namentlich das Übertragungsurteil und das Übertragungs- 
supplement hervorzuheben hatten. Nun lehrt die Erfahrung, daß es noch 
andere Werthaltungen gibt, bei denen die Gegenstandsvoraussetzung 
ebenfalls nicht die einzige Voraussetzung ausmacht, die sich aber von 
den übertragenen Werthaltungen dadurch charakteristisch unterscheiden, 
daß nicht zwei Werthaltungsobjekte daran beteiligt sind, sondern nur 
eines, demgemäß natürlich sowohl eine Übertragungsrelation als ein 
diese erfassendes Übertragungsurteil fehlt, so daß, was zur Hauptvor- 
aiissetzung noch hinzukommt, nur den Charakter dessen aufweist, was 
wir oben das Werthaltungssupplement genannt haben. Läßt sich der 
Meinong, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie. 8 






114 



III. Weiteres znr Wertpsychologie. 



§ 4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungen. 









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Besitzer eines Gegenstandes, dem er bislang ziemlich gleichgültig gegen- 
übergestanden ist. dahin belehren, daß der Gegenstand einen erheblichen 
Kunst- oder Antiquitätswert habe, oder ein wertvolles Schmuckstück 
sei, oder dergleichen, so wird er es normaler Weise bei einem bloßen 
Urteil über Wert, also einem „Werturteil«, nicht bewenden lassen, 
vielmehr nun auch selbst mit der Werthaltung des betreffenden Gegen- 
standes reagieren. Das lehrt direkte Erfahrung, eventuell auch indirekt 
das Verhalten unseres Subjektes, das sein Begehren einem solchen 
Objekte ebenso zuwendet wie einem, auf das es Werthaltungen von 
der bisher ausschließlich betrachteten Beschaffenheit bezieht.[3o] Natürlich 
liegt auch einer Werthaltung, wie sie sich unter den jetzt gekenn- 
zeichneten Umständen zuträgt, wie jeder anderen, das Seins-, speziell 
das Existenzurteil zugrunde ; ^ber dieses hat für sich nicht genügt, die 
Werthaltung auszulösen, vielmehr mußte noch das Wissen, also das 
Urteil darüber hinzutreten, daß das Objekt Wert habe. Übertragung 
von einem Objekt P auf ein Objekt findet hier selbstverständlich 
nicht statt, da ein Objekt P gar nicht vorliegt. Dennoch richtet sich 
die Werthaltung nicht so unmittelbar und gewissermaßen von selbst 
auf das Objekt 0, als wenn das die Gegenstandsvoraussetzung aus- 
machende Urteil allein genügte. Das Wissen um den Wert tritt gleich- 
sam vermittelnd zwischen das Objekt und die Werthaltung, so daß man 
hier ganz verständlich von einer vermittelten Werthaltung wird reden 
dürfen. Nun ist aber nicht zu verkennen, daß auf diese Benennung^ 
die im obigen untersuchten übertragenen Werthaltungen einen ebenso 
guten, um nicht zu sagen einen noch besseren Anspruch haben, sofern 
bei ihnen im Übertragungsurteil noch um ein vermittelndes Moment 
mehr gegeben ist,[*i] [Man hat also vermittelte und unvermittelte Wert- 
haltungen. Unter den vermittelten bilden die übertragenen Werthaltungen 
eine besondere Klasse; es gibt aber auch unübertragene vermittelte 
Werthaltungen, sie sind, ebenso wie die unvermittelten, Eigenwert- 
haltungen. Unter diesen kann man demnach vermittelte und unver- 
mittelte unterscheiden.] Chr. v. Ehrenfels, der die Termini „unvermittelter 
und vermittelter Wert" bereits anwendet,^ hat unter dem Gesichtspunkte 
der Vermittlung ausschließlich den Fall der Übertragung ins Auge ge- 
faßt; so konnte oben die Verwendung des Terminus „übertragen« 
leicht wie eine willkürliche Umnennung erscheinen. Man sieht jetzt 
wohl, daß sie es nicht war, vielmehr der Ehrenfelssche Ausdruck in 
seiner Geltung belassen, nur seioem Sinne und den Tatsachen gemäß 
erweitert ist, indes für das engere Gebiet ein hoffentlich nicht ganz 
uncharakteristischer Name noch hinzugefügt wurde. 

Schematisch kennzeichnet sich also der Tatbestand der Vermittlung 
ohne Übertragung bei den Werthaltungen durch die beiden Voraus- 
setzungen: „0 ist* (insbesondere „existiert«) und „0 hat Wert«, wo für 
die Werthaltung die Richtigkeit des einen Urteils natürlich wieder ebenso 
unwesentlich ist als die des anderen. Von diesen beiden Urteilen ver- 



115 



* „System der Werttheorie", Bd. I, S. 75. 






langt nun das zweite, das Vermittlungssupplement, wie man das Analogen 
zum Übertragungssupplement nun nennen kann, noch besondere Beach- 
tung, sofern eine Determination am Material seines Objektivs zu einer 
wichtigen Wendung des Wertgedankens führt. 

Daß es keine Werthaltung ohne Subjekt gibt, ist ebenso selbst- 
verständlich, als daß nicht begehrt, noch geurteilt, angenommen oder 
vorgestellt werden kann, wenn kein Subjekt da ist, an dem das betref- 
fende Erlebnis sich abspielt. Aber ebenso klar ist es angesichts der 
Erfahrung, daß in keinem dieser Erlebnisse das Subjekt, unbeschadet 
seiner Unentbehriichkeit, obligatorisch miterfaßt und etwa das Eriebnis 
in Relation zu diesem Subjekte betrachtet wird. Und so gewiß jedem 
seine Eriebnisse normalerweise als die seinen bewußt werden können, 
so wenig pflegt ein solches Bewußtwerden für ein Eriebnis konstitutiv 
zu sein. Das gilt auch von der Werthaltung eines Objektes 0, bei der 
der Werthaltende keineswegs genötigt ist, außer an auch noch an 
sich selbst zu denken. Es ist darum durchaus ein besonderer Schritt 
erforderiich, um von dem wie immer begründeten Gedanken „0 hat 
Wert« zu dem Gedanken zu gelangen „0 hat Wert für mich«. Der 
naiven Objektivität und Absolutheit des ersteren Gedankens steht die 
Subjektivität und Relativität des letzteren, so bescheiden sie ist, augen- 
scheinlich als Produkt der Erfahrungen davon gegenüber, daß bei weitem 
nicht alle Subjekte das nämliche Objekt werthalten, so daß, wer von 
Werthaltungen Kenntnis nimmt, wohl daran tut, dabei nicht nur das 
Objekt, sondern auch das Subjekt in den Kreis seiner Beachtung ein- 
£ubeziehen.[32] So könnte das Urteil „0 hat Wert für mich« leicht erst 
im Gegensatz zu Urteilen wie „0 hat Wert für den X oder Y« Zu- 
standekommen und sich auch wohl leicht als eine nahezu abundante 
Erweiterung des Urteils „0 hat Wert« schlechthin darstellen. Während 
aber so zunächst jeder „Wert« ohne Beisatz ein „Wert für mich" sein 
zu müssen scheint, so daß, wie wir eben gesehen haben, das Urteil 
„0 hat Wert* fast formalistisch die Werthaltung des vermittelt, ist 
durch den „Wert lür mich« nun unverkennbar der „Wert« schlechthin 
keineswegs gegeben, da der Wert für mich noch durchaus nicht der 
Wert für den X oder Y, kurz für den Alter sein muß. Um so beachtens- 
werter und namentlich für die Ethik wichtig ist die Tatsache, daß gleich- 
wohl in vielen Fällen das Urteil „0 hat Wert für den Alter« im Ego, 
das ist im Urteilenden eine Werthaltung vermittelt, daß hier der Alter 
also einigermaßen so funktioniert, als ob er der Ego wäre. Außer dem 
kommt auch hier kein Werthaltungsobjekt in Frage, so daß in der 
Tat auch diesmal nur von Vermittlung ohne Übertragung zu reden ist. 
Dennoch trägt sich etwas wie eine Übertragung zu, indem die Wert- 
haltung gleichsam vom Subjekte Alter auf das Subjekt Ego übergeht. 
Man könnte insofern der Objektübertragung, von der früher gehandelt 
worden ist, eine Subjektübertragung gegenüberstellen, oder wenigstens 
hier eine „uneigentliche« oder „Quasiübertragung« statuieren. [^S] 

Um in dieser Sache noch etwas klarer zu sehen, empfiehlt es 
sich, bereits an dieser Stelle vorübergehend vom Gedanken der emotio- 

8* 



116 



III. Weiteres zar Wertpsychologie. 



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nalen Präsentation Gebrauch zu machen, den ich bereits an anderem 
Orte* exponiert habe und auf den ich auch noch im Fortgange der 
gegenwärtigen Untersuchungen eingehend genug zurückkommen muß 
um hier auf eine nähere Darlegung verzichten zu können. Dagegen muß 
ich schon hier eine Gegensätzlichkeit begrifflich formulieren, die speziell 
das Erfassen mittels Partialpräsentation^ zum einen Gliede hat. Ich kann 
eine gewisse Farbe erfassen, indem ich sie empfinde : der Empfindungs- 
gegenstand ist mir hier durch Partialpräsentation gegeben. Ich kann 
die Farbe aber auch erfassen als dasjenige, was mein Empfindun^s- 
erlebnis wachruft: das Erlebnis funktioniert hier totalpräsentierend. Der 
erste Fall ist ein Tatbestand direkten, der zweite einer indirekten Er- 
fassens^, wobei beachtenswert bleibt, daß solch indirektes Erfassen an 
sich durchaus nicht auf ein Erlebnis als Beziehungspunkt angewiesen 
zu sein braucht. Um so mehr verdient der Fall, wo sich das indirekte 
Erfassen eines Erlebnisses bedient, das durch Partialpräsentation für 
das direkte Erfassen des betreffenden Gegenstandes aufzukommen im- 
stande wäre, begrifflich und terminologisch ausgezeichnet zu werden. 
Ich will ein solches Erfassen, bei dem man hinter das sich als nächst- 
liegender Präsentant (genauer Partial Präsentant) zur Verfügung stellende 
Erlebnis auf dessen Voraussetzung (in der Regel wohl dessen Ursache) 
gleichsam zurückweicht, als „rezessive" Betrachtungsweise bezeichnen 
und ihr im Bedarfsfalle die direkte auch als „irrezessive" gegenüber- 
stellen. Erfasse ich, um auf mein altes Paradigma zurückzukommen, 
das „schön" in „der Himmel ist schön" analog wie normaler Weise 
„blau" in „der Himmel ist blau", so liegt irrezessive Betrachtungsweise 
vor; rezessive dagegen, wenn ich den Sinn des Wortes „schön" erfasse 
etwa als die Eignung, in mir das Gefühl des Wohlgefallens zu erregen. 
Daß auch das Wertprädikat in „0 hat Wert" in analoger Weise rezessiv 
oder irrezessiv erfaßt werden kann, ist ohne weiteres einleuchtend. 
Dies vorausgesetzt, versteht sich natürlich, daß beim rezessiven 
Erfassen die ausdrückliche Einbeziehung des erfassenden Subjektes ganz 
anders nahegelegt ist, als beim irrezessiven. Erfasse ich irrezessiv „0 
hat Wert" und glaube ich daran, dann ist das hierdurch vermittelte 
Werthalten des seitens des urteilenden Subjektes nahezu selbstver- 
ständlich. Erfasse ich dagegen den Wert des rezessiv, so macht sich 
eine Unbestimmtheit hinsichtlich des erfassenden Subjektes sofort als 
Mangel fühlbar, und nur, wenn ich selbst als Träger des Werthaltungs- 
erlebnisses fungiere, ist der Übergang zur vermittelten Werthaltung des 
ebenso selbstverständlich wie beim irrezessiven Erfassen. Ich kann 
aber auch betrachten als etwas, das nicht in mir, sondern in diesem 
oder jenem anderen ein Wertgefühl wachruft. Ist dann in gleicher 
Weise selbstverständlich oder wenigstens erweislich, daß auch 
von mir wertgehalten wird oder doch vernünftigerweise wertgehalten 
werden sollte? 



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1 In „Über emotionale Präsentation", S. 26 ff. 

2 Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 27 fP. 

3 Über diesen Gegensatz vgl. „Über Annahmen", 2. AufL, S. 284. 



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§ 4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungen. 



117 



Daß eine solche Werthaltung seitens des Ego allemal tatsächlich 
vorkäme, widerspricht allzusehr der direkten Erfahrung, als daß man 
sich dabei aufzuhalten brauchte. Auf eine im Sinne der Vernünftigkeit 
anzusprechende objektive Berechtigung wäre dagegen sehr wohl Bedacht 
zu nehmen, wenn die Werthaltung des Alter als auf unpersönlichen 
Wert^ gegründet angesehen werden dürfte. Was unpersönlichen Wert 
hat, hat eben zugleich persönlichen Wert für jedes beliebige Subjekt. 
Aber, zunächst äußerlich besehen, ist die Quasi-Übertragung bei Wert- 
haltungen, die uns jetzt beschäftigt, tatsächlich sicher nicht an die der 
theoretischen Sicherung noch so sehr bedürftige Unpersönlichkeit der 
Werte geknüpft und ist es auch wohl nicht einmal ethisch^. Aber das 
Verhältnis der Quasiübertragung wäre dadurch auch innerlich nicht 
richtig gekennzeichnet. Was der Alter werthält, hält der Ego nicht 
deshalb wert, weil der Alter mit seiner Werthaltung recht hat, sondern 
weil der Umstand, daß er das werthält, dem Ego das wert macht, 
ganz ohne Rücksicht auf das für den Alter etwa maßgebende Warum! 
So stellt sich diese Quasiübertragung als ein Tatbestand dar, der keines- 
wegs allemal eintritt, vielmehr einer besonderen Disposition im Subjekte 
zu bedürfen scheint, die auch fehlen kann^ und ein wesentliches Moment 
in der ethischen Schätzung einer Persönlichkeit ausmacht. 

Wenn ich aber gemeint habe, diese Quasiübertragung oben auch 
als Subjektübertragung der Objektübertragung entgegensetzen zu dürfen, 
so muß nun noch ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß diese 
Entgegensetzung doch nur in ziemlich äußerlichem Sinne zutrifft. Von 
außen besehen ist es ja ohne Zweifel richtig, daß das für den Ego 
Werthaltungsobjekt wird erst gleichsam durch den Alter hindurch, so 
daß dieser füglich als näheres Wertsubjekt bezeichnet werden kann 
gegenüber dem Ego als dem entfernteren Wertsubjekt. Genauere 
Betrachtung aber darf keinesfalls verkennen, daß der ganze Vorgang 
sich auch hier auf dem Objektgebiete abspielt und da nicht wohl als 
Übertragung charakterisiert werden kann. Der Ego hält nämlich das 
wert, weil es die Eigenschaft hat, Werthaltungsobjekt für den Alter zu 
sein. Das ist eine genau ebenso objektive Bestimmung als etwa die, 
Ursache des P zu sein. Während aber zur eigentlichen Wertübertragung 
von P auf noch erforderlich ist, daß P seinerseits wertgehalten wird, 
kann man in unserem gegenwärtigen Falle nicht sagen, vom Ego 
werde die Tatsache wertgehalten, daß der Alter das werthält und 
deshalb halte nun auch der Ego das wert. Dem Schema „0 steht 
in Relation zu P, P wird wertgehalten" könnte man immerhin unseren 
Fall zu akkomodieren versuchen etwa in der Form: „0 steht in der 
Relation R (diese wäre diesmal Identität) zu 0, wird (vom Alter) wert- 
gehalten". Aber was im Alter vorgeht, kann unter den hier vorliegenden 

^ Vgl. „Über emotionale Präsentation", § 13, auch unten IV, § 7. 

2 Vgl. „Ethische Bausteine" [eine unvollendet nachgelassene Arbeit]. 

3 Vgl. A. Oelzelt-Newin, „Über sittliche Dispositionen", Graz 1892, 
S. 47 f., auch B. Groethuy sen, „Das Mitgefühl", Zeitschr. f. Psycjiol., Bd. XXXIV, 
1904, S. 183, 253. 






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118 



III. Weiteres zur Wertpsychologie, 







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Umständen den Ego nur betreffen, sofern der Ego davon Kenntnis 
nimmt, also soweit der Alter und sein Verhalten zum Erfassungsobjekt 
für den Ego wird. Da sich das Werterlebnis des Alter natürlich nicht 
im Ego zuträgt, liegt eben eine Übertragung im strengen Wortsinne 
auch hier nicht vor: genau genommen hat man es also wieder mit 
Vermittlung ohne Übertragung zu tun, wenn sich auch diese Vermitt- 
lung in ganz eigentümlichen und namentlich für die Ethik hoch- 
bedeutsamen Formen vollzieht. 

Ohne Zweifel stehen unter allen Umständen derlei Quasiüber- 
tragungen den eigentlichen Übertragungen insofern charakteristisch näher, 
als die übrigen oben betrachteten Vermittlungen, daß bei ihnen, wie 
bei den eigentlichen Übertragungen, jedesmal zwei Wert-, respektive 
Werthaltungstatbestände vorliegen, deren einer als Primär-, der andere 
als Sekundärwert, respektive -werthaltung bezeichnet zu werden ver- 
dient. Dort handelt es sich um eine Angelegenheit des näheren, hier 
um eine des entfernteren Subjektes bei demselben Objekte, indes 
bei den eigentlichen Übertragungen Stamm- und Übertragungswert, 
beziehungsweise Sache des näheren und des entfernteren Objektes bei 
identischem Subjekte ist. Volle Analogie zwischen eigentlichen und 
Quasiübertragungen ist hier insofern vorausgesetzt, als als Ausgangs- 
punkt der Übertragungen auch bei den Quasiübertragungen nur Wert- 
erlebnisse in Betracht gezogen sind. Die Begründung dafür fällt mit 
der bei den eigentlichen Übertragungen ^ zusammen: man wird mit einem 
Leid kaum erhebliches Mitleid ftihlen, das dem Leidenden selbst 
unerheblich erscheint. Wenn man aber dem Helden oder Märtyrer nicht 
weniger, sondern mehr Anteil zuwendet als dem Weichling, so könnte 
dabei doch bereits das Berechtigungsraoment eine Rolle spielen, auf die 
hier noch nicht einzugehen ist. Immerhin bleibt aber hier wohl noch 
mehr als bei der analogen Behandlung der eigentlichen Übertragung eine 
theoretische Unfertigkeit zurück, der eine eingehendere Untersuchung 
abzuhelfen haben wird. 

Dagegen kann schon heute auf eine eigentümliche Unvollkommen- 
heit der hier durchgeführten Betrachtungsweise hingewiesen werden, 
eine UnvoUkommenheit, die allem Anschein nach sich nicht beseitigen 
läßt, solange die Sekundärwerthaltungen nach Analogie der Wertüber- 
tragungen, also jedenfalls als vermittelte Werthaltungen behandelt 
werden. Dient nämlich der Charakteristik der Sachlage die Wendung: 
„E hält das wert, weil A es werthält", so zeigt sich das hier 
unvermeidliche „weil" streng genommen als zu unbestimmt, um den 
Tatbestand der Sekundärwerthaltung allemal sicherzustellen. Es trägt 
sich ja keineswegs selten zu, daß einer an einem Objekte, das ihm 
lange gleichgültig war, erst Interesse zu nehmen beginnt, sobald ein 
anderer es schätzt: jener hält auch hier wert, weil dieser werthält 
und das wertgehaltene Objekt ist das nämliche; dennoch fehlt das 
Eigentümliche dessen, was den Sekundärwerthaltungen, wie sie uns im 

1 Vgl. oben S. 106. 



§5. Pathogene Werthaltrmgen. Unvermittelte Werthai tungen. 119 

«bigen entgegengetreten sind, charakteristisch zukommt. Die Identität 
dessen, was jeder von beiden werthält, bewährt sich freilich einer 
genaueren Erwägung gerade bei besonders auffallend erscheinenden 
Fällen nicht. So zum Beispiel, wenn beide ein Objekt begehren, wo 
der so entstehende Konflikt die Identität des Objektes in besonders 
grellem Lichte zu zeigen scheint. Näher besehen ist, was hier begehrt 
wird und so zum Konflikte führt, nicht das schlechtweg, sondern der 
Besitz des 0, der dann natürlich für jedes der beiden Subjekte ein 
anders determinierter Besitz und sonach jedesmal ein anderer Gegen- 
stand des Begehrens, respektive Werthaltens ist. Es gibt indes auch 
Fälle zweifelloser Identität. Tritt in einer parlamentarischen Beratung 
irgend jemand für eine gewisse öffentliche Einrichtung ein, so mag es 
leicht geschehen, daß mancher andere Teilnehmer an der Beratung erst 
daraufhin die Institution für wertvoll erkennt und sie ebenfalls zu 
realisieren bemüht ist. Es ist ohne Zweifel dieselbe Institution ; daß es 
sich hier aber gleichwohl um keine Sekundärwerthaltuug seitens des 
Mitstimmenden handelt, erkennt man am unmittelbarsten daraus, daß 
<lerlei Sekundärwerthaltungen, namentlich wenn sie mit Begehrungen 
zusammen auftreten, den Tatbestand ausmachen, für den der Name 
^Altruismus" in Gebrauch ist^ Altruistisch kann nun das Eintreten für 
«ine öffentliche Institution ganz wohl sein, aber einer verhält sich nicht 
schon darum altruistisch, weil er so stimmt, wie es der andere beantragt 
hat. Man ersieht aus solchen Beispielen, daß zur Kennzeichnung der 
Sekundärwerthaltuug der Umstand noch nicht ausreicht, daß eine auf 
dasselbe Objekt gerichtete Werthaltung die Veranlassung oder den 
Beweggrund dazu abgibt. Ein ausreichend differenzierendes Moment 
unter dem Gesichtspunkte des „weil- beizubringen, finde ich mich, 
zurzeit wenigstens, außerstande, indes die Charakteristik der Sachlage 
mühelos gelingt, wenn man die bereits in früherem Zusammenhange^ 
vorgenommene Reduktion der vermittelten auf unvermittelte Wert- 
haltungen vollzieht, die darin besteht, daß man den Nebenvoraussetzungen 
die Kernbestimmungen unmittelbarer Werthaltungen entnimmt. Sekundär- 
werthaltungen zeigen sich dann ganz wesentlich auf Objekte gerichtet, 
die, wie immer sie sonst beschaffen sein mögen, die Kernbestimmung 
aufweisen, Werthaltungsobjekte für den Alter zu sein. Mir ist kein Fall 
bekannt, wo diese Beschreibung nicht genügte, und trifft dies zu, dann 
könnte wohl vermutet werden, daß im Herausstellen der Kernbestimmung 
das Wesen der Sekundärwerthaltung direkter getroffen ist als durch 
den Hinweis auf eine Nebenvoraussetzung. 

§ 5. Pathogene Werthaltungen. üiiTermittelte Werthaltungen. 

Durften wir oben das Wesen der Werthaltungsvermittlung in dem 
Umstände erblicken, daß sich zwischen das für jede Werthaltung kon- 
stitutive Denkerlebnis, die Hauptvoraussetzung einerseits und die Wert- 



1 Vgl. „Eth. Bausteine". 

2 Vgl. oben S. 105. 



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120 



m. Weiteres zur Wertpsychologie. 



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14 4 



haltung andererseits noch ein zum Zustandekommen des Werterlebnisses 
unerläßliches weiteres Voraussetzungserlebnis einschiebt, zur Haupt- 
voraussetzung also eine Nebenvoraussetzung hinzutritt, so muß nun noch 
konstatiert werden, daß diese Nebenvoraussetzung nicht nur in der 
Gestalt des Urteils „0 hat Wert« auftreten kann. Es war im voran- 
gehenden wiederholt von der Werthaltung des warmen Ofens die Rede, 
die auf die lustvolle Temperaturempfindung gegründet ist, die er im' 
Winter erweckt. Hier tritt als Nebenvoraussetzung, wenn man sich mit 
einigermaßen schematischer Andeutung zufrieden gibt, das Urteil auf: 
,0 erweckt Lust". Die Lust kann dabei zur Zeit des Werthaltens ganz 
wohl aktuell vorhanden sein und der Werthaltung sogar besondere Leb- 
haftigkeit verleihen, aber auf das intellektuelle Erfassen der Lust wird 
wohl in keinem Falle zu verzichten sein, wo neben der Lust noch von 
emem Wertgefühl soll geredet werden dürfen ;i man hat es hier also 
durchaus mit einem Seitenstück zu dem Urteile „O hat Wert" zu tun. 
Die Lust oder natürlich auch Unlust, auf die solch ein Nebenurteil sich 
bezieht, braucht, wie kaum bemerkt zu werden erforderlich ist, nicht 
etwa eine sinnliche zu sein. Der Wert, den man einem Kunstwerke 
beimißt, geht in ganz natürlicher Weise auf das Gefühl des Gefallens 
zurück, das das Kunstwerk erregt, wobei man nur, obwohl es oft genug 
geschieht, das so zustandekommende Wertgefühl nicht selbst für das 
ästhetische Gefühl nehmen darf und ebenso wenig umgekehrt. In gleicher 
Weise pflegt man ein Buch um des Interesses willen wertzuhalten, das 
sem Inhalt wachruft, indes der vierte Analogiefall, vermöge dessen an 
Stelle des sinnlichen, ästhetischen oder Wissensgefühles nun auch ein 
Wertgefühl treten kann (so daß das Nebenurteil etwa die Form erhält : 
„O wird wertgehalten", oder „kann wertgehalten werden" oder der- 
gleichen), wieder auf die im vorigen Paragraphen betrachteten Fälle von 
Werthaltungsvermittlung zurückführt oder wohl auch die Werthaltung, 
die analogerweise vermöge dieser Nebenvoraussetzung zu resultieren 
hatte, bereits vorwegnimmt. Auf alle Fälle ist also keine der Gefühls- 
klassen aus dem Bereiche dessen auszuschließen, was an Gefühlen 
intellektuell herangezogen werden kann, um zu einer Nebenvoraus- 
setzung für Werthaltungen zu führen. Von Übertragung kann aber natür- 
lich auch bei solchen Vermittlungen nicht die Rede sein, wenn wir nach 
wie vor den Ausdruck , Übertragung" dem Übergang von einem Wert- 
tatbestand auf einen anderen vorbehalten. 

Dagegen ist in den hier maßgebenden Nebenvoraussetzungen ebenso- 
wemg wie bei den für die Werthaltungsübertragung maßgebenden das 
emotionale Gebiet hinsichtlich dessen, worüber da geurteilt wird, ver- 
lassen. Das verdient zunächst Beachtung mit Rücksicht auf Vermittlungen, 
bei denen die Nebenvoraussetzung in das emotionale Gebiet nicht mehr 
hereinreicht, indem da normaler Weise überhaupt nicht von Erlebnissen 
sondern von Momenten am wertzuhaltenden Objekte selbst die Rede ist! 
Ich lege auf mein Taschenmesser Wert, weü es scharf ist, oder allgemein: 



1 Vgl. A. Messer, „Psychologie", Stuttgart n. Berlin 1914, S. 308. 



§ 5. Pathogene Werthaltungen. Unvermittelte Werthaltungen. 12 1 

ich lege auf das Objekt 0' Wert, weil es ein gewisses Moment 0" an 
sich hat. Das kann natürlich leicht ein Fall der bereits behandelten 
Werthaltungsübertragung sein, falls damit nicht von vornherein nur 
gemeint ist, daß 0' eine Hüllenbestimmung, 0" dagegen eine Kern- 
bestimmung darstellt. Sehe ich aber recht, so gibt es doch auch noch 
den dritten Fall, daß 0' wirklich das Objekt der resultierenden Wert- 
haltung ausmacht, diese aber doch nicht auf eine besondere Werthaltung 
des 0" und auf die Erkenntnis dieser Werthaltung als Voraussetzung 
gegründet ist. Immerhin verrät die Umständlichkeit und Unsicherheit der 
Darlegung, daß man es hier offenbar mit der am wenigsten wichtigen 
Klasse von Werthaltungsvermittlungen zu tun hat. Dagegen hat man, 
wie sich sogleich zeigen wird, sehr guten Grund, die Vermittlungen, 
bei deren Nebenvoraussetzungen es in der angegebenen Weise emotional 
zugeht, in ihrer Eigenartigkeit festzuhalten. Ich versuche dies durch 
besondere Benennung zu tun, indem ich Vermittlungen dieser Art als 
pathogene Werthaltungsvermittlungen den sich rein intellektuell charak- 
terisierenden als apathogenen Werthaltungen gegenüberstelle. 

Was nun nämlich dem Pathogenen seine Wichtigkeit verleiht, das 
ist sein Gegensatz zum Apathogenen nicht innerhalb, sondern außerhalb 
des Gebietes der Werthaltungsvermittlung. Hier ist nämlich der Ort, 
nochmals besonders nachdrücklich darauf hinzuweisen, daß uns bereit» 
an verschiedenen Stellen der vorangegangenen Untersuchungen, ins- 
besondere auch bei der Erwägung des Gedankens der doppelten Stellung- 
nahme* Werthaltungen begegnet sind, die außer der Gegenstaudsvoraus- 
setzung nichts mehr aufweisen, was auf die Funktion einer Voraussetzung 
Anspruch erheben könnte, so daß man da eben nur von unvermittelten 
Werthaltungen reden darf. Die Unvermitteltheit besteht natürlich auch 
durchaus zu Recht, wenn die betreffende Werthaltung durch Ableitung^ 
aus ursprünglich vermittelten Werthaltungen hervorgegangen sein sollte ; 
ihre Entstehungsgeschichte kann ja an der Tatsache nichts ändern, daß 
gegenwärtig zwischen Gegenstandsvoraussetzung und Werthaltung nichts 
Vermittelndes inmitten liegt. Unvermittelte Werthaltungen: wie immer 
sie sonst beschaffen sein mögen, treten dann mit den bloß intellektuell 
vermittelten zwanglos unter den Gesichtspunkt der apathogenen Wert- 
haltungen zusammen, solcher Werthaltungeu also, denen als emotional 
letzten Tatbeständen eine sehr markante Stellung zukommt. Ganz deutlich 
ist dabei der Ausdruck „apathogen" leider nicht, indem er geradezu 
auf die „Genesis" hinzuweisen scheinen könnte, so daß dann abgeleitete 
Werthaltungeu, da sie eben aus anderen Werthaltungen herrühren, gerade 
als „pathogen" bezeichnet werden müßten, was bei der Konzeption des 
Terminus nicht intentioniert ist. Will man indes in dieser Hinsicht 
besonders genau sein, so kann man etwa „essentiell Apathogenes" von 
„temporär Apathogenem" unterscheiden: essentiell apathogen können 
dann eben nur ursprüngliche Werthaltungen, die emotional unvermittelt 



1 Vgl. oben S. 74. 

2 Vgl. oben S. 101. 



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122 



III. Weiteres zur Wertpsychologie. 






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sind, heißen, indes abgeleitete eben höchstens zur in Betracht gezogenen 
Zeit für apathogen gelten dürften. 

Es dürfte sich empfehlen, die Mannigfaltigkeit der Werthaltungen, 
die sich aus den eben durchgeführten Untersuchungen ergeben hat, nun 
noch in ausdrücklicher Nebeneinanderstellung zu überblicken. Den geeig- 
neten Aus2:angspunkt ergibt Disjunktion der unvermittelten und der ver- 
mittelten Werthaltungen. Dann stellen sich die vermittelten Werthaltungen 
als entweder nur intellektuell oder auch als emotional vermittelt, anders 
ausgedrückt entweder als apathogen oder als pathogen vermittelt, die 
pathogen vermittelten entweder als atimologisch oder als timologisch 
vermittelt, die letzteren endlich als unübertragene oder als übertragene 
Werthaltungen dar. Die kontradiktorische Natur der betreffenden Zwei- 
teilungen gestattet dann natürlich auch die unvermittelten Werthaltungen 
zu den apathogenen sowie zu den unübertragenen Werthaltungen zu 
rechnen. 

Zugleich legt die so gewonnene Einteilung eine einfache Anwen- 
dung auf einen verwandten Tatbestand nahe. Chr. v. Ehren f eis, der 
in verdienstvoller Weise den Gesetzmäßigkeiten nachgegangen ist, denen 
^emäß sich unser Werthalten verändert, hat mit Recht seine besondere 
Aufmerksamkeit dem Umstände zugewendet, daß übertragene Wert- 
haliungen sich* in Eigen werthaltungen umwandeln und insofern als „ab- 
geleitete'* Werthaltungen in einen Gegensatz treten können gegenüber 
Eigenwerthaltungen, die eine solche Entstehungsweise nicht zeigen und 
vergleichsweise als , ursprüngliche* Werthaltungen bezeichnet werden 
dürfen. 1 Der Vorgang ist, vielleicht in Unbekanntschaft mit den in Rede 
stehenden Untersuchungen, in Abrede gestellt worden,^ aber soviel ich 
«ehe, angesichts der Tatsachen mit unzweifelhaftem Unrecht, so daß die 
Begriffe der ursprünglichen und abgeleiteten Werthaltung, außerdem die 
sorgfältige Auseinanderhaltung von Werthaltungsableitung und Wert- 
haltungsübertragung^ zu den bleibend wertvollen Errungenschaften moder- 
ner Werttheorie gezählt zu werden verdienen. Nun scheint aber ohne 
weiteres klar, daß, was ich eben als Werthaltungsableitung bezeichnet 
habe, sich unter günstigen Umständen nicht nur an übertragenen, sondern 
auch an anderweitig vermittelten Werthaltungen einstellt und diese in 
«nvermittelte Werthaltungen verwandelt. Klar ist überdies, daß solche 
Ableitung nicht auf die eine oder andere der uns bekanntgewordenen 
Gestalten der Werthaltungsvermittlung beschränkt ist. Insofern sind dann 
auch die an den Vermittlungen bewährten Differentiationen auf die Ab- 
leitungen zu übertragen. Wir gelangen so zu Seitenstücken gegenüber 
den oben aufgezählten Disjunktionsgliedern, indem wir etwa konstatieren: 
Werthaltungen sind entweder ursprünglich oder abgeleitet, die abgeleiteten 
sind entweder apathogen oder pathogen abgeleitet, die pathogenen sind 
atimologisch oder timologisch abgeleitet; im Falle timologischer Ableitung 
endlich steh en den unübertragen abgeleiteten die übertragen abgeleiteten 

9 Z^^' m^^' ^' ^^renfels, „System der Werttheorie", Bd. I, S. 136f. 
o X®? ^^- Lipps, „Die ethischen Grundfragen", 2. oder 3. Aufl., S. 82. 
3 Vgl. auch oben S. 108. 






IV. Der Wertgedanke. § 1. Aktual- und Potentialwertbegriff. 123 

Werthaltungen gegenüber. Es ist zu vermuten, daß ein Bedürfnis, sich 
sämtlicher der hier gebildeten technischen Ausdrücke zu bedienen, sich 
nicht leicht geltend machen wird ; dem klaren Einblick in die sich doch 
erst, wie sich gezeigt hat, etwas sorgfältigerer Analyse erschließende 
Sachlage möchje es jedoch dienlich sein, die Ausdrücke mindestens zur 
Verfügung zu haben.f^^j , 



lY. Der Wertgedankc. 

§ !• Aktual- und Potentialwertbegriff, 

Die Beschreibung der Werterlebnisse, insbesondere der Wertgefühle, 
dürfte im vorangehenden weit genug geführt sein, um nun direkt die 
Beantwortung der Frage zu versuchen, in welcher Weise denn die Wert- 
erlebnisse der Präzisierung des Wertgedankens nutzbar gemacht werden 
können. Auch hierzu kann der Weg nur durch vorhergehende Erwägung 
einiger auszuschaltenden Eventualiräten gebahnt werden. 

Am einfachsten wäre es wohl, wenn man im Werte direkt ein 
gewisses Werterlebnis oder etwa die Gesamtheit der Werterlebnisse 
sehen könnte, die sich an ein Objekt knüpfen. Es ist indes zu ein- 
leuchtend, wie mit „Wert" jederzeit etwas gauz anderes gemeint wird, 
als daß sich jemand bei einem derartigen Bestimmungsversuch wird 
aufhalten wollen. Nicht ganz ebenso ist es schon mit einer anderen 
Position bewandt, die sich sonst auch noch durch ihre Einfachheit und 
Durchsichtigkeit sehr empfehlen möchte. Könnte man nicht sagen, der 
Wert eines Objektes bestehe darin, daß es das Objekt irgend eines 
Welterlebnisses, zum Beispiel einer Werthaltung ausmacht, in welch 
speziellem Falle man dann etwa kurzweg erklären dürfte, der Wert des 
Objektes bestehe im Wertgehaltenwerdeu ? Da auch hier das Auftreten 
eines Wertes mit dem aktuellen Auftreten eines Werterlebnisses untrenn- 
bar verbunden sein müßte, könnte man den so gebildeten Wertbegriff 
ganz wohl den Aktualwertbegriff nennen. Auch bei ihm wird man ziem- 
lich unmittelbar verspüren, wie wenig er billigen Anforderungen genüge- 
leistet; es ist aber überdies nicht schwer, ganz ausdrücklich auf Gegen- 
gründe hinzuweisen. 

Vor allem dürfte es unter Voraussetzung dieser Bestimmung nie- 
mals vorkommen, daß ein Werterlebnis sich einem Objekte zuwendet, 
dem nähere Überlegung den Wert absprechen muß. Zwar mag das 
Kapitel von den Wertirrtümern gar manche Dunkelheiten aufweisen, 
vielleicht sogar, was noch zu berühren sein wird, den Gedanken des 
persönlichen Wertes mit belangreicher UnvoUkommenheit behaftet zeigen. 
Soll aber der Gedanke einer wie immer gearteten Irrigkeit beim per- 
sönlichen Werte nicht a limine ausgeschlossen sein, so Jjann der Wert 
eines Objektes nicht schon dadurch ausgemacht werden, daß ein Wert- 
erlebnis sich diesem Objekte zuwendet. 

Und so wenig ein Werterlebnis ohne Wert vorkommen könnte, 
so wenig umgekehrt ein Wert ohne Werterlebnis. Ich hatte aber bereits 



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IV. Der Wertgedanke. 



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an anderem Orte^ darauf hinzuweisen, wie häufig dies tatsächlich der 
Fall ist. Viele Dioge haben Wert für mich, an die ich zur Zeit gar 
nicht denke, viele auch, an die ich vielleicht denke, bei denen ich aber 
gerade um die Eigenschaft derselben nicht weiß, die ihren Wert für 
mich begründet. Sehr wohl können ferner Mängel in der intellektuellen 
und eventuell auch in der emotionalen Veranlagung ein Subjekt an der 
Wertstellungnahme gegenüber einem Objekte hindern, das gleichwohl 
Wertobjekt für das Subjekt bleibt. 

Daß überdies bei solcher Auffassung der W^rt in betreff seiner 
Beständigkeit oder Vergänglichkeit ganz ebenso der Beständigkeit, 
respektive Vergänglichkeit der Werterlebnisse folgen müßte, als wenn 
er mit den Erlebnissen kurzweg identisch wäre, versteht sich. Immer- 
hin wird auch rasche Vergänglichkeit dem Wesen des Wertes nicht 
kurzweg entgegen sein, vielmehr mit der Vergänglichkeit der den 
Wert begründenden Momente eventuell ganz wohl im Einklang stehen 
können. Andererseits aber wird etwas wie eine Tendenz zur Konstanz 
dem Werte kaum abzusprechen sein^, die dem fließenden Charakter 
unserer inneren Erlebnisse im allgemeinen ganz und gar nicht gemäß 
ist. Eine weitere Schwierigkeit könnte darin zu liegen scheinen, daß 
vermöge der Mehrheit der Werterlebnisse demselben Objekt entweder 
gleichzeitig oder doch innerhalb recht enger Zeitgrenzen nicht nur ein 
einziger sehr vergänglicher Wert, sondern solcher Werte mehrere zu- 
kommen müßten. Näher besehen, ist hieran nun freilich beim persön- 
lichen Werte nur mit Unrecht Anstoß zu nehmen, da bei diesem mit 
der Eventualität mehr als eines Wertsubjektes und daher auch mehr als 
eines Wertes an einem und demselben Objekt durchaus gerechnet werden 
muß. Aber auch so wird man nach Obigem über die Unhaltbarkeit der 
in Erwägung stehenden Wertkonzeption außer jedem Zweifel sein. 
Nun scheint aber diese Konzeption leicht genug eine Korrektur 
dahin erfahren zu können, daß man an die Stelle der wirklichen die 
möglichen Werterlebnisse setzt und so vom Aktual wertbegriff zu etwas 
übergeht, was man ganz wohl den Potentialwertbegriff nennen kann. 
Wert käme dann einem Objekte zu, sofern es das Objekt möglicher 
Werterlebnisse ausmacht. Ein Wert in diesem Sinne braucht an der 
Vergänglichkeit der wirklichen Werterlebnisse nicht zu partizipieren und 
die am Subjekt sozusagen zufällig auftretenden Defekte und Anomalien 
werden, wo es nur auf die Möglichkeiten ankommt, nichts verschlagen; 
von der hier immer noch bestehenden Schwierigkeit hinsichtlich irriger 
Werterlebnisse aber mag abzusehen sein, falls auch sonst keine Deutung 
des Gedankens persönlichen Wertes davon frei zu machen ist, so daß 
hierauf besser erst zurückzugreifen sein wird, wo es nicht mehr auf 
die Beschreibung, sondern auf die Legitimierung dieses Gedankens an- 
zukommen hat. 



§ 1. Aktual- und Potentialwertbegriff. 



125 



^ „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", S. 24 f. 
Dies die gesunde Grundlage der sonst, soviel ich sehe, doch recht an- 
greifbaren Konzeptionen F. Kruegers in „Der Begriff des absolut Wertvollen 
als Orrondbegnff der Moralphilosophie", Leipzig lb98 



Um so nachdrücklicher dürfte dagegen ein anderer Umstand gegen 
den in Rede stehenden Bestimmungsversuch Zeugnis ablegen. Den 
Gedanken, Wert habe ein Objekt, sofern es Objekt eines aktueUen 
Werterlebnisses ist, haben wir aufgeben müssen, weil dadurch jede 
Konstanz an Werten in Frage gestellt wäre. Umgekehrt wird die 
Berufung auf die bloß möglichen Werterlebnisse für unzureichend zu 
gelten haben, sofern dadurch jede Vergänglichkeit bei Werten aus- 
geschlossen ist. Denn Möglichkeit, mag sie apriorisch oder empirisch 
erkennbar sein, hängt nur an der Beschaffenheit ihres Trägers», nicht 
aber an einer Zeit, in der sie entstehen oder vergehen könnte. Dagegen 
zeigt sich der Wert durch die Zeit keineswegs unberiihrt; insbesondere 
scheint er vergehen zu müssen, sobald das Wertsubjekt zu existieren 
aufhört. Von Geräten etwa, die einem ausgestorbenen Kult dienten, sagt 
man unbedenklich, sie hätten keinen Wert mehr. Auch jeder einzelne 
umgibt sich im Laufe seines Lebens mit vielerlei Dingen, die so sehr 
seinen besonderen Bedürfnissen angepaßt sind, daß mit seinem Leben 
auch ihr Wert eriischt. Soweit es sich aber um die bloße Möglichkeit 
handelt, für Werteriebnisse ein Objekt abzugeben, ist diese dadurch, 
daß die betreffenden Dinge solche Objekte tatsächlich ausgemacht haben,* 
aufs beste gewährleistet; sie wird durch jenes Eriöschen nicht mit- 
betroffen und es kann keine Zeit geben, in der diese Möglichkeit, so- 
weit dabei nur das Objekt nach seiner Beschaffenheit in Betracht 
kommt, nicht zu Recht bestünde. Auch der Wert müßte dauern, wenn 
er durch nichts als durch diese Möglichkeit konstituiert würde. 

Aber ist, die Frage kann hier nicht unaufgeworfen bleiben, die 
Vergänglichkeit an den Werten wirklich ein stringentes Argument gegen 
den Potential wertbegriff? Daß der Wert mit dem Wertsubjekt vergeht, 
das deutet, so könnte man sagen, nur darauf hin, daß ein Wert ohne 
Wertsubjekt eben unmöglich ist. Existiert das Wertsubjekt nicht, dann 
fehlt dem Objekt auch die Möglichkeit, wertgehalten oder sonst zum 
Objekt eines Werteriebnisses dieses Subjektes gemacht zu werden: Wert 
und Möglichkeit gehen also auch für den Fall des Nichtseins ganz im 
Sinne des Potential wertbegriffes Hand in Hand. Inzwischen begeht, wer 
so denkt, einen Irrtum, zu dessen Aufdeckung ein etwas genaueres Achten 
auf das Wesen der Möglichkeit unentbehriich, aber auch ausreichend 
ist. Es kommt dabei darauf an, eine Bedingung tatsächlicher Existenz 
nicht für eine Bedingung der Möglichkeit zu halten, eine Forderung, 
die zunächst an einem indifferenten Beispiel leicht klar zu machen ist. 
Von einer Pendeluhr darf man mit Recht sagen, daß sie unmög- 
lich gehen könne, falls ihr das treibende Gewicht fehlt; man schließt 
daraus in natüriichster Weise, daß das Vorhandensein des Gewichtes eine 
Bedingung für das Gehen der Uhr, genauer also für deren wirkliches 
Gehen ausmacht. Nun scheint man zunächst ebenso gut auch sagen zu 
können: weil ohne Gewicht das Gehen unmöglich ist, deshalb ist das 

„ A w iF^®; ?®i^ ?.^^P^ ^®^ Trägers einer Möglichkeit vgl. „Über Möglichkeit 
und Wahrscheinlichkeit", S. 218. 



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126 



IV. Der Wertgedsnke. 



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Vorhandensein des Gewichtes auch Bedingung der Möglichkeit des 
Gehens. Für die Praxis wird damit in der Tat kein nennenswerter 
Fehler begangen sein ; die Theorie der Möglichkeit jedoch kann nicht 
zugeben, daß ein Gegenstand durch Determination eine Möglichkeit 
gewinne, die ihm ohne diese Determination fehlt. Ist der Gegenstand „Uhr 
mit Gewicht" Träger einer Möglichkeit, dann kann der Gegenstand 
alJhr" ohne diese Determination nicht wohl derselben Möglichkeit ent- 
raten. Man wendet vielleicht ein : daß die Uhr ohne Gewicht nicht gehen 
könne, stehe doch außer Zweifel; damit* sei die eben in Anspruch 
genommene Gleichgültigkeit der Möglichkeit gegenüber dem Übergang 
vom vollständigeren zum unvollständigeren Gegenstande widerlegt. Aber 
in Wahrheit ist, „ohne Gewicht zu sein* nicht der Mangel an einer 
Bestimmung, sondern selbst eine, wenn auch eine negative Bestimmung. 
Man hat es also streng genommen mit dreierlei (unvollständigen) Gegen- 
ständen zu tun, den Gegenständen „Uhr", „Uhr mit Gewicht* und „Uhr 
ohne Gewicht". Dem letzten dieser Gegenstände fehlt die Möglichkeit, 
zu gehen; der „Uhr mit Gewicht" kommt sie allerdings zu; aber dem 
Gegenstand „Uhr* kurzweg, obwohl oder eigentlich, weil er unvoll- 
ständiger ist als die beiden anderen, kommt diese Möglichkeit ebenfalls 
zu, zunächst sofern vom Träger der Möglichkeit die Rede ist. Wird 
dann vom Träger zu einer konkreten Uhr als Repräsentanten^ der Möglich- 
keit übergegangen, so ist natürlich auch ihr „als Uhr" in derselben Weise 
eine „angewandte Möglichkeit*^ zuzusprechen. In keinem Falle ist also 
das Vorhandensein des Gewichtes Bedingung dafür, daß dem Gegenstande 
„Uhr" ohne weitere Bestimmung die Möglichkeit, zu gehen, zukommt. 
Und in gleicher Weise ist auch die Möglichkeit eines Objektes, Gegen- 
stand eines Werterlebnisses zu sein, in keiner Weise von der Existenz 
eines Subjektes abhängig, eben darum aber durch diese Existenz auch 
nicht zeitlich beschränkt. 

Zeigt sieh nun aber ferner im Gegensatze zu solcher Möglichkeit 
der Wert, soweit er persönlicher Wert ist, oft in ganz unverkennbarer 
Weise an die Existenz eines Subjektes gebunden, so wird es nun 
besonders klar sein, daß hierzu der Potentialwertbegriff in seiner Rein- 
heit nicht ausreicht, daß er vielmehr durch Aufnahme aktueller Momente 
ergänzt werden muß, zunächst mindestens eines Momentes, in dem das 
Subjekt des im Hinblick auf dieses persönlich genannten Wertes zu 
seinem Rechte kommt, [^ß] In welcher Weise wird nun aber etwas 
derartiges in den zu bildenden Wertbegriff aufzunehmen sein? 

§ 2. Aktualisierung. Thetische und athetische Prädikationen. 

Die Antwort ist unschwer zu finden, wenn man eine Eigentümlich- 
keit mancher Prädikationen in Betracht zieht, auf die ich bereits in 
anderem Zusammenhange^ vorübergehend hingewiesen habe. Wird einem 

^ Über den Begriff des Repräsentanten einer Möglichkeit vgl. „Über Mög- 
Uchkeit nnd Wahrscheinlichkeit", S. 229. 
2 Vgl. a. a. 0., S. 225. 
8 Vgl „Über Möglichkeit nnd Wahrscheinlichkeit", S, 533 ff. 



§ 2. Aktnalisiemng. Thetische und athetische Prädikationen. 127 

Gegenstande A ein Prädikativ^ B zu-, respektive abgesprochen, so kann 
es fürs erste selbstverständlich scheinen, daß man es da ausschließlich 
mit Angelegenheiten des Soseins zu tun hat. Wirklich wird es damit 
nicht anders bewandt sein, wenn man zum Beispiel dem gleichseitigen 
Dreiecke die Gleichwinkligkeit nachsagt. Das scheint gat se b^^ v^^^^^ 

m1 ^. ^^'-^'l.?''^^"'^^ '^ integrierendes Bestandstück am 
Material des Soseinsobjektivs ausmacht. Um so auffallender ist die Tat- 

Sache, daß es nun doch auch Prädikationen gibt, bei denen dem Sein 

Zri ''..^''..^T^?f "''°" ^^°^ charakteristische Rolle zufällt! 
Handelt es sich namhch bei der Prädikation um eine Relation zwischen 

als^ If^^f'^^.^'l^^^^^ und einem.anderen Gegenstande, ist 

also das Prädikativ ein Relativum, dann kann das Sein jenes anderen 
Gegenstandes ganz wohl in den Sinn der Prädikation mit aufgenommen 

Gpr^-niL r/ ''' ^^ Kausalbehauptungen: von gewissen leisen 
Gerauschempfindungen konnte man während des Novembers 1916 in 

vif! '^f °' 1 1^ r'^"" ^"''^ Kanonenschüsse auf dem italienischen 
Kriegsschauplatze hervorgerufen worden. Dabei war, Wirkung zu sein 
gewiß zunächst Sache des Soseins; aber die Wirklichkeit der betreffenden 
Kanonenschusse gehört sicher integrierend zum Sinn einer solchen 
Behauptung. Noch näher steht es unseren gegenwärtigen Interessen, wenn 
man jemanden als Nachbar, als Zeitgenossen, als Vereinsmitglied, 
Amtsvorstand bezeichnet, ihm Macht, Einfluß zuschreibt und dergleichen 
Napoleon hatte auf St. Helena keine Macht, obwohl ihm, für sich allein 
betrachtet, Autorität daselbst sicher nicht weniger eigen war als vorher 
m Fans. Das laßt erkennen, wie im Gedanken der Macht nicht nur 
eme Eigenschaft des als mächtig Bezeichneten enthalten ist. sondern 
der Gedanke an die Existenz von Menschen mitspielt, an denen diese 
Macht zu rage tritt. Auch Zeitgenosse ist man nur, wenn zur nämlichen 
Zeit noch jemand anderer lebt; ebenso ist man Amtsvorstand nur, wenn 
auch em Amt da ist, dem man vorsteht, und so fort. Allgemein also : es gibt 
Pradikationen, die unbeschadet des darin zunächst zur Geltung kommenden 
Sosems doch auch ganz wesentlich ein Sein in sich schließen. Man 
konnte sie vielleicht thetische Prädikationen nennen und ihnen diejenigen 
bei denen em Dasein oder sonst ein Sein unbeteiligt ist, als athetische 
gegenüberstellen. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß unter den 
Gesichtspunkt des Athetischen nicht etwa bloß völlig daseinsfreie Auf- 
stellungen wie etwa die der Mathematik, sondern nicht minder Urteile 
emzdbeziehen sind, wo es sich zwar um daseiende Subjekte handelt, 
die Pradikation aber über Soseinsbestimmungen an diesem Daseienden 
nicüt auch noch zu einem anderen Existierenden hinausgeht. 

Das hier Ausgeführte auf den Wert anzuwenden, erscheint durch 
den Umstand nahegelegt, daß man es ja auch bei diesem, soweit er 
persönlicher Wert ist, mit etwas Relativem, nämlich zur Person des 
Wertsubjektes Relativem, zu tun hat. Aber ausgeschlossen ist am Ende 
auch eine th etische Prädikation nicht, die sozusagen jenseits der Rela- 

1 A. a. 0., S. 127. 



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IV. Der Wertgedanke. 



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tivitätsgrenzen stattfindet [^% Dies vorausgesetzt, kann man einfach 
sagen: der Fehler des Potentialwertbegriffes besteht augenscheinlich 
darin, daß er völlig athetischer Natur ist. Das obige Gegenargument 
von der mangelnden Vergänglichkeit verliert sofort seine Kraft, wenn 
etwa die Existenz eines Wertsubjektes in den Begriff des persönlichen 
Wertes einbezogen ist. Darin liegt ohne Zweifel etwas wie eine partielle 
Rückkehr zum Aktualwertbegriff; man könnte das eine Aktualisierung 
des Potentialbegriffes nennen und nun die Frage erheben, was alles 
in eine solche Aktualisierung einbezogen werden muß, um zu einem 
natürlichen Wertbegriffe zu führen. Zu diesem Ende 'muß vor allem 
ein Punkt ins Reine gebracht sein. Das, was eben Aktualisierung genannt 
worden ist, hat sich uns als ein Fortschreiten auf dem Wege von der 
Potentialität zur Aktualität dargestellt. Darf man aber sagen, daß von 
der Potentialität zur Aktualität, oder, einfacher ausgedrückt, von der 
Möglichkeit zur Tatsächlichkeit mehr als ein einziger Schritt getan werden 
muß oder kann, daß es also, von der Möglichkeit ausgehend, eine 
Annäherung an die Tatsächlichkeit gibt, die nicht auch schon das 
Erreichen dieser Tatsächlichkeit wäre ? Was an solcher Frage in erster 
Linie Beachtung verdient, ist dies, daß sie die Voraussetzung macht, 
Potential- und Aktualbegriff des Wertes unterschieden sich von einander 
nicht anders als Möglichkeit und Tatsächlichkeit. Das trifft, wie im 
Grunde schon aus den obigen Ausführungen über thetische Prädikation 
zu entnehmen war, in Wahrheit nicht zu ; Wertgehaltenwerden, um der 
Einfachheit halber hier nur das primäre Werterlebnis hervorzuheben, 
steht dem Wertgehaltenwerdenkönnen nicht bloß so gegenüber, wie das 
Objektiv „0 ist tatsächlich P" dem davon nur modal verschiedenen 
Objektiv „0 kann P sein*. Das Wertgehaltenwerdenkönnen ist aus- 
schließlich in der Beschaffenheit des betreffenden Objektes begründet: 
das Wertgehalten werden dagegen schließt jedenfalls auch eine Existenz 
an sich. 

Daß dies beim Wertgehalten werdenkönnen, oder allgemein beim 
Objektiv „0 ist möglicherweise P" keineswegs der Fall ist, darf für 
ohne weiteres selbstverständlich gelten. Daß aber auch das Objektiv 
„0 ist tatsächlich P" an sich durchaus nicht eine Existenz verlangt, 
um gültig zu sein, erkennt man, indem man etwa von dem Objektiv 
„das Viereck kann zwei Diagonalen haben" ^ zu dem Objektiv „das 
Viereck hat tatsächlich zwei Diagonalen" übergeht, wo mit „das Viereck" 
der unvollständige Gegenstand gemeint ist, dem als solchem Existenz 
nicht zukommen kann. Nun mag freilich, indem wir auf das Wert- 
gehaltenwerden die Anwendung machen, durchaus nicht selbstverständlich 
sein (und wird unten noch zur Sprache kommen), daß, was wertge- 
halten wird, auch existiert. Aber auch dann ist für den Anteil der 
Existenz immer noch gesorgt, sofern diese dem Werterlebnis nicht 
fehlen kann, wo vom tatsächlichen Wertgehaltenwerden mit Recht soll 

1 Daß es sich da naturgemäß nnr um Auchmöglichkeit (vgl. „Über Mög- 
lichkeit und Wahrscheinlichkeit", S. 100) handeln kann, tut natürlich nichts 
2ur Sache. 



§3. Die AktualitätsbedinguEgen. Seins- und Nichtseinswerte. 129 

geredet werden dürfen. So unterscheidet sich der Potential- vom Aktual- 
wertbegriff nicht nur durch die Verschiedenheit von MUrkeltund 
Tatsachlichkeit, sondern auch dadurch, daß jener prinzipiel dase nsS 
ist, dieser das Daseinsmoment einbezieht. Das Dasein aber, und wäre 
es auch nur das des Werterlebnisses, hat natürlich seine Bdingunlen 
als deren eme uns eben das Dasein des Subjektes entgegenfetrften 
ist Sind, wie im allgemeinen zu erwarten ist, solcher ^Stnln 
mehrere, so müssen sie alle erfüllt sein, wenn die im ACaKff 
in Anspruch genommene Sachlage gegeben sein soll: die ErfStheJ 
bloß eines Teiles dieser Bedingungen aber ist eine Annäheruni an 
diese Sachlage, und das Hinzutreten erfüllter Bedingungen kanf im 
Vergleich mit dem Tatbestande ihrer Unerfülltheit %anz wohl a^ 

1 Ärr ^^^^f r '. ^"''"' '''^'^ ""^ ^"^^ AktualisLungt 
Gedanken, da es sich bloß um ein Heranziehen der erfüllten Bedingungen 

in Gedanken handelt. Die Bedingungen jedoch, eben die, von denen 
schon oben bemerkt wurde, daß sie nicht etwa Bedingungen der S 
S^n " ' '''"'" ^'^^ "^'^ ''' AktualitätsbedingLgfrbLLhnft 

§ 3. Die AktualitätsbedinguMgeo. Seins- und Nichtseinswerte. 

vnv J^* ^'^^ festgestellt, so erwachsen uns in Betreff der als uner- 
läßlich erkannten Aktualisierung des Potentialwertbegriffes zwei Inf- 
gaben. Einmal muß ausgemacht werden, welcher Art die AkTuali^s- 
bedingungen sind, die hinsichtlich der Möglichkeit eines ObS 
Gegenst^and eines Werterlebnisses zu sein, überhaupt in Frage Sen 
uTJ^'^ T"* '' ""'''' ''''''' ^"' ^^ sämtliche'dieser Sg^^^^^^^^^ 
m dPn w .K 'T r'"' '"^" Umständen als thetische Determinanten 
m den Wertbegriff tatsächlich einbezogen werden 

Was den ersten Punkt anlangt, so handelt es sich da äugen- 
df/oh v/""""'^.'' "°^ ^'' Bedingungen für das Auftreten der^auf 

tene^ittl'%'^^^^^^ ^^^"^"^^ '^' '^^ Auftreten L 

jener Starke die der Größe des betreffenden Wertes angemessen ist 

ObieteT ^ft: '''"/ r^.^f -«^-^^-^^ jedes Werterbrres 
Objektes auf das es sich bezieht und eines Subjektes, das sich darauf 
bezieht. Außer von Subjekt und Objekt hängt das Eintreten und insbe 
aTttl' n' r'^^ ^'l Werterlebnisse auch noch von ziemlich Ü 
faltigen Umstanden ab, wie zum Beispiel der Anzahl jind Beschaffe!- 
heit noch vorhandener Objekte derselben Art oder solcher die selbst 
Werterlebnisobjekte sind und zum Ausgangsobjekte irgewissen Sa 
tionen stehen und dergleichen. Man könnte Derartiges etwa, soweit es 

fa sen ZT "'' T' '^" ^^"^^^ ''' „Umgebung« ^usammän' 
fassen, wo dann im allgemeinen ein relativ vorübergehendes Moment 
das den Eintritt des Werterlebnisses in der Zeit als letzte Teilurrche 

rinTaß h."''h t'* f '''''''' '''' ""''''' ^^--* kann passend 
als Anlaß bezeichnet werden, so daß wir in Subjekt, Objekt, Umgebune 

und Anlaß dasjenige in Betracht ziehen können auf da's ei^e th'etSf 
Bestimmung etwa Bedacht zu nehmen hätte. "leuscne 

M e i n n g, Zar Grundlegung der allg. Werttheorie. Q 



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IV. Der Wertgedanke. 



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Fragen wir nun weiter, zum zweiten Punkte übergehend, inwie- 
fern die empirisch aufzeigbaren Wertgedanken thetische Determinationen 
in jeder dieser vier Hinsichten tatsächlich aufweisen, so ist vor allem 
in Bezug auf das Subjekt zu wiederholen, daß der Gedanke des persön- 
lichen Wertes zunächst in keinem Falle ohne Subjekt sein Auslangen 
finden zu können scheint, so daß, wenn einem Objekte Wert nachgesagt 
wird, der damit behauptete Tatbestand nicht wohl der Existenz des 
Subjektes entrateu mag. Ein Wert, soweit er Wert für ein bestimmtes 
Subjekt ist, pflegt zu verschwinden, sobald dieses Subjekt zu existieren 
aufhört, was natürlich nicht ausschließt, daß das nämliche Objekt für 
ein anderes, existierendes Subjekt immer noch Wertobjekt bleibt, solange 
eben wieder dieses Subjekt vorhanden ist. 

Natürlich genügt aber, um ein Werterlebnis zu ermöglichen, ein 
beliebiges Subjekt nicht, es muß vielmehr in seinen Eigenschaften der 
Besonderheit des Werterlebuisses, namentlich der des Objektes, aus- 
reichend augepaßt sein. Näher kann man dabei die emotionale und die 
intellektuelle Eignung des Subjektes auseinanderhalten, in letzterer Hin- 
sicht überdies noch relativ bleibende Dispositionen von relativ vorüber- 
gehenden, übrigens aber ebenfalls noch wesentlich dispositionellen Be- 
stimmungen unterscheiden. Es darf im allgemeinen vermutet werden, daß, 
wo man einem Objekte Wert für ein Subjekt zuschreibt, damit nicht nur 
eben ein Subjekt, sondern auch näher ein in den angegebenen Hinsichten 
geeignetes Subjekt in Anspruch genommen ist. Die Aktualisieiungsbedin- 
gung „Subjekt" spezifiziert sich so gewissermaßen in mehrere (nach 
obigem etwa in drei) Sonderbedingungen, deren sozusagen verbindliche 
Bedeutung für den Wertgedankeri hier im einzelnen kurz erwogen sei. 

Daß zunächst eine angemessene emotionale Eignung des Subjektes 
subintelligiert wird, gilt unter normalen Umständen für selbstverständlich 
und wird leicht bemerklich, wo diese Voraussetzung als unerfüllt ange- 
sehen werden muß. Wer sich nicht für Mathematik oder Geschichte 
interessiert, für den hat ein mathematisches oder historisches Werk, auch 
wenn er es versteht, keinen Wert. Nicht anders steht es mit einem 
Kunstwerk bei demjenigen, der zur Kunst kein Verhältnis hat; und 
wer nicht gern Schach spielt oder raucht, für den hat Schachbrett oder 
Rauchzeug ebenfalls keinen Wert. Dennoch hat, was so weitaus die 
Regel ist, Ausnahmen: auf das, was das Kind in der Schule lernt, 
pflegt es meist recht wenig Wert zu legen und manifestiert so seine 
zunächst emotionale Unfähigkeit zu den betreffenden Werterlebnissen; 
dennoch hält man sich im ganzen für berechtigt, dem Schulunterricht 
Wert beizumessen, vielleicht nicht nur, aber doch jedenfalls auch, ja 
in erster Linie für das Schulkind als Subjekt. Auch bei emotionalen 
Anomalien wird Analoges zu konstatieren sein. 

Hinsichtlich der intellektuellen Veranlagung, das Wort ^intellek- 
tuell* so weit verstanden, als man in der Psychologie irgendwie von 
, Geistesleben* im Gegensatz zu , Gemütsleben* reden mag,^ ist die 



* Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 3, Anm. 



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§3. Die Aktualitätsbedingungen. Seins- and Nichtsemswerte. 131 

Sachlage im wesentlichen ohne Zweifel die nämliche. Bei den verifizieren- 
den Ausfallstatsachen ist es sogar nicht immer leicht, den Anteil intellek- 
tueller von dem emotionaler Dispositionen reinlich zu sondern. Aber 
wenn Musik für den Tauben, Gemälde oder Photographie für den Blinden 
keinen Wert hat, so fehlt jeder Anlaß, das noch einem anderen Moment 
als eben dem Sinnesdefekt zuzuschreiben. Dagegen werden für das 
jugendliche oder pathologische Subjekt Werte genug namhaft zu machen 
sem, bei denen die intellektuelle Unfähigkeit mindestens mit der emotio- 
nalen konkurriert, ohne darum dem, was vorliegt, den Charakter -des von 
jedem Urteilsfähigen anerkannten Werttatbestandes nehmen zu können. 
Der vergleichsweise dauernden intellektuellen Veranlagung steht 
als ebenfalls dispositionelles, aber doch vergleichsweise variables Moment 
der Wissenszustand des Subjektes, seine Orientiertheit hinsichtlich des 
anfälligen Objektes der Werterlebnisse zur Seite. Und wirklich spielt 
auch diese Orientiertheit nicht selten die Rolle des unerläßlichen Wert- 
erfordernisses. Dem entspricht es, daß etwa eine Auszeichnung, die 
einem Ehrgeizigen zuteil geworden ist, für diesen keinen Wert hat, 
so lange er nichts davon weiß. Auch wenn mein Freund zur Zeit, da 
ich ihn fern glaube, mit mir in derselben Stadt weilt, wird dies nicht 
leicht für mich Wert haben. Schwieriger mögen die Dinge schon hin- 
sichtlich eines Schatzes stehen, der auf einem Grunde vergraben liegt, 
dessen Besitzer davon keine Kenntnis hat. Und wenn der A einen Autor 
herausgibt, sein Freund B aber eine für die Kenntnis des Autors grund- 
legende Handschrift entdeckt, so wird B wohl sagen dürfen, die Hand- 
schrift sei für A wertvoll, auch schon ehe er den A über seinen Fund 
unterrichtet hat Ganz zweifellos wertvoll aber ist eine Ventilations- 
vomchtung für denjenigen, der, ohne von ihr zu wissen, vermöge ihrer 
Funktion, während er schläft, vor einer Vergiftung durch ausströmendes 
Leuchtgas bewahrt wird. Es würde zu weit führen, sollte an dieser 
Stelle versucht werden, den Gründen für solche Verschiedenbehandlung 
nachzugehen. Daß aber hier in Bezug auf das, was in den Wertgedanken 
thetisch einbezogen wird, sich weitaus erheblichere Schwankungen geltend 
machen, als bei den beiden vorher betrachteten Tatsachengruppen, scheint 
aus den beigebrachten Beispielen unmittelbar zu erhellen. 

Nun greift aber dieses Schwanken von der besonderen Beschaffen- 
heit des Subjektes auch noch geradezu auf dessen Dasein über, sofern 
dieses unbeschadet des oben konstatierten ersten Anscheines doch nicht 
für alle Werttatbestände schlechthin unerläßlich ist. Daß neu aufgelegte 
Briefmarken für Markensammler besonderen Wert haben, darf man mit 
Recht behaupten, auch wenn man damit durchaus nicht sasen will, daJJ 
eine solche Neuausgabe tatsächlich erfolgt sei, oder daß tatsächlich 
Markensammler vorhanden seien, denen sie zustatten kommt. Ähnliches 
wird oft genug auch sonst zu konstatieren sein, wo der betreffende Wert 
nicht auf ein bestimmtes Individuum bezogen ist, insofern also, etwas 
ungenau ausgedrückt, ein universeUes Subjekt hat. Wer, wie das heute 
doch die Regel ist, ethische Werte persönlich genug versteht, um sich 
der Frage nach einem ethischen Wertsubjekt nicht für überhoben zu 

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IV. Der Wertgedanke. 






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halten und daraufhin etwa den „unbeteiligten Zuschauer* als dieses 
Subjekt in Anspruch nimmt, wird an der Existenz derartiger Subjekte 
im allgemeinen zwar nicht leicht zweifeln, aber den Bewohner der viel- 
berufenen „einsamen Insel" darum doch nicht leicht außer aller Ethik 
stellen.[^^l Im ganzen sieht man jedenfalls, daß am Wertsubjekte den all- 
fälligen Aktualisierungserfordernissen in sehr weit auseinandergehenden 
Weisen Rechnung getragen erscheint. 

Gehen wir nun vom Wertsubjekt zum Wertobjekt über, so nimmt 
es sich da wieder besonders selbstverständlich aus, daß vom Werte 
dort nicht wohl die Rede sein kann, wo das Objekt fehlt. In der Tat, 
wenn der Reiche auf seinen Schatz Wert legt, so tut er es unter 
der Voraussetzung, daß dieser Schatz eben in seinem Besitze existiert: 
in der Bestimmung eines Objektes als wertvoll scheint also dessen 
Existenz oder allgemeiner dessen Sein thetisch mit einbezogen zu sein. 
Man muß allerdings, soweit es sich um Existenz handelt, beifügen, 
daß der Existenzgedanke sich hier, wie gelegentlich auch sonst ^ hin- 
sichtlich der Zeit unnatürlich eingeschränkt zeigt, sofern was war oder 
sein wird, dem Bereiche des Nichtdaseienden zugewiesen erscheint. Es 
gibt, wie schon zu erwähnen war,^ nicht nur Gegenwärtigkeits-, sondern 
nicht minder Vergangenheits- und Zukunftswerte, auf die man ganz 
ohne Rücksicht auf das Zeitmoment eventuell mit Gefühlen vom Typus 
der Seinsgefühle reagiert, so daß hier augenscheinlich nicht das maß- 
gebend ist, was man gewöhnlich Existenz nennt, sondern das, was ich 
als Persistenz bezeichnet habe, eine terminologische Modifikation, auf 
die übrigens der Einfachheit der Verständigung wegen im folgenden 
weiter kein Gewicht gelegt werden soll. 

Jedenfalls entspricht es dem Dargelegten, daß man sich einem 
Nichtdaseienden gegenüber zumeist darauf beschränkt, von ihm zu 
behaupten, nicht daß es Wert habe, sondern daß es Wert hätte. Wenn 
für eine Stadt, die längst schon eines modern eingerichteten Kranken- 
hauses bedarf, das Projekt eines solchen mit größter Sachkenntnis und 
Sorgfalt ausgearbeitet ist, wird von diesem Krankenhaus trotz seiner 
Vorzüge niemand in ungezwungener Weise sagen, daß es für die Stadt 
Wert habe, sondern nur, daß es für sie Wert, vielleicht großen Wert 
hätte, wenn es nicht bloß projektiert, sondern wirklich ausgeführt wäre, 
kurz also, wenn es existierte. Ähnlich kann es verstanden werden, 
wenn ein Antiquitätensammler von einem merkwürdigen Stück, das 
ihm zum Kaufe angeboten wird, sagt, das Stück würde großen Wert 
für ihn haben, nämlich wenn es sein Eigentum wäre. Wert für ihn hat 
eben nicht das Stück kurzweg, auch nicht das Stück im Besitze etwa 
des Händlers, sondern das Stück in seinem eigenen Besitz; und das 
so determinierte Stück existiert nicht, solange er es nicht gekauft hat. 
Nur ist es hier nicht unerläßlich, sich gerade auf die Existenz oder 
eigentlich auf die Nichtexistenz des allfälligeu Wertobjektes zu berufen. 

1 Vgl. „Über Annahmen" 2, s. 76 f., übrigens auch schon „Psych, eth. Unters. 
z. Werttheorie", S. 70. 

2 Vgl. oben S. 58.' 



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§ 3. Die AktnaUtätsbedingungen. Seins- und Niclitseinswerte. 133 

Man kann vielmehr auch so interpretieren: das, dem der Wert für den 
Sammler abgesprochen wird, ist das Stück im Besitz des Händlers 
und der Grund weshalb der Wert von diesem Objekte negiert wird 
hegt nicht ,m Mangel an der Existenz, für die im Gegenteil bestens 
gesorgt ist sondern im Mangel an der Eigenschaft, im Besitz oder 
Eigentum des Sammlers zu sein. 

Wichtiger als der Umstand, daß die Wendung, etwas hätte Wert 
habe Ihn aber nicht, doch durchaus nicht jedesmal sicher auf Nicht- 
existenz des Objektes zu deuten ist, steht nun aber der Unerläßlich- 
keit der Existenz (respektive des Seins) der Wertobjekte die Tatsache 
entgegen daß wir Werterlebnisse kennen gelernt haben, die geradezu 
das Nichtsein des betreffenden Objektes voraussetzen (Nichtseinsgefühle) 
und solche, die wenigstens mit dem Sein des Objektes unverträglich 
waren (Begehrungen). Es verdient dies um so mehr Beachtung, als die 
Wertgroße, wie ich schon an anderem Orte» hervorzuheben Anlaß hatte 
ganz wesentlich durch die Sachlage bei der Nichtexistenz mitbestimmt 
wird. Das gilt insbesondere von übertragenen, zum Beispiel Wirkungs- 
werten. Soweit die Größenabhängigkeit der Wirkungswerte von ihren 
btammwerten dem Grenznutzengesetze folgt, sind es nicht die Wirkungen 
existierender Ursachen die den Aussehlag geben, sondern gerade die 
Wirkungen, die im Nichtexistenzfalle der Ursache entfallen müßten. Ich 
schätze einen Bogen aus dem Vorrat meines Briefpapieres nicht nach 
dem möglicherweise für mein ganzes Leben entscheidenden Brief, den 
ich tatsächlich auf diesen Bogen schreibe, sondern nach der vielleicht 
ganz unwichtigen Aufzeichnung, die im Verlustfalle dieses Bogens unter- 
bleiben mußte. Zwar sind Wertstellungnahmen dieser Art schwerlich 
die einzig berechtigten ; sie sind wohl nur unter ökonomischen Gesichts- 
punkten und daher unter besonderer Bezugnahme auf Begehrungen» 
naehstgelegt. Aber sie sind doch auf alle Fälle Tatsache ; andererseits 
aber ist überdies der Anteil der Nichtseinsgefühle auch schon bei Eigen- 
werten darzutun.3 Kann man unter solchen Umständen überhaupt daran 
denken, die Existenz oder allgemein das Sein des Wertobjektes dem 
Werte im Sinne eines obligaten thetischen Prädikates zuzusprechen? 
Inzwischen ist diese Frage negativ zu beantwort^i doch mindestens 
nicht selbstverständlich. Erstaunlich freilich wäre eine Bestimmune 
deren Anwendungsgebiet auf das Sein eines Gegenstandes beschränkt 
wäre und die doch zugleich dem Falle des Nichtseins dieses Gegen- 
standes Rechnung trüge. Daß aber die Beschränkung, mindestens in 
prinzipieller Allgemeinheit, nicht tatsächlich besteht, ist ja ohne allen 
Zweifel der eben zuvor wieder berührten Erfahrung zu entnehmen, 

1895, S. 332 ff. ^*'^''*'""'8^ ""^ '^ert", Archiv f. System. Philosophie, Bd. I 

_• A A ^?' ..™®i?® Vermutung in „Über emotionale Präsentation". S. 118 Sie 
rnf^!^°n'' <»|e Tatsacbe bestätigt, daß Wertübertragungen von der Wirkung 
fn W^L Ä T' ''*'' f > ^'^-e "»f *'« Zukunft^ sehr selten dägegef 
i„^«^K °^'^'? Vergangenheit vorkommen, also dort zi fehlen Schemel wo 
das Begehren keine natürlichen Angriffspnnkte hat. »^"«uien, wo 

' Vgl. „Über Werthaltnng und Wert", a. a. 0., S. 336. 



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IV. Der Wertgedanke. 



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daß Wertstellungnahmen nicht bloß gegenüber seienden Objekten be- 
gegnen. Es wurde seinerzeit des Musikers gedacht,^ der auf sein ab- 
handengekommenes Instrument immer noch Wert legt, freilich leichter, 
wenn er an der Fortdauer der Existenz des Instrumentes nicht zweifelt, 
so daß sein Verhältnis dazu dem des Antiquitätensammlers im obigen 
Beispiel ziemlich nahe steht, indes dem vernichteten Instrumente gegen- 
über von einem noch fortbestehenden Werte desselben für den Musiker 
schwer zu reden wäre. Ganz ohne einen das Sein einbeziehenden Vor- 
behalt aber kann man den Wert von Gegenständen aussagen, die man 
nicht iu ihrer Vereinzelung, sondern allgemein oder wenigstens unbe- 
stimmt genug erfaßt. Vom Werte neu ausgegebener Briefmarken konnte 
im oben beigebrachten Beispiel ganz ohne Rücksicht darauf geredet 
werden, ob etwa zur Zeit die Ausgabe neuer Marken stattgefunden hat. 
Und daß für die Stadt ohne neues Krankenhaus „ein solches" großen 
Wert „hat" und nicht bloß „hätte", ist mindestens keine sinnlose Aussage. 

Zusammenfassend wird man also behaupten dürfen, daß die Wert- 
betrachtung zwar jederzeit besonders natürlich am Seienden, namentlich 
am Existierenden angreift, so daß von einem Wertobjekt als solchem 
oft genug das Sein thetisch mitprädiziert werden kann, daß dies aber 
durchaus nicht unter allen Umständen seine Geltung behält. Vielmehr 
könnte man Werte, deren Objekte existieren, solchen gegenüberstellen, 
wo die Objekte nicht existieren, immerhin dann auch noch solche bei- 
fügen, die als innerhalb der Sphäre des Begehrbaren in Betracht kommen 
und endlich solche, bei denen auch noch der Gesichtspunkt der Begehr- 
barkeit zurücktritt, so daß ausschließlich Phantasieerlebnisse beim Erfas.^en 
des Tatbestandes beteiligt sind. Ich habe in diesem Sinne gelegentlich^ 
Existenz-, Nichtexisteuz-, Begehrtheits- und Phantasiewerte auseinander- 
gehalten. Die ersten beiden dieser Klassen tragen thetische Konstitutiva 
an sich, die den beiden letzten fehlen, sodaß jene zugleich höhere 
Aktualisationsstufen darstellen. 

Von den zwei letzten, oben als Umgebung und Anlaß namhaft 
gemachten Momenten ist es nur das erstere, das hier noch einigermaßen 
in Frage kommt. Namentlich bei Übertragung einer Werthaltung vom 
Zwecke auf das Mittel, vom Bedingten auf die Bedingung und der- 
gleichen, wird sich thetische Determination als naheliegend erweisen. 
Wenn ich etwa auf einen Schlüssel Wert lege, sofern er mir einen 
Schrank öffnet, der einen mir an sich wertvollen Gegenstand enthält, 
so mag die Existenz des Schrankes und des wertvollen Gegenstandes 
darin sich leicht als konstitutiv für den Wert des Schlüssels darstellen. 
Aber obligatorisch wird solche Einbeziehung schwerlich sein ; mau kann 
sich ganz wohl den Wert des Schlüssels auf die bloße Fähigkeit zur 
eventuellen Leistung eingeschränkt denken. Auch die Schwankungen 
im Werte ökonomischer Güter im Sinne des Grenznutzengesetzes können 
es nahelegen, die diese Schwankungen bedingende Konstellation als 



1 Vgl. oben S. 36. 

" Vgl. „Ftlr die Psychologie und gegen den Psjchologismus usw.", S. 6. 



§ 4. Beschaffenheit und Position beim Wertobjekt. Faktischer und 135 

hypothetischer Wert. 

Teil des Werttatbestandes aufzufassen, falls es nicht natürlicher erscheint, 
den Wert als von diesen Umständen zwar abhängig, aber nicht durch 
sie geradezu mit ausgemacht anzusehen. 

Es steht zu Unsicherheiten dieser Art in beachtenswertem Kontrast, 
daß das, was wir unter dem Namen des „Aulasses" den drei anderen 
Momenten an die Seite gestellt haben, in Betreff seiner thetischen Ein- 
beziehbarkeit in den Wertgedanken nicht den leisesten Zweifel auf- 
kommen läßt, indem es eine derartige Einbeziehbarkeit sozusagen a 
limine ausschließt. Es ergibt sich dies aus einer einfachen Erwägung. 
Der „Anlaß", den man ja oft auch die „letzte Ursache" genannt hat, 
kommt natürlich erst zur Geltung, wenn alle übrigen Teilursachen für 
den in Frage kommenden Erfolg verwirklicht sind: das Gegebensein 
des „Anlasses" führt also die Existenz der Wirkung unmittelbar mit 
sich. Die Wirkung wäre in unserem Falle das betreffende Werterlebnis: 
den Anlaß zum thetischen Konstitutivum des Wertes zu machen, hieße 
also einfach zum Aktualwertbegriff zurückkehren. Soll also der Wert- 
gedanke nicht allen potentialen Charakter verlieren, so darf der „Anlaß" 
in diesen Gedanken nicht eingehen. 

§ 4. Beschaffenheit und Position beim Wertobjekt. Faktischer 

und hypothetischer Wert. 

Daß von den drei Momenten, die so nach Ausfall des „Anlasses* 
noch übrig sind, das Objekt 0, das den Wert hat, und das Subjekt S, 
für das wertvoll ist, vor allem von Belang sein müssen, versteht 
sich ; von diesen beiden aber scheint wieder das Wertobjekt an die erste 
Stelle zu gehören. Solchem Schein gegenüber verdient bemerkt zu 
werden, daß dem S nun doch etwas wie eine eigenartige Prärogative 
vor seinem zukommt, wie man aus der Stellung entnehmen kann, 
die der Wert gemäß dem eben Festgestellten in der Zeit einnimmt. Da 
nämlich der Wert sich zunächst als eine Art Eigenschaft des Wert- 
objektes darstellt, könnte man meinen, gegenwärtig, vergangen oder 
künftig werde ein Wert heißen, sofern er einem gegenwärtigen, ver- 
gangenen oder künftigen Objekte eigen ist, und zu einer Zeit, da das 
Objekt nicht existiert, werde auch nicht von Sein des Wertes geredet 
werden können. In Wahrheit reden wir aber, wie schon wiederholt zu 
erwähnen war, vom Werte, den vergangene Erlebnisse oder künftige 
Schicksale für uns haben, als von einem gegenwärtigen Werte für 
uns. Dagegen sind Werte vergangen oder künftig nur, sofern ihre 
Subjekte vergangen oder künftig sind : die Wertzeit fällt zusammen mit 
der Subjektszeit; Werte entstehen und vergehen mit den Subjekten, für 
die sie Wert sind.^ 

Belangreicher für die uns jetzt beschäftigenden Aufgaben ist es, 
daß die drei Momente, die dem Dargelegten zufolge den Wertgedanken 
gegenüber den Extremen des Aktual- und des Potentialwertbegriflfes zu 
bestimmen geeignet sind, sich gegenüber dem, was bereits für den 

1 Die Ausführungen auf S. 70 der „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie" 
verlangen in diesem Sinne berichtigt zu werden. 



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136 



IV. Der Wertgedanke. 



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Potentialwertbegriff maßgebend sein muß, unter einen einheitlichen 
Gesichtspunkt bringen lassen. Sofern nämlich, wie wir sahen, der 
Potential wertbegriff durch die Eignung des ausgemacht wird, den 
Gegenstand von Werterlebnissen abzugeben, insofern kommt es dabei 
zunächst bloß auf die Beschaffenheit des an. Verlassen wir dagegen, 
thetische Prädikate einbeziehend, den Standpunkt reiner Potentialität, 
so gelangen wir, wie sich oben gezeigt hat, leicht genug dazu, das 
in seiner Position zu dem für den persönlichen Wert unerläßlichen 
S zu erfassen. Selbstverständlich steht aber, sofern auch die Umgebung 
U mit einbezogen wird, nichts im Weg^ ebenso natürlich von einer 
Position des gegenüber dem U zu reden. Schließlich kann der hin- 
sichtlich S und U nur relativ verstandene Terminus „Position* nun 
außerdem auch noch absolut verstanden und derart auf selbst ange- 
wendet werden, daß damit (wie man ohnehin, vielleicht häufiger als 
billig, von „Setzen" und „Gesetztsein" spricht) das Sein, respektive 
das Nichtsein des gemeint wird, in guter Übereinstimmung damit, 
daß für die Position des zu S und U nichts ausschlaggebender sein 
könnte als dies, ob das betreffende S, respektive U überhaupt vorliegt. 
Im Sinne solcher Erwägungen möchte ich, was als thetisches Prädikat 
in den Wertgedanken einbezogen werden kann, unter dem Namen der 
„Position des 0" der schon im Potential wertbegriffe zur Geltung 
kommenden „Beschaffenheit des 0*" entgegensetzen. Wir können 
dann im allgemeinen sagen: für den Wert eines Objektes kommt 
es nicht nur auf seine Beschaffenheit, sondern auch auf seine, Position 
an und es ist nun nur der Anteil dieser Position am Wertgedanken 
noch einer etwas näheren Feststellung bedürftig. 

Dieser Anteil ist im vorangehenden wiederholt darin zur Geltung 
gekommen, daß dem Werte, den ein für ein S „hat", der Wert 
gegenübertrat, den das für das S zwar nicht „hat", wohl aber „hätte", 
wenn dieses oder jenes der drei Positionsmomente, eventuell auch nur 
eine der namentlich für S oder U konstitutiven Bestimmungen, gegeben 
wäre. Passend kann man insofern^ dort von „faktischem", hier von 
bloß „hypothetischem Werte* reden und allgemein sagen: Muß eines 
der Positionsmomente, respektive Teilmomente, deren thetische Prädi- 
kation den faktischen Wert des ergibt, außerhalb des Bereiches dieser 
Prädikation bleiben, so tritt bloß hypothetischer Wert an Stelle des 
faktischen. Man darf aber, wie sich oben gezeigt hat, von keinem der 
Positionsmomente behaupten, daß es zum Zustandekommen dessen absolut 
uneriäßlich ist, was man in ungezwungener Redeweise als faktischen 
Wert anerkennt. Ist also auch der Wert weder durch den reinen Aktual- 
noch durch den reinen Potentialbegriff zu erfassen, so bietet doch die* 
immer vollständigere thetische Determination des Potential wertbegrififes 
durch die Positionsmomente, wir haben das die Aktualisierung des 
Potentialwertbegriffes genannt, eine Reihe von Begriffen dar, deren 



* Mit H. Mai er, „Psychologie des emotionalen Denkens", Tübingen 
1908, S. 665. 



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§ 4. Beschaffenheit und Position beim Wertobjekt. Faktischer und iqt 

hypothetischer Wert. ^' 

keinem die Eignung abgeht, eine natüriiche, das heißt gelegentlich ange- 
wendete Ausgestaltung des Wertgedankens auszumachen. Bei der Bildung 
der Reihe kann natüriich auch vom Aktual wertbegriff ausgegangen und 
durch Umwandlung einer thetischen Determination nach der anderen in 
eine hypothetische die Annäherung an den Potentialbegriff erzielt werden • 
ich habe das an anderem Orte^ als Potentialisation bezeichnet. Diese Poten- 
tialisations- oder auch Aktualisationsreihe in Übersicht zu behalten, kann 
aber davor bewahren, die Prä^isierung des natüriichen Wertgedankens in 
Schranken einzuengen, die gegenüber den in concreto auftauchenden 
kasuistischen Schwierigkeiten doch immer wieder durchbrochen werden 
müßten. 

Zu diesen gehört zum Beispiel die schon an anderem Orte^ an- 
geführte Frage (Dr. Donald Fishers), ob die Goldschätze Kaliforniens 
für dieses Land Wert hatten, ehe sie entdeckt waren. Wer hier den 
Wissenszustand des Subjektes in den Wertgedanken thetisch einbezieht, 
muß die Frage verneinen, indes, wer es nicht tut, sie ganz wohl bejahen 
kann. Ob man es aber tut, wird am Ende einigermaßen arbiträr sein, 
so daß eine Entscheidung zu suchen verlorene Mühe bleibt. Ähnlich 
kann es natüriich mit Werten bewandt sein, die man Kindern oder 
Schwachsinnigen unter dem Gesichtspunkte intellektueller oder emotionaler 
Veranlagung ab- oder zusprechen kann, je nach Beschaffenheit des 
verwendeten Wertgedankens. Ebenso wird es bei nichtexistierenden 
Objekten leicht genug arbiträr sein, wie bald man sich ihnen gegenüber 
sozusagen vom Standpunkte des faktischen auf den des hypothetischen 
Wertes drängen läßt. Analoges auf dem Gebiete der Umgebung wird 
begreiflicher Weise von geringerem Belang sein. Daß nichts leichter 
wäre, als alle derartigen Schwankungen durch eine willküriich dekretierte 
Definition zu beseitigen, versteht sich. Es dürfte aber für die Theorie 
fruchtbarer sein, die hier tatsächlich voriiegende natüriiche Unfertigkeit 
des Gedankens des persönlichen Wertes festzuhalten und daraus, wie 
unten versucht werden soll, eventuell Konsequenzen zu ziehen. Neben- 
bei verdient bemerkt zu werden, daß die kasuistischen Schwierigkeiten, 
wenn sie den Bereich der thetischen Ergänzungsbestimmungen über- 
schreiten, keineswegs im gleichen Maße unbesiegbar scheinen. Das 
beleuchtet aufs beste die alte Frage, ob Eisen im Zentrum der Erde 
Wert habe, sofern sich diese durch ein vorbehaltloses Nein beantworten 
läßt. Denn kommt, wie nächstliegend, das Eisen ausschließlich als 
Wirkungswert in Betracht, dann ist klar, daß dem, was wegen seiner 
Eingeschlossenheit ins Erdinnere irgend welchen wertvollen Wirkungen 
nicht dienstbar gemacht werden kann, eben die Eigenschaft fehlt, aus 
der der Wirkungswert resultieren könnte. Wollte man dagegen die 
Eventualität des Eigenwertes in Betracht ziehen (in welchem Falle es 
freilich natüriicher wäre, zum mindesten Gold statt Eisen zum Gegen- 
stande der Erwägung zu machen), dann müßte, was persönlichen Wert 

1 „Für die Psychologie und gegen den Psycbologismus usw.", S. 6. 

2 „Für die Psychologie und gegen den Psychologismus usw.", S. 8. 



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138 



IV. Der Wertgedanke. 



§ 5. Die Partialwerte und der Totalwert. 



13^ 



haben sollte, doch wohl im Besitze des Subjektes sein, eine Voraus- 
setzung, die unter den gegebenen Umständen wieder ausgeschlossen wäre. 

§ 5. Die Partialwerte und der Totalwert. 

Hat sich als der nächste Vorwurf der voranstehenden Unter- 
suchungen die Relation zwischen Wert und Hauptwerterlebnis heraus- 
gestellt, so darf eine solche die Wertgröße nicht unberücksichtigt lassen, 
sofern an ihr die Beschaffenheit des hier vorliegenden funktionellen 
Zusammenhanges noch eine besondere Beleuchtung erfährt. Daß aller 
Wert steigerungsfähig ist, also Größe hat, darüber besteht kein Zweifel. 
Daß auch die Werthaltung quantitativ variabel ist, darauf war bereits 
hinzuweisen ^ und in betreff der Weise, in der Wertgröße und Wert- 
haltungsgröße zusammenhängen, scheint eine Unsicherheit nicht obwalten 
zu können. Es ist ja selbstverständlich, daß zur stärkeren Werthaltung 
der größere Wert, zum kleineren Wert die schwächere Werthaltung 
gehört. Nun hatte ich aber bereits vor Jahren^ darauf hinzuweisen, 
wie es sich nicht selten zuträgt, daß wir auf die Existenz von Objekten 
erheblichen Wertes, wie Freundschaft, Gesundheit, mit relativ schwachen 
Werthaltungen reagieren im Gegensatze etwa zu einem unerwarteten 
Geschenk, über das man sich lebhaft freuen kann, auch wenn es sich 
dabei nur um eine Kleinigkeit handelt. Es fragt sich jetzt, was für 
Konsequenzen sich hieraus in betreff der Relation zwischen Werthaltung 
und Wert ergeben. 

Daß man auf die hier vorliegende Diskrepanz hin versuchen 
könnte, der Werthaltung schon von vornherein die ihr vindizierte Bedeu- 
tung für den Wert abzusprechen, darauf bin ich seinerzeit bereits selbst 
aufmerksam gewesen.^ Aber die natürliche Zusammengehörigkeit von 
Werthaltung und Wert schien mir und scheint mir auch heute so augen- 
fällig, daß die Theorie sich wohl nur darauf angewiesen findet, diesen 
Tatsachen Verständnis abzugewinnen, ohne jene Zusammengehörigkeit. 
in Frage zu stellen. Und dies gelingt in der Tat mit leichter Mühe, 
wenn man außer unserem Wertverhältnis zur Existenz auch das zur 
Nichtexistenz, allgemeiner außer dem zum Sein auch das zum Nicht- 
sein in Betracht zieht. Es handelt sich dabei ohne Zweifel um das, 
was uns in früherem Zusammenhange bereits unter dem Namen der 
, Gegengefühle* entgegengetreten ist und stünden diese jederzeit in dem 
Stärke Verhältnis zu einander, das den Anforderungen innerer „Vernünftig- 
keit" gemäß wäre, so käme ihnen schwerlich die Eignung zu, der in 
Rede stehenden Schwierigkeit abzuhelfen. Denn liegt mir viel an der 
Existenz, so muß mir „vernünftigerweise" auch die Nichtexistenz nahe- 
gehen, und verschlägt mir die Existenz nicht viel, so sollte auch die 
Nichtexistenz nicht viel für mich zu bedeuten haben. Aber wir haben 



1 Vgl. oben S. 82. 

2 In der 4bhandlung „Über Werthaitang und Wert". Archiv f. systemat. 
Philos., Bd. 1, 1895, S. 328 ff., 331 f. 

3 A. a. 0., S. 332, vgl. jetzt anch W. Strich. „Das Wertproblem in der 
Philosophie der Gegenwart", S. 39. 



bereits gesehen, daß das Gefühl sich den Geboten der „Vernünftigkeit» 
augenscheinlich noch weniger willig fügt als unsere Intelligenz^, und 
daß msbesondere die abstumpfende Wirkung der Gewöhnung'^ ganz 
beträchtliche Stärkeverschiedenheiten zwischen den Gegengefühlen im 
Gefolge haben kann. Darin liegt nun ein Mittel, sich von der eigen- 
tümlichen Weise des Auseinandergehens von Werthaltungs- und Wert- 
größe Rechenschaft zu geben. Ich habe davon durch die Aufstellung- 
Gebrauch gemacht, daß die Größe des Wertes durch die Größe sowohl 
der Seins- als der Nichtseinswerthaltung, näher durch die Summe au» 
diesen beiden Größen bestimmt sei.3 Der Gesunde wendet seinem Wohl- 
sein, an das er gewöhnt ist, kein sonderliches Wertgefühl zu; an der 
Erkrankung würde er aber eben darum um so schwerer tragen, so daß 
die Summierung der beiden Werthaltungsstärken, soweit eine solche 
möglich ist, ein der Wertgröße entsprechendes Resultat liefert. 

In dem Bemühen, dieser Aufstellung möglichst große Allgemeinheit 
zu erteilen, hat Chr. v. Ehrenfels zunächst auf Fälle hingewiesen, wo 
Daseins- und Nichtdaseiusgefühl nicht, wie im eben beigebrachten Bei- 
spiel, entgegengesetzte, sondern gleiche Vorzeichen aufweisen, ein Tat- 
bestand, der etwa in jeder Operation verwirklicht erscheint, zum Beispiel 
einer Zahuextraktion, deren Existenz Schmerz mit sich führt, indes 
auch ihr Unterbleiben mit Schmerz verknüpft ist.^ Zugleich scheint 
daran klar zu werden, daß die resultierende Wertgröße sich nicht nach 
der Summe, sondern nach der Differenz der auf Sein und Nichtsein 
bezogenen Werthaltungen richtet. Die Operation hat um so größeren 
Wert, je mehr an Schmerzen man sich durch sie erspart, also je weiter 
die Schmerzhaftigkeit der Therapie hinter der Schmerzhaftigkeit der 
durch sie zu beseitigenden Erkrankung zurückbleibt. Das Differenzgesetz 
ist dann auch auf die von mir beachteten Fälle zu übertragen, bei denen, 
weil das eine Gefühlsvorzeichen dem anderen entgegengesetzt ist, die 
algebraische Differenz sich in eine Summe umwandelt, so daß allgemein 
formuliert werden kann: „Die Wertgröße eines Objektes ist proportional 
dem AbStande zwischen dem auf jenes Objekt bezüglichen Affirmations- 
und Negationsgefühle ".^ 

Was nun zunächst die Erweiterung anlangt, so ist es ja schon 
Ehrenfels selbst nicht entgangen, ^ daß es sich dabei im Grunde um 
Fälle handelt, die eine Zusammensetzung von Werttatbeständen dar- 
stellen. Vereinigt die Operation in sich die beiden Eigenschaften, Schmerz 
zu lindern und Schmerz zu bereiten, so versteht sich, daß der Wert de» 
Gesamttatbestandes sich nach dem Werte beider Komponenten richten, 
zunächst also die Werthaltung des Gesamttatbestandes dadurch zustande- 

1 Vgl. oben S. 87 f. 

2 Über diese vgl. „Allgemeines znr Lehre von den Dispositionen" in den von 
mir herausgegebenen „Beiträgen zur Pädagogik und Dispositionstbeorie", S. 52 

3 „über Werthaltung und Wert", a. a. 0., S. 337. 

* „Von der Wertdefinition zum Motivationsgesetz", Archiv f. svstemat 
Philos., Bd. II, 1896, S. 108 ff. & » j - 

5 A. a. 0., S. 110. 

6 Vgl. a. a. 0., S. 109. 



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140 



IV. Der Wertgedanke. 



§5. Die Partialwerte nnd der Totalwert. 



141 



kommen wird, daß die Werthaltung sich von den Teilen auf das Ganze, 
von den Eigenschaften auf den Träger dieser Eigenschaften überträgt. 
Nur ist, soweit wir von den Gesetzen solcher Übertragung haben Kenntnis 
nehmen können,^ nicht abzusehen, wie es bei solcher Übertragung zu 
einer Subtraktion kommen kann, während es durchaus natürlich erscheinen 
wird, wenn den gleichsam neu hinzutretenden Eigenschaften auch additiv 
hinzutretende Werthaltungen (und ihnen dann etwa auch angemessene 
Werte) entsprechen. 

Wichtiger für den gegenwärtigen Zusammenhang ist indessen, daß 
die fragliche Erweiterung die, etwa für das Beispiel von der Gesund- 
heit, charakteristische Eigentümlichkeit zu verwischen droht, die darin 
besteht, daß es sich da nicht um das Zusammentreffen mehrerer Eigen- 
schaften, sondern um zwei Werthaltungen handelt, die sich genau auf 
dasselbe Objekt beziehen, aber dadurch, daß ihnen die entgegengesetzten 
Objektive zugrunde liegen, in natürliche Gegensätzlichkeit zu einander 
treten. Es stellt sich hier eben der Seinswerthaltung eines Objektes 
die Nichtseinswerthaltung desselben Objektes gegenüber, die naturgemäß 
das entgegengesetzte Vorzeichen aufweist wie jene. Versucht man nun 
auch hier von den Werthaltungen zum Werte vorzudringen, so hat man 
natürlich wieder zunächst den Eindruck, daß es sich bei Berücksichtigung 
der zweiten Werthaltung nur um ein Hinzunehmen zur ersten, also bloß 
um eine Addition und nicht um eine Subtraktion handeln könne. Nur 
bringt die Gegensätzlichkeit des einen Vorzeichens es mit sich, daß das 
additive Verfahren das Gegenteil des Natürlichen zu ergeben scheint. 
Der negative Wert der mangelnden Gesundheit, mehr kurz als genau 
ausgedrückt, müßte, wenn zum positiven Wert der vorhandenen Gesund- 
heit addiert, eine Herabsetzung des Gesamtwertes ergeben, indes die 
Berücksichtigung des Nichtseins, wie wir gesehen haben, nur auf die 
Steigerung des resultierenden Wertes führen kann. Hier scheint also 
Ehrenfels' Differenzformel doch im Rechte zu sein. 

Inzwischen hat ein Dissens darüber, ob Summe oder Differenz, 
wenig genug auf sich^, wenn die Differenzansicht den Subtrahenden 
sogleich mit entgegengesetztem Vorzeichen einführt. Dem Versuche 
Ehrenfels' freilich, den Differenzgedanken seinem „Gesetze der relativen 
Glücksförderung" zustatten kommen zu lassen,^ steht alles entgegen, 
was ich an anderem Orte* gegen dieses Gesetz beizubringen hatte. 
Dagegen bedeutet die ausdrückliche Einbeziehung des Vorzeichens ohne 
Zweifel einen Fortschritt, der zunächst dem Erfassen der Abhängigkeit 
des Wertes von der Werthaltung, dann immerhin auch der Allgemein- 
heit der Aufstellung zugute kommt. 

Natürlich ist es hier insbesondere das erste dieser beiden 
Momente, das ins Gewicht fällt. Näher lehrt das Beispiel von der 

1 Vgl. oben S. 83 f., 107 ff. 

2 Gegen W. Strich, „Das Wertproblem in der Philosophie der Gegen- 
wart«, S. 38. ^ B 

8 Vgl. Archiv f. systemat. Philos., Bd. 11, 1896, S. 110 ff. 
* „Über Annahmen" 2, § 48 ff. 



Gesundheit und seinesgleichen vor allem, daß der Wert nicht etwa nur 
von der Werthaltung des Seins, so auch nicht nur von der Werthaltung 
des Nichtsems, sondern sowohl von der Werthaltung des Seins als von 
der des Nichtseins abhängt. Ferner ist im Grunde ganz selbstverständlich 
daß das Wertvorzeichen im allgemeinen durch das Werthaltungsvorzeichen 
bestimmt ist. Im Verlaufe der gegenwärtigen Darlegungen ist sicherlich 
nirgends ein Zweifel daran aufgetaucht, daß im Falle positiver Wert- 
ha tung positiver Wert, im Falle negativer Werthaltung oder Unwert- 
haltung negativer Wert oder Unwert zu gewärtigen sei. Jetzt erkennt 
man, daß diese Selbstverständlichkeit doch nur die Seinswerthaltung 
betreffen kann und die Sachlage bei der Nichtseins werthaltung eini 
entgegengesetzte ist. Nur wenn das Nichtsein mir leid ist, dann bedeutet 
diese Unwerthaltung etwas wie eine positive Zutat zum positiven Werte. 
Ebenso wird ein Unwert, den wir uns zunächst auf die Unwerthaltun« 
eines Seins gegründet denken können, vermöge der (positiven) Wert- 
haltung des Nichtseins eine Steigerung hinsichtlich seines Betrages 
erfahren. Dabei stehen die hier in Betracht kommenden Vorzeichen in 
ganz charakteristischer Relation zu einander. Solcher Vorzeichen gibt es 
da ja dreierlei : die des Wertes, der Werthaltungen und der zu diesen 
Werthaltungen gehörigen Voraussetzungsurteile. Nun berührt es ieden 
der darauf aufmerksam wird, sofort als völlig natürlich, zugleich aber 
doch als höchst beachtenswert, daß die dreierlei Vorzeichen und ins- 
besondere Wert-, respektive Werthaltungsvorzeichen einerseits, Urteils- 
(oder auch Objektiv-)Vorzeichen andererseits miteinander gleichsam 
ebenso kooperieren wie die arithmetischen Vorzeichen in einer Rechnung 
indem Unwerthaltung des Nichtseins Wert, Werthaltung des Nichtseins 
Unwert mit sich führt. 

Dieses Vorzeichen gesetz bewährt sich nun auch, wo die größere 
A Igememheit der Ehrenfels'schen Betrachtungsweise zur Geltung kommt. 
Wie erwähnt, weist der Umstand, daß es sich da eventuell um Objekte 
handelt, an die sich Seins- und Nichtseinswerthaltungen mit überein- 
stimmendem Vorzeichen knüpfen, auf komplexe Tatbestände hin. Die 
Komplexität hindert die Vorzeichen in keiner Weise, sich im Sinne der 
obigen Gesetzmäßigkeit zu betätigen. Aber die sozusagen originäre 
Relation zwischen Werthaltung und Wert tritt dabei in kein helleres 
Licht, muß sich vielmehr am besten an den einfachsten Fällen durch- 
schauen lassen, denjenigen nämlich, wo das Werthaltungs-, respektive 
Wertobjekt nur als ein Einfaches in Betracht kommt, das dann immer 
noch zu zweierlei Werthaltungen mit naturgemäß entgegengesetztem 
Vorzeichen Gelegenheit gibt. & 

Zusammenfassend dürfen wir also behaupten: der Wert geht auch 
im einfachsten Falle jederzeit sowohl auf Seins-, wie auf Nichtseins- 
gefuhle zurück und jedes dieser Gefühle steuert zur Größe des 
resultierenden Wertes prinzipiell eine additive Komponente bei, die diese 
resultierende Größe nur in zweierlei Sinn beeinflussen kann, je nach 
dem Vorzeichen, das sich im Sinne der obigen Gesetzmäßigkeit ergibt 
Jedem als eines sich darstellenden Wertobjekte gegenüber kommt es 



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142 



IV. Der Wertgedanke. 



auf zwei zu einander gegensätzliche Werthaltungen an, deren jeder eine 
Art Anteil an dem resultierenden Gesamtwerte eignet. Jeder dieser 
Anteile könnte als ein „Partialwert" dem „Totalwerte" gegenüber- 
gestellt werden, wo dann bei jen^ passend von Seinspartialwert gegen- 
über Nichtseinspartialwert die Rede sein mag. „Wert" ist dabei zunächst 
in dem weiteren Sinne verstanden, der sowohl positiven als negativen 
Wert in sich begreift. Es steht aber auch nichts im Wege, im Bedarfs- 
falle unter „Seins- und Nichtseinspartialwert" speziell den positiven 
Gegensatz zu „Seins- und Nichtseinspartialunwert" zu verstehen. 

Es ist unverkennbar, wie auf Grund der eben festgelegten Be- 
stimmungen Wert und Werterlebnis, insbesondere Werthaltung, gleich- 
sam auseinander rücken. Konstitutiv für den Wert sind zwei Erlebnisse, 
<üe niemals zugleich gegeben sein können, da für das eine der Glaube 
an das Sein, für das andere der Glaube an das Nichtsein des präsum- 
tiven Wertobjektes wesentlich ist. Der Wert selbst ist so wenig ein 
Erlebnis, daß er seinen beiden Komponenten nach gar nicht auf einmal 
«riebt werden kann und nur etwa die Frage aufzuwerfen ist, welcher 
Art das Erlebnis sein mag, das ihn zu erfassen geeignet ist. 

Besonders dringend aber macht sich das Bedürfnis geltend, schon 
hier einen Gesichtspunkt namhaft zu ' machen, unter dem die beiden 
Partialwerte sich als zusammengehörig darstellen und nicht etwa bloß 
•disjecta membra ausmachen. Ich habe in dieser Hinsicht einst^ auf die 
Stellung hingewiesen, die diesen beiden Komponenten hinsichtlich der 
Begehrungsmotivation zukommt und denke mir dadurch nicht den Vor- 
wurf zugezogen zu haben^, ich hätte so die Gefühlsdefinition zugunsten 
der Begehrungsdefinition des Wertes aufgegeben. Indes hat man es hier 
zwar mit einer wichtigen, aber doch allzu entfernten Folgetatsache zu 
tun, als daß man den Wertgedanken selbst gleichsam nach ihr orientiert 
glauben dürfte. Und in der Tat ist der Gesichtspunkt, unter dem die 
beiden Partialwerte ihre natürliche Zusammengehörigkeit erkennen lassen, 
naheliegend genug. Es ist eine recht alltägliche, aber doch ganz charakte- 
ristische Betrachtungsweise, die Gegenstände sozusagen auf ihre Objektive, 
zunächst auf Sein und Nichtsein, anzusehen und auf das Ergebnis solcher 
Betrachtung durch die uns geläufigen Wertgefühle zu reagieren. Diese 
beiden Reaktionsweisen können zwar, wie berührt, niemals zugleich auf- 
treten, aber sie gehören ihrer Natur nach zu einander und es ist insofern 
auch natürlich, sie in einem einzigen Gedanken zu vereinigen, als der 
sich uns der Gedanke des Totalwertes oder des Wertes schlechthin darstellt. 

§ 6. Der persönliche Wert. 

Aus den Ergebnissen der bisherigen Untersuchungen können 
wir nunmehr durch den Versuch die Summe ziehen, das Wesen des 
natürlichen Wertgedankens, soweit dabei der persönliche Wert in 
Frage kommt, auch definitorisch zu charakterisieren. Prinzipielles über 



1 „Über Werthaltnng und Wert", a. a. 0., S. 338 ff. 

2 Vgl. „Über Annahmen" a, S. 324 f. 



§ 6. Der persönliche Wert. 



148 



die an eme solche Definition zu stellenden Anforderungen habe ich 
bereits an anderem Orte^ beigebracht, darf aber nicht verschweigen 
tl w T f t ^^^«^^"elnde Stellung, die ich heute in Sachen der Zur 
des Werterlebnisses einnehmen zu müssen meine,^ auch hinsichtlLh 
dieser Anforderungen minder exklusiv zu sein gebieten mag Das 3 

lUTn T"''"''""^ ''^^' '"^ ^^^^""^ ^^^^^°' falls ^sichGrunS 
ergeben sollte zu vermuten, der eigentliche, sozusagen ungetrübte Wert- 
gedanke werde erst jenseits der Sphäre zu suchen sein, in LS 
zunächst noch durch die auf das Persönliche gerichtete Betrachtunrs 
weise eingeschränkt sind. cuttuinungs 

.fw« ?.'^'^^,^^«^7^ vorausgesetzt, bietet sich als einfachste Bestimmung 
etwa diese dar: der persönliche Wert ist die Eignung eines Objetos 
vermöge seiner Beschaffenheit und Position den Gegenstand von wS 
erlebmssen eines Subjektes abzugeben. Indes macht sich an dieser 

ITIZ% ''^'' ^'''f'f ''' ^^^^^"^ ^'' ^''^^'' ^üh^bar, daß hTer 
was .Wert sei, durch den Hinweis auf das „Werterlebnis" klar zu 

WeisrwT"''' wird: ein wirklicher Zirkel ist"das in AnbetracS der 
Weise, wie seinerzeit^ der Begriff des Werterlebnisses eingeführt worden 

7f;Jr'''''^''-f'^^'° '"^^ wünschen, auch den Anschein eines 
Zirkels zu vermeiden. Es kommt hinzu, daß sich uns wiederholt so ins 
besondere bei Elimination des „Anlasses« aus den thetischen ErSn ung - 
bestimmungen, gezeigt hat, wie das aktuelle Auftreten der Werterlebnisse 
für das Gegebensein eines Wertes ganz unwesentlich ist, indes derCS 
rr ^.^Jf ^f ;, ^^^ Gegenstand von Werterlebnissen eines Subjektes abzu 
Smli r ' T ß^^f ^ff^»»^^i* des Subjektes gegenüberstehen muß, 
vermöge deren in diesem durch den .Anlaß« das betreffende Werterlebnis 
ausgelost wird. Das ist mehr als die oben unter den thetischen ErgTn 
Zungen aufgeführte emotionale und intellektuelle Veranlagung und Orien- 
taerthei des Subjektes; es ist vielmehr jene dem Gegenstande inbeson- 

^^ntL /' nTT'"' ^^'«P^^^^^^^^e^^ d- Subjektes, 'die uns schon gX 
genthch der Betrachtung der Gegengefühle^ unter dem Namen des Inter- 
esses, genauer des praktischen Interesses oder des Interesses an etwas 
entgegengetreten ist und sich natürlich außer in den Gegengefühlen 
auch in den diesen Gefühlen geeigneten Falles zugeordneten Bejeh 
rungen betätigt. Von den Werterlebnissen so zur Difposition L Wet 
erlebnissen überzugehen, führt zugleich den Vorteil mit sich, der Rück- 
}Tjt.l^ Besonderheit der angesichts der nämlichen Sachlage mög- 
hchen Wer erlebmsse überhoben zu sein, soweit ihnen die nämliche 
dispositionelle Grundlage zugehört. Auch können unter dem Titel Inter- 
w7rJl Bedarfsfalle neben den Dispositionen zu relativ elementaren 
Sfn f !^ ^"'^ .1.'" komplexeren und abgeleiteteren einbezogen 
werden^ die neuerlich^ nicht ohne Grund Gewicht gelegt worden ist. 

^ „Über Annahmen" 2, S. 325 f. 

2 Vgl. oben S. 44 f. 

3 Vgl. oben S. 34 ff. 
* Vgl. oben S. 90. 

5 Vgl. insbesondere W. M. ürban, „Valuation, its nature and lawß", S. 49 ff. 



mm 



144 



IV. Der Weitgedanke. 



§ 7. Der unpersönliche Wert. 



Unter solchen Umständen ist es der oben gegebenen Bestimmung 
gegenüber in mehr als einer Hinsicht ein Gewinn, zu sagen: der 
persönliche Wert eines Objektes besteht in dessen Eignung, vermöge 
seiner Beschaffenheit und Position Gegenstand des Interesses an seinem 
Sein und Nichtsein seitens eines Subjektes zu sein. Daß man hier nicht 
etwa so formulieren dürfte : „Wert ist die Eigenschaft eines Objektes, 
vermöge deren dieses das in Rede stehende Interesse auf sich zieht", 
ist nach dem Obigen klar: das Interesse beruht eben nicht nur auf der 
Beschaffenheit, sondern auch auf der Position des Objektes. 

Nicht ohne Nutzen kann man nun, um das Wesen des persön- 
lichen Wertes zu kennzeichnen, auch den Gedanken der Bedeutung 
heranziehen, wie dies neuerlich wiederholt geschehen ist. Man muß dabei 
nur der ohne Zweifel bestehenden Gefahr begegnen, sich durch das 
Wort irreführen zu lassen. Im allgemeinen kann ja nämlich nichts 
klarer sein, als daß man nur dann von der „Bedeutung" einer Sache 
reden wird, wenn man den Bereich intellektuellen Erfassens in der 
Richtung des Emotionalen überschreitet. Dies wird aber nicht wenig 
durch die Ausnahme verdunkelt, die sich in dem besonderen Falle ein- 
stellt, daß von der „Bedeutung" sprachlicher Ausdrucksmittel, etwa der 
Wörter und Sätze gesprochen wird. Denn da fallen die Bedeutungen 
zusammen mit den Gegenständen der ausgedrückten Erlebnisse^ so daß 
ein Verlassen des Bereiches intellektueller Betrachtungsweise vorerst 
noch gar nicht geboten erscheint. Ob freilich durch solche Anwendung 
des Wortes „Bedeutung" nicht eben gerade das an sprachlichen Aus- 
drücken in besonderem Maße Bedeutsame herausgehoben sein und so 
das emotionale Moment am Ende auch da zur Geltung gelangen soll, 
wie sich andererseits solches „Bedeuten" etwa zum „Hindeuten" ver- 
hält, darüber ist natürlich nur die Sprachwissenschaft kompetent. Für 
unsere Zwecke genügt es auf alle Fälle^ „Bedeutungen" in diesem 
besonderen Sinne ausdrücklich auszuschließen. Nur ist freilich, was dann 
übrig bleibt, trotz seiner Beschränkung auf das emotionale Gebiet für 
unsere Zwecke insofern immer noch zu allgemein, als man ganz wohl 
auch von einer theoretischen oder einer ästhetischen „Bedeutung" reden 
mag, so daß in das Anwendungsgebiet des Wortes außer den Wert- 
gefühlen auch die ästhetischen, logischen, ja wohl selbst die hedonischen 
Gefühle einbezogen erscheinen. Wirklich kann auch, wer das Wort 
,Wert" weit genug verstehen will, nach dem Vorgange J. Kl. Kreibigs^ 
den Wert als „Gefühlsbedeutung" definieren. Es ist indes bereits darauf 
hingewiesen worden, warum es sich, ohne dem erweiterten Wert- 
begriflfe jede Berechtigung abzusprechen, doch empfiehlt, im gegen- 
wärtigen Zusammenhange den engeren Wertbegriff festzulegen. Dazu 
ist natürlich eine Einschränkung des Bedeutungsbegriffes erforderlich, 
die aber leicht genug dem Umstände zu entnehmen ist, daß es das Sein 
und Nichtsein der Objekte ist, dem wir die Wertbetrachtung in so charak- 



145 



1 Vgl. „Über Annahmen" 2, S. 25. 

3 „Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie", Wien 1902. 



tenstischer Weise zugewendet gefunden haben. Charakterisiert man also 
die einem Objekte vermöge seines Seins, respektive Nichtseins zu- 
kommende Bedeutung etwa durch den Ausdruck „Seinsbedeutung' so 
kann man auch wohl sagen: der persönliche Wert eines Objektes ist 
die (hesem nach Beschaffenheit und Position zukommende Se nsbedeu- 
tung für em Subjekt. W M. Urbans Bestimmung des Wertes als „affektiv- 
vohtionale Bedeutung«' steht einer solchen Aufstellung ziemlich nahl 

abgeTehen Tstf '" '"' ''"^ "'"''" """^^""^ ''' Wertbegriffes 

§ 7. Der unpersönliche Wert.['8j 

Pl^i^ loimgehenien durchgeführten Untersuchungen haben die 
ausdrückliche Voraussetzung gemacht«, daß der Wert, in dessen Eigen- 
art es emen Einblick zu gewinnen galt, der persönliche Wert sei ' Es ' 
ist nun an der Zeit, die Frage aufzuwerfen, ob, diese Voraussetzung 
zu machen, selbst schon im Wesen des Wertes begründet sei Wir 
gelangen damit zu einem Thema, dem ich bereits an anderem' Orte« 
naher zu kommen versucht habe. Auf die dort gewonnenen Ergebnisse 
muß hier zuruckgegnffen werden, um in betreff der uns jetzt beschäftigen- 
den Fragestellung zu einem natürlichen Abschlüsse zu gelangen 

Da es uns mcht um die Herstellung einer willkürlichen Definition 
des Wertes, sondern um die Beschreibung der im Werte sich dar- 
bietenden Tatsächlichkeiten zu tun ist, hierzu aber zunächst möglichst 
getreues Pesthalten des der wissenschaftlichen Bearbeitung vorgegebenen 
Wertgedankens erforderlich erschien, verdient vor allem konstatiert zu 
werden, daß diesem Gedanken die Bezugnahme auf ein Subjekt doch 
nicht wohl obligatorisch sein kann. Gold, Edelsteine und andere „Kost- 
barkeiten haben für den werttheoretisch Naiven ihren oft sehr 
geheimnisvoll genommenen, Wert in sich. Sie haben dann freilich auch 
Wert speziell für den Eigentümer oder Besitzer : das ist dann aber in 
der Meinung unseres Naiven nur eine Art abgeleiteten Wertes, abgeleitet 
von jenem inneren Werte, den man solchen Dingen vermöge ihrer 
besonderen Natur zuschreibt. Solche Betrachtungsweise muß sich dann 
freilich auf ökonomischem Gebiete recht weitgehende Richtigstellungen 
gefallen lassen. Diese betreffen am Ende aber doch nur die Anwendung 
unseres Wertgedankens, nicht diesen selbst, und auch in betreff der 
Anwendung stellen sich die Dinge wesentlich anders, wo es sich um 
den Wert des Wahren, Schönen und (ethisch) Guten handelt. Durchaus 
auf gleicher Linie freilich rangieren die Glieder dieser altehrwürdigen 
Tnas nicht. Wahres und Schönes leitet seinen Wert davon ab wahr 
respektive schön zu sein, indes der Wert des Guten direkt dadurch 
ausgemacht wird, daß es gut ist.» Darin aber zeigt sich volle Überein- 

» Vgl. „Valnation", S. 26. 
' Vgl. a. a. 0., S. 31 ff. 
ä Vgl. oben S. 12. 



* J«'- »Über emotionale Präsentation", § 13. 

* Vgl. „Über emotionale Präsentation" [§ 11, § 15] [89], 



Meinong, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie. 



10 



"». 



146 



IV. Der Wertgedanke. 



W.u 



m 



Stimmung zwischen diesen drei Wertarten, daß die Frage nach einem 
Subjekte für dieselben in jedem dieser Fälle vorerst gleich ferngerückt 
erscheint. Zwar weist bei näherer Betrachtung die Verschiedenheit 
dessen, was unter verschiedenen Umständen gefällt, respektive für gut 
gehalten wird, wieder auf den Anteil von Wertsubjekten hin. Aber daß 
für mich schön und noch mehr, daß für mich gut sein soll, was für 
einen anderen häßlich und vollends schlecht ist, damit kann sich, 
wenigstens seinem unmittelbaren Fühlen nach, auch der Theoretiker 
schwer abfinden. Der Appell an ein möglichst umfassendes Kollektiv- 
subjekt kann dann ohne Zweifel viele Härten mildern und speziell auf 
ethischem Gebiete habe ich selbst durch Hinweis auf die „umgebende 
Gesamtheit ^ Rat zu schaffen versucht. Da ist aber das Bedürfnis, für 
die ethischen Werte ein Subjekt zu bestimmen, zunächst doch aus der 
Übertragung der Anforderungen hervorgegangen, die der persönliche 
Wert stellt^. Läßt man sich aber durch diese nicht vor einnehmen, so 
ist kaum zu verkennen, daß zwar sicher die ethischen Wertstellung- 
nahmen ganz ebenso wie alle anderen nur an Subjekten auftreten, im 
Gedanken des ethischen Wertes aber das Subjekt so wenig eine natürliche^ 
Rolle spielt, daß, sie zur Voraussetzung allen ethischen Wertes zu 
machen, zu der nahezu absurden Konsequenz führen müßte, den ethischen 
Wert au die Existenz dieser Subjekte zu binden. Wem es für eine 
Selbstverständlichkeit gilt, daß das Leben der Güter höchstes nicht 
sein kann,^ der wird also von der Forderung eines Subjektes für allen 
Wert gerade bei den höchsten Gütern abgehen müssen. 

Zu ganz übereinstimmendem Ergebnisse gelangt man, erstaunlicher- 
weise, möchte man fast sagen, bei gewissen Werttatbeständen, die 
zunächst mit voller Deutlichkeit auf ein bestimmtes Subjekt hinweisen, 
dieses aber dann doch nicht als Wertsubjekt in Anspruch nehmen können, 
weil das Werterlebnis fehlt, das, wenn die vorangehenden Darlegungen 
im Rechte waren, im Falle persönlichen Wertes diesen Wert mit seinem 
Subjekte verbindet. Für das Kind sind, damit muß alle Pädagogik rechnen, 
viele Dinge von Wert, die es in seinem Alter nicht zu erfassen, vollends 
nicht zu würdigen imstande ist, und von geistig zurückgebliebenen 
Erwachsenen gilt dasselbe. Die Werterlebnisse, aber sind hier schon 
vermöge des Mangels an den erforderlichen Voraussetzungsurteilen aus- 
geschlossen. 

Im Beispiel vom Kinde konnte man immerhin zunächst meinen, es 
liege da überhaupt kein gegenwärtiger, sondern höchstens ein künftiger 
Wert vor, ein Tatbestand nämlich, der erst in Zukunft Wertcharakter 
annehmen wird, eben dann nämlich, wenn der ausreichend Herange- 
wachsene die erworbenen Fähigkeiten wird gebrauchen und schätzen 
können. Und solche Auffassung findet eine Stütze darin, daß, wenn das 
Kind etwa stirbt, ehe es das Erlernte hat anwenden können, man die 
Mühe des Lernens leicht als eine verlorene bedauert. Eine solche Auf- 



1 „Psych, eth. Unters.", S. 216. 

2 VgL a.a. 0., S. 163 ff. 

' VgL „Über emotionale Präsentation", S. 145. 



§ 7. Der unpersönliche Wert. ^m^ 

fassung braucht keineswegs allemal verfehlt zu sein, und zu beurteilen 
wann sie zutrifft, kann verwickelte Erwägungen erf rdern Daß e^l^^ 
mcht die emzig mögliche Auffassung ist, dafür bürgt die Analogfe des 
Beispiels vom Schwachsinnigen. Dagegen mag es nahe liegen sTh hier 
wieder auf die Möglichkeiten zurückzuziehen und den hlr 'zweSeKos 
vorliegenden Wert in Beziehung auf gerade dieses Subjekt durch £e 
- Berufung darauf zu legitimieren, das betreffende Subjekt würde die von 
Z^ r'l ^"" P\^«önlichen Wertes verlangte Werthaltung oder etwa 
auch Begehrung ohne Zweifel auslösen, wenn es die intellektueHe 
respektive emotionale Eignung dazu hätte. Aber welcher Sirmöchte 
emem solchen „würde« beizulegen sein, wenn die Bedingungen, an die 
die Verwirklichung geknüpft ist, zuverlässig unerfüllt bleiben müssen? 
Fehl sonach das Werterlebnis, so wird ein Subjekt, dem diesrunzu 
tZtj"\rf '^'^' ^"'^ Wertsubjekt heißen dürfen, so daß dem 
Nur SphT JTr ^l^^i^^V^berhaupt nicht zuerkannt werden kanT 
Nur erhebt sich dann immerhin die weitere Frage, unter welchem 
Gesichtspunkt ein solcher Wert dann doch unbedfnLlich gerlde auf 
dieses oder jenes bestimmte Subjekt bezogen und als diesem Subjekte 
in besonderer Weise zugehörig betrachtet wird ^ 

Aber die Antwort auf diese Frage kann unschwer gefunden werden 
Daß zum Beispiel einem Kinde nicht fehle, was es am Lebeh und be 
Kräften erhalt, das bedeutet ohne Zweifel einen Wert, an dem d^ 
Kind n ganz besonderer Weise beteiligt ist. Die Beteiligung bezieht 
sich nicht etwa nur auf eine vielleicht ziemlich ferne ZukLff, n dir 
das herangewachsene Kind sein Leben und seine Leistungsfähigkeit 
selbst wird werthalten können. Das schließt einfachst dieA!lStl 
Schwach- oder Blödsinnigen aus, für den die Zeit solcher WerthaUung vor' 

rZh '1 ""'""^fl ^""^"^Z ^^'^- ^'' ß^teiiig^ng des Subjekts besteht 
VWi. if ' ^^ß d^««^^ Erlebnisse, Zustände, Dispositionen usw. die 
Wertobjekte ausmachen. Das können natürlich auch Gefühle des Sub- 

C!LT' ^^t'."^"''^''^ die Wertobjekte sind, werden dadurch begreif, 
hcherweise nicht etwa zu Wertgefühlen, um derenwillen man den 
betreffenden Wert einen persönlichen Wert nennen dürfte. Dagegen 
genügt der Umstand, daß es sich da um Erlebnisse oder Zustlnde 

S^% ^'^''''''T''.^^""' bestimmten Subjektes handelt, durchaus,' 
zwischen diesem und dem Werte eine besonders enge Verbindung zu 
stiften. Vielleicht wäre es deutlicher, in solchen Fällen statt vom Werte 
für das betreffende Subjekt von einem Werte an diesem Subjekte zu 
reden; sieht man aber auch davon ab, so wird man doch nicht außer 
acht lassen dürfen, daß hier jene charakteristische Beziehung zum Subjekt 

Swft T.h7r"r ^'\ ^" ^'^ vorangehenden Paragraphen dieser 
Schrift behandelte Wert als persönlicher Wert hat bezeichnet werden 
müssen. 

Eiae weitere Gruppe hiehergehöriger Tatsachen liegt im Gebiete 
der in den vorangeheaden Ausführungen schon wiederholt' erwähnten 

' Vgl. insbesondere oben S. 123. 



', ** %^ 



10* 



148 



IV. IJer Wertgedanke. 



Wertirrtümer, respektive der diesen gegenüberstehenden sogenannten 
falschen oder eingebildeten Werte vor. Näher soll hier nicht von den 
immerhin nicht seltenen Fällen die Rede sein, wo man von Richtigkeit,, 
respektive Falschheit der Werte redet, aber eigentlich den Wert von 
Werthaltungen im Auge hat, den R. Müller-Freienfels, seiner allgemeinen 
Auffassung der Werttatsachen folgend, konsequent als neue „Stellung- 
nahme" zu den beiden den Wert sonst schon ausmachenden Stellung- 
nahmen, also als „tertiäre Stellungnahme" beschreibt.^ In weit minder 
entlegenem Sinne geschieht es ohne Zweifel, daß man etwa den Wert 
eines Amuletts, eines Zaubertrankes, einer gefälschten Urkunde und der- 
gleichen für bloß eingebildet erklärt. Ich habe solchen Tatsachen einst^ 
ausschließlich vom Standpunkte des persönlichen Wertes aus gerecht 
zu werden versucht, aber schon damals den Versuch nicht als ohne 
jeden Rest gelungen ansehen können.' Seither hat der Fortgang der 
Forschung manches in anderem Lichte betrachten gelehrt und speziell 
in Sachen der Wertirrtümer, wenn ich recht sehe, das Verlassen des 
einst von mir eingenommenen Standpunktes in einer Hinsicht unent- 
behrlich gemacht, die besonders deutlich erkennen läßt, wie wenig der 
natürliche Wertgedanke mit dem Gedanken des persönlichen Werte» 
ein für allemal zusammenfällt. 

Dies ergibt sich bereits, wenn man den Wertirrtümern gegenüber 
den ohne Zweifel nächstliegenden Standpunkt einnimmt, indem man 
von der in der Tat selbstverständlichen Voraussetzung ausgeht, daß 
Wahrheit und Irrtum jedenfalls eine Angelegenheit des Urteils ist. Das 
scheint zu bedeuten, daß auch die Wertirrtümer nicht auf emotionale, 
sondern ausschließlich auf intellektuelle Grundlagen zurückgeführt werden 
müssen. Als solche Grundlagen bieten sich ungesucht die intellektuellen, 
genauer die Urteilsvoraussetzungen unserer Werterlebuisse dar und es 
fällt in der Tat nicht schwer, dies an mannigfaltigen Beispielen zu 
verifizieren, bei denen falsche Voraussetzungsurteile zweifellos das 
Entscheidende sind.* Wer also etwa ein Wunderheilmittel oder einen 
Talismann werthält, befindet sich damit in einem Irrtum, der ohne 
Zweifel zunächst darin besteht, daß er dem betreffenden Dinge Eigen- 
schaften zuschreibt, die es in Wahrheit nicht besitzt. Daß mit der 
Berechtigung der Voraussetzung auch die der Werthaltung stehe und 
falle, gilt dabei für selbstverständlich. Ist nun aber die Selbstverständ- 
lichkeit oder auch nur die Korrektheit einer solchen Konsequenz ein- 
zusehen, solange man sich bloß an den Gedanken des persönlichen 
Wertes hält? Besteht aller Wert in der Eignung eines Objektes, das 
Interesse eines Subjektes auf sich zu ziehen, mit welchem Rechte könnte 



1 „Gnmdzüge einer neuen Wertlehre" a. a. 0., S. 357 ff., von den daselbst 
mit znr Sprache gebrachten Wertkonflikten darf hier vollends abgesehen werden. 

2 Vgl. „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", § 26. 
8 Vgl. a. a. 0.. S. 80 f. 

* A. a. 0., S. 77 ff., vgl. auch Chr. v. Ehrenfels, „System der Wert- 
theorie", Bd. I. S. 102ff., 174ff., sowie emigermaßen J. Kl. Kreibig, „Psycho- 
logische Grundlegung eines Systems der Werttheorie", Wien 1902, S. 7, 9. 



§7. Der nnpersönliche Wert. ,,^ 

149 

man dem Talismann seinen Wert absprechen, respektive diesen W^rt 
4»l8 emen bloß eingebildeten bezeichnen? Nimmt man illnAn !! » f 

Zt I! w * i , "" ^^'^ ^"'^^'■« ^^^' unter dem Einfluß ein^ 
1« Q ^^^,Y S^^^^^^^s, die in der Bezugnahme auf das WerterleC 

dieser beite Rechnung zu tragen, das Moment der Persönlichkeit ai^ 
der Bestimmung des Wertgedankens eliminiert werden müsse ist dami? 
freihch noch nicht dargetan, unterstützt aber natürHch was' soLt S 
eine solche Elimination hinweist. "^ 

fest^eh^iltn' if'fi '"'"■ -,"•? *^^'' ^'^ ^^"'^'^^' «° <Je^ Voraussetzung 
festgehalten daß, weil der Gegensatz von wahr und falsch iederze» 

wL* ^r"' ,r""'^"'''' "^^ ^^'«°''«° wahrem und eTngebUdeTem 
Wert nich wohl anderes, als Sache der VoraussetzunStei e von 
Werterlebnissen sein könne. In der Tat entspricht, ihn nich etwa 

ts rr Ret? 't'^'T; ^'" =='"^''='^^' den'oefilhlen brumessen 
Bestens der Regel: ,De gustibus non est dlsputandum" Ohne Zwnif« 

tXZtlllT'trZ ""^ ''' ^^^^^^^""^ '^^^ a^fls^Get 
«er yvertnaltungen vollzieht sich von selbst. Dennoch wird sie in Her 

S'\^"i öfter aufgestellt als tatsächlich befolgt undTnWahrheitt 
mchts häufiger, als daß über die „gustus" und deren Analoga disputiert 
wi d. Und sicher erweist sich als das, was der Regel zu eter SS 
weiten Auwendungssphäre verhilft, weit mehr die immer ^eder zu 

1 r"t£d'[S riidr "^^-t^-'^f-'^'^^"' ^'''•'^- sTeit^ einem 
«inverstandiichen Ende zu fuhren, als etwa eine aus der Natur der 

Sachlage geschöpfte Überzeugung davon, daß dabei die Voraussetzung 
ausgeschlossen wäre, von den Streitenden könnte oder Se S 
Sar emer doch jedenfalls im Unrechte sein. Vielmehr ist "s auch ?J^ 
Sr^M ' u'' ""' ''' ^^'' ^"S*- ^«" "-'«riiS il schw fgend 

tlrlllZ "^.^^"^^^ «^V ^'« aus der Not der Resignation dann noch 

n^ch nfch wi' f?'''' '°V""^'°'= '" '""''^^°' <1'« «« ""terläßt, dort 

noch nach Wahrheit zu suchen, wo für den Gegensatz von wahi- und 

falsch gleichsam die Angriffspunkte fehlen. 

Die Möglichkeit also, es könnte am Ende doch -solche Anitriffa. 

punkte geben, wird man nicht zu rasch von der Hand weisen dürfen 
sTelunr:irs"' '^T.^-'^f «^^ -- wenige, je sicheTerdie We" 
IS ^ ^"^^^ ""'* ^°''^'^^' <^äter dem Streite tatsächlich 

entrückt, je weniger man bei diesen geneigt sein wird etwa in ihtfir 
^n^egengesetzten Einschätzung nichts^ls Vlulfu^k TerechS 

aufde^W ^TV^ '"''""• ^' S«°"S*' '" 1'«««'» Sinne neuerUch 
auf den Wert des Waliren und Schönen als solchen hinzuweisen dem 

der des Guten nur deshalb nicht an die Seite zu setzen ist, weü' sein" 

Behauptung leicht allzu tautologischen Charakter an sich tragen könnte 

Man engeht dieser Gefahr, wenn man vom Guten Laulmeken 

zu spezielleren Fällen des Guten übergeht. Und Tatsa he Krohne 



150 



IV. Der Wertgedanke. 



Zweifel, daß etwa von werktätiger Treue und Liebe nicht leicht jemand 
behaupten wird, daß, wer ihr vor Falschheit und Bosheit einen Wert- 
vorzug beimißt, darin im Grunde weder recht noch unrecht habe. Es 
scheinen also ganz positive Gründe dafür zu sprechen, daß es neben 
den sozusagen intellektuellen Wertirrtümern auch noch sozusagen emo- 
tionale gibt. Das wirft dann aber auf die Natur der sich vor dem 
emotionalen Forum bewährenden Werte ein neues Licht. 

Solansje nämlich die Wahrheit der wahren, die Falschheit der ein- 
gebildeten Werte nur in der Wahrheit, respektive Falschheit der Vor- 
aussetzungsurteile gesucht werden darf, bleibt das Persönlichkeits- 
moment durch diesen Gegensatz insofern unberührt, als das Wertvor- 
zeichen und natürlich auch die Wertgröße doch zuletzt davon abhängig 
bleibt, wie das Subjekt auf jene Voraussetzungsurteile emotional reagiert: 
unbeschadet der Wahrheit der Voraussetzungsurteile kann dann immer 
noch für den A Wert haben, was für den B Unwert hat. Stehen dagegen 
die emotionalen Werterlebnisse dem Werte in irgendwie ähnlicher 
Weise gegenüber wie die intellektuellen Erlebnisse den Tatsächlichkeiten, 
dann ist ein derartiger Anteil der Erlebnisse am Werte, wie ihn der 
persönliche Wert darbietet, doch ganz erheblich in die Ferne gerückt. 
Ob etwas als Tatsache zu Recht besteht, hängt ja in keiner Weise 
davon ab, ob dieses oder jenes Subjekt darüber affirmativ oder negativ 
urteilt: eine solche Eventualität könnte nur primitivster Psycholcgismus 
des Erkennens für diskutierbar halten. In analoger Weise aber wäre 
es dann auch nicht minder psychologistisch, den wahren Wert in einem 
potentiellen oder aktuellen Werterlebnis bestehen zu lassen. Sowie das 
tatsächliche Objektiv als solches wahr bleibt in alle Ewigkeit, wie immer 
es, ja ob es überhaupt von einem Subjekt erfaßt werde oder nichts 
so bliebe dann der tatsächliche Wert ein wahrer Wert, gleichviel wie 
und ob überhaupt ein Subjekt auf ihn reagiert. Und so wenig die 
Wahrheit in irgend einem Sinne als persönliche Wahrheit angesehen 
werden dürfte, so wenig Grund hätte man bei Werten der eben charak- 
terisierten Art noch von persönlichen Werten zu reden. Man hätte es 
da mit einem unpersönlichen Werte zu tun. 

Schließlich sei in diesem Zusammenhange noch einer Tatsache 
gedacht, der strikte Beweiskraft zwar nicht zukommt, umso sicherer 
aber eine deutliche Tendenz zu einer solchen. Als es galt, dem Gedanken 
des persönlichen Wertes zwischen den Extremen des reinen Aktual- 
und des reinen Potentialbegriffes die ihm zukommende Stelle anzuweisen,^ 
fanden wir den reinen Aktualbegriff unbrauchbar: der Wert ist niemals 
das Werterlebnis. Vom reinen Potentialbegriff aber war keineswegs das 
nämliche zu sagen: es ist durchaus sinnvoll, einem Objekte Wert bei- 
zumessen im Sinne einer Eigenschaft, einer Fähigkeit, die sich freilich 
nur an einem Subjekte betätigen kann, die dem Objekte aber zukommt, 
ganz unabhängig davon, wie es mit dem Sein dieses Subjektes bewandt 
ist. Als Wert für das Subjekt ist derlei schon recht schwer zu charak- 



1 Vgl. oben S. 123 ff. 



§7. Der unpersönliche Wert. 

Sef Wert Ju °!^'" T.«'"^"*""' Werterlebnisse, denen efn zuge! 

solchen Tatbeständen^SSf:; ^f^^Z^'^^ir:'::^ 

eLZuTT '°"""^' '^' ""»«i '° <^«r mfdernen Werttheorie d°e 
Eventualität anderen als persönlichen Wertes nur ausnahmswS ernlt 
haft ms Auge gefaßt findet. Nicht darum handelt es ^h dibr It 
überhaupt Smn hat. das Moment der Persönlichkeit n die Wertbe'rachw 
einzubeziehen : hierfür legen die zahlreichen Erfahrungen zu deutJ^pf 
Zeugnis ab, die die Gebundenheit vieler Werte au ihr S^,Mptt,?nHH 

R«i„ ^fnt l" ^^^'' r^'"''''' ""'«'• »"«1 Umständen ausgeschlossen 

aus zur Kompetenz unseres Vorstellens und Denkens so 1 W^ hi^Wn 

VotZjTn irn^"^"*"™'"- -^«"enTirntnLVeSin 
erfZlTSuLZ f r\ ""( "'"^ obligatorische Relativität zum 
erlassenden Subjekte. In der Regel meint man ganz im Gegenteil datt 
wa^^rfaß^ werden soll, dem Erfassen eben'o unThSgig geget' 

{vß. ÄfÄ„rÄarn"'l fi,T"--". - a. 0., S. 44. 
^ Vgl. oben S. 35. ' 



152 



IV. Der Wertgedanke. 



tiberstehen, diesem ebenso vorgegeben sein mui5, wie sonst die Aufgabe 
ihrer Lösung. Nun liegt es freilich nahe, die Besonderheit der Sachlage 
hier darin begründet zu sehen, daß es sich da um die in mehr als 
einer Hinsicht sicher einzigartige Relation des Erfassens handelt, indes 
auf außerintellektuellem Gebiete von etwas derartigem nicht die Rede 
sein könne. Aber gerade dieser letzte Punkt trifft, wie ich an anderem 
Orte^ dargetan zu haben hoffe, nicht zu: die Emotionen, unter diesen 
insbesondere auch die Wertgefühle, funktionieren präsentierend und 
betätigen sich dadurch als Erkenntnismittel ganz ähnlich wie Vorstellungs- 
und Denkerlebnisse, ohne darum diesen gegenüber irgend etwas an 
ihrer Eigenartigkeit zu verlieren. Und so wenig man unbeschadet der 
Subjektivität etwa der sensiblen Qualitäten von einer persönlichen Farbe, 
persönlichen Härte, persönlichen Wärme wird reden wollen, so wenig wird 
jeder Wert nur deshalb ein persönlicher Wert sein müssen, weil er uns 
allenthalben nur unter Vermittlung von Werterlebnissen entgegentritt. 

Es darf im Interesse der Klärung dieser wichtigen Angelegenheit 
nur als ein erwünschtes Zusammentreften gelten, daß die jüngste Bear- 
beitung der werttheoretischen Grundfragen^ im Gegensatze zu meinen 
vorher veröffentlichten Ausführungen (wenn auch augenscheinlich, ohne 
von diesen Kenntnis genommen zu haben) nachdrücklich für die Rela- 
tivität aller Werte eingetreten ist. Der Stellungnahme hierzu mögen 
hier noch einige Worte gewidmet sein. 

Daß zunächst das vortheoretische wie das theoretische Denken 
sich keineswegs selten auf absolute Werte hingedrängt findet, wird 
von Müller-Freienfels rückhaltlos anerkannt,^ nur das Recht dazu aus 
verschiedenen Gründen in Abrede gestellt, deren Triftigkeit zwar nicht 
jedesmal gleich überzeugend sein mag, die aber darin sicher im Rechte 
sein werden, daß keinem der in Frage kommenden Fälle die Dignität 
eines absoluten Wertes etwa ohne weiteres zuzuerkennen sein wird. 
Aber meine oben wiederholte Berufung auf den consensus omnium 
sollte auch nicht diesen oder jenen Wert als absoluten festlegen, sondern 
nur die Beschaffenheit des Wertgedankens als des Gedankens an etwas 
Nichtrelatives erkennen lassen. In dieser Hinsicht aber habe ich das 
Zeugnis unseres Autors für mich: auf was für Motive immer die „Abso- 
lutierung" der Werte zurückgehen mag, jedenfalls kommt in der Tendenz 
dazu die Meinung zur Geltung, daß die Relativität dem Werte sozusagen 
etwas abbricht, und der Wert in dem Maße gleichsam erst voll wird, 
in dem er sich der Absolutheit annähert. Natürlich ist damit noch 
keineswegs ausgemacht, daß das Denken damit nicht etwa in die Irre 
geraten ist ; aber es könnte auch die eigentliche Natur des Wertgedankens 
sein, die hierin zum Vorschein kommt. 

Nur verschlägt dies freilich eventuell wenig genug gegenüber der 
Hauptaufstellung unseres Autors, daß der absolute Wert ein Unding* 

^ „Über emotionale Präsentation", §3 ff. 

2 R. Müller-Freienf eis, „Grundzüge usw." a. a. 0. 

8 A. a. 0., S. 353, 370, 379 f. 

* A. a 0., S. 334, vgl. auch S. 354, 370. 



§ 7. Der unpersönliche Wert. 

beiden überhaupt möSSnEkenntSw^^^^^ wäre damit durch jede d^er 
aposteriorische verMrg Und £ l^T '°' "^'f- *P"°"««he und die 
begriffliche iMoment fLitSba iihl "T""'''"' ^^' ^PP^" »" 1«« 
wenn der Wertbelr ff scK SL T*^ '" ^'"^^'^ versprechen, 

die durchzuführ:fdf Äu?hlV:rf "^^^ vielmehr durch 

rthStT-cfsÄÄ"!;:^^^^ 

voriiegen für dlReHttt«» ^ ^"'' '^'"'" ^"^ J'' ^^''^ Bedenken 

Mltnif dertrttSru^^r^^^^^^^^^^ jf f» ''^ Ver- 

daß alle Werte vnn h^»^ ^^pme / ii.s liegt nahe, geltend zu machen, 

Begehren als sol..|,f.r,n f u ' ""^^ ™*'' übrigens Gefühl oder 
natüriteh iederzet In 1 ^ T-T*" °f' ''"^°- °*« Werterlebnis muH 

^ A. a. 0., S. 371. 



154 



IV. Der Wertgedanke. 



nicht nur ein Erlebnis, sondern zugleich selbst eine Erkenntnisquelle 
ist, die zwar von der äußeren Wirklichkeit, nicht aber voq sich selbst 
Kunde gibt, jene äußere Wirklichkeit also in keiner Weise zu sich in 
Kelation setzt oder erfaßt. Ganz analog wie mit der äußeren Wahr- 
nehmung ist es nun auch mit dem Gefühl bewandt. Kann ich (cum grano 
salis) vom Licht nicht anders wissen als indem ich es empfinde, so 
(mit analoger Einschränkung) auch vom Werte nicht anders, als indem 
ich ihn fühle. Ist damit aber das Licht nicht zu etwas Relativem ge- 
worden, so braucht es der Wert auch nicht zu werden. 

Aber ist durch das Dargelegte nicht denn doch zu viel bewiesen? 
Darf man des unpersönlichen Wertes wirklich ebenso sicher sein wie 
der sieht- oder tastbaren Außenwelt? Es verdient Beachtung, daß das 
eben Ausgeführte das weder besagen kann noch besagen will, da zu- 
nächst darin nur die Aufstellung zur Diskussion stand, daß die Erfahrung 
ausschließlich den persönlichen, also den relativen Wert bezeuge. Gibt 
es eine emotionale Partialpräsentation, wie wir jetzt auch kurz sagen 
können, so ist das unrichtig. Nur besser bezeugt als der absolute Wert 
bleibt der relative unter allen Umständen, schon weil die Tatsache der 
emotionalen Partialpräsentation namentlich heute, da man erst auf sie 
aufmerksam geworden ist, einen viel weniger gesicherten Tatbestand 
ausmacht als die emotionale Selbstpräsentation und weil jene zugleich 
für alle Zeit eine viel weniger zuverlässige Erkenntnisquelle ausmachen 
wird als diese. 

Freilich könnte man nun aber nach den Intentionen unseres Autors 
auch noch in der Weise, wie sich der Wert durch emotionale Präsen- 
tation verrät, eine nicht zu beseitigende Relativität sehen, in der der 
eben betonte Parallelismus zur sinnlichen Wahrnehmung gerade in be- 
sonderem Maße zur Geltung käme. Müller-Preienfels weist darauf hin, 
daß man etwa ein Buch grün nennt, obwohl es nur bei Tageslicht so 
aussieht, dagegen bei Licht blau, in der Dämmerung grau erscheint 
und so weiter^ und spricht mit Rücksicht hferauf von „Objektivierung*. 
Mit Wertprädikaten und ihresgleichen ist es natürlich auch nicht anders 
bewandt und wie dort das durch die Empfindung präsentierte, so kommt 
augenscheinlich hier das durch das Gefühl präsentierte Attribut dem 
betreffenden Dinge streng genommen nur zu in Relativität zu gewissen 
Umständen, im Wertfalle natürlichst zum fühlenden Subjekt, so daß dem 
Anspruch auf Relativität des Wertes nun doch wieder Genüge geleistet 
wäre. Und in der Tat ist damit, was zunächst die Wahrnehmungen 
anlangt, auf einen richtigen und wichtigen Sachverhalt hingewiesen, 
der schon gebührende Würdigung erfahren hat^ und auch gegen die 
Anwendung auf das Gebiet des emotional Präsentierten wird kein Ein- 
wand zu erheben sein. Aber was damit gesagt sein will, ist doch nur. 
dies, daß, wenn wir aus den Wahrnehmungsdaten das herausarbeiten 

1 A. a. 0., S. 350 f. 

2 Vi;l. E. Mally, „Znr Frage nach der Bedeutung der Erscheinungen 
ftlr das Erfassen des Nichtphänomenalen", VIIL Jahresbericht des II Staats- 
gymnasiums in Graz, 1910, besonders S. 9. 



§7. Der unpersönliche Wert. 

ZS' was der wZ Ti" ^'^ «'°««0''«le Präsentation direkt und 
ehT AbsX es L Inmi ' -1^°.° ''^' ''" "°^ ^^'^' ^^<^ dieser Wert 

wrd S\uZr^^'1''' r'f'' '''" Eiden wücksTh'en 
mM ^ich aber ITp ^ ^ mindestens sehr nahe. Immerhin mag- 

^n^al en und a£ wT'^ .'" '? schwieriger Sache vorerst bessef 

erst in Angriff TU T ^T ^"''""^ ^^' >«" wesentlichen doch 
erst m Ang riff zu nehmenden Untersuchung überlassen. [*'] 

Wissens'sf 9^!'"' '^"''''"•™'^«" "«"«' <«« Erfahnmgsgrandlagen miserea 

l "öfnnd^flge einer neuen Wertlehre", a. a. S 370 ^79 f Q7ft 
' A. a. 0., bes. Kap. IV. nnd V. ' '^'■' ^'^- 



li>6 



IV. Der Wertgedanke. 



Zeigt sich so der Hinweis auf die emotionale Präsentation geeignet, 
«in Hindernis zu beseitigen, das sonst bei Anerkennung unpersönlichen 
Wertes entgegenstehen könnte, bietet ferner diese Präsentation eine 
positive Ergänzung zu dem, was an negativer Charakteristik der Sach- 
lage aus der Tatsache der emotionalen Wertirrtümer zu entnehmen 
war, so verspricht der Gesichtspunkt der hiermit den Emotionen und 
insbesondere den Wertgefühlen zuerkannten Funktion als Erfassungs- 
und daher Erkenntnismittel nun auch eine erste Orientierung darüber 
zu ermöglichen, auf welchem Wege die Frage nach der Tatsächlichkeit 
und dann auch die nach der näheren Beschafleiiheit unpersönlicher 
Werte einer Beantwortung zuzuführen sein möchte. In beiden Hinsichten 
darf die Präsumtion möglichst weitgehender Analogie zur intellektuellen 
Präsentation als heuristisches Prinzip dienen. Sofern es sich bei präsen- 
tierenden Emotionen um Gefühle und namentlich Wertgefühle handelt, 
werden von den präsentierenden intellektuellen Erlebnissen am natür- 
lichsten zunächst Vorstellungen, insbesondere Wahrnehmungsvorstellungen 
in Betracht kommen. 

Vorher ist nur festzustellen, was aus der Mannigfaltigkeit des 
emotional Präsentierten für den unpersönlichen Wert in Betracht kommt. 
Ein neuerlicher Appell an die natürliche, zunächst vorwissenschaftliche 
Bedeutung der Wortes „Wert" ist dabei nicht zu vermeiden. Er ergibt 
vor allem eindeutig, daß, während wir im Gebiete des persönlichen 
Wertes die Begehrungen ohne Bedenken als Werterlebnisse gelten lassen 
•durften, jetzt die durch Begehrungen präsentierten Gegenstände, die 
Desiderative^ durchaus außer Betracht kommen. Dasselbe gilt von den 
Dignitativen, soweit sie ästhetischer, logischer oder etwa hedonischer 
Natur sind. Nur ein erweiterter Wortgebrauch faßt alle Dignitative unter 
dem Worte ^Wert" zusammen.[*2] Natürlich schließt das aber in keiner 
Weise aus, Objekten, denen solche an sich vom Werte verschiedene 
Dignitative zukommen, um dieser Dignitative willen Wert auch in un- 
persönlichem Sinne zuzuschreiben. Schön sein ist an sich etwas anderes 
als wertvoll sein; aber was schön ist, hat doch eben darum unzweifel- 
haften Wert, weil es schön ist. 

Dies also vorausgesetzt, ergibt sich als erste Frage die, ob das,, 
-was nach Abzug der ästhetischen, logischen und hedonischen Dignitative 
noch übrig bleibt, ob also jene Dignitative, die man ganz wohl timo- 
logische nennen könnte, auch auf Dignitäten^ hinweisen, die ihnen 
korrespondieren. Die Analogie zu der Frage, ob unseren sensiblen 
Qualitäten oder richtiger deren Trägern wirkliche Dinge einer Außen- 
welt gegenüberstehen, fällt sofort in die Augen. Und auch der Gedanke 
4er Halbwahrnehmung' bewährt hier neuerlich seine Brauchbarkeit, die 
aber allerdings sofort eine erhebliche Einschränkung durch das erfährt, 
was man jederzeit unter dem Namen der besonderen Subjektivität der 
Oefühle der relativen Objektivität der intellektuellen Erlebnisse mit Ein- 

1 Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 113. 

2 Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 177. 

' Vgl. „Über die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens", § 20. 



§ 7. Der unpersönliche Wert 

157 

CLtnÄl"S =L?r" r-/- ^«^'- «'e.t eben 
man schon innerhalb dLCs^SfnllT.''^'.^"' ^''™'^"^°' «"d darf 
Phänomene auseinanderhalten' «ow^f""*''.^"''"^« ""^^ schlechtere 
sicher den schlechten Phänomenen an' dT«'-? ^''"^^ Präsentieren, 
^. Es kann nicht überrascTen Iß „,„ T "^ "*""«" '^^- [**) 
hier, wie allenthalben sonst beT der LTT ''f' "^^ '"^'^ ««»". ""ch 
das Sosein hingewiesen findet wth«h!"°'*"".^ ^°° Seinsfragen auf 
unpersönlichen Werte nun ausdrl khVh ! ""' ^^^' ^'^'^"^ Sosein beim 
uns die Wertgefühle präZt^a iTriT ""'' ^" ""'' -«« 
mußten, legt vor allem die Frale nahP «h .PlfDomene bezeichnen 
kurzweg zu sagen, die Gegenstände rii«l V" ..^^'^'^^^'S^ «nd, etwa 
ursprüngliche Wert. In einem 7w!i k Präsentation seien der 

Präsumtion, unpersönliche wlfS^ T° ^ ""^^ J^-^^^f^^« die 
heißen, was existiert, während wIh^!."",*"" *"""" Umständen nur das 
Kälte und so fort ganz ohne sofchrVorbeh«r-T ^^''"- ''<"'' ^^rme, 
sicheren Glauben'' reden daß «,^«17 ."'••"* ^^"*^ '»«'«' ™ ==ie«ilich 
wegs gebe. Es wird s'cL al!o wohl l"'f m '" ^'' ^'^tlichkeit keines- 
als unpersönlichen Wer vo rehZos d^fSi?' " ^"^'"«'^ '""«'^» «"«h 
die durch die Wertgefühle nräsen Wf L ^?8^''« "»'«ie gelten zu lassen, 
wie viel davon auch def wSke t Tn T-' /" l''''^ ^'"'^^ «"er 
intellektuell Präsentierten Te 2oSh f f ' '^"''° ^'« "ei dem 
lassen. Die eben erwähnte besonde.? I ff t, ^"^««'khaltung walten zu 
Werterlebnisse von unserer Subjekt vitr^"'".^" Abhängigkeit unserer 

natürlich besonders unerSc^tSdeab^^^^^^ 

im Hmblick auf die nicht seliZpL tu ^""'"P ""'' besonders 

die Möglichkeit doch auch nS „^""'^f «:*^»°g solcher Subjektivität 

Wertgefühle präsentiertr Gegen täMefÄ^ ''' ""*^' <^«" '^^'^^ 
der Wirklichkeit näher steheSten 1 S! ,*°^"'^^ff«° wären, die 
so daß sie vielleicht sogar tieferTd!« w ^ '''^ sensiblen Qualitäten, 
imstande wären, als vom Lfelektuell PrS" t' '^''^"*"'^" ^» "^^S^^ 
Zugleich erhellt, daß das Wesen r^'"" ''^^^^* ^«^en darf, 
lieh zu fassen, sich als e^^f Yu^ f u ""Persönlichen Wertes begriff- 
begrifflich festzulegen Cparbe\t''T^"'^'''^'*"'«*^"»' ^^^l 
indes der unpersÖDHche Wert dner Än> "" .'''• ^"""«^'^■■° '^^St sich 
Umwege über das Erfalen Inso J„ h ""'f ^° Bestimmung auf dem 
präsentierenden Werterlebnisse ^Il^r '"?''"'' ^"°'«8' «'« ^^ ihn 
begriffliche Charakteristik ism^n aL^!t'°.'''''^°' «'"«bestimmtere 
gegenüber den Tonempfindunffenodprvfiii .? ^.^ ^«rtenempflndungen 
gegenüber den DruckempfinduLen d?« ^'^ "" ''''' *"" '^^'^P^'^^r- 
Empfindungsgegenstände „fcht mit 'in B^trnt;^' T"" ^'' ^««»^^^ 1«' 

XÄKrciSTnS -- -" 

^-dengefunden, so -Ä^ aS t hT SrohntSSoS 
^ ygl a. a. 0., § 24 
Vgl. „über die Erfahraagsgnmdlagen unseres Wissens«, § 8. 



V ♦> 



158 



IV. Der Wertgedanke. 



r 



Bedeutung ist, den unpersönlichen Wert als Eigengegenstand der Urteüs- 
inhaltsgefühle zu bestimmen. 

Näher kann der Wert also nur in den Bereich des durch Gefühle 
Präsentierten, das ist in das Gebiet dessen fallen, was ich den durch 
Denken, respektive Begehren präsentierten Objektiven und Desiderativen 
unter dem Namen der Dignitative an die Seite gesetzt habe. Tritt hierin 
eine gewisse Analogie zwischen Objektiv und Wert zutage, so darf es 
wohl als eine Anerkennung derselben betrachtet werden, daß gelegent- 
lich der Wert der Existenz gegenübergestellt^ und nun schon von ver- 
schiedenen Seiten für den Wert die Position einer Art Seitenstückes 
zum Sein unter dem Namen des Gehens in Anspruch genommen worden 
ist. Ich mochte nicht unerwähnt lassen, daß, mir diesen Wortgebrauch 
zu eigen zu machen, zunächst ein nicht ganz unerhebliches Widerstreben 
meines Sprachgefühles zu überwinden hatte. Ich denke indes dieses 
Widerstreben, nicht zum geringsten Teile mit Hilfe des Grimm'schen 
Wörterbuches^, überwunden zu haben und freue mich der dadurch 
gewonnenen auch äußerlichen Annäherung an die Windelband-Rickertsche 
Betrachtungsweise, der ich ja, was insbesondere die absolute Natur des 
(unpersönlichen) Wertes anlangt, heute durchaus stattgeben kann. Daß 
so dem Dignitativ in igelten- ein charakterisierendes Verbum verfügbar 
wird, ähnlich wie in „sein" und ..sollen" dem Objektiv und dem 
Desiderativ, darin kommt die eigenartige Verwandtschaft dieser drei 
Klassen von Gegenständen höherer Ordnung' in erwünschtester Weise 
zu ihrem Rechte. Durch den Hinweis auf diese Übereinstimmung ver- 
suche ich ein Versäumnis früherer Publikationen gut zu machen, bei 
deren Abfassung mir insbesondere H. Rickerts Abhandlung „Vom Begriff 
der Philosophie'** unbekannt war, so daß dieses Zusammentreffen von 
ganz verschiedeneu Ausgangspunkten her nicht ohne allen verifizierenden 
Belang sein kann. In der genannten Schrift ist auch bereits die grund- 
legende gegenständliche Verschiedenheit des Wertes von den realen 
Dingen der Wirklichkeit zu ihrem Rechte gelangt«^: der genannte Forscher 
ist einer der wenigen, die darauf Bedacht nehmen, daß das Universum 
m der Gesamtheit des Wirklichen noch lange nicht erschöpft ist» und 
nur insofern könnte bei ihm die Sonderstellung der Geltung in allzu 
scharfes Lic ht gerückt sein, als auch schon Sein und Sosein, eben die 

wart« 's^26 ^^- ^*"^^' "^^^ Wertproblem in der Philosophie der Gegen- 

w.«o.fL?^-^^ß \' ^,^*®i'^^' 2. Teil, Sp. 3075 ff., spricht dem Wort« „gelten« 
wesentlich die Bedeutung „wert sein, Wert haben« zu. Dies bewährt sich fa; am 
deuüichsten vom Geld, das eben davon seinen Namen erhält, , . . b) auch von 
Ware und Wertsachen Wertsein, Kosten, . . . c) bildlich ausgedehnt auf Wert- 
best.mmung von alleriei anderem, auch sittlich, geistig, . . d) daher deich 
bedeuten, als gleichwertig vertreten, . . . ferner überhaupt vom anerLnnten 
S fi^^!.^^^'> ^®^ sich auch in Gunst und Ansehen, als Kraft und Wirkung oder 
ü^influß ändert was in dem vielseitigen »Geltung« zusammengefaßt wird . . « 

° Vgl. „Über emotionale Präsentation«, S. 105 ff. 

* Logos, Bd. I, 1910, besonders S. 11 ff. 

^ Vgl. a. a. 0., S. 12. 

6 A. a. 0., S. 13. 



§ 7. Der unpersönliche Wert. 



159 



Objektive Gegenstände sind, die dem Wirklichen nicht minder als etwas 
toto genere Verschiedenes gegenüberstehen denn die Dignitative und 
Deöiderative. 

Es würde zu weit führen, wollte ich versuchen, hier zu motivieren 
warum ich nicht auch den näheren Ausgestaltungen der Windelband- 
Rickert'schen Aufstellungen hinsichtlich des Verhältnisses dieser drei 
Gegenstandsklassen zu einander folgen kann. Daß insbesondere Wahr- 
heit im Werte, respektive im Sollen besteht, ein Objektiv also wahr 
ist, weil es gilt oder sein soll, und nicht vielmehr gilt und sein soll 
weil es wahr ist, darin kann ich doch nur eine jener quasi-koperni- 
kanischen Umkehrungen erblicken, mit denen die Geschichte der Philo- 
sophie es bereitwilliger als billig versucht hat, das gegenständlich Frühere 
dort zu finden, wo am Ende doch nur das gegenständlich Spätere anzu- 
treffen war. Aber auch wer sich in Sachen des „transzendentalen 
Idealismus« nicht zu binden vermag, wird darin, daß alle Wahrheit 
»gilt«, eine fundamentale Eigenschaft derselben anerkennen, und zugleich 
an dieser ersehen, daß „gelten« und „Wert haben« in dem in gegen- 
wartiger Schrift zunächst gebrauchten und wohl auch zunächst natürlichen 
Sinn noch keineswegs zusammenfällt, das Anwendungsgebiet des Wortes 
„gelten« vielmehr ein wesentlich weiteres ist, indem dieses den Gesamt- 
bereich der Dignitative befaßt. Das Gelten des Wahren weist zuletzt 
auf logische, das heißt Wissensgefühle, das Gelten des Schönen auf 
ästhetische Gefühle hin, so daß das .wert sein« einen durch den Hin- 
weis auf die Wertgefühle zu bestimmenden Spezialtatbestand des Geltens 
darstellt. Immerhin hat die Verwandtschaft der drei Hauptfälle des Geltens 
des ästhetischen, logischen und timologischen Geltens die Tendenz zur 
Folge gehabt, das Wort „Wert« auch in einem weiteren, alle drei Fälle 
umfassenden Sinne zu gebrauchen, was dadurch noch besonders nahe- 
gelegt ist, daß vermöge eines kaum noch zurückzuführenden Gesetzes 
die logische, respektive ästhetische Geltung jederzeit auch einen timo- 
logischen oder eigentlichen Wert mit sich führt. Man kann also immerhin 
vom Werte im weiteren neben dem Werte im engeren Sinne^ reden 
und wird nur zu vermeiden haben, dadurch der Eindeutigkeit des eigent- 
lichen Wertbegriflfes Abbruch zu tun. 

Kehren wir zur Begriffsbestimmung des unpersönlichen Wertes 
zurück, so verlangt nun vor allem noch Berücksichtigung, was uns oben« 
als der Gegensatz zwischen Partial- und Totalwert entgegengetreten ist. 
Fanden wir schon beim persönlichen Werte prinzipiell allemal wenigstens 
zwei Werthaltungen auf einmal beteiligt, so scheint nun auch der un- 
persönliche Wert nicht kurzweg durch eine der in Frage kommenden 
Werthaltungen präsentiert sein zu können. Noch auffallender ist, daß 
Sems- und Nichtseinsgefühl sozusagen nach der Richtung des nämlichen 
Wertergebnisses tendieren, wenn die Gegensätzlichkeit zwischen ihnen 
nur noch dadurch zum Maximum vergrößert ist, daß sie entgegengesetzte 



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1 Vgl. „über emotionale Präsentation«, S. 178. 

2 Vgl. oben S. 142. 



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160 



IV. Der Wertgedanke. 



Vorzeichen haben. Man sieht in solchem Lichte besonders deutlich, wie 
der Wert dem Werterlebnis als etwas völlig verschiedenes gegenüber- 
steht. Um von solcher Zweiheit zu der sich im Wertgedanken tatsächlich 
darbietenden Einheit zu gelangen, dazu steht der Konzeption des persön- 
lichen Wertes, wie wir sahen, eben die Bezugnahme auf das Subjekt 
und dessen Interesse zu Gebote. Es fragt sich nun beim unpersönlichen 
Wert, was hier, wenn die Relation zum Subjekt wegfällt, die gleichsam 
einigende Funktion dieser Relation zu ersetzen imstande sein mag. 

Inzwischen dürfte die in der Zweiheit der charakteristischen Wert- 
erlebnisse gelegene Schwierigkeit beim unpersönlichen Werte deshalb 
außer Betracht kommen, weil hier eines dieser Erlebnisse zur Charak- 
teristik der Wertsachlage allemal genügt. Das hat seinen Grund in der 
natürlichen Zusammengehörigkeit der Gegengefühle, von der wir sahen^ 
daß sie nur durch die dispositionelle Beschaffenheit des Subjektes gestört 
werden kann. Ist nämlich einmal, worauf noch ausdrücklich zurückzu- 
kommen sein wird, der Gegensatz von berechtigt und unberechtigt als 
auch auf Gefühle anwendbar anerkannt, dann ist vor allem die Frage, 
ob einem gegebenen Gefühle ein gewisses Gegengefühl sozusagen an- 
gemessen sei oder nicht, zunächst jedenfalls prinzipiell einwandfrei. 
Weiter ist nun klar, daß zwischen in dieser Weise zusammengehörigen 
Gegengefühlen der Natur der Sache nach das Verhältnis der Stärke- 
gleichheit bestehen wird: wessen Sein große Freude bereitet, dessen 
Nichtsein bereitet von Haus aus großes Leid, und bei schwachen Seins- 
gefühlen ist ebenso auf schwache Nichtseinsgefühle zu rechnen. Erst 
eine Verschiebung in den Gefühlsdispositionen des Subjektes, wie sie 
namentlich durch Gewöhnung sich vollzieht, kann hieran etwas ändern. 
Natürlich hat aber, auf diese Eventualität Bedacht zu nehmen, dort 
keinen Sinn, wo das Subjekt aus der ganzen Betrachtung ausgeschaltet 
ist. Der unpersönliche Wert ist durch Größe und Vorzeichen bloß eines 
der beiden Werterlebnisse in völlig ausreichender Weise charakterisiert. 

Wird nun aber zwischen den beiden einander nach Vorzeichen wie 
Voraussetzungsobjektiv entgegengesetzten Wertgefühlen nicht wenigstens 
eine Auswahl zu treffen sein? Offenbar nicht: der positive Wert zum 
Beispiele besteht weder in Seinsfreude noch in Nichtseinsleid; aber 
Seinsfreude wie Nichtseinsleid sind gleich adäquate Weisen, den betreffen- 
den unpersönlichen Wert zu erfassen. Offen bleibt dabei vorerst freilich 
die Frage nach der sozusagen authentischen Stärke der fraglichen Wert- 
haltung und es liegt mindestens nahe genug, zu vermuten, man werde 
da über relative Bestimmungen überhaupt nicht hinauskommen können. 

Noch eine Konsequenz in Bezug auf die Natur des Wertes wird 
dem Dargelegten unschwer zu entnehmen sein. Ist es der nämliche 
Werttatbestand, der etwa in der Seinsfreude wie im Nichtseinsleid 
gewisser Stärke zu Tage tritt, dann kann dieser Wert nicht etwa durch 
eines dieser Wertgefühle kurzweg für präsentiert gelten: zwei so ver- 
schiedenen Quasi-Inhalten kann nicht wohl derselbe Gegenstand gegen- 



1 Vgl. oben S. 87. 






9 

§ 7. Der nnpersönliche Wert. ^o^ 

« 

überstehen Um so näher liegt die Vermutung, man möchte es im Werte 
mit emem Gegenstand zu tun haben, dem im Vergleich mit dem ein 
fachen Werthaltungsdignitativ^der Rang eines Gegenstandes höhereTo S- 
nung zukommt. An sich ist,^wie ich an anderem Orte' gezeigt habe 
schon jedes D,gnitativ ein Gegenstand höherer Ordnung so^ufwie ein 
Objektiv oder Des.derativ. Unsere beiden zusammengehörten Wert 
haltungsd.gnitat.ve erinnern aber in ihrer Übereinstimmung trotz völliger 
Verschiedenheit doch unverkennbar an die Gleichheit der Melodien die 
aus Tonen von beziehungsweise durchaus verschiedener Höhe zusammen- 
gesetzt sind. Auf eine eigentliche Definition des unpersönlichen Wertes 
Z'nnl'fi °^^ durch eine solche Aufstellung wohl endgültig verzichtet: 
d.e Undefinierbarkeit des unpersönlichen Wertes würde nicht der von 
Farbe oder Ton, wohl aber der von Melodie oder Gestalt an die Seite 
zu setzen sein. 

Den so gewonnenen Bestimmungen gegenüber ist es nun von 
besonderem Interesse, auch noch einmal auf den persönlichen Wert 
zurückzugreifen und die Frage zu stellen, ob er sich mit dem unper- 
sonlichen Werte zu e.nem einheitlichen Gedanken vereinigen läßt. Dazu 

hwn^f 1^'V^i^ ^w°^^ '^"'''"''*' ^^°" ■»''° «^'« Rolle li Anschlag 
bringt, die bei der Wesensbestimmung des unpersönlichen Wertes d^ 

emotionalen Präsentation zufällt, auf die Bezug zu nehmen beim per- 
sönlichen Werte keine Gelegenheit zu sein schien, während nun um- 
gekehrt das, was uns beim persönlichen Werte als Werterlebnis beeeenet 
ist, beim unpersönlichen Werte außer Betracht bleiben konnte. Hat es 
nun vor allem mit so weitgehender Verschiedenheit seine Richtigkeit? 
Zunächst kann man keineswegs sagen, daß emotionale Präsentation 
dort, wo persönlicher Wert vorliegt, keine Stelle hat. Hat jemand sein 
Herz an den Besitz von Geld und Gut oder an wesenlose Äußerlich- 
keiten gehangt, so mag leicht unpersönlicher Wert dabei in jeder Hin- 
sicht ausgeschlossen sein. Liegt aber gleichwohl das Werterlebnis zu- 
nächst das Wertgefühl vor, so präsentiert dieses doch auch dann seinen 
Gegenstand und es ist zum mindesten sehr die Frage, ob das so Präsen- 
^TJ, T 'm . ^T^ ?""'' tatsächlich erfaßt wird und dieses Erfassen 
einen Teil des Werterlebnisses auch unter den Umständen, die den 
persönlichen Wert kennzeichnen, ausmacht. Ein Recht freilich den 

w»rl?r,,,^'*'^"*'^''f •*^^^^°'*"'''* ^•"" «"geeigneten Gegenstande des 
Wertgefuhles zu pradiz.eren, wird dann fehlen. Abe*die ganze Sach- 
läge steht der beim unpersönlichen Werte doch um vieles näher, als 
wenn d.e Präsentation sozusagen eine Art Vorrecht des unpersönlichen 
Wertes ausmachte. 

Wo möglich noch weniger steht aber natürlich im Wege, die fiir 
den persönlichen Wert maßgebenden Werterlebnisse auch beim unper- 
sönlichen Werte anzutreffen. Das Präsentieren ist ja auch beim unper- 
sönlichen Werte geradezu Sache der Werterlebnisse, näher der Wert- 
getuhle, denen ihren präsentierenden Funktionen nach nur immerhin die 



^ „über emotionale Präsentation", § 11. 
M ein OD g, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie. 



«-j 



1:1 



11 






162 



IV. Der Wertgedanke. 






Wertbegehruagen viel deutlicher beim unpersönlichen Wert als eigent- 
lich wertfremd entgegentreten als bei den persönlichen Werten. So 
scheint also prinzipiell ebenso wenig ausgeschlossen, den unpersön- 
lichen Wert mit Hilfe des Wertgefühles, als den persönlichen Wert 
mit Hilfe des durch dieses Gefühl präsentierten Gegenstandes zu charak- 
terisieren. 

Dennoch könnte es zunächst den Anschein haben, als ob es ebenso 
wenig gelingen möchte, dem persönlichen Werte mit den Erfassungsmitteln 
des unpersönlichen, als dem unpersönlichen Werte mit den Erfassungs- 
mitteln des persönlichen Wertes gerecht zu werden, weil Relatives 
nicht durch absolute und Absolutes nicht durch relative Bestimmungen 
getroffen werden könne. Und von diesen beiden Teilen der Begründung 
hat es mit dem ersten ohne Zweifel seine Richtigkeit: was seinem 
Wesen nach relativ, das heißt durch eine Relation bestimmt ist, kann 
in adäquater Weise nicht auch ohne Zuhilfenahme einer Relation bestimmt , 
werden. Dagegen kann eine absolute Bestimmung sehr wohl durch eine 
relative ersetzt werden, wenn man sich einer Relation bedienen kann, 
die dem zu bestimmenden Relationsgliede ein zweites gegenüberzustellen 
gestattet, das weder durch sein Sosein noch durch sein Sein (zunächst 
seine Existenz) dem ersten sozusagen eine Beschränkung auferlegt. Wie 
das gemeint ist, läßt sich durch ein Beispiel aus gleichsam neutralem 
Gebiet leicht beleuchten. Bezeichne ich ein Ding als blau, so ist das 
zunächst eine durchaus relationsfreie, in diesem Sinne mithin absolute 
Bestimmung. Sage ich dagegen von dem Dinge, es sei so beschaffen, 
daß ihm die Eigenschaft, blau zu sein, mit Recht zugesprochen werden 
kann, so habe ich damit, wie jedermann sofort spürt, sicher nichts 
wesentlich Neues gesagt, vielmehr die erste einfachere Bestimmung 
durch ein komplizierteres Äquivalent ersetzt, das praktisch mutmaßlich 
gar keinen Vorteil mit sich bringt, aber zweifellos relativen Charakter 
hat. Es liegt ja das Moment des Prädizierens, respektive Erfassens 
darin, das sicher ein erfassendes Subjekt voraussetzt. Dennoch liegt 
die Äquivalenz vor, weil nicht auf ein so oder anders beschaffenes, 
auch nicht auf ein existierendes Subjekt Bezug genommen, vielmehr für 
die Prädikation, respektive das ihr zugrunde liegende Urteil nur die 
Rechtmäßigkeit in Anspruch genommen wird. 

In der Tat zeigt sich nun der unpersönliche Wert einer Bestimmung 
zugänglich, in der das, was an ihm dem persönlichen Werte wesens- 
verwandt ist, in helles Licht tritt. Als den persönlichen Wert eines 
Objektes konnten wir die emotionale Bedeutung dieses Objektes für ein 
Subjekt bestimmen. Natürlich kann man sich nun, statt an dieses oder 
jenes Subjekt auch an das „Subjekt überhaupt" halten und von der 
Bedeutung für dieses reden. Nur ist damit so lange noch nicht viel 
gewonnen, als die Gewähr dafür fehlt, daß das, worin die Natur aller 
Subjekte übereinstimmt, auch schon eine ausreichende Grundlage für 
Werterlebnisse darbietet. Diese Gewähr würde aber geleistet sein, wenn 
die Analogie zum eben zuvor verwendeten Empfindungsbeispiel gestattete, 
auch hier das Moment der Berechtigung einzuführen. Denn ob das 



§ 7. Der unpersönliche Wert. 



163 



Verhalten eines Subjektes, um was für ein Verhalten immer es sich 
handeln mag, berechtigt ist oder nicht, hängt in keiner Hinsicht mehr 
von der Natur des betreffenden Subjektes ab. 

Daß nun aber das Moment der Berechtigung dem Werterlebnisse 
kemeswegs verschlossen ist, das habe ich bereits in anderem Zusammen- 
hange darzutun versucht. Zwar ist Berechtigung im strengen Sinne 
sofern man dabei nur innere BerechtigungS in Betracht zieht, durchaus 
auf Evidenz gegründet und insofern auf das Urteil beschränkt; es läßt 
ßich davon aber ein erweiterter Sinn ableiten, vermöge dessen man 
schon bei Vorstellungen und nicht minder bei präsentierenden emotio- 
nalen Erlebnissen von wahr und falsch reden mag. Ist also näher 
der angeeignete Gegenstand eines Werterlebnisses, das 0' zum Eiffen- 
gegenstand hat, so ist zunächst, daß 0' dem zukomme, entweder 
wahr oder falsch. Ist es wahr und daher das Urteil, ist 0'« im 
Rechte so ist auch derjenige im Rechte, der an das^Objekt das 
Werterlebnis mit dem Eigengegen stände 0' knüpft und dieses Wert- 
erlebnis selbst darf für rechtmäßig gelten, wenn man dieses Wort in 
dem erwähnten weiteren Sinne versteht. Die sich so ergebende emo- 
tionale Bedeutung kann nun ebenfalls als rechtmäßige Bedeutung be- 
zeichnet werden : sie Ist immer noch eine relative Bestimmung am 
kommt diesem aber ganz unabhängig von allem Sosein und Sein von 
bubjekten zu, kann daher insofern auch bereits unpersönlich heißen 
ist nun andererseits das Werterlebnis mit dem Gegenstande 0' ein 
Wertgefuhl, so ist der Eigengegenstand 0', den dieses präsentiert, der 
unpersönliche Wert und wird dieser dem Gegenstand mit Recht zuge- 
sprochen, so handelt es sich dabei genau um jenes Objektiv ist 0'" 
auf dessen Wahrheit wir eben die Rechtmäßigkeit des Werterlebnisses 
zuruckoehen sahen. Nun ist die Bestimmung „unpersönlicher Wert des 
O« und „rechtmäßige Bedeutung des 0" sicher nicht dasselbe: sind 
beide Bestimmungen auch uni)ersönlich, so ist doch die erste zweifellos 
absolut, die zweite immer noch relativ, weil implicite immer noch auf 
ein Erlebnis bezogen. Aber an der Äquivalenz der beiden Bestimmungen 
ist doch in keiner Weise zu zweifeln, während doch auch die Verwandt- 
schaft der Bestimmung „rechtmäßige Bedeutung«^ und „Bedeutung für 
ein Subjekt '^ (oder natürlich auch beliebig viele oder alle Subjekte) 
deutlich zutage tritt. Um dieser Verwandtschaft willen hat es seinen 
guten Smn, im Gedanken der „rechtmäßigen Bedeutung« einen sozu- 
sagen zweiten Begriff des unpersönlichen Wertes festzuhalten, der dem 
absoluten Begriffe dieses Wertes als relativer an die Seite tritt und 
nun zugleich gestattet, dem Wertgedanken in seiner Unbestimmtheit, 
die den persönlichen wie den unpersönlichen Wert in sich faßt 
im Gedanken der „Bedeutung« (natürlich der emotional zu charak- 
terisierenden Bedeutung) einen ebenso unbestimmten, gleichwohl aus- 
reichend präzisierten Wertbegriff unterzulegen. 



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4. 



^ „Über emotionale Präsentation", § 12. 

2 Vgl. „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit", S. 416. 



11^ 



164 



IV. Der Wertgedanke. 



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Tritt sonach das Moment der Rechtmäßigkeit oder Berechtigung- 
als ein wesentliches Bestandstück in einen Wertbegriff ein, so darf 
eine hieraus dem ersten Anscheine nach erwachsende Schwierigkeit 
hier nicht ganz unerwähnt bleiben. Versucht man sich klarzumachen,, 
was mit „Berechtigung" eigentlich gesagt sein will, so findet man sich, 
und das möchte zunächst sicher kein Nachteil sein, keineswegs darauf 
angewiesen, das Gebiet emotionaler Präsentation zu verlassen. Aber ea 
könnte so aussehen, als ob die Verwandtschaft des Berechtigungs- mit 
dem Wertmomente eine so große sein müßte, daß das Wesen der Be- 
rechtigung überhaupt nur unter Berufung auf den Wert festzulegen wäre. 
Berechtigt ist nämlich^ ein Sein, sofern ihm im Falle ausreichender 
Unbestimmtheit2 ein Sollen zukäme. Anders ausgedrückt : berechtigt ist 
günstigen Falles das, was ungünstigen Falles sein „sollte«. Berechtigung 
ist also zunächst ein Desiderativ oder wenigstens von einem solchen 
abgeleitet. Fragt man aber, wie beschaffen das sein muß, was sein soll, 
so lautet die selbstverständliche Antwort : es kann nur etwas sein, das 
Wert hat. Dann ist aber das berechtigt, was Wert hat und der Versuch, 
den Wert mit Hilfe des Gedankens der Berechtigung zu bestimmen, 
scheint vom Vorwurfe vitiösen Zirkels nicht freigesprochen werden zu 

können. 

Aber von einem Zirkel kann hier schon deshalb nicht die Kede 
sein, weil das Sollen und mit ihm die Berechtigung jedenfalls dem 
Gebiete der Eigengegenstände des Begehrens zugehört, indes unsere 
obige Bestimmung des unpersönlichen Wertes nur die Wertgefühle, 
also jedenfalls nichts als Gefühle zugrunde gelegt hat. Darf also übrigens 
auch behauptet werden, daß nichts Berechtigung haben könne, das nicht 
auch Wert hätte, so ist das sicher eine wichtige Gesetzmäßigkeit, 
aber keine, die die Verwendung des Berechtigungsmomentes zum Zwecke 
einer Wertdefinition in Frage zu stellen geeignet wäre. Es kommt indes 
noch der Umstand hinzu, des man gewahr wird, wenn man die Weise 
berücksichtigt, in der das Berechtigungsmoment an den unpersönlichen 
Wert gleichsam herantritt. Zunächst stellt sich nämlich die Berechtigung als 
Bestimmung an einem Urteile dar, näher demjenigen, das, gleichviel ob 
aktuell oder potentiell, die Verbindung zwischen dem Eigen gegenständ und 
dem angeeigneten Gegenstande des in Frage kommenden Wertgefühles er- 
faßt. Beim Urteil aber fällt, wenigstens soweit es sich um Gewißheit handelt, 
die Berechtigung mit der Wahrheit, respektive Tatsächlichkeit des Ge- 
urteilten zusammen, so daß hierbei auf etwas emotional Präsentiertes 
Bedacht zu nehmen vorerst gar kein Bedürfnis vorläge. Nun handelt 
es sich aber für unsere Zwecke nicht um eine Bestimmung am Urteil, 
sondern durch diese gleichsam hindurch um eine Bestimmung am Wert- 
gefühl. Während man aber das Urteil, auf das es hier ankommt, statt 
.berechtigt" ebenso gut „wahr" und sein Objektiv „tatsächlich« nennen 

1 Dieser Gedanke ist noch unveröffentlichten Ausfühinngen Dr. Franz 
Webers entnommen, vgl. „Über emotionale Präsentation", 8.43, Anm. 1. 

2 A. a. 0., S. 163 ff. , . « o ..^ ro • ^ 1 
8 Vgl „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit«, S. 416 [RegisterJ. 



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§ 7. Der unpersönliche Wert. 



165 



konnte, sind die Bezeichnungen „wahres Gefühl« und vollends tat- 
sächliches Gefühl« schief bis zur Unanwendbarkeit, indes vom „berech- 
tigten Gefühl« zu reden keinerlei Unnatürlichkeit in sich schließt Im 
«elben Smne ist dann auch, wie wir gesehen haben, der „emotionalen 
Bedeutung« das Prädikat der „Rechtmäßigkeit« beigelegt. Die ganze 
Bestimmung geht also ihrem wesentlichen Sinne nach nicht auf den 
Wert, sondern auf Wahrheit oder Tatsächlichkeit zurück, kann daher 
der Bestimmung des Wertes ohne die geringste Gefahr eines Zirkels 
•dienstbar gemacht werden. 

Rückblickend finden wir drei verschiedene Wertbegriffe, auf die 
unsere Untersuchung uns geführt hat, den relativen Begriff des persön- 
lichen, den absoluten und dann auch noch den relativen Begriff des 
unpersönlichen Wertes. Fragen wir, welcher von diesen Begriffen An- 
spruch darauf hat, in erster Linie für den natürlichen, das heißt dem 
Tortheoretischen Denken am nächsten stehenden Begriff zu gelten, so 
wird man, soviel ich sehe^, nur dem Begriffe des unpersönlichen Wertes 
in seiner absoluten Fassung diesen Vorzug einräumen können. Aber er 
trä^t den Anforderungen der Empirie vorerst nur in geringem Maße 
Rechnung, sofern das, was unter den der Erfahrung gegebenen Tat- 
sachen die Anwendung des Wertgedankens zunächst verfangt oder 
gestattet, einen viel größeren Subjektivitätsanteil aufweist, als dem 
Oedanken des absoluten Wertes gemäß ist. So wurde schon die Praxis, 
noch mehr aber die Theorie zur Konzeption des persönlichen Wertes 
hiugedrängt, hat aber diesem Drängen mehr als billig nachgegeben, 
indem der Gedanke der Unpersönlichkeit beim Werte überhaupt auf- 
gegeben wurde. Solcher Einseitigkeit gegenüber hat die fortschreitende 
W erttheone nun nicht nur auf den Gedanken des unpersönlichen Wertes 
zurückzukommen, sondern sie muß nun auch das Verhältnis dieses 
Wertes zum persönlichen Werte ins Klare bringen. Eine natüriiche 
Handhabe hierzu bietet das Moment der Berechtigung, das, obwohl aller 
Beeinflussung durch Subjektivität entzogen, doch im Verhalten des Wert- 
subjektes zur Geltung kommt. So gelangt man zum zwar unpersönlichen, 
gleichwohl im Verhältnis zu jedem beliebigen Wertsubjekte betrachteten,' 
insofern also doch auch relativen Wert. Ohne weiteres erkennt man 
namentlich mit Hilfe dieses Begriffes, daß jeder unpersönliche Wert 
für jedes Subjekt zwar nicht persönlicher Wert sein muß, wohl aber 
berechtigterweise sein sollte, so daß im Sinne der Berechtigung der Satz 
gilt: Was unpersönlichen Wert hat, hat Wert für jedes Wertsubjekt; 
was unpersönlichen Wert hat, hat insofern auch jederzeit persönlichen 
Wert. Dagegen muß, was persönlichen Wert hat, natüriich keineswegs 
unpersönlichen, was relativen Wert hat. keineswegs absoluten Wert 
haben und genauere Feststellungen hierüber, sei es genereller, sei es 
spezieller Art, gehören zu den Hauptaufgaben werttheoretischer Forschung 
namentlich dort, wo diese speziell in den Dienst ethischer Interessen 
2\x treten hat. [**] 









^ Vgl. „über emotionale Präsentation", S. 152. 



166 



IV. Der Wertgedanke. 



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Muß dem Dargelegten zufolge dem Gedanken des unpersönlichen 
Wertes gegenüber dem des persönlichen eine gewisse Prärogative zu- 
erkannt werden, so muß man sich doch vor der Übertreibung hüten^ 
die den persönlichen Wert überhaupt aus der werttheoi etischen Betrachtung^ 
ausschließt, indem ihm unter dem Eindruck der überragenden Bedeutung^ 
des unpersönlichen Wertes gelegentlich^ jeder Wertcharakter ganz und 
gar abgesprochen wird. Das ist das absolutistische Widerspiel zum wert- 
theoretischen Relativismus und verstößt nicht minder wie dieser gegen 
die Tatsachen, denen man, so lange man natürlich denkt und redet,, 
die Eigenart von Werttatsachen nicht absprechen kann, bei denen aber 
diese Eigenart gerade daran besonders deutlich wird, daß sie sich in 
so auffälliger Weise an Subjekte gebunden zeigen. Alles, was als Freude 
oder Leid in unser Leben eingeht, ist eben unsere Freude und unser 
Leid, insofern also persönlich. Manches davon mag ja dann bei genauerer 
Betrachtung seine Abhängigkeit von der Person abzustreifen imstande 
sein. Aber vieles, ja das allermeiste bleibt übrig, bei dem solches Ab- 
streifen wenigstens heute noch nicht gelingt, und noch viel mehr, bei 
dem der integrierende Anteil der Person schon jetzt ohne weiteres 
ersichtlich ist, ohne daß solche Einsicht dem Wertcharakter oder der 
Tatsächlichkeit oder auch nur der Wichtigkeit des so Gegebenen etwas 
abzutragen vermöchte. 

Demnach wäre es übertriebene Strenge, wollte man von jedem 
Werte verlangen, er müsse sich, um überhaupt als Wert anerkannt 
werden zu dürfen, als unpersönlicher Wert ausweisen. Jede Werthaltung 
legitimiert den Wert des Wertgehaltenen für den Werthaltenden, also 
den persönlichen Wert; jede Werthaltung ist insofern selbst legitim 
und kann nicht täuschen. Dagegen ist die Stellung der Werthaltung 
eine ganz andere, soweit es sich um unpersönlichen Wert handelt: hier 
ist Irrtum sehr wohl möglich, es gibt hier aber günstigen Falles auch 
eine Art Wahrheitsanspruches, dessen der persönliche Wert nicht fähig 
ist. Das liegt einfach darin begründet, "daß die Werthaltung für den 
unpersönlichen Wert Erfassungsmittel ist, für den persönlichen dagegen 
nicht. Betätigt sich im persönlichen Werte nichts als die Eignung des 
Wertobjektes, das Wertgefühl auf sich zu ziehen, so ist klar, daß diese 
Eignung durch das Gegebensein des Gefühles unter allen Umstanden 
legitimiert ist. Es gleicht dies einigermaßen dem Aspekt^, den ein 
Wahrnehmungsobjekt dem Wahrnehmenden darbietet, worin eine un- 
zweifelhafte Tatsache gegeben ist, mag der Aspekt Richtiges verraten 
oder Falsches. Erst die Verwendung des Aspektes als Grundlage für 
das Urteil führt hier den Richtigkeitsgesichtspunkt ein und dasselbe 
trägt sich zu, wenn das Wertgefühl als Präsentant fungiert und so die 
Grundlage für ein urteilendes Erfassen eines allfälligen unpersönlichen 
Wertes abgibt. Es ist damit nur neuerlich hervorgehoben, was zuvor 
unter dem Gesichtspunkte der Berechtigung herangezogen worden ist. 

1 Vgl. z. B. W. Strich, „Das Wertproblem in der Philosophie der 
Gegenwart". 

2 Vgl. „Über die Erfahrxmgsgrundlagen unseres Wissens", S. 35. 



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§ 7. Der unpersönliche Wert. 



167 



Es zeigt sich dabei, wie der unpersönliche Wert günstigen Falles eben 
doch wesentlich höheren Anforderungen gerecht wird^als der persönliche- 
einer vorgegebenen Werthaltung gegenüber kennt der unpersönliche 
Wert den Gegensatz von wahr und falsch, der dem persönlichen 
Werte unter den nämlichen Voraussetzungen unzugänglich bleibt 

Es hegt hierin beschlossen, daß die Lehre von den Wertirrtümern 
durch die Einbeziehung des unpersönlichen Wertes eine wesentliche 
Erweiterung erfährt. Hinsichtlich des persönlichen Wertes hatte ich schon 
vor Jahreni darauf hinzuweisen, daß der Unterschied von wahr und 
irrig nur an den intellektuellen Gefühlsvoraussetzungen angreifen könne 
das Gefühl selbst aber keine Fehler zu begehen imstande sei. Das läßt 
sich cum grano salis nun freilich auch auf den unpersönlichen Wert 
übertragen, aber es gilt am Ende nicht anders als das oft und in 
gewissem Sinne natürlich auch imm^r mit Recht wiederholte Dictum, 
daß Vorstellungen weder wahr noch falsch sein können. Das hindert 
bekanntlich die Vorstellungen durchaus nicht, je nach Umständen bald 
zu wahren, bald zu falschen Urteilen Anlaß und Grundlage abzugeben 
Die präsentierenden Emotionen aber verhalten sich in dieser Hinsicht 
ganz und gar vorstellungsartig. Es kann sich also ganz wohl zutragen, 
daß Werthaltungen Dignitative präsentieren, die den Voraussetzungen 
dieser Gefühle nicht zukommen, dann werden die auf solche Gefühle 
gegründeten Wertaspekte keine wahren Werte' verraten und insofern 
die betreffenden Werthaltungen schon ohne Rekurs auf allfällige rein 
intellektuelle Momente an ihnen als irrig zu bezeichnen sein. Auch wie 
dann Werte durch apriorische Gesetzmäßigkeiten aneinander gebunden 
sein können, ist ohne weiteres verständlich; das Verhältnis, der Gegen- 
gefuhle zu einander ohne Rücksicht auf störende dispositionelle Momente 
das Gesetz der Wertübertragung, das dem der Werthaltungsübertragung 
natürlich vö llig analog ist, bietet naheliegende Illustrationen hierfür. 

1 „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", S. 76 ff. 



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^ [Zu Seite 2]. Ist hier anf Differentiation von Sinn und Bedentang ein- 
zugehen? Vgl. dazu Kreibigs posthume Akademie- Abhandlung. Was verbindet 
Wort mit Anwendungsgebiet wenn nicht die Bedeutungsvorstellung? 

2 [Zu Seite 3]. Gegen Bevorzugung des vorwissenschaftlichen Wort- 
gebrauches vgl. Frischeisen-Köhler in Kant-Studien 1918, Anzeige von 
Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit. Ausdrückliche Berufung auf Sprachgefühl 
unten S. 9 f., vgl. S. 12, 32. 44. Sind Ausführungen über Gegenstandsbeschreibung 
aus Möglichkeitsbuch heranzuziehen? [A. a. 0., § 8.] 

8 [Zu Seite b]. Wert im Sinne von Würdigkeit (die zweite Gruppe) hat 
sprachlich nicht nur das Charakteristische, daß dafür ausschließlich Adjektive 
verwendet werden, wie lobenswert, wünschenswert und so fort, sondern daß 
zugleich immer noch Bezugnahme vorliegt aaf noch etwas anderes als das, von 
dem das Adjektiv prädiziert. Ist A lobenswert, so wird ihm nicht einfach Wert 
nachgesagt, sondern Wert, gelobt zu werden. Dadurch unterscheidet sich diese 
Gruppe (bei Gruppe 3, dem Leistungswert, findet sich insofern Ähnliches, als 
Wert auch hier relativ, nämlich eben zur Leistung bestimmt ist) charakteristisch 
von Gruppe 4, — aber nicht minder von den „Dignitäten", aaf die die unper- 
sönliche Betrachtung später hinführt. Bei Einführung des Dignitätsgedankens 
wird dies legitimiert werden müssen. 

* [Zu Seite 8]. Die kurzen Ausführungen über Schönheits- und Wahrheits- 
wert sind darauf zu prüfen, ob sie mit Theorie der Präsentation und Übertragung 
ausreichend zusammenstimmen. 

5 [Zu Seite 11]. Die hier kurz berührte Beziehung zwischen Verdientheit 
und Wert müßte später genauer präzisiert und dann hier darauf ververwiesen 
werden. 

6 [Zu Seite 14. Das Beispiel gehört schon in den nächsten Absatz]. 

^ [Zu Seite 31]. Wertbestimmung nach den Kosten gegenüber Wert- 
bestimmung nach dem Nutzen, Wies er, „Ursprung", S. 155. Im täglichen 
Leben überwiegt sehr häufig die Wertbestimmung nach den Kosten (Bedeutung 
des Preises). Wies er, a. a. 0., S. 132 f., wohl auch schon früher. In Kapitel III 
wäre dann auch der Grund dieses Überwiegens zu untersuchen. Gegen Marx 
vgL Ehren fei s, „System der Werttheorie", I, S. 74, bes. Anm. (K.Fischer). 

8 [Zu Seite 37]. Bei Begehrungstheorie auch auf Schwarz (Gefallen als 
Element des Wollens) und W. Liel [»Gegen eine voluntaristische Begründung 
der Werttheorie", „Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie"., 
herausgegeben von A. Meinong, Leipzig 1904, S. 527—578] zu verweisen. 

^ Vgl. die Vorbemerkung des Herausgebers. 



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Anhang. ^^^ 

• , V^°. ^*"* *^^' ^'" ^® sogenannte qualitative Begehrbarkeit sollte T!«i 
spiel gebracht werden, oder vielleicht noch besser für qualitative l^nregSarS^ 
So wurde wohl etwas, sofern es Schmerzen oder sonstigen Schaden mf Ih ftort 
qualitativ nnbegehrbar sein. '^'^uaueu mii sicn ttlhrt, 

auch dlrt^^icht'thu ^" ^"^^'"'"^'''' ^° «*?«»' "äaß Bezugnahme auf Existenz 

eSmmt also n F".." '".'" T*" ""^ ""'^"'=''* ^•'^■^'^*« «'"« Wertstellung 
irpTtltialw. l . "' ' ^"^ Aktualwerten und Quasi- Aktual werten oben 
als rotentialwerte entgegengestellt worden sind. 

»' [Zu Seite 56]. Mathematiker würde oft Wert darauf legen, wenn eine 
Funktion minder kompUziert wäre,, ein Integral sich als auswertbfr h^IusllHe 
W„,«nf ^«^«'"J- Argument des Ofenbeispieles besser so zu präzisieren- 

Worauf meine Wertstellungnahme geht, ist mir durch direkte inLe wX 

^e d7o ef " ■ T: 'T*^ •''' """ Kausalverbiudung mit etwas iuß^em, 
I! ! "^^ '"' '"»"l'"»" wahrnehmen? Oder was für Erfahrungen könnten mich 
über die direkt unwahrnehmbare Kausalverbindung belehren' 

" tZu Seite 60], Hier darauf hinzuweisen, daB die hier zu Anfang heran- 
r« w7 Analog,e zur Wahrnehmung schon dadurch andere Richtung erMlt 
daß Wahrnehmung selbst nicht als bloße Sache der Kausierung betrachtet w rd „' 

sTf' Tu rErf r^^'T""'^"""- ^^'- "ÜberemotifnalePritr,; 
b. b t., auch „Erfahrungsgrundlagen", gegen Ende 

<1.ln ^^.''^^^^^^"'«hmung wäre hier ganz ausdrücklich von Erinnerung zu han- 
deb weü bei dieser Anteil des Urteils ohne Rücksicht auf Kausalität besonders 
deutlich, was dann sofort die Vergangenheitswerte beleuchtet. Noch deutHche 
ist kausalfreier Anteil des Urteils bei Künftigem. aeutlicher 

vsrl B !] fv" f ÜK "^TT f °^ "^f f «»"^psychologischen Deutung der Urteilsgefühle 
vgl. Baley [„Über Urteilsgefühle", Lemberg 1916]. s " 

TT..* •, ^i°7«"/'>"&en. ") gegen Begriff der ürteilsgefühle: man müßte auch 
ürteüsurteile (Konklusionen), Urteilsbegehmngen (Wollungen, die von üTer 

;rarrr79f"; *''" '"''"'*^' """ ^^'^^ Urteilsvorfteüungen statu^^n. 

b) gegen Anwendung auf Werterlebnisse • 
wo UMlIt\i!S!i^' """ ""*!'*"* ^nrückzugehen scheint, tritt oft vorher ein, 

oft höchstlnrdi Ltv ''r?^' ^*' Werterlebnisses bei genauerer Betrachtung 
oit noohstens dispositionell oder potentiell, nicht aktuell 

Versu;h^rntrr Dirtu::"' ^"'^"" '^~"^ '^'''''' '■ ''' ''■ ^^''" 
„n» .„"^'^'"k*"' '^"'"'^^«'^°»g= Entwicklungstheorie bezeugt unsere Fähigkeit 

Me JiTdr. T'"T' P'-y'»^»««-". ''•'- -C» onfogenetisch. ^e 
bieten Tiere, d.e so tun und unterlassen lernen, Kind, dessen Greif bewegung«i 

> So Russell, Mind, N. F. [Heft] 51, [XIII, 1904] S. 352 Anm. 






170 



Anhang. 






(Baley, S. 92 f.) anfangs nicht der Größe und Gestalt des Dinges entsprechen. Wie 
tief das ins erwachsene Leben hineinreicht, beweisen Einstellungen anf Noten- 
schlüssel und Sprachen, wo Rekurs auf bedingende Erlebnisse erfahrungswidrig. Diese 
Anpassungen sind Produkte assoziativer Übung und umfassen sowohl Verhaltungs- 
weisen als Erlebnisse, unter diesen vielleicht auch Urteile, jedenfalls Gefühle 

Näher sind Urteile nur eine besondere Art, sich der Wirklichkeit (positiv 
wie negativ) oder dem bloß Gedachtsein anzupassen (Baley, S. 93 fP., 118), 
Gefühle sind es ebenfalls. Schein der Verbundenheit von Urteil und Gefühl also 
nicht auf besonderes Verhältnis zwischen beiden, sondern nur auf assoziative 
Verbindung mit Wirklichkeit zu deuten. 

Zur Kritik : 

I. Hauptgedanke ist Ausschaltung des Urteils als entscheidenden Faktors. 
Das bedeutet diese Ausschaltung nicht nur für Gefühl, sondern auch für Begehren, 
respektive Handeln. Auch dieses wäre einfach Anpassungsprodukt. An sich ist 
das un diskutierbar, da Anpassung ein nicht empirisch verifizierbarer Verlegenheits- 
gedanke. Man denkt sie sich aber als Produkt der Gewöhnung. Dann besagt die 
Position : alles Handeln ist gewohnheitsmäßig. Kein Vorzug des Verstandes vor 
Routine und Gedankenlosigkeit. Behauptung, Wissen sei Macht, wäre Irrtum. 
[Vgl. Martinak, „Psychologische Untersuchungen zur Bedeutungslehre", Leipzig 
1901, S. 59-63; S. 60 die Hinweise auf Witasek.] 

Dagegen Analyse einfachen Paradigmas: Kutscher, der immer in Österreich 
gefahren ist, erhält Stelle in Deutschland. Er hat stets links ausweichen müssen; 
jetzt wird er einfach angewiesen, rechts auszuweichen und tut es. Wie hat hier 
Mitteilung Gewohnheit besiegt? Antwort etwa : er ist auch gewöhnt, Anweisungen 
zu befolgen. Aber doch nicht alle, er hat sicher weniger Anweisungen erhalten 
als Ausweichungen gesehen und gemacht. Wie kommt es, daß im Konflikt der 
Gewohnheiten, von dem man oft gar nichts merkt, stets Anweisung siegt, außer 
etwa, wenn er sich eben der Gewohnheit gedankenlos überläßt? 

Anderes Beispiel: Pendeluhr zeigt zu früh. Man habe sich gewöhnt, darauf- 
hin Pendel zu verlängern. Man tut es nicht, wenn jemand mitteilt, Uhr sei falsch 
gerichtet worden. Auch hier wieder Frage, was Gewohnheit zum Schweigen bringt. 

Am leichtesten sollte wohl Urteil durch Gewöhnung zu ersetzen sein, wo 
inductio per enumerationem vorliegt. Aber wenn ich die Instanzen nicht selbst 
erfahre, sondern nur Bericht höre, daß den x erfahrenen Instanzen y entgegen 
sind, entspricht den y [Gegeninstanzeu] schon keine Gewohnheit mehr. Woher 
dann ihre Kraft? 

Allgemein: Intelligenz ist eben das viel feinere Instrument. Auch Gewöhnung 
kommt ins Spiel, es wäre aber Degradierung, sie allein ausschlaggebend sein zu 
lassen. Dabei obige Beispiele noch sehr einfach; man kann denken, wie bei Ent- 
deckungen von Wissenschaft und Kunst Gewohnheit versagt. 

II. Direkte Betrachtung der Anwendung auf Gefühl. 

Dazu dienen am besten die Fälle zum Vergleich, in denen oben Kausal- 
ansicht versagt hat, also: 

1. Schwierigkeit, sich Gegenstand aus ganzer Kausalreihe heraussuchen zu 
müssen, besteht hier nicht. Dennoch ist auch bei Anpassung Verhältnis zwischen 
Gefühl und Urteil nicht eng genug. Baley legt freilich keinen Wert hierauf, wie 
seine Aufstellungen über psychologische Voraussetzung zeigen. 



Anhang. 



171 



2. Kausalität reicht für Existierendes, aber nicht fftr NiVi,+.^- *• 
Nach Baie, betrifft (vgl. S. 92fl.) A.r>.ssun,mm^tZ,mSlSZ- 
Aber Anpassung kann doch nicht etwas außer mir angehen auf da, Th „» Ti 

il^NSr;!SS?„rftch^^^^^^^^ 

Ihn das falsche Instrument, das in seinen Kasten getan wurde oder dL Lnft 
.m leeren Kasten oder was sonst? Wesentlich ist doch nur d«; ne'Iüve S 
bestand, der nur durch Urleil oder Annahme erfaßbar AkoLi!! a 
Nichtwirl£lichkeit ohne Urteil. erfaßbar. Also kerne Anpassung an 

gestellt'' Jllltr"'"^' an Vergangenes oder Künftiges möglich, bleibe dahin- 
tlTW T"*"""' S^^*^««* '>"=r vager Anpassungsbegriff, was Kausalsedank« 
vrbietet. Immerhin betrifft Vorfreude bei Saugflasche (Baley sS eher 
Flasche, also Gegenwärtiges, als künftige Milch ^ '^y, b. loo) eher 

Ut , .^•/"P^^^'"'^ "" Woß Gedachtes, die im AusfaU des Gefühls bestehen ma^ 
.st kein Vorzug ge«en Kausalauffassung. Eher zu fragen, wo Garan Tdaß ft 

^ZTslfZT :.^,°'^«''-^ («-P-' -" -^'^".aren Apf's 'l . vom 
« se^' :■',.'''' "" •"""'^*^^-*« ^P^«' S. 91 f.) immer ausreißend 

w„ ♦ l": ,^'''"'"° ^«'"'^»"^S steht zur Seite deutliche Empirie, die nir-^ends 
Wertge uhl zeigt ohne enge Abhängigkeit von Überzeugung. Zugleich ^^efn 
Phantasreexpenment von Bedeutung des Umschlages der Qualität des Urtetu 
vielleicht nicht streng beweiskräftig, aber Bestätigung Dabe Anteü ^S 

^s:::ij::i^^^^'^^'^- - -- Lgescrer;:;:: 

zeigt in Wahi r'f°l"''TT?^''*"'*" präjudizieren nicht höheren. 2. Empirie 
zeigt in Wahrheit (vgl. oben III) aktuelle Urteile, nur nicht immer zweiteilig 

dl uZr "• ^"'"'^ ^° Wahrnehmung. 3. Vermutung isIspezlSl^ 
Gegen ürteilsgefühle als allgemeine Charakteristik der Wertgeftthle Tel 

Z:^::r::r:i!r'-''-' "^^•-«-" «• -• - -^ Mangelt «iu^i - 

Gegen Assoziationspsychologie vgl. Ausführungen von A. F i s c h e r f Asso 
lation und Gestalteinprägung", experimentelle Untersuchungen von St Wi tfsek 

H 1» in'stud r'"'."^'*"''- '«' ^^^^'•°-'^-' Bd%9], besonlr L; 
^Pbie" WieflMmV^rr «r*''"-g^=^^«*^'' [.Naturwissenschaft und Philo. 

SelbstdLellung, dStlti^Al^:;;;'' «^"--^-t-^"" ^^lö, vgl. auch 

.„f „■ " ^^".f ''*' ^^^- ^"'"' Einführung der Wissensgefühle gegenüber Wert- 
gefuhlen nich n. anschaulicherer Weise erfolgen, etwa'durch leisS 

Echthi V TT Z^^ ^^ Wer Werttheorie. [Ein solches: Es handle sich um 

etw ItLS, r'-'T/^'""'^- ^' ''' "<>» ^'^^ - ^■'"^ *- Echtheu 
Srlund strit r r bedeutendes Erbe ergibt, wird an das Urteil, die 
Urkunde sei echt Frende, an das entgegengesetzte Leid knüpfen: die Qn^ität 



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172 



Anhang. 



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seines Gefühles ist bestimmt darch die Qualität des (Voranssetzungs-) Urteils. 
B, der etwa als Forscher nur theoretisches Interesse fflr die Sache aufbringt, 
wird darch jede Entscheidung der Frage befriedigt werden. Ihm schließt sich 
€in Lustgefühl an das Urteil, das die Entscheidung bringt, unabhängig — im 
wesentlichen — von der Qualität dieses Urteils. Das Urteil „die Urkunde ist 
«cht" tritt bei A als psychologische Voraussetzung eines Wertgefühles, bei 
B als Voraussetzung eines Wissensgefühles auf.] 

^'^ [Zu Seite 62]. Hier von Urteilen, respektive Denkakten die Rede, die 
<jeftihlen zugrunde liegen. Hier wäre Ort, Begriff der psychologischen Gegen- 
standsvoraussetzung einzuführen, der erst S. 77 unten eingeführt. 

18 [Zu Seite 62]. „Der Aftekt hat zu seinem Objekt den Sachverhalt, das 
Wissensgefühl die Funktion des Urteilens", Boltunow, „Über den Straktur- 
-zusammenhang zwischen dem ästhetischen Wertgefühl und seinen intellektuellen 
Voraussetzungen", Berliner Diss., S. 29. 

19 [Zu Seite 63]. Zum Wort ,. Vorstellungsgef ühle" ist Anmerkung wünschens- 
wert, die auf Boltunows Terminus „ästhetische Wertgefühle" hinweist, die 
dieser nur auf Gefühle bezieht, die Gefühle zur Voraussetzung haben. Gibt es 
für ihn also auch ästhetische Gefühle, die keine Wertgefühle sind oder ist von 
ästhetischen Gefühlen in zu engem Sinn die Rede? 

20 [Zu Seite 65]. Bei Gegenständlichkeit der Wissensgefühle wohl auf 
Tumlirz' „Frage" hinzuweisen — , vielleicht auch auf Arbeit über Interesse. 
[„Das Wesen der Frage", Prag, A. Haase, 1919; „Die Disposition des theore- 
tischen Interesses usw." in „Beiträge zur Pädagogik und Dispositionstheorie*, 
herausgegeben von A. Meinong, Prag, A. Haase, 1919.] 

21 [Zu Seite 67]. Hier neuerlich auf hypothetisches (und etwa auch dis- 
janktives) Urteil hinzuweisen, von dem oben S. 56 die Rede ist. Literatur über 
intellektuelle Gefühle vgl. bei E. Martinak [„Zur Begriffsbestimmung der 
»intellektuellen Gefühle« und des »Interesses«], Süddeutsche Blätter für höhere 
ünterrichtsanstalten, IV. Jahrg., Stuttgart 1896, Heft 7 und 8. Dort auch Literatur 
über Interesse nachzusehen. 

22 [Zu Seite 74]. Beispiele apathogener Werthaltung oben S. 23. 

2J [Zu Seite 82]. Wert logisches Prius gegenüber Begehrung, „Emotionale 
Präsentation", S. 96. 

24 [Zu Seite 92]. Öl zeit, „Über sittliche Dispositionen" [Graz 1892] und 
Hilty, „Das Glück", nachzusehen. 

25 [Zu Seite 99. Die nähere Beziehung zu einer bestimmten Stelle des 
Paragraphen ist nicht ersichtlich]. Ethik geht nicht auf Vermehrang mensch- 
lichen Glückes, sondern darauf, die Gesellschaft existenzfähig zu machen. So 
W. Schallmayer, „Vererbung und Auslese, Grundriß der Gesellschaftsbiologie 
tmd der Lehre vom Rassedienst", 3. Aufl., Jena 1918, wahrscheinlich letzter 
Abschnitt des ersten Teiles, vgl. Anzeige in „Die Naturwissenschaften", Jahr- 
gang Vn, 1919, Heft 35, S. 643. Gegen Eudämonismus vgl. Piaton, „Gesetze", 
«03 B, Schloß. 

26 [Zu Seite 99]. Wie eine Werthaltungs-, so gibt es auch Begehrungs- 
übertragung. Ist Vermutung aus „Emotionale Präsentation" begründet, derzu- 
folge Werthaltungsübertragung auf Verhältnis von Mittel und Zweck und daher 
auf Begehrung zurückgeht? 



Anhang. ^^^ 

AI, »n,I*' *"'." v^"'''"' """" "'" ""*" "«'» Werthalten von Motiv reden 
Als solches jede Voranssetznng zu betrachton Hi. v».-„« r. T . 

setznng i.t. Also Motiv so vielmals Nebenvorl'setlgr ««^-*-^~ 

weKnrs auf Last als Begehrnngsobjekt zu vermeiden. Begehre ich etwa, w»ii 

Ob-Tt .* \T*' '"* ""^ "" ''^'"■" "'<='■' ^-* begehren X Ze'naa 
Objek wertgeha ten wird nnd Werthaltnng Motiv ausmacht vIlLtrEth 
Grundfragen", Ejnleitung über Egoismus). Ähnlich bei WertlaUang "^»"e^h 
etwas wert, weil es mir angenehm ist oder mir «fällt ,o v»!!™ T 
Sttb Tr r *"<=\^'- Annehmlichkeit, ZZ^'^^Z^Z ZZl^'Z 

WeSt"" ?",''"' "^ Werthaltnngsmotiv auLfassen Ist 
.Ph, W«rthaItungsmotive könnte man unterscheiden in emotionale wie bei eben 
ür eU d r. ""f *"' ^»"«•'""-bkeit, oder intellektuell-emotionl ^e das 
,^t!nt. n ? f '' ^*°'^ ''"^^"*'"" ^^■' Wert habe und dergleichen Tndlich 
mtell ktuelle. d.e das Werthaltungsobjekt irgendwie charakterisieren, wobeftnr 
noch zu fragen, ob solche Charakteristik nicht jederzeit in die Haupt- ^dlr Glen- 
standsvoraussetznng eingehen muß. ^ 

f»1, •^°**'- fT„ «^^'"'•t^Pnnkt ist Werthaltungsübertragnng ein Motivations- 

Lte'uektu So 1 "ir :'!**"«'^*-"-' -«-^«m entweder' motionSoX 
inteUektuell-emotionalen Motiven. Ebenso Vermittlung ohne Übertra^nrr h« ZI 

St r ktr ""' ^"^""^ '- ^— - --- w=, r:; 

sind ISTwZT" T'T'' ^"'""■"^ "''" '""=" »>-« '^"«) Motive 
sina als letzte Werthaltungstatsachen wohl besonders wichtig. So Werthaltnng 

euies Andenkens (an intellektuellen Motiven fehlt es da nichtf oder d F u„d 

werdenTs f *' T "''™^" ^'^^ "'" «<^''«"- B'">- ««'c^e Werthaftunln 
werden häufig zwar nicht auf Motive, wohl aber auf Provenienz zurück ührbT 

es werden abgeleitete Werthaltungen sein. Sind sie es aber mme/ "tÄ 
™r 'h"'" Werthaltungen emotional motiviert? Das ist n"h "zu gbubTn 
Vielleicht nehmen die ursprünglichen und zugleich emotional unmotWeS 
pnnzipiell wichtige Stellung ein, stehen etwa den unpersönlichen Werten besn 
ders nahe, so namentlich auf ethischem Gebiete 

scheidet \s 'i^cÄtrdf;;r'?ir rVfT ^^t bfd^'sr- 

^"'"'A^TS^ki^r -' Motiv\nd ittandUic . : o.yrr 

Alle Wertableitung prinzipiell bestritten von Lipps a a S q «9/ 

«Si^uITS:? ri '-' «'-*^^-'^™"^ Ab^^ng belt iatgt 
uoer ßerecütigung keine Gedanken vorlieo^en Ein«^iVhf in TT„Kr, u*- 

ansd^cklich gegeben. verMndertAbleitunÄ;Ci 3^^^^^^^ 

von Werten paradigmatisch für Mangel an Berechtigung """^e Ableitung 

Werttheoretisch und praktisch besonders wichtiges Beisniel von Wert 



174 



Anhang. 






ii 






ri 



Wenn man einem Dinge Wert zuschreibt, so geschieht es nicht wegen 
aller von seinen unendlich vielen Eigenschaften, sondern wegen einer oder weniger, 
also ein Stück Eisen, weil es eben Eisen, ein Stück Gold, weil es Gold ist. Meine 
Werthaltung wendet sich aber von selbst diesem Stück zu, weil Wert auf Existenz 
zurückgeht, Existenz aber nur dem vollständigen Gegenstande zukommt. Insofern 
kann ich gar nicht „das Eisen", ,das Gold" werthalten. Dennoch hat es einen 
Sinn zu sagen: es gibt Eisen, es gibt Gold, ohne damit dieses bestimmte Stück 
zu meinen. Vielleicht könnte man von einer Unbestimmtheit für mich, also sub- 
jektiver Unbestimmtheit im Gegensatz zu objektiver Unbestimmtheit reden und 
sagen: vom subjektiv unbestimmten Objekt überträgt sich die Werthaltung auf 
das auch für mich bestimmte, auf eben dieses Stück und es kommt nun darauf 
an, ob dieses bestimmte Stück dabei seinen individuellen Bestimmungen nach 
wesentlich ist oder nur der generellen Bestimmung nach. Ist letzteres der Fall, 
dann hat das Bedeutung für die den Wert mit ausmachende negative Seite. 
Freut mich Sein des A, so Frage, ob mir Nichtsein leid ist. Offenbar nur dann, 
wenn beim Nichtsein des A nicht ein Ersatz A' zur Hand ist. Wenn ja, so hat 
dieses A als solches keinen Wert. Freilich, warum tritt dann der Wert, den 
es als A, also generell hat, ganz zurück? Diese Schwierigkeit müßte noch 
beseitigt werden. Davon abgesehen ist zu sagen: Übertragung des Wertes von 
der Eigenschaft auf individuellen Träger ist unstatthaft, wenn mit Negation 
der Existenz des Trägers nicht Negation der Existenz der Eigenschaft zusammen- 
geht. Die Wertlosigkeit des Individuums aber vorausgesetzt, kann man nun um- 
gekehrt von da auch auf Wertlosigkeit der Eigenschaft zurückschließen oder 
Anschein einer solchen verspüren. Die Eigenschaft Eisen [zu sein] könnte dann 
keinen Wert oder weniger Wert als die Eigenschaft Gold [zu sein] zu haben 
scheinen. Darin liegt dann die Wertparadoxie. 

Autosympathie — Groethuysen (Zeitschr. f. Psych., Bd. 34, S. 2591). 
Subjektivität bei Funktionswerten vgl. „Emotionale Präsentation", S. 146 f. Lust 
an Schmerz (Askese), Ehrenfels, „Werttheorie I", S. 49. Stellungnahme vgl. 
Müller-Freienfels, a. a. 0., S. 330. 

2^ [Zu Seite 105]. In Anmerkung darauf hinzuweise-i, daß hier viele wich- 
tige psychologische Details ununtersucht bleiben müssen, die nicht speziell wert- 
theoretisch sind, namentlich was sich bei Mittel und Zweck unter Titel der 
„Unterordnung" bringen läßt; vgl. E. Westphal in Arch. f. d. ges. Psych., XXI, 
zunächst S. 222. 

^ [Zu Seite 112]. Hasenbeispiel klarer darzustellen. 

29 [Zu Seite 113]. Schließt Werthaltung im „Hinblick" Implikation in sich 
oder nur Wertanalogie dazu? Vgl. oben S. 102. Zwei Argumente für Zurück- 
führung der Wertübertragung auf Begehrung vgl. „Emotionale Präsentation", 
S. 117 f., übrigens auch S. 128 f., 135. 

30 [Zu Seite 114]. Werthaltungsvermittlung dnrch Urteil über Wert be- 
streitet Lipps, „Eth! Grundfragen", 2. Aufl., S. 28, nachdem er S. 26 auch 
Wertableitung bestritten hat. Vgl. auch S. 115. 

81 [Zu Seite 114. Hier folgt im Manuskript eine Stelle, die gestrichen ist. Dazu 
ein Zettel mit dem Vermerk „Untibertragene aber vermittelte Werthaltungen müssen 
auch Eigenwerthaltungen heißen. Text richtig zu stellen." Im Sinne dieses Ver- 
merkes ist das in eckiger Klammer Nachfolgende von mir eingefügt worden. E. M.] 



Anhang. 



175 



[Zu Seite 115], Präsumtion des Wertes auf Grund eigener oder fremder 
Werthaltung, ähnlich der Präsumtion der Wahrheit auf Grund voriiegender 
Überzeugung, vgl. „Emotionale Präsentation", S. 137 f. 

Gehört wohl streng genommen nicht hierher, wird aber mindestens zu 
berühren und später (bei Berechtigung) aufzunehmen sein. 

33 [Zu Seite 115]. Vielleicht hier Terminus „Sekundärwerthaltung" ein- 
zuführen, der unten S. 118 angewendet. 

34 [Zu Seite 123]. Wertgefühle scheinen der Erwerbung, dem Entstehen 
und Vergehen leichter zugänglich als insbesondere ästhetische Gefühle, vgl Lipps 
„Ethische Grundfragen", 2. Aufl., S. 26 f., Musikbeispiel, S. 29, Gemälde 

«5 [Zu Seite 126]. Hier ist Gedanke der AktuaUsation nur sehr unan- 
schauhch em-eführt. Bei mündlicher Darlegung macht sich Bedürfnis geltend 
auf Impuls oder Berechtigung für Einführung der Existenz deutlicher hinzuweisen' 
Vielleicht reicht Berufung auf Bedeutung des Subjektes aus; sie ist dann aber 
nicht nur halb implicite, sondern ganz ausdrücklich zu vollziehen. Vgl. unten 
S. 127, Absatz, wo „thetische Prädikation jenseits der Relativitätsgrenzen" unklar. 

Ob man von Aktualisierung oder Potentialisierung redet, ist an sich arbiträr 
Über Potentialisation vgl. „Emotionale Präsentation", S. 144. Von ihr auszugehen, 
hat dann besonderen Wert, wenn man auf unpersönliche Werte hinführen will,' 
indes AktuaUsation eher von unpersönlichen auf persönliche führt 

36 [Zu Seite 128]. Vgl. oben [35]. 

37 [Zu Seite 132]. Anmerkung zur Stelle von der einsamen Insel • Über 
das Robinson-Problem vgl. Kerl er, , Jenseits von Optimismus und Pessimis- 
mus", S. 84. 

38 [Zu Seite 145, § 7]. Persönlicher Wert steht dem unpersönlichen nicht 
etwa gegenüber wie Phänomen und Noumenon, wie Schein und Wirklichkeit 
Auch persönlicher Wert ist nicht etwa bloße Täuschung; auch an ihm kommt 
vielmehr eine ganz loyale TatsächHchkeit zu Geltung, an der der Unistand 
nichts ändert, daß dasselbe Ding für verschiedene Sabjekte und auch für das- 
selbe Subjekt zu verschiedener Zeit verschiedenen persönlichen Wert haben kann. 

Nur sofern es sich um eine dem Objekt absolut zukommende Eigenschaft 
nnd andererseits um den auf eine solche gerichteten Wertgedanken (etwa auch 
dessen Verwendung in Ethik) handelt, hat der unpersönliche Wert Vorzugs- 
stellung. Für ausdrückliche Anerkennung auch des unpersönlichen Wertes ist 
schon Logos-Artikel eingetreten. [„Für die Psychologie und gegen den Psycho- 
logismus in der allgemeinen Werttheorie."] 

Argument für objektives Rechthaben bei Werthaltungen : Abgeleitete Werte, 
die die zugeordneten ursprünglichen überdauern, gelten für unvernünftig. 

Objektiver Wert bei Lipps, „Ethische Grundfragen", 2. Aufl., S. 137f 
bedeutet nicht unpersönlichen Wert. *' * 

Darlegung über unpersönlichen Wert sollte Hauptfälle, wo solcher heute schon 
zu vermuten, genauer angeben als in „Emotionaler Präsentation" bereits geschieht 

Für unpersönlichen Wert spricht vielleicht auch exklusive Stellung die 
man dem Gewissen einräumt. Skeptisches darüber vgl. Schopenhauer „Grundl 
der Moral", S. 192 f. " 

Wohl vorbehalüos unpersönlichen Charakter hat Wert von Gerechtigkeit 
und Menschenliebe, vgl. übrigens Schopenhauer, „Grundl. der Moral«, S. 213 ff. 



^9 



rt 



176 



Anhang. 



Fonnales Kriterium des Ethischen, Widerspnichslosigkeit, fordert Külpe, 
^Einleitung in d. Philos.", 8. Anfl., S. 367. Welchen Sinn hätte Widersprnchs- 
losigkeit des Wertens, wenn nicht nnpersönlichen ? 

39 [Zu Seite 145]. Die in Anm. 1 gegebene Verweisung auf „Emotionale 
Präsentation" dürfte -unrichtig sein, weil dort Angelegenheit des Wertes im' 
engeren und weiteren Sinne nicht vorkommt, ebenso wenig Ableitung des Wertes 
von logischer oder ästhetischer Dignität. Diese Ableitung ist vielmehr oben bei Wert- 
haltungsübertragung darzulegen. Wert im weiteren gegenüber dem im engeren 
Sinne berührt „Für die Psychologie usw.« (Logos), S. 13. 

*o [Zu Seite 151. Es ist vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, 
daß hier als Träger einer Disposition und demnach auch der zugehörigen Dis- 
position sgrun dl age das Objekt auftritt, — das durch sie befähigt erscheint, 
etwa Wertgefühle irgend eines Subjektes auf sich zu ziehen — , indessen an der 
herangezogenen Stelle der Abhandlung über die Dispositionen nur Subjekte als 
Träger betrachtet werden. Begreiflicherweise, da es sich ja vorzüglich um so- 
genannte psychische Dispositionen handelt.] 

41 [Zu Seite 155]. „Objektiver Wert" auch von Hae ring in besonderem 
Sinne gebraucht (Archiv, XXXVII, S. 63). 

42 [Zu Seite 156]. Wert im engeren und weiteren Sinne erwähnt Logos- 
Artikel, S. 13, Mitte. Hier Anmerkung anzubringen, — etwa auch Bezugnahme 
auf oben S. 145. [,Für die Psychologie und gegen den Psy^chologismus usw.".] 

43 [Zxi Seite 157]. Anmerkung über Begriff des Phänomens einzuschieben, 
vgl. .Erfahrungsgrundlagen", S. 93 f., anderer BegrifE des Phänomens bei Höfler, 
Akademie-Studie [„Naturwissenschaft und Philosophie", Wien 1920]. 

44 [Zu Seite 165]. Position vom unpersönlichen Wert löst Schwierigkeit 
des Auseinandergehens von Glück und Wertverwirklichung. Denn Lösung liegt 
nur teilweise darin, daß man geringeres Übel dem größeren vorzieht, wo man 
das geringere (etwa Schmerz der Operation) doch noch als Übel verspürt, also 
nicht als Glück. Wichtiger ist aber, daß man oft hohe Werte realisiert, ohne 
darum glücklich zu sein. Das ist wohl so zu verstehen: Glück bedeutet eriebten 
persönlichen Wert. Unpersönlichen Wert kann man als gegeben einsehen, ohne 
ihn zu fühlen, weil man ihn nicht zum persönlichen Werte zu machen vermag. 
Vernachlässigung eines solchen Wertes würde sich immerhin als Übel geltend 
machen, das man durch Realisierung des Wertes abwendet, ohne darum zum 
direkten Glücksgefühl zu kommen. Wer nur persönlichen Wert anerkennt, wird 
dadurch folgerichtig zum Hedonismus gedrängt. 



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